Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

21.06.1991 - 

UNIX UND OFFENE SYSTEME

Kostenvorteile erzwingen den Erfolg offener Systeme

Kein Anwender wird künftig mehr auf offene Systeme im allgemeinen und auf Unix im speziellen verzichten wollen. So faßt Wolf-Rüdiger Hansen*

die Ergebnisse mehrerer Unix-Konferenzen zusammen. Die Unternehmen

könnten es sich nicht leisten, auf das im Vergleich zu Mainframes hervorragende Preis-Leistungs- Verhältnis von Unix- Workstations zu verzichten. Downsizing heißt für sie die Devise.

Schon 1979 hat R. L. Nolan in seinem wegweisenden Artikel "Managing the Crisis in Data Processing" im Harvard Business Review vorausgesagt, daß der Übergang von einem Paradigma der Informationstechnologie in ein anderes mit Krisen verbunden ist. Die weltweite Diskussion um Downsizing und Unix ist ein signifikantes Ausdruck dieser Krise.

Die Schwierigkeiten, die Datenverarbeitung auf die veränderten Verhältnisse anzupassen, haben sich auch auf verschiedenen Unix-Konferenzen gezeigt, so zum Beispiel in Atlanta/USA im April und in Frankfurt im Mai. Auf beiden Veranstaltungen wurden Antworten dieses Jahres auf die Frage gesucht: Wie kommen wir aus dieser Krise, insbesondere im kaufmännischen Anwendungsbereich? Patentrezepte konnten nicht vermittelt werden, aber viele Referenten stellten dar, daß Unix kein Phantom mehr ist, sondern erfolgreich in wettbewerbsorientierten Anwendungen wie weltweite Hotelbuchungen (Hyatt Hotels), weltweite Versicherungsanwendungen (Gerling Konzern) und weltweitem Gütertransport (DHL Worldwide Express) eingesetzt wird.

Insbesondere der Vortrag in Atlanta von Gordon Kerr, MIS-Chef von Hyatt, über sein Hotelbuchungssystem hat eindrucksvolle Unix-Fakten gezeigt:

- Am System sind 104 Hotels, 1000 Agenten, weitere 110 000 Reisebüros über das Sabre-System von American Airlines angeschlossen.

- Sechs Millionen Buchungen fallen pro Jahr an.

- Unix-Produkte unter anderem von Pyramid, AT&T und Informix kommen zum Einsatz.

- Die Anwendungsentwicklung erfolgt mit einer Sprache der 4. Generation.

- Sechs Millionen Reservierungen werden pro Jahr durchgeführt.

- Über 1000 aktive Benutzer arbeiten an einem Unix-System.

- Über 100 Transaktionen finden pro Sekunde statt.

- Die Response-Time liegt unter einer Sekunde.

Gordon Kerr zeigte damit, daß es keine Hexerei ist, vom klassischen Mainframe zum offenen Unix-System zu wechseln. Und er zeigte, daß er nur auf diese Weise den Fortschritt an marktbezogener Flexibilität und Produktivität erzielen konnte.

Nachfolgend eine Zusammenfassung weiterer Erkenntnisse aus den Konferenzen: Downsizing meint eigentlich den Übergang vom "alten" zum "neuen" Paradigma. Der Begriff Downsizing wird insbesondere von den Interessenvertretern im Workstation- und LAN-Markt strapaziert. Hardware- und Softwareherstellen, die auch zukünftig noch Marktchancen im Mainframe-Bereich sehen, lehnen ihn eher ab, oder sie sprechen von Rightsizing. Vorschlag des unbefangenen Beobachters: Opensizing. Dieser Begriff stellt klar, daß die Elemente von Informationssystemen auf der Basis offener Standards zusammengestellt werden sollten. Das war die dringende Empfehlung vieler Konferenzredner.

Das "alte" Paradigma der kaufmännischen Anwendungen hat typische Merkmale wie Terminal-Host-orientierte Anwendungen auf Mainframe- und Midrange-Hosts: Alle Funktionen (Programme) und Daten (Datenbanken) sind auf dem Host implementiert. Hosts können beliebige Systeme sein - gleichgültig ob IBM- oder Siemens-Mainframes, AS/400-Midrange-Systeme, VAX-Rechner von DEC oder Unix-Maschinen von Hewlett-Packard. Die Anwendungen sind in Sprachen der dritten (Cobol, PL/1, Fortran) oder gar der zweiten Generation (Assembler) geschrieben. Daten sind häufig noch in Dateisystemen oder vorrelationalen Datenbanken enthalten.

Die verantwortlichen IS-Abteilungen stecken tief im Backlog, sie können also den Wünschen der Anwender nach neuen Anwendungsfunktionen nicht oder nicht in ausreichendem Maße nachkommen, weil sie mit der Wartung und Sanierung der bestehenden Anwendungssysteme überlastet sind. Der Wandel im Markt bringt aber sich schnell wandelnde Anforderungen an die Informationssysteme mit sich. Das verlangt Flexibilität, Portabilität und Interoperabilität. Hier versagen jedoch die "alten" Systeme.

Workstations erzwingen die Neuordnung der DV

Das "neue" Paradigma ist verbunden mit dem Zauberwort Unix. Das inzwischen bereits über 20 Jahre alte Betriebssystem hat sich im Marktsegment der technischen Anwendungen durchgesetzt. Was ist die Ursache dafür? Workstations und Super-Mini-Rechner sind Träger des technologischen Fortschritts.

Der Grund liegt in einem gänzlich neuen Preis-Leistungs-Verhältnis: Ein MIPS (Millionen Instruktionen pro Sekunde) auf der Workstation kostet heute etwa 1000 Dollar, auf "herkömmlichen" Mainframes und Midrange-Systemen dagegen 100 000 Dollar. Diese preiswerte Leistung erzeugt Marktdruck von seiten der kaufmännischen Benutzer. Damit sie in den Genuß der Kostendämpfung kommen können, muß das "alte" Paradigma verändert werden:

- Der Einsatz von Workstations verlangt LANs mit Servern, über die kaufmännische Arbeitsgruppen (Abteilungen) integriert werden können, die mit gemeinsamen Anwendungen arbeiten.

- Zentralistische Host-Anwendungen müssen für den Übergang neu konzipiert werden, um zu klären, welche Funktionen auf dem Host bleiben, welche auf die Workstation gehören und welche auf den LAN-Server.

- Die Gestaltung der grafischen Benutzer-Oberfläche (GUI) muß festgelegt werden.

Grafische Oberflächen basieren auf Tools wie X-Windows, Motif, Presentation Manager oder Windows 3. Herkömmliche Alfa-Terminals wie IBM/3270 oder DEC/VT haben in diesem Zusammenhang keine Daseinsberechtigung mehr. Nur mit grafischen Oberflächen läßt sich die Vielfalt der Anwendungen, die zukünftig vom Arbeitsplatz aus genutzt werden sollen, auf eine systematisch gestaltete Struktur bringen. Bisherige Terminal-Host-Anwendungen, die in Maskenaufbau und Dialogstruktur meist die individuellen Denkschablonen der Anwendungsprogrammierer widerspiegeln, gehören damit zum alten Eisen.

Schnittstellen machen ein System offen - nicht Unix

Unix ist das Leitwort für das neue Paradigma. Besser aber spräche man gleich von offenen Systemen und Standards, das zeigen die Aussagen der Hersteller: Auch für proprietäre Betriebssysteme wie HP/MPE, DEC/VMS und IBM/MVS zeichnen sich Posix-Implementierungen ab. Damit sind auch sie in die Plattform für offene Systeme integrierbar.

Offene Systeme sind ohnehin mehr eine Frage von standardisierten Schnittstellen, die in der Software verfügbar sein sollten, und nicht eine Frage der Komponenten selbst. Einig waren sich Anwender und Hersteller auf beiden Konferenzen, daß der Trend zu offenen Systemen nicht aufzuhalten ist. Die Ursachen dieses Trends lassen sich in zehn Thesen zusammenfassen:

1. Offene Systeme werden sich zwangsläufig durchsetzen, weil nur damit das sich verbessernde Preis-Leistungs-Verhältnis der Workstations genutzt werden kann. Der Software-Lebenszyklus wird weiterhin fünf oder acht Jahre betragen, während Preis- und Technologie-Sprünge bei Workstations bereits heute in Perioden von zwölf Monaten erfolgen. Das paßt nur auf offenen Plattformen zusammen.

2. Alle Hersteller brauchen offene Systeme als Integrationsplattform, denn kein Hersteller kann heute alle Komponenten selbst herstellen, die der Anwender braucht: Tools für grafische Oberflächen und LANs, Tools für 4GL-Anwendungsentwicklung und Datenbanken, Komponenten für Netzübertragung und -management, Datensicherung, Datenschutz und Accounting etc.

3. Alle Hersteller investieren beträchtliche Summen in verschiedenste Unix-Entwicklungen. Deswegen wird sich Unix zunehmend durchsetzen, denn die Investitionen sollen sich rentieren.

4. Standardisierte Schnittstellen machen offene Systeme aus, nicht die Softwarekomponenten selbst. Durch Verwendung solcher Schnittstellen wird Software portabel.

5. Viele Unternehmen besitzen inzwischen Kapitalanteile an den Unix System Laboratories (USL), der bisher 100prozentigen Tochter von AT&T. Damit ist Unix der alleinigen Kontrolle durch AT&T entzogen. Das verstärkt den Unix-Trend.

6. Das Übertragungsprotokoll TCP/IP wird zunehmend als Basis für Local (LAN) und Wide Area Networks (WAN) verwendet. Die natürliche Plattform für TCP/IP ist Unix. Deswegen stimulieren sich Unix und TCP/IP gegenseitig. Aber TCP/IP wird auch von proprietären Mainframes, zum Beispiel IBM/MVS oder DEC/VMS unterstützt. Also ist TCP/IP ein wichtiges offenes Element für Interoperabilität.

7. Auf offenen Plattformen findet sich die Herstellerbindung auf einer höheren Ebene wieder, etwa bei 4GL-Tools, die noch allenthalben proprietär sind. Anwendungen, die mit diesen Werkzeugen hergestellt werden, können aber zumindest auf verschiedene Hardwareplattform portiert werden. Auf dieser Ebene sind sie also offen.

8. Der Trend zu offenen Systemen wird immer mit einem erheblichen Maß an Ambivalenz verbunden seine denn völlige Offenheit würde dazu führen, daß sich Hersteller nicht mehr voneinander differenzieren können. Das ist aber im wettbewerbsorientierten Markt nicht denkbar

9. Die Vielfalt der Standardisierungsgremien führt zur Unübersichtlichkeit bei Standards. Die Ziele der Gremien sind nicht immer deutlich auseinanderzuhalten.

10. Offene Systeme beschreiben keinen Zustand, der je erreicht wird. Es wird immer Bewegung in dieser Szene geben. Also sollten Anwender nicht zögern, heute die möglichen Schritte in Richtung offene Systeme zu unternehmen. Zu warten bringt keine Vorteile. Das ist das Fazit beider Konferenzen.

Während der abschließenden Podiumsdiskussion in Frankfurt mit Vertretern von Unix International, OSF und X/Open warfen sich Hersteller-Vertreter gegenseitig Widersprüchlichkeiten vor.

X/Open, so hieß es, gebärde sich zunehmend als kommerzielle Organisation und vernachlässige den Standardisierungsprozeß. Aber liegt nicht gerade in der kommerziellen Ausrichtung die Chance, daß Standards auch vermerktet und nicht nur verabschiedet werden?

Standardisierungsgremium als Konkurrenz empfunden

Offensichtlich wurde hier ein durch Hersteller mitbestimmtes Standardisierungsgremium als Konkurrenz empfunden - ein deutliches Zeichen für Ambivalenz in der Industrie. Die Hersteller sollten eigentlich Orientierungshilfen geben; manchmal scheint es jedoch, als hätten sie selbst keine.

Die Konferenzen haben jedenfalls deutlich gezeigt, daß Downsizing heute möglich und sinnvoll ist. Der Nutzen ist erkennbar, um ihn umzusetzen, muß aber der Anwender ein höheres Maß an Eigenverantwortung übernehmen - vorbei sind die Zeiten, wo er sich sorglos in die Wiege der proprietären Abhängigkeit legen konnte.

Downsizing meint aber nicht die totale Aufgabe der bestehenden Architektur, sondern die situationsgerechte Nutzung der neuen Möglichkeiten, die sich zunehmend im Workstation. LAN-Umfeld ergeben. Wer Downsizing nicht mag, sagt Rightsizing. Oder unter expliziter Einbeziehung von offenen Systemen: Opensizing.

*Wolf-Rüdiger Hansen ist Geschäftsführer der GMO Mitte GmbH,

Frankfurt.