Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

25.08.1995

Kolumne/Windows-Wahnsinn mit Methode

Dieter Eckbauer

"Otto Lilienthal waere baff, wenn er heute mit uns fliegen wuerde" - kaum vorstellbar, dass die Deutsche Lufthansa mit einem solchen Werbespruch Erfolg haben koennte. Nur Flugaengstliche fragen sich, wie die Metallvoegel wohl oben bleiben. "Wo ist der Tank?" Diese Audi-Werbung unterstreicht das Selbstverstaendliche, die Mobilitaet, gerade weil sie nicht darauf eingeht. Betriebssysteme bringen Leben in Blechboxen, die Computer heissen. Die Anwender wollen ueber derlei Software genausowenig nachdenken muessen wie Reisende ueber das, was Fahrzeuge in Bewegung haelt. Noch hat jeder Audi-Besitzer den Tank gefunden. Unschwer wird er auch erkennen, was diese Wortspielerei mit Microsoft zu tun hat.

Um Windows 95 wurde bereits vor der Markteinfuehrung ein Riesenwirbel gemacht. Viel Laerm um Nichts? Dies waere denn doch eine zu grosse Vereinfachung. Sicher, seit den Tagen Lilienthals muesste es sich herumgesprochen haben, dass Werbung fuer "systemnahe Software" ein Schmarren ist. Der Benutzer wird ja geradezu darauf gestossen, warum die Dinger abstuerzen koennen. Da Gates kein Marketing-Stuemper ist, muss der Windows-Wahnsinn also Methode haben.

Man stelle die Frage nach dem Wesen von Windows 95: Mac-Abklatsch oder DOS-Politur? Dann wird deutlich, wohin Microsoft mit dem neuen Fensterschmuck zielt: auf den Massenmarkt der Standard-PCs. Bei einem "richtigen" Betriebssystem wuerde Gates wohl kaum die Rolling Stones fuer den Soundtrack zur Werbung bemuehen. Es gehoert schon eine gehoerige Portion Naivitaet dazu, anlaesslich der Einfuehrung von Windows 95 die "Computer-Revolution" auszurufen, wie es die Publikumspresse tut. Da ist schon Windows NT vor. Microsoft waehlt in Statements, die sich auf die Positionierung beziehen, die Sowohl-als-auch-Form - ein geschickter Versuch, von der eigenen Betriebssystem-Schwaeche im Enterprise Computing abzulenken und ueber die PC-Schiene, so das Gates-Kalkuel, die Unternehmens-DV zu infiltrieren.

Der kluge IT-Manager merkt die Absicht und ist verstimmt. In sinnlose Betriebssystem-Scharmuetzel will er nicht hineingezogen werden, die Unix-Grabenkaempfe waren Abschreckung genug. Gut, wenn Microsoft mit Windows NT Corporate-Tauglichkeit beweist, wozu Anpassung an Standards (Posix etc.) gehoert. Ansonsten sollte man die Kirche im Dorf lassen. Wer auch immer mit wem in der Branche flirtet, um seine Betriebssystem-Interessen durchzusetzen (jeder mit jedem im Unix-Markt, Microsoft mit SAP gegen den Rest der Welt), das Schauspiel sollte als das bezeichnet werden, was es ist: ein Hornberger Schiessen. Das Super-Betriebssystem fuer saemtliche Plattformen wird es nicht geben.

Wenn das Ziel, naemlich nahtlose Integration, zum Problem wird, muessen die Anwender etwas anderes probieren. Der Weg ist die Loesung: ueber Middleware und Schnittstellen-Standards zu offenen Systemen. Betriebssystem-Unikate kommen in diesem Szenario gar nicht mehr vor. Soll sich Bill Gates ruhig abstrampeln. Danke jedoch fuer die Rolling-Stones-Zugabe. Ob IBMs OS/2-Nonnen mitsummen?