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10.04.1987

Kommunikationsmoral ersetzt die Arbeitsdisziplin

Professor Dr. Ulrich Lohmar Vorsitzender der Stiftung für Kommunikationsforschung Forum für Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, Bonn

Das Vehikel der Innovation ist zuallererst die Technik. Sie richtet sich auf die Veränderung des Bestehenden, auch der Arbeitswelt. Die meisten von uns verstehen in ihrem beruflichen Wirkungskreis immer mehr von immer weniger, und gerade deshalb sind wir so sehr auf die sachliche Qualität und Verläßlichkeit der Mitarbeiter überall neben uns angewiesen: Das Ganze kann nur gut werden, wenn alle ihren zuverlässigen Beitrag dazu leisten. Das gilt jedenfalls für jede Arbeit im Rahmen arbeitsteiliger Unternehmen, Verwaltungen oder Organisationen, deren Räderwerk auf dem Ineinandergreifen aller Teile beruht.

Die Zukunft der Arbeit im nächsten Jahrzehnt wird von fünf Tendenzen bestimmt sein, die sich miteinander verschränken:

- Flexible Kopfarbeit tritt mehr und mehr an die Stelle von einfacher Handarbeit.

- Das Modell des statischen Lebensberufes wird durch häufige Wechsel der Berufsbilder und der Arbeitsanforderungen abgelöst.

- Dezentralisierung der Arbeit und Delegation von Entscheidungen verdrängen bisherige Zentralisierung.

- Die bloße Teilnahme des einzelnen an der Arbeitswelt wird durch verantwortliche, kooperative Teilhabe von Gruppen abgelöst.

- Die Monotonie von Arbeitsvorgängen wird durch Kombinatorik und Kreativität zur Seite gedrängt.

In vielen Unternehmen und Organisationen wird es also nicht um den Einsatz von Menschen durch Technik gehen, sondern um eine neue Qualifikation der Mitarbeiter, die es ihnen erlaubt, technische und organisatorische Probleme rechtzeitig aufzudecken und den Steuerungs- und Regelungsaufwand in Grenzen zu halten. Dann jedoch ist es wirtschaftlicher, das Know-how der Mitarbeiter weiterhin einzusetzen und es über zusätzliche Qualifikationen zu erweitern, als es in Datenbanken zu speichern und nur der kleinen Klasse von Experten zu überantworten.

Ein neuer Typ des Facharbeiters wird damit sichtbar: Er muß sich vielfältige Fähigkeiten angeeignet und ein breites Arbeitsspektrum haben. Die Kombination aus Maschinenschlosser und Elektroniker bezeichnet den Kern dieses neuen Berufsprofils in der Facharbeiterschaft.

Was haben neue Kommunikationsstrukturen und neue Führungsformen nun wiederum mit Qualität zu tun und mit Qualifikation, ihrem subjektiven Ausdruck? Es wird nicht ohne den Umbau der Belegschaftsstrukturen abgehen. Wir verfügen ja schon über ausgeprägte Erfahrungen, wie dieser Prozeß langfristig und mit hohem zeitlichen Vorlauf vor der Einführung neuer technischer Entwicklungen angegangen werden kann, um Reibungsverluste und Fehlschläge zu vermeiden.

Dabei wird das überkommene Führungsmuster der Hierarchie in ihrer durchgängigen Über- und Unterordnung durch die neuen technischen Entwicklungen erheblich eingeschränkt. Die kooperative Arbeitsteiligkeit großer wirtschaftlicher und sozialer Gebilde macht es unmöglich, von oben herab alles durch Anordnungen zu regeln, also hierarchisch bis ins einzelne zu führen. Immer wichtiger werden daher das Zusammenwirken in Gruppen, die Delegation von Verantwortung und Dezentralisierung von Entscheidungen.

Führung muß sich auf Zielvorgaben und Erfolgskontrolle konzentrieren. Es geht also darum, eine neue Kommunikationsmoral an die Stelle der alten Arbeitsdisziplin zu setzen. Dadurch kann auch die Sozialpartnerschaft belebt werden und einen neuen Inhalt bekommen.

Die vor uns liegende demographische Entwicklung der deutschen Bevölkerung wird ein übriges bewirken. Durch die "Bildungsrevolution" der siebziger Jahre hat sich zweierlei ergeben: Der Anteil der studienberechtigten jungen Leute ist auf mehr als ein Drittel des jeweiligen Jahrgangs angestiegen, und zugleich stieg die Zahl derjenigen, die nicht einmal einen Hauptschulabschluß schaffen. Vergrößert haben sich also gerade die Anteile von jungen Menschen, die ganz "unten" oder ganz "oben" auf der Bildungsleiter ankommen.

Dennoch wurden die Schulzeiten verlängert. Das hätte aber nur dann Sinn gemacht, wenn man in den Schulen mehr von dem lernen könnte, was man im späteren Berufsleben braucht. Da der technische, ökonomische und gesellschaftliche Wandel es aber unmöglich macht, für dreißig oder vierzig Berufsjahre im voraus anzubieten, was an neuen Anforderungen in dieser Zeit auf die Menschen zukommen wird, können die Schulen schon aus diesem Grunde darauf nicht ausreichend vorbereiten. Schüler und Studenten müssen heute also vor allem lernen, wie man lernt.

Unser Schulwesen sollte getrost auf einen wesentlichen zeitlichen Anteil an der Ausbildung verzichten, den die Menschen dafür mit mehr Sinn während ihres Berufslebens für eine weiterführende Ausbildung nutzen könnten.

Weiterbildung muß in unserer konkreten Situation vor allem bei den betrieblichen Planern und Entscheiden ansetzen, wenn sie rasch wirksam werden will. Das wiederum erfordert eine Auflockerung der oft noch starren Handlungsstrukturen von Unternehmen und Organisationen. Für viele von ihnen ist die technische Realisierung einer nächsten Entwicklungsstufe offenbar erheblich einfacher als deren neue organisatorische Einbindung.

Die Führung eines Unternehmens muß sich unter den veränderten Bedingungen der Kommunikationsgesellschaft auf folgende Ziele konzentrieren:

- Der Führungsstil muß Qualität erlebbar machen, eben weil sie ein Ereignis ist.

- Nach innen gesetzte Ziele müssen erreichbar sein und dürfen die Menschen nicht überfordern, sondern motivieren.

- Nach außen gegebene Versprechen müssen mit der Realität übereinstimmen und eingehalten werden.

- Die wechselseitige Verläßlichkeit aller Mitarbeiter ist eine Voraussetzung zur Erreichung dieser Ziele.

Unternehmen sind heute keine isolierten sozialen Handlungseinheiten mehr. Ihr Aktionsradius muß den erweiterten Markt erreichen, von dem sie abhängen. Die Einbeziehung aller Partner am Markt in die Diskussion, Planung und Entscheidung des Unternehmens ist deshalb sinnvoll.

Die durch die technische Entwicklung bedingten Veränderungen auch des Organisationsgefüges in der Arbeitswelt sollten uns auch dazu veranlassen, den personellen Wettbewerb der Mitarbeiter untereinander und gegeneinander durch mehr kameradschaftliches Zusammenwirken zu ergänzen. Die personelle Konkurrenz ist heute zu ausgeprägt, und dies um so mehr, je größer ein Unternehmen oder eine Organisation ist. Auch aus ökonomischen Gründen müssen wir uns daran erinnern, daß wir alle neben einem Hirn auch ein Herz haben und vor allem Mensch bleiben möchten.

Auszug aus einem längeren Vortrag des Autors zum Thema "Kommunikation und Führung"