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29.09.1995

Kolumne/AT&T - kein Mittel gegen den Kater

Dieter Eckbauer

Man weiss nicht, worueber man sich mehr wundern soll - ueber die Ungeniertheit, mit der AT&T-Chef Robert Allen fruehere Fehleinschaetzungen bei der NCR-Uebernahme als notwendige Erfahrungen abbucht, oder ueber seine Diagnose, die ihm die Begruendung fuer die ploetzliche Kehrtwendung liefert, naemlich den Computerbereich, AT&Ts Global Information Solutions (GIS), wieder sich selbst zu ueberlassen: Das Modell der vertikalen Integration von Computer und Telefon sei ueberholt. Allen raeumt damit nur ein, dass der NCR-Kauf fuer den US-Telefonriesen ein teurer Fehlschlag war - die erhoffte Synergie, das heisst es doch im Klartext, liess sich am Markt nicht durchsetzen.

Daraus auf ein Kundenverhalten zu schliessen, das den Integrationsansatz nicht honoriert, waere indes voreilig. Aus der Natur der Digitaltechnik ist Vollintegration von Daten, Text, Bild und Sprache moeglich - fuer bestimmte Tele-Anwendungen, etwa in der Medizin, im Ausbildungsbereich oder im Transportwesen, fordert sie der Markt geradezu. Weil keine technischen Barrieren mehr bestehen, koennten also Anwendungen zusammenwachsen, die zusammengehoeren und den Kunden echte Vorteile bringen, nicht nur Nice-to-have-Effekte wie bei Multimedia im Buero.

Warum es nicht funktioniert, wie sich am Beispiel AT&T wieder einmal zeigt, hat einen einzigen Grund: Den Herstellern ist es bisher nicht gelungen, die Komplexitaet der Informations- und Kommunikationstechnik zu reduzieren, wobei dies fuer die einzelnen Building Blocks, die Rechner, Knoten und Endgeraete, ebenso gilt wie fuer das vernetzte Gesamtsystem, die Infrastruktur: Es passt eben laengst nicht alles zusammen - gegenteilige Behauptungen sind leicht als Lippenbekenntnisse zu erkennen. Die Anwender vertrauen den Anbietern nicht. Hier haben wir ein Kompetenzdefizit auf der einen Seite, bei den Lieferanten, das faelschlich als Akzeptanzproblem auf der anderen, bei den Kunden, gewertet wird.

So konnte es zu dem Kuriosum kommen, dass AT&T-Chef Allen anscheinend glaubt, fuer sein Unternehmen auf einen Integrationsanspruch verzichten zu koennen. Bestaetigt wird einmal mehr, dass sich die Industriebosse zwar an ihrem schier unerschoepflichen Vorrat an Marketing-Ideen berauschen, ihnen jedoch wenig einfaellt, wenn sie mit einem Kater aufwachen. Der Telefonmulti AT&T will sich auf sein Kerngeschaeft konzentrieren. Die Boerse wittert Margenluft, die Konkurrenz zittert. Sie sieht in der neu fokussierten AT&T einen nahezu uebermaechtigen Gegner.

Welch ein Argument! Was das reine Telekommmunikationsgeschaeft betrifft, so ist im Grunde doch alles beim alten geblieben. Das Kerngeschaeft-Konzept ist nicht aufregend, eine Vorwaertsstrategie nicht zu erkennen. Das NCR-Erbe wurde verspielt; jetzt reicht es den AT&T-Bossen. Derartige Verlegenheitszuege kennt man seit Ende der sechziger Jahre, als sich RCA aus dem Computer-Business zurueckzog. Fuer einen Elektromulti wie Siemens, der sich ebenfalls im Telefon- und im Computergeschaeft versucht, wird es dadurch nicht leichter. Wem kann man noch glauben?