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08.05.1992 - 

Minicomputer-Marktführer mit dem Rücken zur Wand

Kooperation mit Microsoft birgt Chancen und Risiken für Digital

BOSTON (jm) - Die Digital Equipment Corp. (DEC) setzt ihre Kunden momentan einem Wechselbad der Gefühle aus: Die Ankündigung einer weitreichenden Zusammenarbeit mit Microsoft zur Portierung von Windows NT auf den Alpha-Chip setzt dabei nach Meinung von Branchenbeobachtern positive Akzente, neueste Informationen über einen drastischen Personalabbau bei DEC zeigen aber auch, daß Digital noch nicht über den Berg ist.

Der in der Vergangenheit zunehmend kritisierte Autokrat und Firmenchef Kenneth H. Olsen zeigte denn auch vor der Presse anläßlich der Eröffnung der "Decworld" in Boston Zeichen der Selbstkritik.

Die Erfolge der "Marketing-Company DEC" in den 60er und 70er Jahren hätten Digital letztlich in die heutige Malaise geführt: "Wir haben in den 70er Jahren an Effektivität verloren, weil wir zu schnell gewachsen sind."

Zudem habe es DEC in der jüngeren Vergangenheit versäumt, sich auf das Applikationsgeschäft zu konzentrieren. Analysiert DEC-Chef Olsen: "Wir produzierten in der Vergangenheit Computersysteme für alle möglichen Bereiche, bis wir Tonnen von Werbebroschüren für all diese Produkte drucken mußten."

Die nunmehr abgeschlossene Umorganisierung werde dieser Zerfledderung der Aktivitäten ein Ende setzen.

Von den insgesamt sechs Geschäftsbereichen seien allein drei mit Applikationsaufgaben befaßt, zudem habe man dafür gesorgt, daß hausintern die Hardware-Leute verstärkt mit den Applikationsentwicklern zusammenarbeiten.

Die verstärkte Ausrichtung auf das Applikationsgeschäft wird durch die angekündigte Zusammenarbeit mit Microsoft unterstrichen. Die Vereinbarung zwischen dem Minicomputer-Marktführer und dem PC-Software-Leader ist im Detail sehr weitreichend, läßt deshalb nach Meinung von Beobachtern auf die großen Hoffnungen - vor allem der DEC-Company - schließen, die an die symbiotischen Effekte dieser Kooperation geknüpft sind.

Windows-Anwendungen für Alpha-Plattform

Die Vereinbarung sieht im einzelnen vor, daß beide Unternehmen das 32-Bit-Betriebssystem Windows NT auf Alpha portieren. Microsoft wird Windows-Anwendungen für Alpha und Windows NT verfügbar machen. Die Kombattanten wollen zudem gemeinsam Sorge dafür tragen, daß für Windows NT geschriebene Anwendungen sowohl auf Alpha- als auch auf Intel- und Mips-Plattformen ablauffähig sind. Hierzu bedienen sich beide entsprechender Microsoft-Compiler.

Microsoft wird ferner als Teil des Windows-NT-SDKs (Software Development Kit) eine komplette Reihe von Alpha-SDK-Tools anbieten. DEC andererseits portiert die Client-Software für Transaktionsverarbeitung "Dectp Desktop für ACMS" auf alle NT-Plattformen, während die Gates-Company die DEC-X-Server-Software "Excursion" für Windows NT anbieten will. Damit werde die Zusammenarbeit von X-Window-Anwendungen auf Unix- und VMS-Systemen ermöglicht.

Außerdem werden DEC und Microsoft das gemeinsam entwickelte "SQL-Server-Gateway"-Produkt für "rdb/VMS" vermarkten, womit Windows-Anwender über den SQL-Server von über 120 Anwendungen Zugriff auf DECs rdb-Datenbank-Produkt haben.

Anti-Unix und Gegnerschaft zu IBM

Digital will zudem in Zukunft sowohl Windows NT als auch "eine breite Palette an Microsoft-Applikationen" unterstützen und im Zuge einer Lizenzvereinbarung mit dem PC-Softwareriesen dessen Kurse und Videoproduktionen in den DEC-Trainingszentren anbieten. Marktbeobachter gewinnen den getroffenen Vereinbarungen sowohl Positives wie Negatives ab: Beide hätten, urteilt etwa das Marktforschungsunternehmen International Data Corp. (IDC), ein gemeinsames Ziel. Dieses heiße Anti-Unix und Gegnerschaft zu IBM. Zudem ergänzten sich beider Stärken hervorragend: Microsoft sei stark bei PC-Betriebssystemen und Anwendungssoftware sowie in den Marketing-Aktivitäten, DEC hingegen habe es in der Vergangenheit vor allem verstanden, heterogene Systeme zu vernetzen, PCs zu integrieren, selbst komplexe Systemsoftware zu entwickeln sowie eine schlagkräftige Verkaufs- und Serviceorganisation zu etablieren.

Der größte Kritikpunkt ist nach Analystenmeinung die Tatsache, daß sowohl die Alpha-Technologie als auch Windows NT bislang und auch in naher Zukunft noch nicht existent sind. Bis für den Anwender nutzbare Produkte auf dem Markt seien, werde noch eine geraume Zeit vergehen. Hierzu paßt auch Olsens Eingeständnis gegenüber der COMPUTERWOCHE, bislang habe man nach Cray und Kubota weder neue Lizenznehmer für den Alpha-Chip gewinnen können noch sei ein Unternehmen in Sicht, daß den Alpha-Prozessor in Lizenz für DEC produziere. Ein heißer Kandidat - so ein DEC-Insider - sei allerdings Siemens.

Neben den offensichtlich nicht einfachen Lizenzverhandlungen in Sachen Alpha schockte DEC die Wallstreet-Börsianer mit der Eröffnung, daß man im Geschäftsjahr 1993 (Beginn 1. Juli 1992) weitere 10 000 bis l5 000 Arbeitsplätze einsparen werde, wodurch Rückstellungen in Höhe von etwa einer Milliarde Dollar fällig würden. Olsen war in der jüngsten Vergangenheit wiederholt wie die Katze um den heißen Brei um das Entlassungsthema gestrichen und hatte diesbezügliche Fragen gegenüber der Presse mit der nebulösen Bemerkung gekontert, man werde sich in gewissen Geschäftsbereichen nicht mehr engagieren.