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05.01.1996

Konrad Zuse - der Erfinder des Computers zieht Bilanz

CW: Herr Professor Zuse, Sie gelten als Vater der Computertechnik ...

Zuse: ...das ist nett, dass Sie das so feststellen. Man sollte aber doch Charles Babbage erwaehnen, der schon im letzten Jahrhundert Rechenmaschinen bauen wollte. Die unzureichenden Moeglichkeiten der damaligen Zeit hinderten ihn daran, eine erfolgreich arbeitende Maschine zu realisieren.

CW: Sie rueckten 1936 zunaechst mit der Z1 und 1943 dann mit der Z3 ins Rampenlicht ...

Zuse: ... also, im Rampenlicht stand ich sicher nicht. Im Gegenteil: Waehrend des Krieges mussten wir groesste Zurueckhaltung wahren. Im uebrigen entspricht es nicht meiner Natur, mit noch laufenden Entwicklungen schon an die OEffentlichkeit zu gehen.

CW: Die Z3 ist aber in ganz erheblichem Umfang praktisch eingesetzt worden.

Zuse: Sicher haben wir die Maschine bei der Deutschen Gesellschaft fuer Luftfahrt fuer eine Vielzahl von Berechnungen genutzt. Wir wollten aber eher herausfinden, was man alles damit machen kann. Zum gleichen Zeitpunkt entstanden ja schon die Plaene fuer die sehr viel leistungsfaehigere Z4.

CW: Wie kamen Sie als Bauingenieur eigentlich auf die Idee, sich mit Rechenmaschinen zu beschaeftigen?

Zuse: Ein Bauingenieur hat eine Menge zu rechnen. Die meisten Kalkulationen mussten noch von Hand durchgefuehrt werden, obwohl sie sich ihrer Struktur nach durchaus fuer eine Automatisierung geeignet haetten. Die Frage war, wie sich immer wiederkehrende Aufgaben rationalisieren lassen.

Alle Rechenmaschinen funktionierten damals mechanisch - auch die Lochkartengeraete natuerlich. Bei den ersten Untersuchungen stellte sich schnell heraus, dass mechanische Geraete zwar fuer Speichervorgaenge hervorragend geeignet sind, aber relativ schlecht fuer die eigentlichen Rechenvorgaenge. Freunde aus der Nachrichtentechnik haben mir dann gezeigt, wie die Relaistechnik arbeitet. Das fuehrte dazu, dass ich die ganze Maschine noch einmal auf Basis von Relais gebaut habe. So entstand aus der Z1 dann die Z3.

CW: Sind Ihre Arbeiten informationstheoretisch durch John von Neumann beeinflusst worden?

Zuse: Nein. Von Neumann ist ja erst spaeter in Princeton auf das Thema gestossen. Er war sicher der erste Amerikaner - allerdings europaeischer Herkunft -, der sich mit den grundlegenden Fragen der Informationsverarbeitung beschaeftigt hat. So wurde auch lange in der Geschichtsschreibung das Axiom aufrechterhalten, der Computer sei eine amerikanische Erfindung. Da stand Aiken im Ruf, die Grundideen realisiert zu haben. Von Neumann wurde zugeschrieben, er habe die Programmspeicherung erfunden - aber die hatte ich schon vor ihm realisiert.

Es steht ausser Zweifel, dass von Neumann fuer die Entwicklung der Computertechnik eine herausragende Rolle spielte - der Vater des Computers ist er aber nicht. Die Voraussetzung fuer die Verwirklichung seiner Ideen war, dass man ausreichende Speicherkapazitaet und hinreichende Arbeitsgeschwindigkeit zur Verfuegung stellen kann. Dies war selbst fuer Aiken noch ein Hindernis: Er konnte ja noch nicht ueber die Gleikomma-Arithmetik verfuegen. Im "Plankalkuel" (Anm. d. Red.: Grundlegende Schrift von Zuse zur Informationsverarbeitung) waren bereits alle grundsaetzlichen UEberlegungen dargelegt.

Aus dem Jahr 1939 gibt es von mir Tagebuchnotizen, die wesentliche Elemente der heutigen Computerarchitektur bereits belegen. Dazu zaehlen beispielsweise die Schaltalgebra oder die mathematische Logik. Selbst die Theorie der Schachspiele ist dort schon in Grundzuegen beschrieben. Ich habe damals von "lebenden Rechenplaenen" gesprochen.

CW: In der Z1 haben Sie eine mechanische Nachbildung heutiger Logikgatter realisiert ...

Zuse: ...das ist richtig. Erst mit dem Logikgatter beginnt die AEra des wissenschaftlichen Rechnens. Wenn Sie sich das Modell der Z1 in Berlin anschauen, dann werden Sie dort auch schon die Realisierung von bedingten Befehlen mit mechanischen Mitteln sehen koennen. 90 bedingte Befehle wurden dort eingebaut - festverdrahtet, wohlgemerkt. Sobald dann die Maschinen schnell genug sind, kann man natuerlich statt Festverdrahtung auch Programmsteuerung einsetzen. Fuer mich war das nichts Neues. Im "Plankalkuel" koennen Sie nicht nur die Beschreibung eines Rechners und seinen logischen Aufbau nachlesen, sondern auch die allgemeine Beschreibung von Programmen.

CW: Siemens hat Ende der 50er Jahre einen volltransistorierten Rechner mit der 2002 herausgebracht, der auch in Serie gefertigt wurde. War das der erste Rechner dieser Bauart?

Zuse: Nicht nur Siemens war hier taetig. In Wien nahm Professor Zemanek fuer sich in Anspruch, mit seinem "Mailuefterl" den ersten transistorierten Rechner in Europa konstruiert zu haben. Zemanek hat seine Maschine uebrigens bewusst so genannt, weil in den USA zu diesem Zeitpunkt der "Whirlwind" entstand, der aber noch auf Roehrentechnik basierte.

In die Streitfrage, wer nun den ersten transistorierten Rechner in den Markt brachte, will ich hier nicht eingreifen. Dass er aber in Europa entstand, scheint mir unstrittig zu sein. Der Stand auf diesem Gebiet war hier tatsaechlich bemerkenswert. Dass sich die Konzepte meistens nicht durchsetzten, lag mehr am Markt als an den Maschinen selbst. Es fehlte einfach die Weltmarktbasis, um eine wirkliche Grossserienfertigung in die Wege leiten zu koennen. Erst die Kostendegression durch Grossstueckzahlen konnte die Verbreitung der Computer beschleunigen.

CW: Kann man daraus schliessen, dass die deutsche Datenverarbeitung Ende der 50er Jahre technisch wettbewerbsfaehig war?

Zuse: Technisch ja - die Probleme kamen meiner Ansicht nach ausschliesslich aus dem zu kleinen Markt. Die Geraete von Siemens, Zuse und Telefunken wurden fast ausschliesslich im deutschsprachigen Raum verkauft - ein viel zu kleiner Basismarkt, um die Entwicklungskosten wieder hereinzuspielen und zu rationellen Produktions-kosten zu kommen. Erfolgreicher war die IBM mit ihrer Serie /360 - das war damals ein grosser Technologiesprung. Mit dieser Maschine ging IBM dann auch wirklich auf den gesamten Weltmarkt, was zu einer absolut dominierenden Marktposition fuehrte.

CW: War fuer Konrad Zuse nach dem Aufkommen des integrierten Schaltkreises absehbar, dass man eines Tages einen Computer bauen wuerde, dessen wesentliche Teile nicht einmal die Flaeche einer DIN-A4-Seite benoetigen?

Zuse: Die heutige Miniaturisierung haben wohl auch die Pioniere von damals nicht voraussehen koennen. UEber meine Ideen fuer eine Verkleinerung habe ich mich schon relativ fruehzeitig ausgelassen. Mir schwebte ein anderer Weg vor, naemlich der ueber die "selbstreproduzierenden Systeme". Die Idee war nicht nur damals zu kuehn - sie ist es wohl auch heute noch.

Meine Loesungen verfolgten einen logischen Ansatz - in Richtung einer verbesserten Computerarchitektur. Da wir uns zum Zeitpunkt des "Plankalkuel" in der UEbergangsphase vom Relais zur Roehre befanden, war der naechste Schritt, naemlich die Transistorierung nicht vorauszusehen - von den integrierten Schaltkreisen ganz zu schweigen.

CW: In der Systemarchitektur eines Rechners, in der "Logik" also, haben sich in den vergangenen Jahren neue Aspekte ergeben, die heute in Begriffen wie "Parallelverarbeitung" oder "Neuronale Netze" gipfeln. War so etwas fuer Sie vorhersehbar?

Zuse: Durchaus. In den 50er Jahren entwickelte ich die Idee der "Feldrechenmaschine", bei der ein ganzes Datenfeld in einem Arbeitsschritt verarbeitet werden konnte. Eine physikalische Realisierung dafuer waeren Maschinen mit Trommelspeichern gewesen, sie wurden aber von der technischen Entwicklung ueberrollt. Die ersten Gedanken ueber parallele Rechner - wenn Sie die Feldrechenmaschine dazuzaehlen wollen - habe ich in den 50er Jahren schon in Patentschriften niedergelegt.

CW: Die ueberwiegende Zahl der Computer lebt heute noch immer von der sequentiellen Abarbeitung der Befehle im Sinne der Turing-Maschine ...

Zuse: Turing dachte ultrasequentiell. Seine Maschine ist nur theoretisch zu realisieren. Noch niemand hat versucht, eine Turing-Maschine wirklich praktisch umzusetzen.

CW: Die Z1 war etwas absolut Originaeres, das zuvor nicht einmal gedacht war ...

Zuse: ... wenn man einmal von Charles Babbage absieht . . .

CW: ... der aber an praktischen Problemen scheiterte. Hat Konrad Zuse einen Quantensprung in einer voellig neue Technologie geschaffen?

Zuse: In aller Unbescheidenheit: Kann man sicher sagen.

CW: Koennen sich in der Informationsverarbeitung solche Quantenspruenge wiederholen?

Zuse: Erfindungen sind nicht vorauszusehen - sonst waeren sie ja nur Konstruktionen. Andererseits darf man nicht vergessen, dass bestimmte Dinge "in der Luft" liegen. Grundideen werden oft unabhaengig voneinander an vielen Stellen der Welt gleichzeitig verfolgt. Die Erfindung des Computers ist hierfuer ein sehr gutes Beispiel: Bis 1945 habe ich voellig abgeschnitten von der Aussenwelt allein an dem Thema gearbeitet, ohne zu wissen, dass woanders in der Welt aehnliche Arbeiten liefen. Ich hatte nur das Glueck, drei Jahre vor der Konkurrenz fertig zu sein.

Um aber Ihre Frage zu beantworten: Ich glaube schon, dass grundsaetzlich Neues auch auf diesem Gebiet noch erfunden wird. Es reicht aber sicherlich nicht, Venture-Kapital zu besorgen und sich zehn gute Koepfe zu kaufen. Die Garantie, dass diese zehn Koepfe Ihnen in den naechsten drei Jahren die entscheidende Idee liefern - diese Garantie kann Ihnen niemand geben.

In Deutschland sind viele Ideen frueh dagewesen und dann in die Schubladen gewandert - realisiert wurden sie dann spaeter von den Japanern. Vielleicht sollte man in den Schubladen noch einmal nachschauen, ob da nicht noch ein paar gute Gedanken von frueher ruhen, die nur nicht aufgegriffen wurden. Denn es gibt viele gute Ideen, die schon 30 Jahre alt sind: Das Antiblockiersystem im Auto beispielsweise. Nur konnte man es damals technisch noch nicht mit ertraeglichem Aufwand realisieren.

CW: Gab es waehrend der Entwicklung der Z3 einen Zeitpunkt, zu dem sich der Wissenschaftler Zuse vom Ethiker Zuse ins Handwerk greifen liess? Haben Sie einmal gezoegert, Ihre Entwicklung fortzufuehren?

Zuse: Doch, doch. Ich wusste beispielsweise, dass der beruehmte Draht vom Rechenwerk zum Programmwerk die Programme selbst veraendern kann. Mit diesem Schritt kann man im Faustschen Sinn auch den Teufel beschwoeren. Ich habe diesen Draht nicht gelegt - und ich brauchte dies auch nicht fuer die Probleme, an denen ich waehrend des Kriegs gearbeitet habe. Im nachhinein hat das aber nach draussen den Eindruck erweckt: "Der Zuse ist ja nicht einmal auf die Idee des selbstaendigen Programms gekommen!" Im "Plankalkuel" koennen Sie's aber nachlesen.