Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

30.11.1979

"Kompatibilität ist die Schluckimpfung gegen Systemabhängigkeit"

Mit Ursula Schrader-Gaddum, Bundesministerium des Innern, und Dr. Herbert Kilmesch, Bayerische Staatskanzlei (Abteilung Datenverarbeitung), sprach Dieter Eckbauer

- Herr Klimesch, in den Jahren 1975 und 1976 hat eine Arbeitsgruppe aus Vertretern von Bund, Ländern und Kommunalverwaltungen unter Vorsitz des Bundesministeriums des Innern kompatible Datenbank-Schnittstellen entwickelt. Bereits damals sprachen Kritiker, davon, daß die Kostenersparnis bei Einsatz dieser KDBS/KDCS-Technik mit längeren Laufzeiten erkauft werden müsse. Mit anderen Worten, wenn Datenbanksysteme unterschiedlicher Struktur auf einen Nenner gebracht werden, dann gehen eben die systemspezifischen Vorteile verloren. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?

Klimesch: Wir haben keine Untermenge der Funktionen dieser verschiedenen Datenbanksysteme und Datenkommunikationssysteme definiert, sondern die Funktionen zusammengestellt, die von den Anwendern in der Regel am häufigsten gebraucht werden. Wir haben diese Funktionen als Schnittstellen definiert und den Herstellern nahegelegt. Es mußten verschiedene Datenbanksysteme um neue Funktionen erweitert werden, die sie nicht hatten. Andere Funktionen von Datenbank- und Datenkommunikationssystemen konnten in der Schnittstelle nicht verwendet werden, wenn nur ein System diese Funktionen aufwies. Exotische Funktionen wurden also nicht realisiert.

- Herr Klimesch, Sie werden als Vater der kompatiblen Schnittstellen bezeichnet. Von welcher Überlegung sind Sie denn ursprünglich ausgegangen?

Klimesch: Wir hatten zunächst die bayerische Situation im Auge, wo wir sowohl auf kommunaler als auch auf staatlicher Seite Siemens- und IBM-Rechner verwenden, für die wir in vielen Fällen gemeinsame Programme erstellen müssen. Wir wollten aber keine doppelte Progrämmierung durchführen und hatten deswegen eine einheitliche Syntax für Datenbank- und Datenkommunikationssysteme ins Auge gefaßt. Um aber nicht allein in Bayern auf diesem Gebiet arbeiten zu müssen, hatten wir uns die Mithilfe anderer Länder und des Bundes gewünscht. Einen großen Teil der Arbeit hat Baden-Württemberg geleistet.

- Sind Sie denn bei den erwähnten Herstellern mit Ihrer Schnittstellen-Idee auf Gegenliebe gestoßen?

Klimesch: Die Hersteller hatten sehr konsequent mitdiskutiert, aber in der Realisierung war zunächst ein etwas größerer Vorteil bei Siemens gesehen worden, während sich IBM zunächst zurückhaltend verhielt. Nach einem Gespräch, das auf höchster Ebene zwischen einem Minister und einem IBM-Leiter stattfand, hat IBM aber sehr spontan positiv reagiert, auch einen Teil der Schnittstellen auf eigene Kosten realisiert und dabei sehr gute Arbeit geleistet.

- Ich hatte vorhin nach den Nachteilen der kompatiblen Schnittstellen gefragt, welche Vorteile gibt es denn?

Klimesch: Ja, es gibt eine große Anzahl von Vorteilen, die wahrscheinlich bei jedem Anwender etwas anders gesehen werden. Der Hauptvorteil ist, glaube ich, und dieser Vorteil steht in der öffentlichen Verwaltung an erster Stelle, daß man unabhängig von der Hardware, unabhängig, von den jeweiligen Basissystemen Programme erstellen kann. Diese Kooperation verschiedener Anwender ist zum Beispiel in der Entwicklung des gesamten Grundstückswesens und in der Entwicklung des Einwohnerwesens sehr stark zu sehen. Der zweite Vorteil besteht darin, daß man Programme austauschen kann, der dritte, daß man auch innerhalb des gleichen Herstellers ein Datenbanksystem, ein Datenkommunikationssystem wechseln kann, zum Beispiel bei IBM von UDB auf IMS oder bei Siemens von Prisma auf UDS. Erst in späterer Linie ist ein Vorteil gegeben beim Wechsel der Hersteller-Hardware. Weitere Vorteile sind die wesentlich leichtere Ausbildung der Programmierer, die Konzentration auf die Lösung von Anwendungsproblemen, ohne Spezialsystemkenntnisse, zum Beispiel von IMS, zu benötigen, die bedeutend leichtere Programmierung und der wesentlich verbesserte Test- und Wartungsvorgang sowie überhaupt das Verständnis der Datenbank und der Datenkommunikationsfunktion.

- Sie sagten, unabhängig programmieren, unabhängig davon welche Hardware, welches Datenbanksystem, welche Software im Einsatz ist. Damit wären wir eigentlich mitten im DV-Paradies. Warum hört man trotzdem so wenig von diesem Projekt?

Klimesch: Wir hören eigentlich sehr viel, weil wir mitten drin stecken. Vor allen Dingen in Projekten, die mehrere Länder, mehrere öffentliche Verwaltungen berühren, wird echt kompatibel programmiert. Wir können auch gar nicht mehr ohne diese kompatiblen Schnittstellen leben, weil inzwischen schon Mann-Jahrzehnte, vielleicht Mann-Jahrhunderte in die Programmierung solcher kompatibler Anwendungen eingegangen sind. Ein großes Problem stellt die Einführung der Kompatibilität dort dar, wo, man mit dem Programmieren begann, bevor die Schnittstellen definiert waren. Man ist hier nicht gern bereit, mitten in der Erstellung von Programmen die Pferde zu wechseln. Für die Einführung der Schnittstellen ist ein weiteres Problem, daß manche öffentlichen Verwaltungen davon ausgehen, nie Programme anderer Verwaltungen übernehmen zu wollen und zu können, und auch nie Programme abgeben zu müssen. Meiner Ansicht nach stellt dort der Verzicht auf Kompatibilität eine falsche Haltung dar, weil auch ohne die Weitergabe von Programmen ein großer Vorteil daraus gewonnen werden kann. Aber es ist verständlich, daß dort die Meinung vorherrscht, eben nicht umstellen zu müssen.

- Erfahrungsgemäß neigen viele EDV-Leute dazu, Hersteller-minded zu sein es gibt eben den eingeschworenen IBM-Mann und es gibt überzeugte Siemens-Anwender. Müssen Sie gegen diese Mentalität anlaufen?

Klimesch: Diese Mentalität ist meiner Ansicht nach eine Tatsache und sehr schwer zu überwinden. Dort, wo es einmal geschehen ist, kehrt aber die Freude an der Datenverarbeitung in größerem Maße wieder. Ich kann da auf Baden-Württemberg verweisen. Dort sind die Programmierer in der Regel jetzt voll begeistert von der kompatiblen Schnittstelle und können sich ein Leben ohne diese Schnittstelle gar nicht mehr vorstellen.

- Heißt das, daß generell in der öffentlichen Verwaltung das Problembewußtsein in bezug auf die optimale Form der Datenverarbeitung zugenommen hat, daß man also schon bei Beschaffung von Systemen auf Kompatibilität achtet?

Klimesch: Der Kooperationsausschuß ADV Bund/Länder/Kommunaler Bereich hat eine Empfehlung ausgesprochen, wonach systemneutral programmiert werden soll. Und hat auch gewisse Voraussetzungen für diese kompatible Anwendungsprogrammierung empfohlen. Das wird wesentlich stärker eingehalten, als es früher der Fall war, aber es gibt immer noch einige Bereiche der öffentlichen Verwaltung, wo man sich noch nicht zu diesem Schritt genötigt sah, wo man immer noch, meiner Ansicht nach, das Geld der Anwendungsprogrammierung zu leichtfertig in hersteller- und systembezogene Programmierung verschwendet.

- Stichwort problemorientiert programmieren. In welchen Sprachen?

Klimesch: Der Kooperationsausschuß setzt voraus, daß kompatible Programmierung grundsätzlich die Anwendung einer höheren Programmiersprache in einer genormten Form vorsieht. Hier ist eigentlich Cobol die Sprache, die in der öffentlichen Verwaltung am meisten eingesetzt wird, an zweiter Stelle steht Fortran, während die Verwendung von anderen Sprachen in der öffentlichen Verwaltung ohnehin nicht sehr stark ist. Die kompatible Schnittstelle ist aber so geartet, daß sie auch jede andere Sprache unterstützen kann, wenn sie von der jeweiligen Stelle als notwendig empfunden wird.

- Gibt es Anfragen in dieser Richtung, auch PL/1 zum Beispiel einzusetzen?

Klimesch: Es gibt Stellen bei öffenthchen Verwaltungen, die schon seit jeher PL/1 verwenden und die jetzt dazu übergegangen sind, auch kompatible Programmierung durchzufahren. Das Problem besteht dort, auch innerhalb PL/1, unter Umständen das Basissystem wechseln zu müssen.

- Diese Schnittstellen sind ja irgendwo Gleichmacher -und da kommen wir zum Berufsbild des Programmierers. Wird er vielleicht deshalb derartige Gleichmacher nicht akzeptieren, weil seine Spezialkenntnisse, eben in bestimmten Sprachen, damit an Wert verlieren?

Klimesch: Die Kenntnisse in Sprachen werden durch die kompatible Schnittstelle überhaupt nicht berührt. Was berührt wird, ist die Systemkenntnis der jeweiligen Herstellersysteme. Wir gehen davon aus, daß der Anwendungsprogrammierer zum Beispiel nicht mehr IMS im einzelnen kennen muß, wenn er programmiert. Er wird dadurch aber

freigestellt für die Lösung von Verwaltungsproblemen, die eigentlich seine Hauptaufgabe ist. Die Systemkenntnis von IMS oder von irgendeinem anderen Basissystem muß dagegen beim Systemprogrammierer bleiben, und wird auch dort von uns erwartet.

- Die von Ihnen genannten Argumente müßten eigentlich den Endbenutzer, den Manager eher ansprechen als den DV-Fachmann. Haben Sie vielleicht in der Richtung bisher die falsche Propaganda gemacht?

Klimesch: Wir haben sowohl die Fachleute angesprochen als auch das Management, müssen aber sagen, daß wir bei den Fachleuten mehr Widerstand oder Abneigung gefunden haben. Wahrscheinlich, weil dort eine Befürchtung besteht, daß das Berufsbild etwas verallgemeinert wird und gewisse Spezialkenntnisse darin nicht mehr so notwendig sind. Ich meine aber, daß diese Haltung nicht richtig ist.

- Jetzt doch mal etwas ins Detail gehend, ins Technische. Sie sagten, zunächst mal war bei Ihnen Siemens- und IBM-Hardware im Einsatz. Sie wollten die Möglichkeit der Übertragbarkeit sicherstellen. Welche Schnittstellen gibt es denn bereits? Für welche Systeme existieren sie?

Klimesch: Wir müssen zunächst mal die verschiedenen Schnittstellentypen unterscheiden: Es gibt insgesamt drei Typen von Schnittstellen, nämlich zur Bearbeitung von Dateien, die vom Betriebssystem unterstützt werden, ferner kompatible Schnittstellen zur Bearbeitung von Datenbanken und schließlich kompatible Schnittstellen zur Bearbeitung der Datenkommunikation, abgekürzt KSDS, KDBS, KDCS. Für diese verschiedenen Schnittstellen gibt es im Augenblick 34 Umsetzer, von denen einige noch in der Realisierung stehen und andere wegen der Veralterung des dahinterstehenden Basissystems nicht mehr verwendet werden. Von diesen 34 Schnittstellen-Umsetzern sind sechs oder sieben mit Förderungsmitteln entwickelt worden, alle anderen Schnittstellen-Umsetzer wurden von den Herstellern auf eigene Kosten selbst entwickelt.

Schrader-Gaddum: Ich meine, an dieser Stelle sollte hinzugefügt werden, daß Hersteller dazu übergehen, die Grundfunktionen der kompatiblen Schnittstellen in ihre Basissysteme zu übernehmen, so daß also Umsetzer in diesen Fällen gar nicht mehr notwendig sind.

Klimesch: Ein Beispiel ist das UTM der Firma Siemens, in dem die Schnittstellen selbst als einzige Funktionsaufruftechnik gegeben sind.

- Verständlich wohl, weil Siemens als der Hersteller mit den geringeren Marktanteilen ein großes Interesse hat, daß Kunden auf Siemens umsteigen.

Klimesch: Ich würde es nicht so sehen, sondern meine, daß die Firma Siemens bei der Diskussion dieser KDCS-Schnittstellen gesehen hat, daß dort eine sehr breite und für die Anwendung ausreichende Funktionspalette gegeben ist.

- Sie sagten, daß sich der Programmierer keine Gedanken mehr zu machen braucht, wenn er den Umsetzer hat. Aber wie viel muß er denn lernen, wie viel muß er wissen, um diesen Umsetzer überhaupt einsetzen zu können?

Klimesch: Die Ausbildung in der kompatiblen Programmierung, die wir laufend durchführen, ist wesentlich einfacher, dafür aber sehr viel mehr angereichert durch praktische Beispiele. In Bayern und Baden-Württemberg haben wir einwöchige Ausbildungskurse für KDBS, für KDCS und für KSDS, jeweils mit Übungen in den Funktionen. Wenn Sie damit die Ausbildung für IMS oder UDS vergleichen, werden Sie wahrscheinlich mit der dreifachen Zeit rechnen müssen.

- Sie sprachen das Problem an, die Schnittstelle bei Systemen, die veraltet sind, anzuwenden. Das führt zu der Frage: Könnten nicht neue Entwicklungen auf dem Sektor der Datenbanktechnologie, sprich Relationenmodell, diese Schnittstellentechnik überholen?

Klimesch: Ich meine, und das ist eine sehr persönliche Meinung, die ich aber schon mit verschiedenen Fachleuten diskutiert habe, daß die relationale Datensicht zwar eine der zukunftsweisenden Techniken ist, daß sie aber die One-record-at-a-time-Technik - nämlich die Technik, immer nur einen Satz zur gleichen Zeit bearbeiten zu können - nicht ganz beiseite schieben wird. Die relationale Technik ist die geeignete Technik für Abfragesprachen und für die Ad hoc-Zusammenstellung von Auskünften, während die andere Technik, die heute beim Codasyl-Konzept oder beim IMS realisiert ist, eben eine wesentlich größere Sicherheit gewährleistet für den einzelnen Vorgang, für das Ändern von Daten oder auch das stapelweise Abfragen von Daten. Sie wird auch meiner Ansicht nach immer eine Nasenlänge schneller sein als die relationale Verarbeitung.

- Könnten Sie diese, Ihre persönliche Meinung jetzt noch etwas untermauern, spielen hier vielleicht auch Datenschutzüberlegungen mit hinein?

Klimesch: Ich meine, daß die Datenschutzüberlegungen auf alle Fälle hier eine große Rolle spielen. Das relationale Konzept ist bis heute noch nicht so technisch durchdacht, daß man hier in jedem Fall Datenschutzprüfungen und Datenschutzhemmungen von einbauen kann. Aber etwas anderes spricht wahrscheinlich auch noch für die bisherige Technik der Datenverarbeitung: Man kann hier ohne weiteres im Hintergrund die relationale Zugriffstechnik wirken lassen, wenn diese irgendwann einmal durch bessere Hardware unterstützt wird - und trotzdem nach außen hin eine konventionelle Zugriffstechnik verwenden.

- Es ist bezeichnend, daß diese Entwicklung gerade im öffentlichen Bereich in Gang gekommen ist. Sie haben als großer DV-Anwender mehr Möglichkeiten, dem Hersteller gegenüber Druck auszuüben, als es der einzelne Anewender im privaten Bereich kann. Würden Sie raten, daß sich die Industrie hier anschließt, daß sie auch im Kooperationsausschuß mitarbeitet?

Schrader-Gaddum: Eine Mitarbeit im Kooperationsausschuß unmittelbar ist nicht möglich, denn der Kooperationsausschuß ADV besteht aus Vertretern der Koordinierungsstellen beim Bund, bei den Ländern und Vertretern der Spitzenverbände des kommunalen Bereichs. Es gibt aber Überlegungen für ein Verfahren zur Sicherstellung der Einsatzfähigkeit und Weiterentwicklung der kompatiblen Schnittstellen. Die Arbeitsgruppe, die die Schnittstellen ausgearbeitet hat, hat sich intensiv mit diesen Fragen befaßt. Es gibt Vorschläge, einen Unterausschuß einzurichten, dem unter Umständen auch Mitarbeiter aus anderen Bereichen als der öffentlichen Verwaltung als Gast angehören können. Es ist vorgesehen, Informationsveranstaltungen durchzuführen, bei denen dann selbstverständlich auch Vertreter anderer Anwenderbereiche und der Herstellerfirmen teilnehmen können. Es ist vorgesehen, daß die jetzt bereits benannten drei Ansprechpartner für die Schnittstellentypen noch etwas stärker in die Funktion hineinwachsen, mit den Herstellerfirmen ständig Kontakt zu halten. Wir versprechen uns davon, daß jetzt hier eine gegenseitige Information verstärkt durchgeführt wird.

- Steht bei dem Normierungsinteresse des BMI der wirtschaftliche Aspekt im Vordergrund?

Schrader-Gaddum: Der wirtschaftliche Aspekt ist natürlich wichtig, er steht aber nicht ausschließlich im Vordergrund. Die Situation ist ja heute so: Die Nutzung von DV-Leistung ist inzwischen unverzichtbarer Bestandteil des Verwaltungshandelns geworden. Damit wächst auch das Bewußtsein für die Vermeidung von De-facto-Zwängen, die sich aus einmal getroffenen technologischen Entscheidungen ergeben könnten. Hinzu kommt, daß das Problembewußtsein auch dafür gestiegen ist, daß Kontrollmöglichkeiten geschaffen werden müssen. Hier spielen natürlich auch die Gesichtspunkte des Datenschutzes eine Rolle. Darüber hinaus machen es wirtschaftliche Erwägungen in der öffentlichen Verwaltung erforderlich - und zwar weitgehend unabhängig von den in den einzelnen Ländern, Kommunen oder beim Bund installierten oder zur Installierung vorgesehenen Firmenerzeugnissen - DV-Verfahren arbeitsteilig zu entwickeln, an einer Stelle zu pflegen und gemeinsam zu nutzen. Insoweit gehen hier natürlich auch Wirtschaftlichkeitsüberlegungen ein.

- Heißt das, Kompatibilität geht vor Fortschritt, auf dem Gebiet der DV-Technologie?

Schrader-Gaddum: Das heißt es nicht. Wir sind auch nicht der Meinung, daß die Kompatibilität den technischen Fortschritt behindert. Wir sind eigentlich der Ansicht, daß Kompatibilität technischen Fortschritt bedeutet.

- Wie erklären Sie sich dann, daß die Marktfuhrer in dieser Branche, IBM, Siemens und so weiter, Normungsbestrebungen generell doch eher zui-ückhaltend gegenüberstehen?

Schrader-Gaddum: Ich bin gar nicht sicher, ob es so ist. Hierbei ist auch die Möglichkeit zu sehen, daß durch eine Zwischenlösung, die diese kompatiblen Schnittstellen auch bezüglich der Normung darstellen könnten, der spätere Übergang auf technisch modernere Systeme erleichtert wird. Denn wenn es jetzt in den DV-Anwendungen keine Schnittstellen gibt, die Programmierung also vollständig auseinanderläuft, dann wird man vermutlich auf neuere Systeme kaum noch umsteigen können. Ich sehe also durch die Schnittstellen keine Behinderung.

Klimesch: Vielleicht kann ich dazu etwas ergänzen in bezug auf die Norm, die von Codasyl ausgeht, aber wahrscheinlich in den nächsten fünf Jahren nicht abgeschlossen sein wird. Es ist vorgesehen, daß die kompatiblen Schnittstellen weitgehend ohne manuelle Veränderung auf eine solche Norm umgestellt werden können.

- Wenn man jetzt aber einmal die Interessenlage der Software-Branche sieht, die herstellerunabhängige fremde Software anbietet und am Markt vertreibt, dann müßten Sie in dieser Branche eigentlich einen sehr starken Verbündeten haben. Nun ist mir eigentlich nicht bekannt, daß die Software-Branche nennenswert davon profitiert hat und ja diene Schnittstellenthematik nicht einmal aufgegriffen hat.

Schrader-Gaddum: Ich meine, daß sich die Software-Häuser gerade dieses Themas angenommen haben. Soweit uns bekannt ist - und aus den Anfragen ist das auch belegbar -, liegt es gerade im Interesse dieser Software-Häuser, daß hier Schnittstellen geschaffen werden, die ein weitgehend systemunabhängiges Arbeiten möglich machen. Die Software-Häuser haben hier im Grunde genommen das gleiche Interesse wie die Anwender, wenn Sie sich nicht an einen bestimmten Hersteller und an bestimmte Firmenerzeugnisse binden wollen.

- Sie sprachen den Punkt bereits an: Codasyl. Inwieweit ist die KDBS/KDCS-Entwicklung mit der internationalen Normungsarbeit abgestimmt?

Klimesch: Im DIN-Normenausschuß Informationsverarbeitung befaßt sich der Arbeitsausschuß "Programmierung mit KSDS und KDBS und der Arbeitsausschuß "Offene Kommunikationssysteme der Informationsverarbeitung" mit KDCS. Die Gespräche in den Ausschüssen bewegen sich hauptsächlich darum, ob die Schnittstelle einer späteren internationalen Normung feindlich gegenübersteht. Ich bin überzeugt, daß diese kompatiblen Schnittstellen einen Übergang darstellen können zu einer irgendwann erscheinenden Codasyl-Norm.

- Herr Klimesch, von Ihnen stammt der Satz: "Kompatibilität ist die Schluckimpfung gegen die Systemabhängigkeit." Nun muß auch für Impfungen geworben werden und zum anderen: Vielleicht fühlen sich die Anwender recht wohl in dieser Abhängigkeit?

Klimesch: Die Werbung für die Schluckimpfung ist im öffentlichen Bereich meist nur in empfehlender Weise möglich, man kann keine Behörde daz zwingen, kompatibel zu programmieren. Eine Werbung außerhalb der öffentlichen Verwaltung ist noch weniger von der öffentlichen Verwaltung her strikt durchzuführen. Aber inzwischen hat sich gezeigt, daß verschiedene Unternehmen außerhalb der öffentlichen Verwaltung infolge ihrer doch stärkeren wirtschaftlichen Orientierung sehr darauf angesprungen sind. Es gibt also Firmen, die inzwischen beschlossen haben, kompatibel zu programmieren. Sie erstellen den Umsetzer zum Teil im eigenen Haus und möchten auf dieser Basis und Kooperation und gemeinsamer Anstregung mit der öffentlichen Verwaltung diese System-Neutralität für sich beanspruchen.

- Daß niemand zu seinem Glück gezwungen werden kann, erklärt nicht ausreichend, warum die Schnittstellen noch nicht überall eingesetzt werden

Schrader-Gaddum: Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad werden die Schnittstellen tatsächlich auch verwendet. Ich sehe in der öffentlichen Verwaltung den Widerstand gegen die Schnittstellen eigentlich gar nicht so sehr. Vielmehr werden die Empfehlungen des Kooperationsausschusses zunehmend beachtet. Im übrigen bin ich sicher - die Entwicklung zeigt es ja bereits - daß begründete Anwenderbedürfnisse vom Markt auch befriedigt werden. Denn es dürfte grundsätzlich auch im Eigeninteresse der Anbieter liegen, Kompatibilität mit den Anwenderansprüchen herzustellen.

Klimesch. Es gibt eine objektive Unmöglichkeit, Schnittstellen immer sofort einzusetzen, die darin besteht, daß man in einem laufenden Projekt ist, das begonnen hat, bevor die Schnittstellen definiert waren und in dem man jetzt mehr umstellen kann. Ein zweites, weniger wichtiges Argument ist, daß die Programmierer in einem Spezialsystem ausgebildet sind und man die Umschulung scheut. Wenn im übrigen ein Widerstand in der öffentlichen Verwaltung festzustellen ist, dann ist das meistens dort der Fall, wo man sich jetzt schon sehr an einen Hersteller gebunden hat und verhindern möchte, überhaupt jemals in die Gefahr zu kommen, diesen Hersteller zu verlieren und auf einen anderen Hersteller umsteigen zu müssen. Die Stellen, die ganz ernst hinter der Kompatibilität stehen, sind in erster Linie die Stellen, die die Koordinierung innerhalb der öffentlichen Verwaltung ernst nehmen. Es sind zweitens die Stellen, die sehr auf ihre Wirtschaftlichkeit sehen müssen, und es sind drittens die Stellen, die sich mit dem juristischen Problem der Abhängigkeit von einem Hersteller ausgiebig beschäftigt haben, nämlich der Justizbereich, der fast alles kompatibel programmieren läßt.

Schrader-Gaddum: Ich bin der Ansicht, daß es auch nicht etwa so ist, daß diese Tendenz der Unabhängigkeit von bestimmten technischen Realisierungen, sich nur auf die kompatiblen Schnittstellen bezieht, sondern wir sehen es auch in bezug auf andere Standards. Zum Beispiel werden Ausschreibungen grundsätzlich nicht auf bestimmte Maschinen zugeschnitten, so daß die Anbieter die für das Problem beste Lösung anbieten müssen. Wir geben also nicht die technischen Dinge vor. Ich meine, das ist eine Entwicklung, die unabhängig von dein kompatiblen Schnittstellen zu sehen ist.

- Ich möchte doch noch einmal auf Punkt "Gleichmachen" zurückkomm Das heißt, um ein Beispiel zu nehmen: Wie reagiert ein Porsche-Fahrer auf die Richtgeschwindigkeit 130? Er hat ja ein Auto, aus dem er wesentlich mehr herausholen kann. Ganz konkret gefragt: Wieviel Leistungsverlust tritt denn ein, wenn ich diese Schnittstellen einsetze ?

Klimesch: Ein Leistungsverlust tritt dann ein, wenn man exotische Funktionen von gewissen Systemen nicht mehr verwenden kann. Der Porsche-Fahrer in der Datenverarbeitung wird wahrscheinlich weiterhin seine 180 fahren und dann nicht mehr kompatibel sein können. Aber jeder Porsche-Fahrer hat hoffentlich seinen Volkswagen zu Hause den er dann verwendet, wenn er wirklich einmal sparen muß.