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10.06.1977 - 

ET-Technik in der Diskussion:

Komprimierte oder strukturierte Entscheidungstabellen ?

MÜNCHEN (uk) - Nicht die Frage, ob eine Entscheidungstabelle (ET) manuell programmiert oder generiert werden soll, sondern daß die ET bei der praktischen Arbeit in der Systementwicklung einfach zu handhaben und änderungsfreundlich ist, hält Dr. Wolfgang Heilmann von der Unternehmensberatung Integrata für entscheidend beim "Methodenstreit" zur ET-Technik. Er sieht die bisher in der CW geführte Diskussion "am Kern vorbeigehen" und weist in seinem nachfolgenden Beitrag, der auszugsweise dem im Herbst 1977 erscheinenden Buch "Strukturierte Systemplanung und -entwicklung" entnommen ist, besonders auf die Möglichkeiten einer "ET-Entflechtung" durch deren Strukturierung hin. Im Aktionsteil von Anwendungssystemen spielen die sogenannten "Entscheidungsregeln" eine besondere Rolle. Es handelt sich dabei um die verschiedensten Vorschriften, nach denen beispielsweise Prüfungen, Rechenoperationen und Verzweigungen in bestimmte Programmzweige vorgenommen werden sollen. Bei ihrer Formulierung und Darstellung kommt es auf ganz besondere Sorgfalt an, um Mißverständnisse und Fehler zu vermeiden. Welches Hilfsmittel setzt man hierfür am besten ein?

Komplexe Entscheidungsregeln

Wenn es um einfache Entscheidungsregeln geht, beispielsweise um Ja-Nein-Alternativen und um größerkleiner-als-Entscheidungen ist die verbale Beschreibung völlig ausreichend. Erst bei Entscheidungen mit vielen miteinander kombinierten Bedingungen und Folgen, das heißt bei komplexen Entscheidungen ist der Text allein nicht mehr ausreichend. In so einem Fall wünscht man sich eine Übersicht über die Regeln, um ihre Plausibilität besser zu erkennen und ihre Vollständigkeit nachzuweisen. Auch für den Sachbearbeiter, der nach Entscheidungsregeln handeln oder für den Programmierer, der sie programmieren soll, braucht man eine bessere Darstellung als den Text, beispielsweise ein Flußdiagramm. Das Flußdiagramm erweist sich zwar als brauchbares aber nicht sehr überzeugendes Hilfsmittel der Darstellung komplexer Entscheidungsregeln, weil es auf Änderungen sehr starr reagiert: Der Änderungsaufwand ist groß und das Ergebnis oft unübersichtlich. Diese Wirkung kann verhindert werden, wenn die Entscheidungsregeln von vornherein vollständig dargestellt werden, beispielsweise in Form eines Strukturdiagramms.

Auch das Strukturdiagramm ist kein unbedingt überzeugendes Hilfsmittel; denn der Zeichenaufwand, der für die vollständige Darstellung aller Regeln nötig ist, erscheint wegen der damit verbundenen Redundanz einfach zu hoch. Aber die vollständige Darstellung hat doch den Vorteil, daß Änderungen sehr leicht vorgenommen werden können, und die Nachprüfbarkeit der Aussage jederzeit erhalten bleibt. Wer die praktische Bedeutung des Änderungsdienstes kennt, wird deshalb die explizite Darstellung nicht sogleich verwerfen, sondern im Grenzfall etwas mehr Schreib- und Zeichenarbeit für etwas mehr Sicherheit und Änderungsfreundlichkeit in Kauf nehmen. Aber es wird keiner vor die Alternative gestellt, weil es in der Entscheidungstabelle ein wesentlich leistungsfähigeres Hilfsmittel zur Darstellung komplexer Entscheidungsregeln gibt als es Fluß- oder Strukturdiagramme sind.

Arten von Entscheidungstabellen

Je nachdem, in welcher Weise die Eintragung der Regeln erfolgt, unterscheidet man mehrere Arten von Entscheidungstabellen: Eine begrenzte Entscheidungstabelle ist dadurch gekennzeichnet, daß es nur Ja/Nein-Eintragungen gibt. Von erweiterten und gemischten Entscheidungstabellen spricht man dann, wenn neben Ja/Nein-Eintragungen auch andere Werte erlaubt sind. Bei begrenzten Entscheidungstabellen ist die Zahl der möglichen Regeln = 2(n), wobei n der Zahl der Bedingungen entspricht. Bei erweiterten und gemischten Entscheidungstabellen gilt diese einfache Formel nicht. Sie lassen sich jedoch in begrenzte Entscheidungstabellen umformen. Der Vorteil dieser etwas aufwendigeren Darstellung ist wieder in der leichteren Nachprüfbarkeit und Änderungsfähigkeit zu sehen; Auch die Erstellung einer Entscheidungstabelle ist einfacher, wenn man sich von Anfang an auf eine vollständige Entscheidungstabelle konzentriert.

Verdichtung von Entscheidungstabellen

Die vollständige Entscheidungstabelle ist fast identisch mit, dem Strukturdiagramm. Auch dort wird die Entscheidung mit sämtlichen Alternativen ausgeführt. Das Ergebnis ist in beiden Fällen ziemlich redundant, und man ist deshalb in Theorie und Praxis bemüht, Entscheidungstabellen zu vedichten. Zugegeben: Eine sehr elegante Lösung! Aber wer versteht sie noch auf Anhieb? Und was geschieht, wenn nun eine Änderung in die Regeln eingebaut werden soll? Die komprimierte Entscheidungstabelle muß durch eine neue ersetzt werden!

Tatsächlich hat die Verdichtung von Entscheidungstabellen fast nur Nachteile:

- Die Ausarbeitung einer komprimierten Entscheidungstabelle nimmt mehr Zeit in Anspruch als die einer vollständigen Entscheidungstabelle, weil bei der vollständigen Entscheidungstabelle die Eintragung der Bedingungsanzeiger vollkommen mechanisch erfolgen kann und keinerlei Zeit für die Prüfung der Vollständigkeit der Regeln benötigt wird.

- Bei der Ausarbeitung einer komprimierten Entscheidungstabelle werden häufiger gedankliche Fehler gemacht als bei einer vollständigen.

- Die Nachprüfbarkeit von Entscheidungstabellen geht mit zunehmender Verdichtung verloren. Der Verfasser einer Entscheidungstabelle ist oft schon nach kurzer Zeit nicht mehr in der Lage, die darin liegende Festlegung auf Anhieb zu begreifen.

- Der Änderungsdienst ist viel aufwendiger, wenn verdichtete Entscheidungstabellen zugrundeliegen. Während bei vollständigen Entscheidungstabellen in der Regel nur andere Aktionsanzeiger zu setzen sind, muß eine verdichtete meistens völlig neu aufgestellt und programmiert werden.

Der einzige Vorteil verdichteter Entscheidungstabellen, den wir neben der Befriedigung des Ehrgeizes intelligenter Leute sehen, ist die kürzere Maschinenlaufzeit. Dieses Argument kann bei sehr großen Entscheidungstabellen, die in ihrer vollständigen Form sehr viel Redundanz aufweisen, immerhin eine Rolle spielen. Soll dann doch verdichtet werden oder gibt es andere Lösungen?

Entflechtung von Entscheidungstabellen

Die Notwendigkeit der Verdichtung von Entscheidungstabellen wird auch durch den Hinweis zu beweisen versucht, daß schon Entscheidungssituationen mit 5 Bedingungen 32 Regeln hätten. Das soll natürlich nicht bestritten werden, es sei nur darauf hingewiesen, daß solche Fälle in der Praxis doch recht selten auftreten, und man sich in der Wahl seiner Mittel nicht nach den berühmten 2 bis 3 Prozent Ausnahmen richten sollte. Aber auch im Falle von sehr komplexen Entscheidungssituationen ; scheint uns die Verdichtung von Entscheidungstabellen keine gute Lösung zu sein. Gerade in solchen Fällen ist es besonders wichtig, die Komplexität wirklich zu verringern. Und dazu ist die Verdichtung der falsche Weg, weil durch sie Zusammenhänge verdeckt werden, deren ausdrückliche Darstellung für die intelligente Handhabung des Systems gerade nötig wäre. Statt der Verdichtung sollte im Falle äußerst komplexer Entscheidungstabellen immer erst versucht werden, ob die Entscheidungssituation wirklich so komplex ist. Oft kann die Zahl der Bedingungen reduziert und/oder eine Aufteilung der einen Entscheidungstabelle in zwei oder mehrere Entscheidungstabellen erfolgen, von denen jede einzelne wieder überschaubar und praktikabel ist.

Wir haben es hier mit. einer "strukturierten" Entscheidung zu tun, die aus einer Entscheidungstabelle auf der 1. Ebene und zwei Entscheidungstabellen auf der 2. Ebene, also insgesamt aus drei

Entscheidungstabellen mit je 4 Regeln besteht. Jede einzelne Entscheidungstabelle ist leicht zu verstehen, und auch der Zusammenhang der drei Entscheidungstabellen wirft keine Verständnisprobleme auf. Insofern besitzen strukturierte Entscheidungstabellen dieselben Vorteile wie unstrukturierte, vollständige Entscheidungstabellen. Allerdings kommen dieselben Bedingungen und Aktionen in verschiedenen Entscheidungstabellen vor und müßten mehrfach programmiert werden. Außerdem sind strukturierte Entscheidungstabellen nicht so änderungsfreundlich; denn es zeigte sich, daß es nicht mit dem Umsetzen eines Kreuzchens abgeht, sondern eine eigene Entscheidungstabelle mit weiteren Regeln notwendig ist. Glücklicherweise führen nicht alle Änderungen zu diesem Ergebnis, sondern nur diejenigen, die den durch die Entflechtung "gekürzten" Redundanzbereich der vollständigen Entscheidungstabelle betreffen. Deshalb kann die Entflechtung von Entscheidungstabellen als der gegenüber der Verdichtung bessere Weg zur Reduzierung der Zahl der Regeln angesehen werden.

* Geschäftsführender Gesellschafter der Unternhmensberatung Integrata GmbH