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20.03.1998 - 

Business-Anwendungen im Internet / Digitale Pfennigbeträge bei "Zug-um-Zug-Geschäften"

Kleingeld: Micropayment-Systeme buhlen um Akzeptanz

Das Online-Geschäft wittern Händler vor allem bei Waren, die digitalisiert vertrieben werden können. Zeitungsartikel, Vertragstexte, Lotto, Bilder, Spiele, Musik und Dienstleistungen versenden sie dabei nicht an eine Post-Adresse, sondern es findet ein Zug-um-Zug-Geschäft statt. Zahlung und Lieferung erfolgen unmittelbar aufeinander, wie bei der Barzahlung im Kaufhaus. Herbert Wenk, Pressesprecher bei Digital, schätzt das jährliche Kleingeld-Potential in Bits und Bytes heute weltweit auf 17 bis 20 Milliarden Dollar. "Optimistische Prognosen" gibt es laut Florian Kittel von der Bull AG Österreich "von allen Seiten".

Kreditkarten-Organisationen entwickelten als erste Techniken für das Online-Bezahlen. Doch bei Beträgen unter 50 Mark sind die Kosten für den Händler zu hoch, und der Kunde will anonym bleiben, wie im realen Leben.

Seit Oktober 1997 erprobt die Deutsche Bank mit der niederländischen Digicash das System E-cash (info.deutsche-bank.de/deuba/ui/navigate.nsf/). Elf Händler bieten Waren an: von der Sahnetorte bis zur Software. Die Strategie von Digicash zielt auf den internationalen Markt: Bisher macht jeweils eine Bank aus sechs Ländern mit.

Bei E-cash hebt der Kunde mittels einer Software der Deutschen Bank von seinem Deutsche-Bank-Konto digitale Münzen auf seinen PC ab und bestellt auf der Site des Händlers das gewünschte Produkt. Der Server des Händlers generiert eine Zahlungsaufforderung und schickt sie auf den Rechner des Kunden. Bestätigt der Käufer, wird das digitale Geld über den Server des Händlers an den der Bank geleitet. Die prüft die Echtheit des Auftrags, schreibt den Betrag dem Händlerkonto gut und sendet ihm eine Bestätigung. Nun schickt der Anbieter die Ware an den Kunden. Das Ganze geschieht sekundenschnell und anonym. Weder Händler noch Bank wissen, wer was gekauft hat, sofern kein physischer Warentransport notwendig wird. Zur CeBIT ?98 soll das E-Cash-System auf Kreditkarte und Lastschrift ausgeweitet werden.

Diese Zahlungsmittel bietet die Dresdner Bank bereits seit Januar (www2.dresdner-bank.de/cybercash/home.htm). In einem Joint-venture mit dem US-Systemlieferanten Cybercash und der Sachsen LB arbeitet Cybercash nicht nur mit der Dresdner Bank. Bis zum Start hatten sich beispielsweise die Vereinsbank/Hypo, die Commerzbank, die West LB und die Stadtsparkasse Köln angeschlossen. Zu Beginn konnte der Kunde Hardware, Kondome und Zeitungsartikel einkaufen.

Ähnlich wie bei E-Cash sammelt und verwaltet der Kunde seine Zahlungsmittel in einer als "Wallet" bezeichneten Software, die Zahlungen zuläßt per Kreditkarte, per elektronischer Lastschrift (electronic direct debit = edd) oder mit Cybercoins, die er sich nach Bedarf von seiner Bank herunterlädt. Wie bei E-Cash bleibt der Kunde anonym, sofern er weder Namen noch Adresse preisgibt.

Saubere Schnittstelle für alle Zahlungsformen

Vom Händler-Server gehen die Daten zum Gateway-Server. Er bildet die Verbindung zwischen Händlern, Banken, Kreditkarteninstituten und Kunden. Auf diesem Rechner liegt die gesamte Systemlogik. Hier werden alle Datenpakete geprüft, entschlüsselt, weitergeleitet, die je nach System Banken, Kreditinstitute oder IT-Unternehmen bereitstellen.

Um geringere Beträge als einen Pfennig verrechnen zu können, ließ die kalifornische Digital ihr System Millicent patentieren (www.millicent.digital.com). Die Millicent-Börse arbeitet als Plug-in für den Netscape- oder Microsoft-Browser unter Windows 95 beziehungsweise NT. Seit Januar im Netz, bieten in Deutschland die Art Cologne, die Technische Universität München und die IDL Software aus Darmstadt die Möglichkeit, das System auszuprobieren.

"Uns geht es nicht darum, mit den von uns angebotenen Büchern Geld zu verdienen", meint Ricarda Weber, Hauptverantwortliche bei der TU München für das bis Mitte 1999 laufende Projekt Chablis, bei dem unter anderem Millicent auf seine Tauglichkeit geprüft wird. Ziel ist es, "verschiedene Zahlungssysteme so miteinander zu integrieren, daß eine saubere Schnittstelle für alle Zahlungsformen entsteht".

Klaus Schultheis brachte seine Zeitschrift "Military Miniatures Magazin" in fünf Sprachen in das Projekt von Digital ein und stellt fest: "Die englisch sprechenden Leser nahmen ab, die Beteiligung der Franzosen stieg von zwei auf acht Prozent, die der Deutschen von fünf auf 22 Prozent. "

Auch Minipay von IBM baut auf den Browser, ohne daß der Nutzer zusätzliche Soft- oder Hardware benötigt. Gespannt darf man auch auf die Lösung der Deutschen Telekom sein, die ein Micropayment-System für ihre T-Online-Kunden einrichten will.

Über 50 Millionen Karten der Banken und Sparkassen mit aufladbaren Chips dürften Ende des Jahres in deutschen Händen sein. IBM und Siemens-Nixdorf bieten mit Schlitzen ausgestattete Rechner, Giesecke & Devrient eine Tastatur mit integriertem Lesegerät. Bei Telecash, an der die Deutsche Telekom und IBM mit jeweils 50 Prozent beteiligt sind, ist die Karte in einen Rahmen zu schieben, der wiederum in das Disketten-Laufwerk. Bull hält von diesen Systemen nichts, da sie die Festplatte als Zwischenstation und damit als "Gefahrenquelle" nutzen, und arbeitet im EU-Projekt Shopping 2000 mit einem Kartenleser, der vor den PC geschaltet wird.

Die Technik ist vorhanden, allein es fehlt die Zulassung der Terminals durch den Zentralen Kreditausschuß der deutschen Banken. International hat dann vermutlich Visa Cash die Nase vorn, die sieben Millionen Kreditkarten mit Microchips von Siemens ausstattete. National wird sich zeigen, ob die Geldkarte der Banken und Sparkassen oder die T-Card von Telekom und Bahn die Pfennige verteilt. Letztere kann die Klientel jetzt schon an 93000 Kartentelefonen jederzeit aufladen. Denkbar ist, daß der Kunde seine Bit-Geschäfte per Chipkarte in der Telefonzelle abwickelt.

Die Revolution kommt mit dem Handy. Durch ei- ne Java-Semantic-Information-Manager-(SIM-)Karte wird das mobile Telefon zur elektronischen Geldbörse. Dafür wollen die im Java Card Forum vereinten Unternehmen wie IBM, Siemens, Gemplus, Toshiba, Hitachi, Philips und Bull sorgen.

Gegen jede virtuelle Münze dürfte die Deutsche Bundesbank sein. Nach einer Untersuchung der Universitäten Greifswald und Hannover könnte sie jährlich bis zu 350 Millionen Mark verlieren, weil mit den Chips der Bargeldumlauf und damit der Geld-Schöpfungs-Gewinn zurückgeht. Auch wenn das Kreditwesengesetz elektronisches Geld unter die Bankenaufsicht stellt, können Händler Bits über das Internet verkaufen, ohne daß die Leistung irgendwo erfaßbar ist. Was passiert, wenn der Anbieter seine Ware online in ein Drittland schickt und sie von dort aus vertreibt? Welche Steuern fallen an? Wer will das wie kontrollieren?

Ein Chip-System, das die Aufsicht ausschließt, bietet Mondex in England: Der Kunde kann von seinem Chip mit Hilfe eines Zusatzgerätes Geld auf den des Nachbarn übertragen.

Entscheidend für den Erfolg digitaler Münzen ist deren Akzeptanz. Ein Händler wird nur solche Zahlungsweisen einbinden, mit denen er viele Surfer kostengünstig erreichen kann. Ein Konsument mag nur die Börse zücken, wenn er bei möglichst vielen Händlern anonym, schnell und problemlos zahlen kann. Wer das Rennen um das Kleingeld macht - die Software, der Browser oder der Chip - steht noch nicht fest. "Doch Konkurrenz belebt das Geschäft", so Marketing Consultant Florian Kittel.

Angeklickt

Digitales Bezahlen kleinster Beträge ist offenbar ein attraktiver Marktsektor, der sowohl von den Banken (Deutsche Bank, Dresdner Bank, Vereinsbank/Hypo sowie Commerzbank) als auch von IT-Dienstleistern (Bull, IBM, Siemens, Digital) eifrig beackert wird. Systeme und Pilotversuche gibt es möglicherweise mehr als genug, obwohl die potentiellen Käufer, aber auch die Bankinstitute dem Thema E-Cash (via Internet) noch sehr reserviert gegenüberstehen. Das Kleingeldpotential, um das es jährlich geht, wird auf weltweit 17 bis 20 Milliarden Dollar geschätzt.

Gerda von Radetzky ist freie Journalistin in München.