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31.10.1975

Komplexe Probleme erfordern Organisations-Hilfsmittel für eine neue Software-Generation

Mit Dr. Reinhold Thurner, Autor der Detab/GT- und Delta-Generatoren, sprach CW-Chefredakteur Dr. Gerhard Maurer

- Ihr nach dem Detab/GT-Entscheidungstabellenprozessor neuestes Software-Produkt, das sogenannte "Multifunktionale Generatorsystem" DELTA wurde von der GMO als "Software der dritten Generation" vorgestellt. Ist das nicht ein bißchen arg euphorisch?

Ich glaube, man kann heute durchaus von einer neuen Software-Generation sprechen - auch deshalb, weil es eine neue Generation von DV-Problemen gibt. Merkmal einer Software-Generation wären die organisatorischen Konzepte, die Vorgehensweisen und Methoden und die eingesetzten Hilfsmittel. Für die Systementwicklung werden die organisatorischen Konzepte immer wichtiger, zumindest kann man von einer neuen Organisations-Generation sprechen.

- Organisations-Generation und Software-Generation - soll das dasselbe sein?

Das ist in dem Maße richtig, wie man bereit ist, anzuerkennen, daß Software-Erstellung für sehr komplexe Probleme heute in erster Linie ein Organisationsproblem bei der Systementwicklung ist und weniger ein Problem der Programmierung.

- Wieso schon dritte Generation oder erst dritte Generation? Was lag davor?

Die erste Generation der EDV-Pioniere produzierte Einzelprogramme in Assembler-Sprache, testete, korrigierte mit Patch-Karten oder an der Konsolschreibmaschine. Da die EDV-Abteilung klein, die Programme nur wenig komplex, wohl aber sehr knifflig waren, gab es nur den Ein-Mann-Organisations-Programmierer. Das Fehlen allgemein bekannter Methoden und entsprechende Hilfsmittel zwang jeden dazu, seinen eigenen "Freistil" zu entwickeln.

- Dann kamen größere Zentralspeicher und leistungsfähige Bandeinheiten, die es gestatteten, größere Programme und lineare Systeme von Programmketten zu entwickeln. Gab es entsprechende Änderungen in der Software-Erstellung?

Diese zweite Generation bescherte uns folgerichtig das Konzept für die Herstellung schon komplizierterer Programme. Höhere Programmiersprachen erwiesen sich als ausgezeichnete Methode, um verständlichere, personenunabhängige, dokumentierte Einzelprogramme zu schreiben. Die entsprechenden Hilfsmittel - Compiler - produzierten bei richtigem Einsatz einen Code, der über alles gesehen ein besseres Kosten-Leistungs-Verhältnis hat als die Assemblerprogramme.

- Gab es da auch Pendents in der Organisation ?

Um die größer gewordene EDV-Abteilung führen und das erforderliche Wissen aufteilen zu können, organisierten sich die Datenverarbeiter horizontal in Organisations-, Analyse-, Programmierungs-Abteilung und Rechenzentrums-Betrieb. Standards schreiben nunmehr vor, wie die Programme zu dokumentieren sind. Die Programm-Dokumentation ist organisiert, die Wartung ist gesichert. Eine Maschinerie für die Serienproduktion von Einzelprogrammen ist aufgebaut.

- Das klingt, als ob doch alles in Ordnung wäre?

Eher nicht, die Probleme haben sich mittlerweile geändert. Statt übersichtlicher 300-Befehle-Programme werden unübersichtliche 3000-Befehle-Programme entwickelt. Wir arbeiten an komplexen Programmsystemen mit komplexen, direktverarbeitete Dateien. Die Programm-Dokumentation reicht nicht mehr, wir brauchen System-Dokumentationen - den Überblick über Zusammenhänge von Programmen und Dateien.

- Ist das bei der vorherrschenden Organisation denn etwa grundsätzlich unmöglich?

Diese horizontale Arbeitsteilung führt wegen Verständigungsschwierigkeiten zu Effizienz-Verlusten. Die Entwicklungszeiten von Systemen nehmen abrupt zu, und die Koordination der Spezialisten wird immer schwieriger. Unsere Maschinerie erweist sich als ungeeignet zur Produktion größerer Systeme.

- Und wie ist da Abhilfe zu schaffen? Bekanntlich werden ja doch tatsächlich auch komplexe Anwendungen realisiert. Genügen die neuen höheren Programmiersprachen nicht? Was wären die Merkmale einer dritten Software-Generation?

Es gibt neue Erkenntnisse der Systemtheorie: Systementwicklung sollte als ein iterativer Prozeß von Top-Down-Design und Bottom-Up-Verifikation verstanden werden. Ebenso kommt hinzu ein phasenweises Vorgehen bei der Systementwicklung. Durch Beschreibung der in den einzelnen Phasen durchzuführenden Maßnahmen und Angabe der erforderlichen Voraussetzungen für den Übergang von Phase zu Phase wird der iterative Prozeß konkretisiert. Projekt-Steuerung, Projekt-Kontrolle beseitigen Fehlentwicklungen, Wartezeiten, Informationslücken und Spannungen in der Projektabwicklung und dienen auch dem Aufbau einer klaren Projekt-Dokumentation. Über solch eine Strukturierung der Tätigkeiten und Ergebnisse der Tätigkeiten soll die Klarheit des Produktes erreicht werden.

- Das ist bekanntlich die Theorie der Hierarchischen Modularisierung oder schrittweisen Verfeinerung oder der des Top-Down-Designs. Wie sollte das in der Praxis ausgehen?

Die Organisationsform, die diesem Vorgehen entspricht, ist nicht mehrere horizontale, sondern eine vertikale Projekt-Organisation. Die in den Vorgehens-Konzepten vorgesehenen Aufgaben werden einzelnen Mitgliedern eines Projekt-Teams zugewiesen. Das Berufsbild des Projektleiters, seines Stellvertreters, des Sekretärs, des Datenbank-Verwalters, des Organisators, des Programmierers und des Programmier-Assistenten schält sich heraus. Die "Chief Programmer Team Organisation" müssen wir als Organisations-Konzept eben der Systementwicklung erkennen - trotz des Wortes "Programmer", das die Angelsachsen viel weniger emotionsgeladen verwenden.

- Sie fordern gleichzeitig den Einsatz moderner Hilfsmittel, etwa den Einsatz von Generatoren.

Als Hilfsmittel für den rationellen Einsatz dieser neuen Verfahren werden Formular-Sätze, Programme, Compiler, Programm-Generatoren eingesetzt. Auch Generatoren für normierte Programmierung, für strukturierte Programmierung, für Entscheidungstabellen, Listengeneratoren, Daten-Banksysteme, TP-Monitoren und für die Programmentwicklung. Ferner auch Flowcharter-Programme zum Ausdrucken von Programm-Ablauf-Plänen und Strukturprogrammen. Dateien-Verwaltungs-Systeme erzeugen Programm- und Dateien-Dokumentation, schließlich dienen Projekt-Planungs- und Kontrollsysteme der Planung, Überwachung und Abrechnung der Projekte. Und Bibliotheks-Verwaltungs-Systeme - etwa das Librarian - verwalten Dokumentationen und Programme. Diese Aufzahlung, die weit davon entfernt ist, vollständig zu sein muß noch durch den Hinweis ergänzt werden, daß jedes Hilfsmittel in viele Varianten existiert.

- Solche Hilfsmittel werden doch zunehmend von den Anwendern eingesetzt - offenbar nicht so, wie sie das für sinnvoll halten.

Der Anwender, der sich eines dieser Hilfsmittel herausgreift, tut das oft aus irgendeiner persönlichen Präferenz. Er beginnt die von den verschiedenen Software-Herstellern angebotenen Programme gegeneinander zu evaluieren und zu vergleichen. Dabei vergibt er bei methodischem Vorgehen Punkte und entscheidet sich doch letztlich aufgrund von Unterschieden, die die Weiterentwicklung nach kurzer Zeit bereits weggeschwemmt hat. Die Verträglichkeit zu anderen Hilfsmitteln die im Moment noch nicht eingeführt sind, rangiert unter "Ferner liefen". Es ist immer wieder erstaunlich, wie Anwender sich in das Abenteuer strukturierter Cobol-Dialekte stürzen, sich ET-Generatoren anschaffen, die keine Interfaces zu Bibliothekssystemen besitzen, normierte Programmierungen, die den Durchsatz ihres VS-Systems niederknüppeln. Was wir brauchen, ist ein multifunktionales Generator-System wie das DELTA.

- Zurück zur Frage nach der dritten Software-Generation. Gibt es sie wirklich schon?

Die dritte Hardware-Generation gab es, als die entsprechenden Maschinen zur Verfügung standen, nicht etwa erst als die Maschinen auch weiterverbreitet waren. DELTA ist ein Element der dritten Software-Generation.

Dr. Reinhold Thurner (36) ist einerseits Software-Wissenschaftler (derzeit habilitiert er sich an der Universität Zürich über "Moderne Softwaretechnologie"), andererseits kommerziell sehr erfolgreicher Geschäftsführer der Sodecon AG., Zürich, die den internationalen Vertrieb der von ihm entwickelten Software-Pakete Detab/GT (Entscheidungstabellen-Generator) und Delta (Multifunktionales Generatorsystem) koordiniert.

In Bludenz, Vorarlberg, geboren machte Thurner 1962 seinen Diplom-Volkswirt, um danach in die Praxis zu gehen (Beratungsgesellschaft) auf dem Sektor Technische Planung und Operations Research). 1972 promovierte er an der Universität Zürich.

Sein Detab/GT-Generator ist weltweit mittlerweile 91mal installiert, Delta wurde Anfang Oktober 1975 der Öffentlichkeit vorgestellt und wird in der Bundesrepublik wie auch sein Entscheidungstabellen-Generator von der GMO, Hamburg, vertrieben.