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28.06.1996 - 

Telecom-Markt im Umbruch/Telekom-Vorstandsmitglied Gerd Tenzer zum 1. Juli 1996

Konkurrenz muß den Kampf um Marktanteile akzeptieren

CW: 1. Juli 1996 - ein magisches Datum auch für Ihr Unternehmen? Tenzer: Natürlich. Wenn die alternativen Netzinfrastrukturen, so wie die EU es vorschreibt, liberalisiert werden, ist dies für uns zweifellos von weitreichender Bedeutung.

CW: Das klingt sehr geschäftsmäßig, um nicht zu sagen, unterkühlt - aus der Sicht des unangefochtenen Noch-Monopolisten und Marktführers. Ist es aber nicht vielmehr so, daß die Telekom den Wettbewerb dort, wo er bereits seit längerem erlaubt ist und auch praktiziert wird, nämlich in der Datenkommunikation, empfindlich spürt?

Tenzer: Die Telekom wollte den Wettbewerb, und wir haben uns auf den 1. Juli 1996 gut vorbereitet. Nicht erst seit gestern übrigens, sondern schon seit Jahren. Und wir können viel bieten: Unsere Präsenz in der Fläche und unser Know-how als Vollsortiment- Anbieter. Was ebenfalls wichtig ist: Wir haben unsere Tarife, insbesondere auch bei den Mietleitungen, in Ordnung gebracht.

CW: Was nichts daran ändert, daß Ihre Mietleitungen für den Geschmack vieler Kunden und Wettbewerber immer noch zu teuer sind. Um so mehr freut sich ja die Branche auf die Freigabe alternativer Netze und den dadurch erhofften Preisrutsch bei den Tarifen.

Tenzer: Dieser Vorwurf hat wenig Substanz. Wir haben seit 1992 unsere Mietleitungstarife in den beiden Hauptsegmenten 64 Kbit/s und 2 Mbit/s um mehr als 50 Prozent gesenkt. Damit betrachten wir uns auch im internationalen Vergleich als sehr wohl wettbewerbsfähig, und der tägliche Kontakt mit unseren Kunden bestätigt dies auch.

CW: Auf die tägliche Praxis im Wettbewerb kommen wir noch zu sprechen. Lassen Sie mich aber zunächst versuchen, noch einen Widerspruch aufzuklären. Ihr Vorstandskollege Kröske hat kürzlich auf der Bilanzpressekonferenz von Umsatzverlusten in speziellen Marktsegmenten, unter anderem bei den Corporate-Network-Services, gesprochen. Andererseits behaupten Ihre Wettbewerber, daß sie aufgrund der Marktdominanz Ihres Unternehmens nur sehr schwer Geschäfte machen können. Was ist denn nun richtig?

Tenzer: Das paßt in der Tat nicht zusammen. Einerseits stimmt es, daß wir in einigen Bereichen Umsatzrückgänge zu verzeichnen haben - vor allem auch, weil wir die Preise gesenkt haben. Andererseits ist es doch lächerlich zu behaupten, die privaten Carrier würden kein Geschäft machen. Wir spüren die Konkurrenz und haben mit neuen Lösungen wie dem Telekom Designed Network und den City- Netzen längst den Wettbewerb um die Kunden angenommen. Ansonsten gilt: Wir kennen zwar die Kalkulationen unserer Wettbewerber nicht, aber wer in das Geschäft mit der Telekommunikation einsteigt, muß wissen, daß dies kein schnelles und vor allem kein billiges Abenteuer ist.

CW: Geht es noch ein bißchen konkreter? Wie hoch ist denn der derzeitige Marktanteil der Telekom im deutschen Datenkommunikationsmarkt?

Tenzer: Wir spekulieren nicht öffentlich über Marktanteile von uns und unseren Wettbewerbern. Aber eines kann ich Ihnen versichern: Wir werden Marktanteile niemals kampflos aufgeben.

CW: Aber erst, nachdem Sie von der privaten Konkurrenz wachgerüttelt werden. Angebote wie das Telekom Designed Network und auch die City-Netze bedeuteten stets die Reaktion auf neue Services des Wettbewerbs.

Tenzer: Wir haben bereits vor Jahren in den Bau von Glasfaserringen investiert, um nun entsprechende City-Netze anbieten zu können. Die Behauptung, wir hätten irgend etwas verschlafen, trifft also nicht zu. Und der Erfolg kleiner Nischenanbieter, der jetzt über Gebühr vermarktet wird, irritiert uns auch nicht. Ich sage noch einmal: Die Telekom bejaht ohne Einschränkung den Wettbewerb. Nur muß man auch zur Kenntnis nehmen und akzeptieren, daß wir um Marktanteile kämpfen.

CW: Bleiben wir noch kurz bei den zukünftigen Dienstleistungen und Übertragungstechniken. Die Telekom ruht sich für den Geschmack vieler Zeitgenossen zu sehr auf dem Erfolg von ISDN aus. Dies kann jedoch im Zeichen von Multimedia nicht das Maß aller Dinge sein. Was ist zum Beispiel mit dem seit längerem propagierten Hoffnungsträger ATM?

Tenzer: Zunächst einmal: Wir werden uns die Erfolgsstory ISDN durch meist unausgegorene Zukunftsszenarien nicht kaputtreden lassen. 3,9 Millionen verkaufte 64-Kbit/s-Kanäle im ISDN lassen sich nicht wegdiskutieren. Außerdem arbeiten wir, wie jedermann weiß, europaweit an ATM und man darf nicht vergessen, daß wir längst auch Services wie Frame Relay und SMDS anbieten - in Vorbereitung auf einen künftigen flächendeckenden ATM-Dienst. Wir müssen also auch in der Datenkommunikation ohne ISDN keinen Vergleich mit dem Weltstandard scheuen.

CW: Das klingt alles, schon seit Jahren übrigens, schön. Bleibt nur die Frage, wann ATM im WAN-Bereich bezahlbar sein wird.

Tenzer: Das ist längst der Fall. Ein Dienst wie Datex-M, aber auch das europaweite ATM-Projekt sind heute schon vernünftig tarifiert - sofern man dies in Relation zu den vielfach höheren Übertragungsraten setzt. Es ist eben, so banal es klingt, ein Unterschied, ob man von 64 Kbit/s oder 2, 34 und 155 Mbit/s spricht. Wobei, um dies auch einmal zu erläutern, die hohen Kosten nicht so sehr auf der Vermittlungsseite, sondern bei der Übertragung entstehen. Erlauben Sie mir zudem noch eine Klarstellung: Wir zwingen ISDN dem Markt nicht auf, die Kunden wollen dieses Produkt, weil damit auf vielfältige Weise und sehr kostengünstig ihren Kommunikationsbedürfnissen Rechnung getragen wird.

CW: Kommen wir auf den Wettbewerb mit der privaten Konkurrenz im deutschen Corporate-Network-Markt zurück. Da scheint meistens mit sehr harten Bandagen gekämpft zu werden, wobei seitens Ihrer Wettbewerber immer wieder Vorwürfe wie unzulässige Quer- subventionierung, Dumping-Preise sowie Verzögerungen bei der Freischaltung von Mietleitungen laut werden.

Tenzer: Bei uns hat sich noch kein einziger der von Ihnen ins Spiel gebrachten Anbieter beschwert. Und es gibt auch keinerlei Grund für solche Klagen. Vorwürfe dieser Art sind absolut ungerechtfertigt. Wir führen genaue Statistiken über die jeweiligen Bereitstellungszeiten von Mietleitungen, und da gibt es keinen Unterschied zwischen dem Betreiber von D2 (Mannesmann Mobilfunk, Anm. d. Red.) und irgendeinem Carrier, der Corporate- Network-Services anbietet. Wir wären schlecht beraten, wenn wir versuchen würden, den Wettbewerb an dieser Stelle zu behindern.

CW: Thema neues Telekommunikationsgesetz. Das Veto des Bundesrates in quasi letzter Sekunde hat nicht wenige Experten überrascht. Kann sich der Noch-Monopolist hier gemütlich zurücklehnen und mit Ruhe den weiteren Gang der Dinge abwarten?

Tenzer: Keinesfalls. Alle Marktteilnehmer benötigen dringend Planungssicherheit - schließlich geht es um Investitionen in Milliardenhöhe. Und gerade für die Deutsche Telekom, die im November an die Börse geht, ist eine Verabschiedung des Gesetzes vor der Sommerpause von elementarer Bedeutung. Danach wird es darauf ankommen, daß die Auslegungen des Gesetzes, also die ergänzenden Verordnungen, ein faires Miteinander im Wettbewerb ermöglichen.

CW: Bezweifeln Sie dies?

Tenzer: Nein. Ich möchte aber schon noch einmal darauf hinweisen dürfen, daß Fairneß eine Gleichbehandlung aller Wettbewerber erfordert. Das Bild von den zarten Pflänzchen der neuen Wettbewerber, die es zu schützen gilt, war von Beginn an nicht richtig. Wir haben es vielmehr mit finanzstarken Unternehmen zu tun, die in ihrem Stammgeschäft noch immer das sind, was wir einmal waren, nämlich Monopolisten. Insofern werden wir spätestens 1998 einen beinharten Wettbewerb haben. Was ja auch, ich betone es noch einmal, nicht schlecht ist, denn Telekommunikation ist kein Geschäft für Hasardeure, die über keinen langen Atem verfügen.

CW: Nach Möglichkeit ohne unliebsame Regulierungsbehörde?

Tenzer: Eine vorauseilende Regulierung paßt nicht zur Marktwirtschaft und zu einem offenen Telekommunikationsmarkt. Für eine Übergangszeit wäre es uns lieber, Zusammenschaltung sowie Tarifierung bilateral zu regeln und nur bei einer Nichteinigung den Regulierer anzurufen. Ich sage daher noch einmal: Es wird sehr viel Fingerspitzengefühl von allen Seiten notwendig sein, um in den nächsten Jahren einen wirklich fairen Wettbewerb zu praktizieren.

CW: Aber es könnte eine neue, von der Telekom geschürte Monopoldiskussion auf die Republik zukommen. Tenzer: Nein. Die Zeit der Monopole geht unweigerlich zu Ende, auch auf dem Energiesektor. Wir wollen lediglich Gleichberechtigung und faire Bedingungen. Wettbewerb heißt eben für uns auch, daß sich die Telekom bei ihren Tarifen und bei ihrem Auftritt im Markt wettbewerbsorientiert verhalten kann.

CW: Blicken Sie beim Thema Regulierung eigentlich noch nach Bonn und Berlin oder gleich nach Brüssel, wo man Ihrem Unternehmen schon öfters, zuletzt bei den umstrittenen Großkundenrabatten, die Tour vermasselt hat?

Tenzer: Wir schielen weder nach Bonn oder Berlin noch nach Brüssel - wir wollen den Markt respektive unsere Kunden bedienen. Die von Ihnen angesprochenen Großkundenrabatte sind jedoch ein gutes Beispiel dafür, wie Regulierung in Zukunft eben nicht ablaufen darf. Denn was haben wir getan? Wir haben rechtzeitig auf den Wettbewerb reagiert und unsere Preise angepaßt - nicht mehr und nicht weniger. Wir sind aber sehr optimistisch, daß in dieser Frage bald eine tragfähige Lösung für alle Seiten gefunden wird.

CW: Sie haben vorhin das Thema Zusammenschaltung angesprochen - ein Punkt, der im neuen Gesetz nur sehr schwammig formuliert ist und der vor allem Ihren Wettbewerbern noch einiges an Kopfzerbrechen bereitet.

Tenzer: Technische Spezifikationen zu regeln ist nicht Sinn und Zweck eines Gesetzes. Überdies sollte, um es noch einmal zu wiederholen, die Regulierung in dem Maße abnehmen, wie der Wettbewerb zunimmt. Wir arbeiten bei der Frage der Interconnection zusammen mit dem Regulierer, unseren Wettbewerbern und der Industrie sehr intensiv an Lösungen, die sich in entsprechenden Verordnungen niederschlagen werden. Die dann gefundene Regelung muß und wird für alle fair sein. Ich darf aber ergänzen: Interconnection ist für uns nichts Neues. Im internationalen Telefonverkehr oder im Mobilfunk mit D2 und E Plus, aber auch mit unserer eigenen Tochter DeTeMobil (D1, Anm. d.Red.) hat es bei dieser Thematik nie Probleme gegeben.

CW: Gilt dies auch für den neuen bundesweiten Rufnummernplan?

Tenzer: Was diese Frage angeht, sind wir uns mit dem Regulierer, den Herstellern und unseren Wettbewerbern weitgehend einig. Hier sehe ich keinen Diskussionsbedarf mehr - mit einer Ausnahme: den Kosten für die dazu notwendigen Maßnahmen, etwa die Implementierung neuer Software in unseren Vermittlungsstellen. Darüber wird in den nächsten Wochen noch zu reden sein.

CW: Abschließend ein Thema, das derzeit nicht fehlen darf: das Internet. Sehen Sie in der "Mutter aller Netze" nicht eine weitere unerwartete und unliebsame Konkurrenz?

Tenzer: Ich wüßte nicht, warum. Erstens: Wir begrüßen alles, was zum Anstieg des weltweiten Telekommunikationsaufkommens beiträgt und letztlich auch der Deutschen Telekom als Netzbetreiber und führendem Online-Anbieter in Deutschland nutzt. Zweitens: Wir haben keinerlei Berührungsängste mit dem Internet und unsere entsprechenden Aktivitäten deutlich ausgeweitet. Denken Sie daran, daß wir künf- tig als vollwertiger Internet-Provider agieren werden, oder nehmen Sie die Kooperation mit Microsoft..