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01.09.1995

Kolumne/Zeitreise in die Gegenwart Dieter Eckbauer

Haben wir etwas verpasst? Haetten wir uns vor zwanzig Jahren anstatt fuer Windows 95 fuer OS/2 Warp oder gar Unix entscheiden sollen? Waere es besser gewesen, bei Windows 3.x zu bleiben? Fragen, die heute laeppisch erscheinen - ueber systemnahe Software wird nicht mehr geredet. Wir schreiben das Jahr 2015, und wer weiss schon noch, dass sich die Leute damals ueber ein drohendes Microsoft- Monopol im Networking-Markt aufgeregt haben? Bill Gates war eine Legende; die Gates-Gemeinde reagierte auf jede Aeusserung des PC- Software-Gurus geradezu hysterisch. Das ist Cybershit von gestern, "Zeitgeistscheiss", wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" damals das Wort "Hype" eindeutschte.

Der Microsoft-Stern begann seinerzeit langsam, aber stetig zu sinken. Freilich markierte der 24. August 1995, der Tag der peinlichen Premiere von Windows 95, noch nicht die Wende - in Gates selbst lag der Schluessel zum Misserfolg, von dem Microsoft in der zweiten Haelfte der Dekade heimgesucht wurde. Doch schoen der Reihe nach. Im September 1995 aeusserten Analysten die Ansicht, Gates stuende ungeachtet des oeffentlichen Geweses um seine Person vor einem Waterloo. Dem Microsoft-Magier koenne unmoeglich verborgen geblieben sein, dass im beginnenden Online-Zeitalter der Ort der Handlung immer mehr vom PC ins Netz verlagert wuerde, dort aber haette PC-Betriebssoftware wie Windows 95 ihr Recht verloren - ein klassischer Fall von Sauriersiechtum, vergleichbar dem IBM- Mainframe-Sterben einige Jahre zuvor.

Diese falsche Geschichte ist schnell zu Ende erzaehlt. Mit Windows NT und dem Online-Dienst Microsoft Network sei der PC-Software- Primus fuer das Networking bestens geruestet, insistierten die Gates-Fans. Im uebrigen hinke der Vergleich mit IBM: Big Blue habe sich stets auf die eigenen Software-Entwickler verlassen, entsprechend seien die Inzest-Ergebnisse ausgefallen. Fuer Gates sei dagegen klar gewesen, dass zwischen Windows und echten Netz- Betriebssystemen geradezu Welten liegen. Sein Rezept: Her mit Koryphaeen wie Dave Cutler und Gordon Bell - die beiden Digital- Veteranen werden Microsoft schon beibringen, wie man netztaugliche Systeme baut. Als Entwickler des Betriebssystems VMS beziehungsweise der DEC-VAX haetten sie es hinlaenglich bewiesen.

Wir sind noch die Erklaerung schuldig, was an der Schilderung des historischen Ablaufs nicht stimmte: Ende 1996 beschloss der damals 40jaehrige Gates, sich ins Privatleben zurueckzuziehen, um sich mehr seiner Frau widmen zu koennen. Die Chronik vermerkt: Von nun an ging es mit Microsoft bergab - ohne den Turbo Gates lief nichts mehr. Um wieder die Bruecke in die Gegenwart des Jahres 2015 zu schlagen: Nach wie vor ist lesenswert, was der Internet-Oldie Nicholas Negroponte vor zwanzig Jahren geschrieben hat: "Man sollte annehmen, dass wenigstens die Topmanager der Computerindustrie mittlerweile online sind - Wunschdenken, wie die Erfahrung zeigt." Negroponte focht das nicht an. Aber vielleicht ahnte die damalige Manager-Generation, dass Computer und Modem nicht alles sind.