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11.09.1992 - 

CASE-Repository auf dem Hostrechner gilt als überholt

Koordination ist auch ohne zentrale Komponente möglich

Spätestens seit IBM das Ende des Repository Manager/MVS eingeläutet hat, weiß es die gesamte CASE-Branche: Ein Host-basiertes Repository ist nicht unbedingt notwendig. Vielmehr nutzen moderne Entwicklungssysteme und Methoden heute zumeist Client-Server-Architekturen. Die Koordinationsfunktion des Repositories muß dabei keineswegs verlorengehen.

Die rasante Entwicklung von Software und Hardware hat zu einer unüberschaubaren Vielfalt von CASE-Tools geführt. Im Mittelpunkt dieses Werkzeugkastens soll deshalb ein Repository stehen - als zentrale Drehscheibe für sämtliche Daten und Metadaten eines Unternehmens - vom strategischen Modell bis hin zum einzelnen Rechnungsformular.

Seit Beginn der jüngsten CASE-Epoche, also seit der Ankündigung des Repository-Managers/MVS im September 1989, spielen neben den technischen Merkmalen der Werkzeuge auch andere Fragen eine Rolle: Wer darf mitmischen im großen Konzert, wer kauft wen, wer kooperiert mit wem?

Akzeptanz der Anwender ist absolut unerläßlich

Eine Binsenweisheit, die sich in nahezu jedem Aufsatz zum Thema CASE, speziell zur CASE-Einführung, findet, lautet: Eine CASE-Einführung kann nur gelingen, wenn das Top-Management sie voll unterstützt und besondere organisatorische Maßnahmen zur Vorbereitung getroffen werden.

Diese Aussage steht im krassen Gegensatz zu allen Erfahrungen, die im DV-Alltag gemacht werden. Danach ist ein DV-System dann zum Scheitern verurteilt, wenn es nicht zumindest die Grundzüge der vorhandenen Organisation berücksichtigt.

Das Urteil hierüber sprechen letztlich die Anwender. Sie können zwar die technische Qualität eines DV-Systems nicht fachkundig beurteilen, aber was nützt die beste Ware, wenn sie nicht gekauft wird, oder das beste DV-System, wenn ihm die beabsichtigten Benutzer die Akzeptanz versagen?

Die Forderung nach Unterstützung durch das Management steht auch im Gegensatz zu den Aussagen der Hersteller, worin diese für sich in Anspruch nehmen, Systeme zu entwickeln, die sich nach dem Benutzer richten statt umgekehrt. Und last but not least widerspricht diese Forderung den aktuellen Entwicklungen im organisatorischen Bereich: weg von der zentralistischen Organisation hin zu dezentralen, projektbezogenen und ganzheitlichen Ansätzen mit flexibler Telearbeit in vielen Bereichen.

Hardware und Software gestatten mit Hilfe von leistungsfähigen Netzwerken und Client-Server-Architekturen schon heute die dezentrale Abwicklung vieler Aufgaben: Nicht nur der Sachbearbeiter kann heute-dank Modem und Datenleitung-von praktisch jedem beliebigen Ort aus seine Arbeit ausführen; dasselbe gilt für Software-Entwicklungs- und Management-Arbeit. Was soll in dieser Landschaft nun ein zentralistischer Block namens Repository, der diesen Entwicklungen exakt zuwiderläuft?

Die Metamorphose, die wir derzeit auf dem Sektor der Datenverarbeitung erleben hat einen prominenten Vorgänger: die Entwicklungsgeschichte des Motoreneinsatzes in der verarbeitenden Industrie.

Es begann am Anfang des 19. Jahrhunderts mit der stationären Nutzung der Dampfkraft. Die Leistungsfähigkeit der ersten Dampfmaschinen erlaubte lediglich den Betrieb einzelner Geräte; ausgewählt wurden die für das Unternehmen wichtigsten Komponenten mit dem höchsten Energieverbrauch. Alles andere mußte nach wie vor mit menschlicher oder auch tierischer Muskelkraft angetrieben werden

Die Leistungssteigerung der Dampfmaschinen schritt voran, und bald konnten ganze Fabrikhallen von einem zentralen Motor angetrieben werden: Viele Einzelmaschinen hingen an Transmissionsriemen und liefen im Gleichschritt mit dem Zentralmotor. Blieb der stehen, so stand alles still.

Parellel zur Computerhardware

Wesentlich kleinere Diesel-und vor allem Elektromotoren hielten nach und nach Einzug in die einzelnen Maschinen einer Fabrikhalle; diese wurden dadurch unabhängig vom Zentralmotor. Demnach fielen die Einzelgeräte nicht mehr aus, wenn "Big Brother" den Geist aufgab; außerdem verbrauchten sie nur Energie, wenn sie sie auch wirklich benötigten. Selbst in der kleinsten "Fabrik" von heute, dem Automobil, arbeiten viele unabhängige Motoren, von denen die meisten dank einer Batterie prinzipiell unabhängig vom zentralen Antriebsaggregat arbeiten.

Die Parallele der industriellen Entwicklung zur Evolution der Computerhardware ist offensichtlich: Man braucht nur den zentralen Begriff "stationäre, Dampfmaschine" durch "Hostrechner" zu ersetzen, die kleinen "Einzelmotoren" durch " Personal Computer" oder "Workstations".

Warum sollte sich die Entwicklung der Software, speziell der von CASE-Werkzeugen, anders vollziehen als in diesem Muster vorgegeben? Liest man die Geschichte der verarbeitenden Industrie ein drittes Mal und ersetzt nunmehr "die zentrale Dampfmaschine" durch "das Repository", dann wird klar, wohin der Weg führt.

Die nächste Generation von CASE-Werkzeugen

Das Repository soll in erster Linie dazu dienen, die Arbeiten der daran angehängten (CASE-) Anwender zu koordinieren und so für Einheitlichkeit und Transparenz zu sorgen, Parallelentwicklungen zu vermeiden, Programmcode wiederverwendbar zu machen und vieles mehr. Die Entwicklungsgeschichte der Industrie - speziell der Meß-und Regeltechnik-hat gezeigt, daß es sehr wohl Mechanismen gibt, die diese Koordination ermöglichen und dabei ohne eine allmächtige Zentralkomponente auskommen.

Wie die nächste Generation von CASE-Werkzeugen aussehen wird, dazu halten sich sogar die professionellen Szene-Auguren wie Arthur D. Little oder Chris Gane bedeckt: Man ist sich einig, daß die Werkzeuge "sehr anders" sein werden - aber wie genau, dazu schweigt des Sängers Höflichkeit. Zentrale Komponenten a la Repository kommen in den Prognosen allerdings kaum vor. Moderne Software-Entwicklungssysteme und Methoden verwirklichen schon heute Ansätze, für die die Existenz eines zentralen Repository-zumindest technisch-schon wieder überholt ist: verteilte Systeme mit Client-Server-Architekturen sowie Massiv- Parallelverarbeitung und Objektorientierung, um nur die wichtigsten aktuellen Entwicklungen zu nennen.

Fest steht außerdem, daß sich eine Entwicklung in Richtung auf Spezialwerkzeuge für bestimmte Tätigkeiten anbahnt: für Datenbankentwicklung, für GUI-Design und Prototyping sowie für Parallelverarbeitung. Die heute verfügbaren Universal-Tools werden gegenüber den künftigen Spezialwerkzeugen aussehen wie ein Steckschlüssel aus dem Do-it- yourself- Werkzeugkasten gegenüber dem chirurgischen Besteck eines Herzspezialisten .

Nur für hierarchisch strukturierte Betriebe

Heißt das, daß die Zeit der Repositories bereits um ist, ehe sie recht begonnen hat? Bei der Beantwortung dieser Frage muß man unterscheiden zwischen dem State of the art auf der einen Seite und der tatsächlichen Verfügbarkeit sowie dem flächendeckenden Einsatz auf der anderen. Sicher sind solche Systeme für isolierte Anwendungen bereits erfolgreich im Einsatz. Bevor jedoch größere, komplexe Unternehmen mit diesen genannten innovativen Strukturen des modernen Software-Engineering effektiv und sicher arbeiten können, wird noch einige Zeit vergehen. Hier sind zahlreiche Vorkehrungen zu treffen, ohne die solche Innovationen von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind.

Zentrale Repositories oder Repository- ähnliche Strukturen werden in absehbarer Zukunft für diejenigen Unternehmen sinnvoll sein, die eine solche Struktur auch in ihrem derzeitigen Management, speziell im Informations-Management, unterstützen. Hier laufen alle (Meta-) Informationen über eine zentrale Drehscheibe, weshalb es sich anbietet, diese in Form eines Repositories auf einem zentralen Rechner abzubilden.

Zentralistische Struktur schränkt Flexibilität ein

Allerdings muß man sich bei einer solchen Entscheidung darüber im klaren sein, daß eine zentralistische Struktur die künftige Flexibilität stark einschränkt (siehe "zentrale Dampfmaschine"). Für Unternehmen, die ihre Informationssysteme als strategische Waffe im Wettbewerb sehen, ist diese Entscheidung gefährlich. Nicht unterschätzt werden darf hier das Volumen der direkten und indirekten Investitionen in Software, Hardware und Ausbildung.

Der anderen, dezentralen Variante gehört ohne Zweifel die fernere Zukunft. Doch auch diese Spielart ist nicht ohne: Dezentrale Organisation erfordert einen hohen Grad an Disziplin, (Selbst)Kritikfähigkeit und Loyalität von den mit vielen Freiheiten ausgestatteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern; diese Eigenschaften sind aber gerade in zentralistisch-hierarchisch geführten Unternehmen leider nicht immer selbstverständlich.

Für langfristige Überlegungen in Sachen Informationssysteme ist sicher die Erkenntnis einzubeziehen, daß nicht der Große den Kleinen, sondern der Schnelle den Langsamen frißt - eine Lektion, die die japanische Industrie gerade dem Rest der Welt erteilt.

Kein Budget-freundlicher Königsweg zur Lösung

Was ist heute zu tun? Die Antwort "Starten statt Warten" geben in aller Regel diejenigen, die vom "Starten" mindestens kurzfristig profitieren. Wie das im Einzelfall aussieht, erläutern die Befragten bereitwillig: Oft hat es etwas mit Tool-Kauf zu tun, in nahezu jedem Fall mit Investitionen .

Ohne Zweifel ist "Warten" die falsche Lösung. Den breiten, leicht abschüssigen und Budget-freundlichen Königsweg zur Lösung aller DV-Probleme gibt es nicht, und es wird ihn auch in absehbarer Zeit nicht geben. Mit dem Unterschreiben eines -meist recht ansehnlichen -Schecks ist es auch nicht getan.

Die Lösung kann nur darin bestehen, daß die existierende Organisation und Informations-Infrastruktur des Unternehmens systematisch auf den nächsten qualitativen Sprung vorbereitet wird. Was das en detail bedeutet, wird im folgenden aufgelistet:

- Unumstritten ist, daß die Informationssysteme-Strategie in der Zukunft fester Bestandteil der Unternehmensstrategie sein muß. Zu einer IS-Strategie gehört neben der Planung der produktiven Systeme zwingend eine Planung von Entwicklungsmethodik und -umgebung. Vor allem dann, wenn Informationssysteme als Waffe im Wettbewerb eingesetzt werden sollen, muß das Unternehmen auch beim Entwickeln dieser Waffe einen Vorsprung herstellen und halten können. Die Einschätzung der DV als einem reinen Kostenfaktor muß der Vergangenheit angehören.

- Weder muß sich die DV nach der Organisation richten, noch sollte es umgekehrt sein; vielmehr müssen die betroffenen Abteilungen-mit den Zielen des Gesamtunternehmens im Visier - die vorhandenen Ressourcen optimal einsetzen und dabei gegebenenfalls Änderungen an der Organisation oder an der DV-Infrastruktur vornehmen. Dem Informations-Manager wächst die Aufgabe zu, in diesem Prozeß zutage tretende Differenzen abzufangen oder zu verarbeiten.

- Die "Human Ressources" beider Bereiche (Fachexperten hier, CASE- Experten da) müssen ebenso strategisch entwickelt werden wie die anderen Ressourcen. Extreme Bedeutung wird in Zukunft die Fähigkeit zu effektiver Kommunikation zwischen Fachabteilung und Systementwicklern erlangen. Beide Seiten müssen lernen, über ihr fachliches Know-how in einer Sprache zu reden, die auch der andere versteht.

Das Potential prüfen und vor allem erkennen

Und was hat das jetzt alles mit CASE zu tun? Die bisherige DV-und CASE-Geschichte ist in Wellen verlaufen: Einer Euphorie-Phase folgte Ernüchterung; die nächste Generation geriet substantiell besser, aber die Erwartungen waren mitgewachsen, weshalb die nächste Ernüchterung nicht lang auf sich warten ließ. Und so weiter.

Im Hintergrund dieser technischen Entwicklung vollzogen sich-vom "harten Kern" der DV-Szene unbemerkt-allmählich organisatorische Wandlungen, die dazu führten, daß der Einsatz der DV-Unterstützung rationeller gestaltet werden konnte. Langfristig werden nur diejenigen Unternehmen ihre CASE-Werkzeuge zur Gewinnung von Wettbewerbsvorteilen einsetzen können, die frühzeitig das Potential der Entwicklung prüfen und auch erkennen.

Georg Ludwig Verhoeven ist im Geschäftsbereich Schulung der Integrata AG, Tübingen, verantwortlich für den Produktbereich Methoden, Verfahren, CASE.