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19.11.1999 - 

Vorurteile gegenüber Frauen in der IT-Branche

"Können Sie denn überhaupt einen Computer tragen?"

Mehr Frauen in die IT: Diese Forderung hat sich die Bundesregierung ganz dick in ihr Aktionsprogramm geschrieben, das Deutschland den Weg in die Informationsgesellschaft ebnen soll. So wünschen sich die Politiker, daß in Zukunft 40 Prozent der Informatikstudenten Frauen sein sollen. Ein Einblick in deutsche Unternehmen verrät, wie realitätsfern dieses Ziel ist.

"Papas Radio hätte ich als Kind gern auseinandergebaut", erinnert sich Irmgard Böshenz. Aber daraus wurde nichts. Zuerst hieß es "Kind, nimm die Finger weg vom Radio", und auch später wünschten sich die Eltern für ihre Tochter eine bodenständige Ausbildung. Was lag näher als eine Banklehre? Bei der Hypobank wurde der verhinderten Radioschrauberin schnell klar, daß das kein Traumjob für sie war.

Nach der Ausbildung wechselte sie in die Organisationsabteilung der Bank und damit kontinuierlich hin zur Technik. "Dort habe ich das erste DV-Projekt übernommen und fand es ganz toll: endlich Computer." Auf interne Umstrukturierungen folgte die Ausgliederung des DV-Bereichs. Eine echte Chance im neuen Unternehmen gab es für Böshenz nicht, zurück in die Schalterhalle wollte sie nicht. Nach sieben Jahren kündigte sie ihren sicheren Bankjob und absolvierte auf eigene Kosten eine einjährige Ausbildung beim Schulungsunternehmen CDI zur Novell-Netzwerkfachfrau.

Für Kornelia Hummel war der Weg in die Technik einfacher und geradliniger. Nach dem Abitur begann sie 1986 in Erlangen mit dem Studium der Technischen Informatik. "Das war für mich in gewisser Weise wie eine Fortsetzung der Schule", sagt sie rückblickend, "man mußte sich eben durchsetzen." Mitte der 80er Jahre nahmen mehr Studenten ein Informatik-Studium auf als heute. Der Frauenanteil in Hummels Jahrgang lag jedoch unter zehn Prozent.

Nach der Diplomarbeit am Rechenzentrum der Universität arbeitete die Informatikerin vier Jahre bei Philips Communications Industrie, Nürnberg, in der technischen Dokumentation. 1996 wechselte sie zu Siemens Business Services (SBS) als Web-Master für das Intranet. "Web-Management ist ein sehr schnelles Geschäft. Das hat mich sehr interessiert." Heute ist Hummel für mehr als 20 Mitarbeiter verantwortlich und leitet die Beratung für das Web-Management bei SBS, das in erster Linie für Versicherungen und Banken Applikationen programmiert oder ein Ordnungssystem für Homepages erarbeitet. In dieser Position gibt es keine festen Arbeitszeiten, das eine oder andere Wochenende verbringt Hummel im Büro. "Meiner Meinung nach ist der Job für Frauen sehr gut geeignet", so die Informatikerin, "denn wenn Frauen zum Kunden kommen, gibt es keine Akzeptanzprobleme." Im Umgang mit dem Kunden hat das Web-Management seine eigenen Gesetze: "Die Frauen können vermutlich besser zuhören und auf die Belange des Kunden eingehen."

Auch Angelika Lange, Seniorberaterin bei HMT, einem Unternehmen der Debis AG in Grasbrunn bei München, sieht vor allem in der IT-Beratung große Chancen für Frauen, da diese in der Regel bessere soziale und kommunikative Fähigkeiten mitbrächten. Als Beraterin böten sich auf der technischen und organisatorischen Ebene interessante Möglichkeiten.

Die Diplommathematikerin stieg bei der Unternehmensberatung Arnold in München ein, wechselte aber bald zu HMT, wo sie schon seit neun Jahren arbeitet. "Ich habe mit Projekten in der Client-Server-Anwendungsentwicklung begonnen und bin durch das größere Dienstleistungsspektrum von HMT von der Organisationsberatung zum IT-Service gekommen." Ihre Aufgaben wurden immer vielschichtiger und verantwortungsvoller. "Karrierechancen bei HMT sehe ich für mich als Frau problematisch; zwar nicht unmöglich, aber kurz davor", so pessimistisch schätzte Lange ihre Chancen noch im August ein. Doch die Geschäftsleitung honorierte ihr langjähriges Engagement und ernannte sie Anfang September zur stellvertretenden Bereichsleiterin. Ungewöhnlich ist, daß die Fachfrau mit einem Teilzeitjob in eine Leitungsposition aufgestiegen ist.

Lange ist auch ein gutes Beispiel dafür, daß der Balanceakt, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen, gelingen kann. Für sie war klar, daß sie nach der Geburt ihres Sohnes und einer achtwöchigen Erholungspause sofort wieder arbeiten wollte. Anfangs mit 19 Stunden in der Woche, nach einem Jahr erhöhte sie auf 25 Stunden in der Woche. "Für diese Regelung habe ich massiv kämpfen müssen, denn meine Vorgesetzten konnten sich einfach nicht vorstellen, daß so etwas in meiner Position funktioniert. Aus eigener Erfahrung wußten sie nur, wie es ist, wenn die Frau für die Kindererziehung zu Hause bleibt." Schließlich war Lange die erste Frau bei HMT, die in einer leitenden Position eine Teilzeitstelle hatte. Erschwerend kam hinzu, daß es in ihrem Geschäftsbereich nur Vollzeitstellen gab und jeder mehrere Projekte gleichzeitig betreute. Aber es funktioniert. "Schließlich ist es kein Problem, statt fünf nur drei Projekte zu managen."

Inzwischen gibt es bei HMT weitere Teilzeitmodelle für Langes Kolleginnen. Ihr Engagement hat sich auch hier gelohnt. Zwar hat die Beraterin seit der Geburt des Kindes einen ISDN-Anschluß für die eigene Wohnung, um Mails und wichtige Anrufe entgegenzunehmen, aber ihre Erfahrung ist: "Arbeit und Kind kann man nur getrennt vereinbaren. Das Kind zu Hause zu betreuen und gleichzeitig zu arbeiten funktionierte nicht." Jetzt gibt es eine klare Trennung: Job am Vormittag, abends und manchmal auch am Wochenende, die Nachmittage dagegen sind für den Sohn reserviert.

Spaß an der Arbeit und die berufliche Weiterentwicklung stehen auch für die SBS-Mitarbeiterin Hummel ganz oben auf der Wunschliste. "Die Position ist mir dabei ziemlich egal." Ein weiterer wichtiger Aspekt der Berufsplanung ist ihr zweijähriger Sohn. Da die Informatikerin ganztags arbeiten möchte, ist ihr ein solides soziales Gefüge bei der Kinderbetreuung wichtig. Kommt ein Termin dazwischen, nimmt der Vater einen Stapel Akten mit nach Hause und holt das Kind bei der Tagesmutter ab. "Mit einem Teilzeitjob nimmt meist nicht Quantität, sondern die Qualität ab, und ich würde nicht mehr an interessante Themen herankommen", vermutet sie. Deshalb hat sich die junge Familie für eine Tagesmutter entschieden. "Wenn fremde Leute kluge Ratschläge zur Kinderbetreuung abgeben, brauche ich den Zuspruch meiner Freunde, die meine Entscheidung bestätigen", gibt Hummel zu.

Vorurteile erschweren besonders den Quereinstieg im technischen Bereich. CDI-Absolventin Böshenz hatte bei der Jobsuche ganz klar eine technische Aufgabe im Auge. "Ich bin sehr technikverliebt, schraube gern meinen PC auf oder installiere etwas." Zugetraut haben es ihr nicht alle Chefs beim Vorstellungsgespräch. "Können Sie denn überhaupt einen Computer tragen? Wissen Sie, wie man den auseinandernimmt? Oder ganz schlicht: Wieso wollen Sie als Frau eigentlich in die DV?" Aber sie ließ sich nicht abschrecken, schließlich hatte sie in dem einjährigen CDI-Kurs außer der technischen Seite noch einiges dazugelernt. "Die Schulung war gut; allerdings war ich die einzige Frau unter 25 Männer und das war sehr prägend. Ich habe einen unzensierten Einblick in die Denke von Männern bekommen: Viele meiner Vorurteile wurden bestätigt. Die Themenpalette reicht von Fußball über blutrünstige Computerspiele bis zu dummen Sprüchen. Aber es gibt glücklicherweise auch Ausnahmen."

Die Netzwerkspezialistin beschäftigt sich bei ihrem jetztigen Arbeitgeber HMT mit der Konzeption, Beratung und Projektleitung für Client-Server-Infrastrukturen. Böshenz schraubt nur noch selten Rechner zusammen, hat aber einen Job gefunden, wie sie ihn sich schon früher gewünscht hätte. Sie ist davon überzeugt, daß sich die Frauen in der Branche ihrer besonderen Rolle bewußt und viel tiefer mit der Arbeit verbunden sind als die männlichen Kollegen.

Einig sind sich die befragten Frauen in einem Punkt: Zum Berufsalltag sind Selbstbewußtsein, Durchsetzungsvermögen und Spaß an der Technik wichtige Voraussetzungen. Deshalb der Tip an alle neugierigen Mädchen: Ruhig mal Papas Radio und PC auseinanderschrauben, es schadet der Berufsplanung und dem künftigen Job auf keinen Fall.

Was sagt die Wissenschaft dazu?

Selbstzweifel der IT-Studentinnen

Ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Britta Schinzel, Professorin an der Universität Freiburg, verglich die "Studiensituation von Informatikstudentinnen und -studenten" an 15 deutschen Hochschulen. Dabei zeigte sich, daß sich Frauen in erster Linie aus pragmatischen Gründen für ein Infromatikstudium entscheiden: Die Aussicht auf einen guten Job und hohe Einkünfte sind maßgeblich. Gerade dieses Ergebnis hat die Forscherinnen überrascht. "Aus anderen Studien wissen wir, daß sich Frauen für ein Studienfach entscheiden, weil sie von der Sache begeistert sind", so Karin Kleinn, die am Projekt mitgearbeitet hat. Bei den Informatikerinnen stehen aber äußere Umstände, beispielsweise die guten Beschäftigungsaussichten im Vordergrund.

Der Informatikunterricht an den Schulen oder die eigene Computererfahrung sind für weibliche Studienanfänger nicht ausschlaggebend. Dagegen trägt es für ihre männlichen Kollegen entscheidend zur Studienwahl bei. Die befragten Frauen richten ihr Augenmerk viel stärker auf die Zeit nach dem Studium.

Allerdings verläßt einige Studentinnen während der Ausbildung dann phasenweise der Mut. Selbstzweifel bezüglich ihrer persönlichen Leistungen plagen die angehenden Informatikerinnen stärker als ihre männlichen Kommilitonen, und sie denken öfter darüber nach, das Studium abzubrechen. Sie gaben an, daß ihre Noten oft besser waren, als sie erwartet hatten.

*Ingrid Weidner ist freie Jounalistin in München.