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Keine Angst vor dem Silicon Valley:


13.04.1984 - 

Kretive Ursuppe schwappt über den Atlantik

Silicon Valley, das ist ein Begriff, der in der deutschen DV-Industrie mit einer Mischung aus Bewunderung und Schrecken gehandelt wird: Gedanken an das, was sich an der Westküste der USA tut, flößen uns Angst ein. Wird sich, im Einklang mit den Japanern (die noch nicht ganz soweit sind, aber mit Siebenmeilenstiefeln voranschreiten) und anderen fernöstlichen prosperierenden Gebieten der wissenschaftliche und technische Schwerpunkt unseres Planeten um den pazifischen Raum verlagern? Es stellt sich die Frage, ob der Atlantik zu einem Randmeer wird, von dessen Bewohnern man ob ihrer historischen Leistungen zwar mit Bewunderung spricht (so wie den alten Ägyptern), die man jedoch im aktuellen wirtschaftlichen Konzert der Völker nicht mehr richtig ernst zu nehmen braucht.

Es sieht in der Tat vieles danach aus, daß unsere Industrie langsam aber stetig zur Bedeutungslosigkeit herabsinkt und mit ihr unser Lebensstandard und unsere gesamte Kultur. Wir können sogar sicher sein, daß es so kommen wird, wenn wir die Flinte ins Korn werfen, aber das ist wohl mehr eine Binsenweisheit als eine Erkenntnis. Obwohl sich der Aufstieg des pazifischen Raums aus europäischer Sicht als eine Ganzheit darstellt, glauben die Autoren nicht, daß man Japan und das Silicon Valley in einen Topf werfen darf. Der Aufstieg ist von völlig anderen Kräften getragen. Was sich in Japan tut, geht uns einigermaßen ein: koordinierter und massiver Mitteleinsatz, aber nach klassischem Rezept.

Auch das ist noch bewundernswürdig genug, wenn wir es mit unserer eigenen Landschaft vergleichen, aber es bleibt immerhin verständlich. Schließlich haben auch wir in der jüngsten Vergangenheit Leistungen vollbracht, für die uns die Welt bewundert hat und die unsere Konkurrenten das Fürchten lehrten. Silicon Valley dagegen ist ein andersartiges Phänomen - etwas, das es nach unserer Auffassung nie in vergleichbarer Weise gegeben hat, etwas, das aus unser gewohnten Vorstellungswelt herausfällt und uns daher beängstigt.

Revolution der Außenseiter

Beim Silicon Valley handelt es sich um eine Ansammlung von zirka 1200 Elektronik- und Computer-Firmen mit einem besonderen Verdichtungsfeld am südlichen Teil der Bay von San Franzisko. Allgemein bekannt sind "Legenden" wie der kometenhafte Aufstieg von Apple aus einer Garage zu einem Weltunternehmen binnen weniger Jahre.

Neben der offensichtlich hohen Leistungsfähigkeit und dem schnellen Wachstum der Unternehmen ist eine relative Instabilität der Strukturen kennzeichnend: Firmen pflegen ebenso schnell zu verschwinden, wie sie entstanden sind. Das Ganze gleicht einer ungeheueren "kreativen Ursuppe" die permanent in Bewegung ist und immer neue Strukturen gebiert. Da steht kein nationales Steuerungskonzept dahinter, wie in Japan, kein massiver Mitteleinsatz, nicht einmal eine vorgedachte Ordnung. Im Gegenteil: Infolge des weitgehenden Fehlens eindeutiger Marktführer bietet sich eher ein chaotisches Bild, in dem sich festere Umrisse nur mühsam herausbilden. Die Revolution, die hier stattfindet - und ein geeigneteres Wort fällt dazu nicht ein - ist eine Revolution von unten, getragen von vielen Individuen, von winzigen Unternehmenseinheiten, die im Kreis etablierter Konzerne zunächst weder Namen noch Profil haben: Eine Revolution der Außenseiter.

Was sind es für Eigenschaften, die die Kalifornier befähigen, uns das Fürchten zu lehren? An erster Stelle fällt die hohe Kreativität auf: Es gibt einfach mehr Ideen und mehr Einfälle, wie Ideen zu realisieren und zu vermarkten sind: Eine Explosion der Kreativität. Nun ist bekannt, daß Ideen alleine wertlos sind, solange nicht jemand die Initiative übernimmt, sich wirklich hinter sie zu stellen. Sich damit zu identifizieren genügt aber nicht und Hindernisse und Gründe gegen ihre Realisation gibt es überall genügend, auch im fernen Amerika. Die Frage ist, ob Menschen, trotz des Wagnisses, dennoch bereit sind, sich für die Verwirklichung von Ideen einzusetzen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Offensichtlich haben viele Menschen im Silicon Valley mehr Vertrauen zu sich und sind eher bereit, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, als zum Beispiel im müde gewordenen "Old Europe". Die gängigen Argumente kennen wir sehr wohl: "Aber es herrscht eine ganz andere Wirtschaft in den USA", "Das Kapital ist leichter zu beschaffen", "Es gibt einen gewaltigen Absatzmarkt" und so weiter.

Kalifornier sprechen über alles

Dieses scheint jedoch zu eng gesehen. Es fragt sich nämlich, was die Henne ist und was das Ei. Könnte es nicht sein, daß die günstigeren Bedingungen weitgehend erst aus einer anderen Einstellung der Menschen resultieren?

Der dritte Punkt ist der der Kommunikation. In den jungen Firmen herrscht eine sehr offene Atmosphäre: Man spricht miteinander und ist eher als bei uns auch bereit, unangenehme Dinge auf den Tisch zu pakken, statt sie zu verdrängen und im Verborgenen ihr Unheil wirken zu lassen. Die Kommunikationsfreudigkeit ist auch unter Firmen sehr viel größer, sogar dort, wo wir ängstlich Mauern aufziehen um ja nichts preiszugeben. Diese Offenheit erstreckt sich nach unserer Erfahrung selbst auf Großfirmen, wie IBM. Auch die Zusammenarbeit mit Hochschulen speziell mit der Universität Stanford gilt als vorbildlich.

Es erhebt sich die Frage, wie es zu einem solchen soziologischen Phänomen kam und warum es ausgerechnet in diesem Winkel der Erde auftritt. Hat das lediglich mit dem guten Wetter zu tun oder . . . ?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir unser Blickfeld erweitern und zunächst den engen Rahmen unserer Branche verlassen. Wir werden feststellen, daß das Phänomen Silicon Valley eine zwar sehr ausgeprägte Erscheinung ist, aber dennoch nur Teil eines sehr viel umfassenden soziologischen Prozesses, der sich derzeit weltweit abspielt.

Seit etwa einem Jahr gilt auf dem deutschen Markt das Buch von Fritjoff Capra "Wendezeit" (engl. "Turning Point") als Bestseller. Capra skizziert eine geistige Wende gewaltigen Ausmaßes, die unser Denken - und nicht nur unser Denken, sondern unser gesamtes Bewußtsein - zunehmend zu erfassen beginnt. Diese Wende ist nicht die erste, die die Menschheit erfaßt hat, wie auch der Name "neue Kopernikanische Wende" andeutet. Ein noch einschneidenderer Umbruch, die sogenannte neolytische Revolution, fand vor 2500 bis 3000 Jahren statt: Der Mensch wurde sich damals seines Bewußtseins bewußt. Dieser "Quantensprung" wird heute noch von jedem Kind im Alter von zirka drei Jahren nachvollzogen, wenn es zum ersten Mal "Ich" zu sich sagt.

Während diese neolytische Wende, wie die Anthropologen sagen, rund 500 Jahre gedauert hat, bis sie durchlaufen war, geht die jetzige - dank unserer engen Verkopplung - sehr viel schneller, und alle Anzeichen sprechen dafür, daß das Wesentliche bis zum Jahr 2000 gelaufen sein dürfte. Unter den vielen Namen, die ihr von unterschiedlichen Richtungen bereits gegeben wurden, bevorzugen wir, in Anlehnung an mehrere Phasen der industriellen Revolution, den Ausdruck "Menschliche Revolution".

Linke Hirnhälfte ist überorganisiert

Und das scheint uns, im Hinblick auf unser Thema der wesentliche Aspekt des Phänomens zu sein: Die Wiederentdeckung des Menschen und seines gewaltigen kreativen Potentials. Seit der neolytischen Revolution (biblisch als Sündenfall, Essen vom Baum der Erkenntnis, mystifiziert!) hat der Mensch ziemlich einseitig seine verstandesmäßigen (analytischen) Fähigkeiten, die linke Hirnhälfte entwickelt. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war zweifellos der Versuch, diese Denkfunktion maschinell nachzubauen: Die Erfindung des Computers. Im Augenblick scheint der Zeitpunkt gekommen, wo wir zu einer neuen Integration mit der vernachlässigten rechten Hirnhälfte kommen, mit Intuition, Kreativität, und ganzheitlichem Verstehen, eben dem, was Computer nicht leisten.

Capra schreibt nicht über die Computer- und Elektronikbranche. Er hat die Wende zunächst in seiner eigenen Wissenschaft geortet, in der Physik. Ihre führenden Köpfe, wie Heisenberg, Planck, Schrödinger und vor allem Einstein waren schon vor 50 Jahren zu philosophischen Erkenntnissen gelangt, die mit mechanistischen Anschauungen wenig zu tun haben. Eines der Gebiete, die Capra anspricht, ist die Schulmedizin, beziehungsweise die Gesundheitsindustrie, die mit ihrem mechanischen Bild vom Menschen zusehens in eine Krise hineingelaufen ist, nicht nur finanziell und bezüglich ihres teilweise fragwürdigen wissenschaftlichen Fortschritts, sondern zunehmend auch bezüglich des Vertrauens der Menschen.

Capra zeigt auf 500 Seiten, wo und wie völlig neues sprießt, teilweise zunächst als "alternativ" belächelt, aber doch in einer Breite und vor allen mit einer Wachtumsrate, die dem aufgeschlossenen Leser Hoffnung für unsere Zukunft zu machen in der Lage ist. Diese menschliche Revolution geht, wie zur Zeit fast alle neuen Wellen, ob es sich um Jogging, Skating oder neue Formen der Psychotherapie handelt, eindeutig von einer bestimmten Stelle in der Welt aus: Kalifornien, insbesondere San Franzisko.

Als mögliche Erklärung könnte man nennen, daß in diesem Schmelztiegel die Menschen die wenigsten Bindungen an Traditionen und Kulturgüter haben. Etwas banal ausgedrückt: Menschen deren "tieferer" Lebensinhalt aus Coca Cola, McDonalds und US-Fernsehen besteht, werden dies am ehesten als unbefriedigend empfinden. Sie sind praktisch irgendwann gezwungen, neue Wege zu innerer Zufriedenheit zu suchen und sich zu eigen zu machen. San Franzisko, begünstigt wegen seiner Kombination aus Klima, Charakter und Atmosphäre (Ambience) zieht kreative und risikofreudige Menschen aus aller Welt an (wie bei uns der Raum um München, auf den wir noch zurückkommen werden).

Symbiose zwischen Geist und Technik

Silicon Valley steht für die Wiederentdeckung des menschlichen Potentials, das hier eine intensive Symbiose eingegangen ist mit unseren modernsten und schnell wachsenden Industriezweigen. Es ist eine Wiederentdeckung, die nicht von oben aufgezeigt wurde, sondern die - nach und nach - immer mehr einzelne Menschen für sich selber machen.

Natürlich nimmt auch der Vorgang des Entdeckens selber gezielte Formen und geschäftliche Dimensionen an. Nirgends auf der Welt findet sich auch nur annähernd ein derart dichtes Angebot an (seriösen und unseriösen) Hilfsmöglichkeiten zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, als in Kalifornien: Seminare, Selbsterfahrungsgruppen, Meditationen, Yoga, Zen, Therapie, religiöse Gruppen oder Psycho-Marathons. Jeder Boom nährt sich bekanntlich selber: es entsteht so etwas, wie ein Bootstrapping Effekt, der den Ablauf zusehends beschleunigt.

Was heißt das für uns, die wir doch so offensichtlich nicht über das kreative Potential verfügen, wie es im Silicon Valley zur Zeit freigesetzt wird? Oder? Auch unser kreatives Potential ist unbegrenzt. Bevor Sie, liebe Leser, mit der Lektüre fortfahren, beantworten Sie bitte für sich selbst folgende Fragen:

Haben Sie bereits einmal Stunden, Tage oder Wochen erlebt, in denen einfach alles lief, in denen Sie zum Beispiel einen Aktenberg, der Sie seit Monaten bedrohlich angeschaut hatte, binnen Stunden einfach "weggeputzt" haben, und das auch noch mit dem Gefühl, gute Arbeit geleistet zu haben?

Können Sie sich zum Beispiel als Softwareentwickler an Zeiten erinnern, in denen Sie ein schwieriges Programm schnell, elegant und fast fehlerfrei runtergeschrieben haben? (Das Wort "Programm" können Sie auch durch Bericht, Planung, oder was sonst Ihrer Tätigkeit entspricht, ersetzen).

Haben Sie bereits einmal die Erfahrung eines fantastischen Teams gehabt, in dem eine Zeitlang alles wie geschmiert lief: Leistung, Zuverlässigkeit, Termine, Stimmung?

Sind Sie nicht auch der Meinung, daß in Ihrem Aufgabenfeld alles sehr viel besser laufen würde, wenn nicht. . . und jetzt nennen Sie bitte einen oder einige "unüberwindbare" Umstände wie Chef, Geld, Zeit, Kunde, spezielle Mitarbeiter etc.

Und nun beantworten Sie bitte die gleiche Frage für Ihren "Laden", das heißt Ihr Team, Ihre Abteilung, Ihr Unternehmen oder Ihre Behörde. Interessanterweise hat fast jeder Mensch Augenblicke für sich erlebt, in denen er Bäume ausreißen könnte. Warum sind es nur Augenblicke? Das Potential ist also vorhanden, nur nutzen wir es im Regelfall nicht. Irgendwie haben viele von uns auch das Gefühl, daß wir uns nur selber auf den Füßen stehen: Irgend etwas in uns selber hindert uns daran, permanent exzellent zu sein.

High sein im Projekt

Ähnliches gilt für Teams: Fast jeder erfahrene Softwareprofi (und nicht nur der!) hat in Projekten mitgearbeitet, von denen man zumindest einzelne Phasen als "soaring instead of flapping" beschreiben könnte: Hohe Leistungen, fantastisches Klima, die Leute werden nicht mehr krank, blättern nicht frustiert in Stellenanzeigen, haben weder Zeit noch Lust, sich wegen Lapalien mit dem Management rum zu zanken. Im Gegenteil: Häufig wird der Feierabend und die Mittagspause vergessen, zuweilen kommt der Schlaf ganz entschieden zu kurz (was aber nicht zu Müdigkeit führt), und nach Jahren schwärmen die Leute noch, wenn sie sich treffen, von den gemeinsamen Erlebnissen: "Weißt Du noch, damals. . ."

Schließlich ist auch fast jeder überzeugt, daß es bei ihm, in seinem Team, Bereich oder Laden fantastisch laufen könnte, wenn nur nicht ein paar "Deadlocks" eingebaut wären. Es sind wirklich Deadlocks, denn einzeln gesehene leistungsfähige und einsatzwillige Menschen blokkieren und frustrieren sich gegenseitig durch egoistische Ziele, Mißtrauen, Aufbau und Abwehr von Intrigen. Und das findet sich, "hierarchisch strukturiert", gleich auf mehreren Ebenen, zum Beispiel Abteilung gegen Abteilung. Wenn Sie sich, als Einzelwesen oder Gruppe, in einem Deadlock befinden, können Sie so "busy" sein wie Sie wollen: Sie rennen gegen Windmühlenflügel, bis Sie resignieren.

Zusammengefaßt läßt sich sagen, daß jeder von uns prinzipiell ein kreatives Potential besitzt, das um Größenordnungen über dem liegt, was er gemeinhin im Mittel wirklich leistet. Selbst auf der Basis dieser Einzelleistungen könnten Organisationen im Prinzip um Größenordnungen effizienter sein, als sie es tatsächlich sind.

Nun multiplizieren Sie bitte für sich Ihre Schätzfaktoren und Sie haben einen Eindruck von dem, was unser wirkliches Potential darstellt. Es ist, gemessen an dem, was wir nutzen, wirklich unbegrenzt und zwar mit den vorhandenen materiellen und personellen Ressourcen. Wir haben uns in der Vergangenheit im wesentlichen bemüht, nicht ohne Erfolg, die mechanische Seite zu verbessern: Maschinen, Organisationsformen, Richtlinien, Software-Tools. Die menschlichen Deadlocks in uns selber und unseren Organisationen haben wir kaum aufzulösen vermocht. Wenn wir in der Lage wären, auch nur einen winzigen Bruchteil dieses menschlichen Reservoirs zu nutzen, könnten uns weder Japaner noch Amerikaner erschrecken. Der Haken ist nur, daß wir bisher nicht wußten wie, denn mit jeder neuen Maßnahme (und deren haben wir viele getroffen) haut uns prompt und unfehlbar der nächste Windmühlenflügel auf die Nase.

Auch bei uns ist Silicon Valley

Welche Chancen also haben wir? Gewiß, Silicon Valley ist ein lokaler Effekt, ein sich selbst anfachendes Feuer, das dort entstanden ist, wo vermutlich die Verhältnisse dafür besonders günstig waren. Aber wie wird es weitergehen? Nichts spricht dafür, daß die Beschleunigung, mit der der Prozeß zur Zeit abrollt, bereits wieder im Abklingen begriffen wäre. Demnach wird sich der Vorsprung dieser Weltregion weiter erhöhen, es sei denn . . .

Es sei denn, das Phänomen breitet sich auch flächenmäßig weiter aus, auch zu uns. Und das ist nach alledem, was wir über andere "Wellen" aus Kalifornien wissen mit hoher Sicherheit zu erwarten. Es ist nicht nur zu erwarten, sondern man kann es als aufmerksamer Beobachter, zumindest im Münchner Raum, bereits deutlich nachweisen. Schauen wir uns jedoch, bevor wir die eigene Branche betrachten, zunächst wieder den weiteren Kontext an: Auch in Deutschland sind die Menschen allgemein in den letzten Jahren bereits zunehmend bereiter geworden, Verantwortung für ihr Leben selber in die Hand zu nehmen: Bürgerinitiativen, Ökogruppen, Friedensbewegungen beweisen den Trend, ob wir ihn nun in allen Details positiv finden oder nicht.

Die erstaunlich hohe Zahl der Firmenneugründungen während der letzten Talfahrt war ein in Wirtschaft viel beobachtetes Phänomen. Auch bei uns nimmt die Bereitschaft zur Kommunikation zu. Beachten Sie nur die zunehmende Anzahl von Nachbarschaftsfesten, auf denen die Menschen aus ihrer Isolation herausdrängen. Und nun speziell unsere Computerbranche: Softwareergonomie, Softwarepsychologie und Human Factors - bislang unbekannte Vokabeln - sind plötzlich in, aber das ist bloß die äußere Fassade. Gerade im Verborgenen blühen unbekannte Blumen. So haben wir überraschend Softwareentwicklungsteams geortet, in denen absolutes Vertrauen und völlige gegenseitige Unterstützung herrschen. Sogar Termine werden gehalten, weil sich jeder Mitarbeiter persönlich dafür verantwortlich fühlt. Solche Teams gibt es nicht nur in kleinen Softwarehäusern - das war schon immer so - sondern auch in Großfirmen.

Die kreative Explosion ist unterwegs

Diese letzte Feststellung scheint auch deshalb besonders interessant, weil sie einen Hinweis darauf gibt, daß herausragende Leistungsfähigkeit nicht exklusiv auf kleine Organisationseinheiten beschränkt sein muß. Unsere großen Firmen werden sich zwar kräftig wandeln müssen, aber verzichten können und brauchen wir auf sie nicht.

Also brauchen wir nichts zu tun und können warten, bis der Herrgott es uns vielleicht im Schlafe gibt. "Im Prinzip ja", möchten wir mit Radio Eriwan sagen. Nur könnte es bis dahin für uns zu spät sein. Und einen Vorsprung werden wir mit dieser Haltung erst recht nicht einholen können. Die Aussicht, daß die kreative Explosion auch zu uns kommt, ändert leider nichts an der Aussage eines der leitenden Männer aus einer unserer Großfirmen: "Die Herausforderung Silicon Valley ist eine Überlebensfrage für unsere Industrie."

Also was tun? Ist es möglich, der Entwicklung nachzuhelfen, die Flamme bei uns schneller zum Lodern zu bringen? Wir meinen, ja! Auch in unserem Lande sind die Menschen zunehmend bereit, eingefahrene Gleise zu verlassen und sich dabei unterstützen zu lassen, selber weiterzugehen.

Immer mehr Menschen spüren, daß ihre scheinbar so knapp bemessenen Grenzen selbstgesteckt sind, und daß es nur eines geeigneten Anstoßes bedarf, sie Schritt um Schritt selber zu erweitern. Sicherlich trägt dazu bei, daß immer mehr Menschen erkennen, daß auch auf globaler Ebene ein radikales Umdenken nötig sein wird, wenn wir aus unserer verfahrenen politischen und ökologischen Situation mit heiler Haut herauskommen wollen, daß es ohnehin "so nicht weitergeht".

Wir haben bereits den Bootstrapping-Prozeß erwähnt, der in Kalifornien zu vielen Techniken geführt hat, die es dem einzelnen ermöglichen, gezielt aus seiner Enge herauszuwachsen. Wenn die Menschen bei uns bereit sind, könnten wir doch derartige Techniken übernehmen und in dem bewußtseinsmäßigen Entwicklungsprozeß entsprechend höher einsteigen. Das erscheint in der Tat möglich, wie folgendes Beispiel zeigt: Am 9. März fand in München ein Treffen von zwölf Softwareleuten statt, die ihre Erfahrungen über das est-Training austauschten. Mit bisher rund 500 000 Teilnehmern, zum großem Teil im Westen der USA, dürfte es von all den Dingen, die auf diesem Gebiet über den großen Teich zu uns kommen, das aussagekräftigste Beispiel sein.

Der Gründer hätte bei der Konzeption dieses Seminars wohl nicht im Traum daran gedacht, daß es für bessere Softwareentwicklung eingesetzt werden sollte. Was auf dem Treffen mitgeteilt wurde, sind also eher beiläufige Nebeneffekte bei einigen DV-Leuten, die sich erst während des Trainings kennengelernt hatten. Diese Teilnehmer berichteten mehr oder weniger einhellig über vermehrte Leistungsfähigkeit, bis zum Faktor vier beim Programmieren Fallen der Rate vermeidbarer Fehler bis auf Null (!), freiwillige Übernahme neuer Verantwortung im Betrieb, gestiegene Risikobereitschaft, Aufgabe des "Spiels", Umstände und andere für eigene Schwächen verantwortlich zu machen, sowie sprunghaft gesteigerte Freude und Effizienz in der Kommunikation, vom Team bis hin zum Kunden. Man mag von diesem speziellen Beispiel und seiner wissenschaftlichen Aussagekraft halten, was man will: Das Ergebnis weist in eine sehr eindeutige Richtung, genau die, die wir bräuchten, um bei uns den Wettlauf mit der Uhr zu gewinnen.

Das Feuer muß angefacht werden

Andererseits ist es sicher nicht jedermanns Sache, sich gleich auf ein Training einzulassen, das eine tiefgreifende Veränderung des ganzen Lebens mit sich bringt. Was wir in der DV-Branche brauchen, ist etwas speziell auf uns Zugeschnittenes, Seminare, auf die auch eine Firma ihre Mitarbeiter schicken kann, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, auf indirektem Wege und ungerechtfertigt in deren persönlichen Bereich einzugreifen.

Koordination zwischen linker und rechter Hirnhälfte läßt sich auch auf weniger durchgreifende Weise erreichen.

Voraussetzung für den Erfolg derartiger Seminare wäre eine wohltrainierte linke Hirnhälfte, also Personen, die im klassischen Sinne gut ausgebildet sind. Für einen Softwareentwickler hieße das: Gute Kenntnisse und Routine Umgang mit Programmiersprachen und Tools. Ein solcher Softwaremann könnte sein Leistungsniveau in vieler Hinsicht ganz beachtlich ausdehnen. Hingegen wird jemand, der nur über schwachausgebildete rationale Fähigkeiten verfügt, für seine Arbeit nur wenig davon profitieren, wenn er sich freien Zugang zu seinem kreativen Potential erschließt. Gerade in der DV-Branche gibt es aber sehr viele Menschen mit extrem hochgezüchteten linken Hirnhälften. Siehe zu diesem Themenkreis auch den Beitrag in CW Nr. 51/52 vom 16. Dezember 1983. "Die besten Ideen kommen immer unter der Dusche".

In diesem Artikel wurden bereits spezielle Superprogrammer-Seminare angekündigt. Jetzt ist soweit, zunächst in München. Die Seminare, es sind Versionen für Softwareentwickler und für kreatives Personal im Research- und Development-Bereich vorgesehen, unterscheiden sich in fast allem von herkömmlichen Seminaren: Es gibt nichts zu lernen, sondern lediglich etwas zu erschließen, was bereits da ist - etwas, was uns bereits als Kind (unter drei Jahren) offenstand und was dann zunehmend und mehr oder weniger weitgehend verschüttet wurde.

Es ist nicht möglich, diese Quelle mit Hilfe des rationalen Verstandes, also der linken Hirnhälfte, zu erschließen; gezieltes Lernen nutzt nichts. Einen Teil der zweieinhalb Tage verbringen die Teilnehmer mit geschlossenen Augen. Die Übungen sind nicht anstrengend, sondern im allgemeinen sehr angenehm. Mit Meditation, die im übrigen auch ein Mittel zur Erschließung von Kreativität sein kann, hat die Methode wenig zu tun. Die Seminarbesucher werden - im Gegenteil - "Programmierungen" aus Erziehung und Umwelt auflösen, die sie bisher daran gehindert haben, kreativ und tatkräftig zu sein. Die ersten Ergebnisse sind außerordentlich ermutigend, in Kürze werden auch wissenschaftlich fundierte Aussagen vorliegen.

Quellenangaben: Capra, Wendezeit, Scherz-Verlag 1983

Informationen: Münchner Center, 8000 München 40, Leopoldstr. 57, Tel.: 089/39 60 76 Superprogramming, Auenstr. 45b, 80 12 Ottobrunn

* Roger Cope ist Fachgebietsleiter Avionik bei der ESG; Dr. Peter Molzberger ist Professor im FB Informatik an der Hochschule der Bundeswehr München in 8014 Neubiberg.