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19.03.1999 - 

Kommerzialisierung des Open-Source-Betriebssystems umstritten

Kommerzialisierung des Open-Source-Betriebssystems umstritten Linux-Plattform sorgt im Big Business für Furore

SAN JOSE (ade) - Begleitet von einem Massenansturm an Besuchern öffnete die erste "Linuxworld Expo" im kalifornischen San Jose ihre Pforten. Zahlreiche DV-Hersteller präsentierten neue Strategien und Produkte rund um das einstige Hacker-System. Doch inmitten der Euphorie über die neu erreichte breite Akzeptanz der "Freeware" in der Industrie entflammte ein Streit um die Gefahren der Kommerzialisierung des Open-Source-Betriebssystems.

Comdex-Stimmung auf der ersten offiziellen Linux- Großveranstaltung in San Jose: Nicht weniger als 12 000 Besucher - davon rund 400 Marktforscher und Analysten - waren in die unscheinbare Stadt im US-Westen gepilgert, um sich über den neuen Shooting-Star am Betriebssystem-Himmel zu informieren.

Nicht nur für die vier Linux-Distributoren Red Hat, Caldera, Pacific Hi Tec sowie die Nürnberger Suse GmbH war die Linuxworld Pflicht. Hatten diese noch ein Jahr zuvor auf einer Londoner Low- Budget-Veranstaltung mit ein paar Dutzend Linux-Freaks über technische Details gefachsimpelt, so warben sie nun mit rund 100 größtenteils namhaften Hard- und Software-Anbieter um die Gunst der Besucher.

Vertreten war unter anderem die IBM. Der Branchenriese nutzte die Gunst der Linux-Stunde, um die Portierung seiner RS/6000- und Netfinity-Rechnerlinie auf das Unix-ähnliche Betriebssystem anzukündigen. Außerdem wird Big Blue, so Robert Le Blanc, Vice- President of Software Strategy, nach der Datenbank "DB2" auch seine "Websphere-Host"- und die "On-Demand-Server"-Software für Linux auf den Markt bringen. Nur wenige Meter vom IBM-Stand entfernt rührte indes der PC-Marktführer Compaq die Linux- Werbetrommel mit einem Intel-basierten Proliant-Server, auf dessen Vorderseite ausnahmsweise nicht das "Made for Windows 95"-Emblem sondern vielmehr ein "Linux-Ready"-Logo prangte.

Aufbruchstimmung auch im Lager der Software-Anbieter. Während Sybase die Version 11.9.2 seines Datenbank-Zugpferdes "Adaptive Server Enterprise" mit gleichem Funktionsumfang und Support wie für die NT- und Unix-Variante zum zweiten Quartal dieses Jahres versprach, warb Informix für seine High-end-Datenbank "Dynamic Server for Linux". Ankündigungen, die nicht zuletzt den Datenbank- Konkurrenten Oracle zur Aktivität zwangen: Als Antwort auf IBM, Sybase und Informix wird Oracle nach den Worten von Mark Jarvis, Senior Vice-President of Marketing, seine Datenbank "Oracle 8i" innerhalb der nächsten 30 Tage als Linux-Version kostenlos präsentieren. "Wir werden in Linux künftig ebensoviel investieren wie in andere Betriebssysteme", setzte der Manager des Datenbankers aus Redwood Shores noch einen drauf. Nebenbei vergaß Jarvis nicht, darauf hinzuweisen, daß auch der Datenbanker in den Linux-Anbieter Red Hat investieren werde. Wieviel, wollte Jarvis indes nicht mitteilen.

Beteiligungsgedanken ließ unterdessen auch der Chipgigant Intel verlauten. Um künftig für den "erwarteten Linux-Rush" gerüstet zu sein, läßt der Pentium-Produzent Gelder in den noch jungen Linux- Spezialisten VA Research fließen. Der wiederum soll in Eigenregie dafür sorgen, das das Open-Source-Betriebssystem künftig auch auf Intels 64-Bit-Processor Merced zum Einsatz kommen kann.

Nicht weniger spektakulär klang die Linux-Strategie des kanadischen PC-Grafikspezialisten Corel. Corel-Chef Michael Cowpland, Branchenkennern seit einiger Zeit für radikale Kurswechsel bekannt, offenbarte, Interessenten bis spätestens November 1999 eine eigene Linux-Distribution inklusive Office- Paket präsentieren zu wollen. Darüber hinaus werde Corel sein "gesamtes Applikationssortiment" inklusive Wordperfect, Quattro Pro und Presentation für "das beste Betriebssystem der Welt" portieren.

Schillerndste Figur des Linux-Spektakels war - trotz der Lippenbekenntnisse hochrangiger Unternehmensvertreter - erwartungsgemäß der Entwickler des Betriebssystem-Kernels, Linus Torvalds, der während der Eröffnungsrede mit minutenlangem, frenetischem Applaus begrüßt wurde: "Wir müssen zusehen, daß sich Linux jetzt verstärkt im High-end-Segment und bei den Endanwendern durchsetzt", gab Torvalds, der wenige Tage vor Beginn der Veranstaltung die Version 2.2 des Linux-Kernels freigegeben hatte, die Marschroute vor. Nur mit zusätzlichem Engagement für eine simplere Installation und eine intuitiver bedienbare Oberfläche des Betriebssystems könne sich Linux zur ernstzunehmenden Alternative zu Windows entwickeln. Erste Schritte in diese richtige Richtung seien mit der grafischen Benutzer-Schnittstellen "KDE" und der auf der Messe erstmals vorgestellten Version 1.0 von "Gnome" bereits getan. "Danach gilt es, die Stabilität von Linux in symmetrischen Multiprozessor-Systemen und die derzeit noch relativ bescheidene Skalierbarkeit zu verbessern", unterstrich der Finne. Für größere Überraschung sorgte Torvalds allerdings mit dem Bestreben, Linux künftig auch für den Einsatz auf Handheld-Geräten und Microcontrollern weiterentwickeln zu wollen.

Linux für Handhelds und Microcontroller

Wichtigstes Ziel sei es jedoch, die verschiedenen Komponenten und Ausführungen von Linux mit einheitlichen Standards zu einem Gesamtsystem zu verschmelzen. Die Linux-Gemeinde müsse unter allen Umständen verhindern, daß dem Open-Source-Betriebssystem ein ähnliches Schicksal widerfahre wie den unterschiedlichen Unix- Derivaten. Um dies zu erreichen habe man mit der "Linux Standard Base" ein Konsortium gegründet, das sich um die künftige Standardisierung des Open-Source-Betriebssystems kümmern soll. Torvalds: "Linux war ursprünglich ein Spaß, aber kaum jemand lacht heute noch darüber."

Anders als Torvalds, der die Weiterentwicklung des Betriebssystems und von Linux-Applikationen durch kommerzielle Unternehmen mit "einem weinenden und einem lachenden Auge" verfolgt, ist das Engagement von IBM, Oracle und Co. einer Gruppe eingefleischter Linux-Programmierer ein Dorn im Auge. "Linux bleib frei oder stirb", lautete das Motto der Gruppierung um den Gründer der Free Software Foundation (FSF), Richard Stallman, die jegliche kommerzielle Unterstützung strikt ablehnt. Stallman, der mit einigen freien Programmierern für die Entwicklung der grafischen Oberfläche Gnu Network Object Model Environment (Gnome) verantwortlich zeichnet, warnte die Linux-Gemeinde eindringlich, sich "vor den Karren der Kommerzialisierung spannen zu lassen". Ähnlich klang es aus dem Mund eines Stallman-Mitstreiters: "Das ist kein ernstgemeinter Support", klagte der sichtlich erzürnte Befürworter des Open-Source-Gedankens. "Die springen doch jetzt alle nur auf, um das dicke Geld abzukassieren", so der Linux- Programmierer.