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16.04.1993 - 

Kleinbetriebe diskutieren ueber Anforderungen an Euro-Softwerker

Konzernmitarbeiter passen nicht zu beweglichen Mittelstaendlern

Die Kleinen haben es nicht so mit den Grossen - und in der jetzigen Konjunkturlage erlauben sich die Mittelstaendler manch kraeftigen Seitenhieb an die Adresse der Konzerne. So geschehen auf der CeBIT, anlaesslich einer COMPUTERWOCHE-Podiumsdiskussion mit den Gewinnern des Preises "Software in Europa".

"Selbst Grossunternehmen zerfallen in mittelstaendische Einheiten und organisieren sich neu", so dass eine Struktur entstehe, die mehr Eigenverantwortlichkeit und Marktnaehe gewaehrleiste, beobachtet Ordat-Geschaeftsfuehrer Hermann Schaefer, dessen Unternehmen den von 1 & 1 EDV Marketing und dem IDG-Verlag ausgeschriebenen Wettbewerb gewann. Der Preis soll bei mittelstaendischen Unternehmen den Europa-Gedanken dahingehend foerdern, dass sie ihre Produkte von Beginn an auf den europaeischen Markt ausrichten (siehe Kasten S. 46).

Voraussetzung sei allerdings, so Reinhard Kuehnel, Geschaeftsfuehrer der daenischen Sam-X und Distributionspartner des dritten Siegers, der Software of the Future Inc., Soignes, Belgien, die richtigen Mitarbeiter zu finden, was gar nicht so einfach ist. Vor zwei Wochen habe sein Unternehmen DV-Spezialisten eingestellt. Man entschied sich dabei fuer zwei junge Mitarbeiter, die den Eindruck vermittelten, Spass an den neuen Aufgaben zu entwickeln. Unter den ueber 500 Bewerbern kamen 70 Prozent aus Grossunternehmen, "und die brauchen wir nicht, sie sind erstens zu Mainframe-orientiert und zweitens zu sehr vom Denken ihres Arbeitgebers gepraegt". Schaefer setzt noch eins drauf: "Wir haben schlechte Erfahrungen gemacht mit Beschaeftigten, die in Grossbetrieben arbeiteten."

Wechselwillige Datenverarbeiter muessten sich vor Augen halten, dass der Mittelstand eine Organisationsform sei, in der im Prinzip jeder alles im Unternehmen machen muesse - vom Vorbereiten einer Messe bis hin zu Kundengespraechen. Auch die Hochschulabsolventen gingen von falschen Voraussetzungen aus: "Berufseinsteiger meinen, sie kommen in eine Goldgraeberlandschaft", und die gebe es nicht mehr.

Dass sich unter den Kandidaten mittlerweile auch viele osteuropaeische Jobsuchende befinden, ist seit den revolutionaeren Ereignissen in den Ex-Comecon-Laendern keine Seltenheit mehr. Weniger erfreut ueber diese Entwicklung sind die osteuropaeischen Unternehmer, denen die besten Mitarbeiter in den Westen weglaufen. "Mehr als 500 bis 600 Mark Monatsgehalt koennen wir nicht bezahlen", meint Radosvet Todorov, dessen Softwarehaus Synthesis Soft aus Sofia den zweiten Rang in Hannover belegte.

In seinem Land muesse man nun versuchen, die talentierten DV- Spezialisten zu ueberzeugen, gute Software zu schreiben. Denn vor der Wende hatten sie sich eher dafuer einen Namen gemacht, "die Programme mit Viren zu infizieren".

Zwar arbeiten nach Schaefers Angaben ostdeutsche DV-Profis im Westen, die aufgrund ihrer niedrigen Gehaltsforderungen den Zorn der Wessis hervorrufen. Der Geschaeftsfuehrer kann sich aber nicht vorstellen, dass es zu einer Massenflucht von Ost-DV-Profis nach Westeuropa kommen wird: "Es geht nicht darum, dass im Akkord kodiert wird, sondern dass die DV-Experten konzeptionell arbeiten." Der Ordat-Chef benoetigt keine "Programmierknechte" mehr, sondern den "flexiblen, sprachgewandten, und psychologisch trainierten Profi".

Auch der daenische Geschaeftsfuehrer erinnert an die hohen Anforderungen, die er an seine Beschaeftigten stellt, wobei nicht das technische Know-how im Vordergrund stehe: "Unser Mitarbeiter muss Katalysator sein, sich in die Anwendungsbereiche hineindenken koennen, um es dann in ein Programm umzusetzen".

Um ein Mentalitaetsproblem, das zumindest im Ansatz auch im Westen vorzufinden ist, geht es auch bei den Ostbeschaeftigten. Waehrend sich im Westen Konzernangestellte oft schwertun, bei einem Mittelstaendler Fuss zu fassen, hat die realsozialistische Staatswirtschaft jedweden Initiativgeist getoetet. Der sichere Job bis zur Rente hat zur Traegheit verleitet.

Deshalb stellt Todorov nach Moeglichkeit nur junge Mitarbeiter ein: "Die Mentalitaet der Beschaeftigten aus ehemaligen Staatsbetrieben ist sehr schwierig." Die Umstellung von einer Staats- zu einer Marktwirtschaft sei komplizierter, als sich das viele gedacht haetten.

Die Frage, wer sich fuer den Mittelstand eignet, ist nicht eindeutig zu beantworten. Zwar favorisiert auch Kuehnel genau wie der bulgarische Manager junge Mitarbeiter. Er weist aber auch auf einen wunden Punkt in der Ausbildung hin, die ihm nicht praxisnah genug ist. Die Kritik des deutschen SW-Chefs ist grundsaetzlicher Natur: "In ueberfuellten Hoersaelen halten Professoren Vorlesungen, die nie ein Firmenbuero von innen gesehen haben." Die heutige Studentengeneration werde spaeter nicht in der Lage sein, breitangelegte integrierte Informationssysteme zu entwickeln.

Euro-Software ausgezeichnet

Zum zweiten Mal zeichneten der IDG-Verlag und die 1&1 Marketing EDV GmbH, Montabaur, auf der CeBIT mittelstaendische Unternehmen aus ganz Europa aus, deren Produkte bereits den Anforderungen des Binnenmarktes gerecht werden. Die Jury vergab im Rahmen einer Galaveranstaltung in Hannover den Marketing-Preis "Software in Europa" in drei Kategorien und den Innovationspreis.

Den ersten Preis erhielt das Giessener Softwarehaus Ordat fuer die PC-Server-Loesung Foss, ein branchenneutrales Produktions-Planungs- und Steuerungssystem, das nach Auffassung der Jury "konsequent den Trend zum Downsizing umsetzt" und einen europaeischen Support ermoeglicht.

Den zweiten Preis bekam das bulgarische Softwarehaus Synthesis Soft, das mit "Alphawin" eine Windows-Applikation entwickelte, die Zeichensaetze zur Verfuegung stellt, wie sie vor allem im europaeischen Raum verwendet werden.

Bronze erhielt schliesslich das Unternehmen Software of the Future Inc. mit Europasitz in Belgien. Das preisgekroente Produkt "Market- Forcei" unterstuetzt grenzueberschreitende Vertriebs- und Marketing- Aktivitaeten.

Als beste Innovation bewertete das Schiedsgericht die Software "Idegenii" des finnischen Softwarehauses CAC Research Oy, Helsinki. Die Nordeuropaeer erhielten die Auszeichnung fuer eine Brainstorming-Software, einem Werkzeug zur Ideenfindung.