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19.11.1998 - 

SSA verursacht Chaostage beim Anwender

Knürr zahlt hohen Preis für Software-Einführung

MÜNCHEN (ua) - Schuld hat die Software, behauptet Knürr Mechanik für die Elektronik, München. Der Konzern rechnet für das Geschäftsjahr 1998 trotz steigenden Umsatzes nur noch mit der Hälfte des ursprünglich erwarteten Gewinns. Im August hat Knürr seine Produktionsplanung und -steuerung (PPS) auf das Paket "BPCS" von Systems Software Associates (SSA) umgestellt. Das neue Programm stürzte den Fertiger vorübergehend ins Chaos.

Statt 6,4 Millionen Mark erwartet die Knürr-Gruppe nur noch etwa 3,1 Millionen Mark Gewinn in den letzten drei Monaten des Geschäftsjahres. Der weltweite Umsatz des Fertigers von Schaltschränken und Rechnergehäusen beläuft sich in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres auf rund 192,2 Millionen Mark und liegt damit um 8,1 Millionen Mark über dem Vorjahr.

Die Ursachen für den Gewinneinbruch sucht Kurt Maurer, kaufmännischer Leiter bei Knürr, in der Software-Umstellung. Nach CW-Recherchen hat das Unternehmen am 1. August dieses Jahres die PPS-Software BPCS-AS/400-Release 6.0.0.2 von SSA eingeführt. Zuvor hatte der Hersteller AS/400-Software von Soft M im Einsatz. Infolge immer weitergehender Anpassungen des Standardpakets an die Bedürfnisse der AG konnten die Versionswechsel der Standardsoftware nicht mehr nachvollzogen werden. Die Software ließ sich nicht mehr warten.

Vor rund zweieinhalb Jahren entschloß sich Knürr deshalb zu einem Wechsel zur SSA-Software. Sie sollte rund 80 Prozent der Funktionalität abdecken und somit die Wartung der Anwendungen erleichtern. Außerdem erhoffte sich der Konzern wesentliche Effizienzsteigerungen von einem durchgängigen Prozeß vom Angebot bis zur Rechnungsstellung.

Rund 36000 Produkte bietet Knürr an, die Hälfte davon mit kundenspezifischen Modifikationen. So ist etwa ein Server-Schrank für Siemens bereits an seiner Sonderlackierung zu erkennen. Die Anpassungen an die Kundenwünsche mußten bislang händisch erledigt und jeder Auftrag neu kalkuliert werden. Die SSA-Software verfüge jedoch über ein "Gedächtnis", so daß sich dieser Vorgang mit der Zeit immer stärker automatisieren lasse, so Maurer. Bei Auftragsannahme werde zudem geprüft, ob die Einzelteile im Lager und in der Produktion Kapazitäten verfügbar sind. Ist das Material nicht vorhanden, geht diese Information an den Einkauf. Da pro Bauteil Wiederbeschaffungs- und pro Produkt Fertigungszeiten festgelegt sind, kann das System einen Liefertermin errechnen und vorschlagen sowie Fertigungskapazität reservieren.

Überrascht vom Ausmaß der Probleme

Soweit die Theorie. Laut Maurer hatte Knürr jedoch mit Schnittstellen-Problemen zu kämpfen. Die Auftragsdaten wurden nicht korrekt an andere Softwaremodule übergeben, so daß diese auf Phantasiedaten zugriffen. Lagerbestände stimmten nicht, und Liefertermine platzten. Darüber hinaus wiesen die Rechnungen Rundungsfehler auf. Die Einzelposten eines Auftrags, die summiert und wieder auseinanderdividiert aufgeführt sind, wiesen unterschiedliche Beträge aus. "Wir waren nicht so blauäugig, zu erwarten, daß nach der Umstellung alles reibungslos funktionieren würde, und hatten mit geringen Verzögerungen gerechnet", so Maurer. Das Ausmaß hatte ihn überrascht.

Erst jetzt, mit einem Vierteljahr Verspätung, beginne Knürr die Software zu beherrschen. Man habe jedoch aufgrund der wirren Zustände die Inbetriebnahme eines Logistikzentrums in Niederbayern verschieben müssen.

Walter Königseder, seit Januar 1998 Geschäftsführer der SSA Central Europe GmbH, Düsseldorf, räumt ein, daß in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden - aber von beiden Vertragspartnern. So habe SSA die Standardsoftware viel stärker an Knürr-Gegebenheiten anpassen müssen, als bei Vertragsabschluß vorgesehen war. Obwohl weder SSA noch Knürr bei Vertragsschluß "fahrlässig" oder "schlampig" vorgegangen seien, habe der Konzern offensichtlich eine individuelle "Turnkey-Lösung" erwartet, aber Standardsoftware gekauft.

Zudem seien etwa im Modul Preisfindung lediglich fünf bis zehn Prozent der Fehler auf Software-Bugs zurückzuführen. Die anderen seien durch Eingabefehler verursacht worden. Die Anwender hätten beispielsweise nicht bedacht, daß Dezimalstellen von den zugehörigen ganzen Zahlen hierzulande durch ein Komma (3,1), im Amerikanischen aber durch einen Punkt getrennt werden (3.1).

Die falschen Lieferzeiten aufgrund von Inkonsistenzen bei den Bestands- und Produktionsdaten kamen laut Königseder dadurch zustande, daß das Splitten eines Auftrags in verschiedene Teillieferungen nicht im Lieferprozeß definiert war. Solche Probleme seien vor der "Live-Schaltung" der Anwendung nicht erkannt worden. Knürr habe in der Testphase zwar mit Massendaten operiert, aber nicht alle Fälle durchgespielt. Insgesamt seien etwa fünf Wochen lang Inkonsistenzen in der Datenbank aufgetreten, die SSA-Mitarbeiter teilweise manuell aufgespürt und entfernt hätten. Bis zu zehn Mitarbeiter spielten deshalb Feuerwehr bei Knürr.

Im Laufe dieses Jahres mußte SSA, dessen Stammsitz in Chikago liegt, schon einige Male Kritik einstecken. Analysten loben gemeinhin die objektorientierte Standardsoftware als technisch gelungen, Anwender beklagen jedoch Restriktionen im Funktionsumfang. Knürr änderte etwa seine Pläne, auch die Finanzbuchhaltung mit SSA-Software abzudecken. Das Produkt hätte die Organisationsstruktur des weltweit tätigen Unternehmens mit eigenständischen Gesellschaften nicht abdecken können.