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28.08.1992 - 

Entwicklung der Applikationen entscheidend mitgeprägt

Klinik in Reinbek macht ihrem Arcnet-Netz mit 100 Mbit Beine

Echte Pionierleistungen von Anwendern gibt es selten. Gefragt sind in der Regel fertige Lösungen. Anders in Krankenhaus St. Adolf-Stift in Reinbek, einem Vorort Hamburgs: Mangel- adäquater Software am Markt haben die verantwortlichen die Entwicklung bedarfgerechter Applikationen entscheidend mitbestimmt, teueren proprietären Lösungen eine Absage erteilt und die Vernetzung über ein PC-Netzwerk realisiert.

Nicht ohne Stolz sprechen die Reinbeker von ihrem DV-System. Zu Recht, denn was das Krankenhaus der Grund- und Regelvorsergung mit 300 Planbetten in den vergangenen Jahren diesbezüglich auf die Beine gestellt hat, läßt sich sehen, hat Modellcharakter und beweist, daß auch mit begrenzten Mitteln gute Lösungen in die Tat umgesetzt werden können.

Ethernet-Backbone zwischen den Servern

Heute betreibt die Klinik ein Arcnet-Netz unter dem Netzwerk-Betriebssystem Netware -3.11 von Novell mit 90 angeschlossenen Arbeitsstationen. Zwischen den beiden Servern, von Tandon, einem 486- und einem 386-Rechner mit jeweils 16 MB RAM sowie gemeinsam 2,4 GB gespiegelter Speicherkapazität läuft ein Ethernet-Backbone, um, so Gabi Tunn, Anwendungsbetreuerin im Stift, eine höhere Übertragungsleistung zu garantieren. Insgesamt erstreckt sich das Netz auf dem Klinikgelände über eine Entfernung von vier Kilometern und ist mit Hubs von SMC ausgerüstet, über die wiederum Teilsegmente angebunden werden.

Herzstück des DV-Systems in dem Reinbeker Hospital ist sicherlich das Softwarepaket "Forum-Klinikum", das die Krankenhaus-DVer in Zusammenarbeit mit der - Partnerschaftlichen Unternehmensberatung (PU) entwickelten und in dessen Mittelpunkt nicht die Verwaltung, sondern die Station- und der Patient stehen.

Zur Vorgeschichte: Arbeitswissenschaftliche Studien im Krankenhaus hatten ergeben, daß jede Krankenschwester in die Organisation und Verwaltung ebensoviel Zeit investiert wie in die Pflege der Patienten. "Dieses Ergebnis gab uns zu denken", erinnert sich Hein Bey, Leiter des Rechnungswesen. Ziel der Klinikleitung sei deshalb gewesen, so Bey, die Kommunikations- und Informationsabläufe zu verbessern.

Zu diesem Zeitpunkt - 1986 - spielte die DV im Stift nur eine sehr untergeordnete Rolle. Mit Ausnahme eines Erfassungsterminals für die Finanzbuchhaltung in der Verwaltung und eines Terminals für die Patientenabrechnung sowie kleinerer PC-Lösungen für die Materialwirtschaft der Apotheke, einem Programm für das Labor und der Ambulanzabrechnung existierten keine weiteren Anwendungen, von einem Netz ganz zu schweigen. Die Patienten- und Personalabrechnungen erfolgten über Klarschriftbelege in einem externen Rechenzentrum.

Die Suche der Reinbeker nach einem passenden Softwarepaket für ihr Krankenhaus, in dessen Mittelpunkt die Verringerung von Verwaltungsarbeiten auf der Station steht, verlief jedoch erfolglos. "Damals gab es zwar schon autonome Lösungen für Krankenhäuser, die aber primär auf die Verwaltung und kaum auf die Stationen ausgerichtet waren", erklärt Bey das Manko der Angebote. Außerdem seien die Produkte auf Basis der MDT meist an einen Hersteller gebunden und sehr teuer gewesen.

Neben dem schlechten Bedienungskomfort bemängelte der DV-Ausschuß damals auch das unbefriedigende Antwortzeitverhalten der proprietären Lösungen, erinnert sich Bey. Die Verantwortlichen kamen daher zu dem Ergebnis, die Akzeptanz des Rechnereinsatzes auf einer Station mit Hilfe einer speziell für die Station geschriebenen Lösung zu testen. Diese von Studenten entwickelte Applikation umfaßte Anforderungen von Laborbefunden, Arzneimitteln und Material, die Erstellung einer Belegungsübersicht der Station sowie Informationen über die Verlegung und Aufnahme von Patienten.

Nach erfolgreichem Test auf einer Station wurde das Projekt auf alle Stationen ausgedehnt und rasch der Ruf nach der Ablösung des "Adidas-Netzes" (weil die Schwestern die Disketten zu Fuß überbrachten) durch ein richtiges Netzwerk laut. Beim Aufbau der Infrastruktur fiel die Wahl auf ein PC-Netzwerk in Form der seinerzeit am häufigsten installierten und preiswertesten Netzwerktopologie Arcnet, über das im Laufe der Zeit nicht nur die 20 Stationen, sondern auch Verwaltung, Labor, Apotheke, Materialwirtschaft, Hygieneüberwachung, Sekretariate und der OP-Bereich vernetzt wurden.

Studentensoftware reicht für Klinik nicht mehr aus

"Wir haben uns nicht träumen lassen, daß das Netz einmal so groß wird", sagt die Netz-administratorin Tunn. Zwar habe man, so die Insiderin, mit einer Vergrößerung gerechnet und deshalb Arcnet gewählt, weil es damals hieß, bei zu vielen angeschlossenen Stationen sei die Gefahr der Kollision von Datenpaketen in Ethernet-Netzen zu hoch.

Ein Austausch des Arcnet kommt für Turm auch heute nicht in Betracht. Durch Produkte wie die TCNS-Karte der Thomas-Conrad Corp. (TC) die 100 Mbit/s über Kupferkabel erlaubt und derzeit im Reinbeker Krankenhaus zwischen dem Server und dem Labor getestet wird, ist das Netz nach Ansicht der Netzadministratorin ausreichend schnell. Für diesen Zweck hätten lediglich die SMC-Koppler auf der Strecke durch TC-Hubs sowie TCNS-Karten im Server und den Laborrechnern installiert werden müssen.

Die Erfahrungen der Anwendungsbetreuerin mit dem Netz sind bisher gut. Außer Stromausfällen, die durch die Notstromversorgung überbrückt wurden, läuft das Netz bislang stabil. Die Auslastung der Server liegt laut Turm bei 30 bis 40 Prozent, ein Netz-Management-System ist ihrer Ansicht nach noch nicht erforderlich, auch wenn die Zahl der Arbeitsstationen durch die anstehende Integration von Rechnern für die Ärzte in Zukunft weiter steigen wird.

Über dieses Netz fährt die Klinik heute allerdings nicht mehr die "Studentensoftware", sondern das bereits erwähnte Softwarepaket Forum Klinikum. Das Besondere daran: Die Software wurde in Zusammenarbeit von Krankenhaus-Mitarbeitern und PU entwickelt. "Der Programmierer darf mir keine Fesseln anlegen", begründet Bey diese außergewöhnliche Maßnahme. Da eine entsprechende Software nicht auf dem Markt gewesen sei, hätten die Entwickler eben die Vorgaben und das Know-how des St. Adolf-Stifts in eine Lösung umsetzen müssen. Resultat der Kooperation, die heute noch andauert, sind kundenspezifische Anwendungen für die Aufnahme, Patientenabrechnung, Finanzbuchhaltung, Kosten-Leistungs-Rechnung,

Controlling, Budgetierung, medizinische Geräteverwaltung, Anlagenbuchhaltung sowie ein System zur Information über Personalkosten.

Sparlösung besser als die proprietären Angebote

Die wichtigsten Kriterien für die Reinbeker bei der Realisierung ihres DV-Systems waren niedrige Einstiegskosten, Herstellerunabhängigkeit, modularer Aufbau der Hard- und Software sowie die Möglichkeit der Weiterverarbeitung von Daten mit anderer Software. Heute besteht das Equipment der Klinik sowohl aus Marken- als auch Noname-Produkten, wobei Bey schmunzelnd anmerkt: "Unser erster Rechner war natürlich von IBM. Der hat 25 000 Mark gekostet, konnte. dafür aber nichts."

Das Management des St. Adolf-Stifts sieht sich jedenfalls auf dem richtigen Weg. Nach Ansicht von Bey sei man durch den rechtzeitigen Einsatz der DV auf die Änderung des Finanzierungssystems im Gesundheitswesen in Richtung Abteilungspflegesätze und Fallpauschalen bestens vorbereitet. Außerdem habe das Krankenhaus eine DV-Lösung, die mit rund 350 000 Mark sowohl für Soft- als auch Hardware weit unter den proprietären Angeboten liege und dem Anspruch und Budget seines Hospitals mit einem Jahresumsatz von 35 Millionen Mark weit mehr gerecht werde.

Nutzen aus dem DV-Einsatz im Krankenhaus

- Auswertung nach frei bestimmbaren Kriterien,

- zuverlässige Ergebnisse,

- Senkung des Lagerbestandes,

- erfaßte Daten stehen ohne weitere Aufbereitung zur Verfügung,

- detaillierte Verbrauchsanalysen,

- Straffung der Arzneimittelliste,

- erfaßte Daten stehen ohne weitere Aufbereitung zur Verfügung,

- detaillierte Verbrauchsanalysen,

- Straffung der Arzneimittelliste,

- Hinweis auf Alternativpräparate und -preise,

- Diagnosestatistik,

- Verkürzung der Verweildauer,

- medizinische Qualitätssicherung,

- Kostenträgerkalkulation und

- bessere Umsetzung der Pflegeverordnung.

Datenverarbeitung für den Blinddarm

Bundesgesundheitsminister

Horst Seehofer hat von seinen Kabinettskollegen den Segen bekommen, ab dem kommenden Jahr 11,4 Milliarden Mark einzusparen, um weitere Beitragserhöhungen der Krankenkassen zu verhindern. Eine bittere Pille, sagen die einen, Balsam, die anderen. Was hat das aber mit der DV zu tun? Auf den ersten Blick wenig, auf den zweiten mehr als erwartet.

Längst steht nämlich der Einsatz von High-Tech-Geräten wie Computer- oder Kernspintomographen und die Auswertung deren Ergebnisse durch DV-Systeme auf der Tagesordnung. Die häufig als "Gerätemedizin" abgestempelte Technik, trägt zweifellos zum Fortschritt in der Medizin bei, schlägt aber auch bei den Kosten im Gesundheitswesen kräftig zu Buche.

Wie ist es jedoch um den Einsatz der DV über die medizinische Nutzung hinaus bestellt? Schlecht, weil Projekte wie das im Reinbeker St. Adolfs-Stift leider noch die Ausnahme sind. Anwendungen - zumeist proprietär - beziehen sich bisher in aller Regel nur auf die Krankenhausverwaltung, nicht aber auf die Bereiche, wo die eigentlichen Kosten anfallen, nämlich auf der Station, im Labor, in der Apotheke etc. Ein Grund dafür ist das Selbstkostenprinzip. Es besagt, daß die Krankenkassen die Kosten der Krankenhäuser tragen müssen.

Das wird sich ändern. Das Selbstkostenprinzip mit einheitlichem Pflegesatz wird durch leistungsorientierte und pauschalierte Vergütungen abgelöst. Folge: Ohne DV geht nichts mehr, weil der "Blinddarm" im Tagessatz in Zukunft anders berechnet wird als der "Bauch" und eine kostengerechte Aufschlüsselung nur durch datenbankbasierte DV-Systeme möglich ist.

Zwei Beispiele: In Reinbek hat die Nutzung einer speziell für die Krankenhausapotheke geschriebenen Software in drei Jahren zur Reduzierung des Medikamentenpools um 50 Prozent geführt. Außerdem konnte unter anderem durch die Vernetzung des Labors mit den Stationen eine raschere Übermittlung der Befunde und damit eine kürzere Verweildauer realisiert werden.

Solche Argumente zählen, wenn künftig zwischen den Kassen und Krankenhäusern verhandelt wird und private Investoren im Klinik-Management sitzen. Schön wäre, wenn am Ende ein Krankenkassenbeitrag stünde, der dem Versicherten nicht an die Nieren geht. pg