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24.07.1981

Kritik an der Kritik der Datenverarbeitung

Prof. Dr. Peter Mertens Informatik-Forschungsgruppe VIII, Universität Erlangen-Nürnberg

Teil 1

In den vergangenen Jahren ist an der Datenverarbeitung und an mit ihr verwandten Informationstechnologien zunehmend Kritik geübt worden. Höhepunkte waren in der Bundesrepublik ein Streik im Zusammenhang mit der Einführung neuer computergestützter Techniken in der Druckindustrie und ein Kongreß an der Gesamthochschule Kassel. Auf der Abschlußveranstaltung dieses Kongresses wurde die Forderung angemeldet, man solle eine Art Moratorium haben, währenddessen keine neuen EDV-Systeme mehr eingeführt werden dürften. (Es nimmt nicht wunder, daß gerade diese Forderung von der Presse aufgegriffen und in ihren Schlagzeilen verbreitet wurde.) Viel beachtet wurde eine Bemerkung in der Regierungserklärung des Bundeskanzlers Schmidt, er könne seine Stromrechnung nicht mehr lesen.

Im wissenschaftlichen Bereich in der Bundesrepublik ist die sogenannte Wirkungsforschung entstanden, die vor allem vom Bundesminister für Forschung und Technologie und von der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) gefördert wurde.

Hier sollen sowohl zur populären Kritik als auch zur Wirkungsforschung einige Anmerkungen gemacht werden:

1. Die Wirkungsforschung will die Brücke zwischen (Informations) Technik und Gesellschaft schlagen, sie bricht aber die Verursachungskette vielfach zu früh ab. Zwar kann ein Produkt der Informationstechnik oder ein dazugehöriges System ungünstige Auswirkungen auf einen Arbeitsplatz und seine Umgebung haben. Dann ist unter Umständen der Vorwurf an den Ingenieur oder Informatiker berechtigt, er habe die Auswirkungen seiner Forschungsergebnisse beziehungsweise seines Tuns nicht genügend bedacht. Von daher wird zum Beispiel die Forderung begründet, Informatikern während ihres Studiums soziologische oder politische Kenntnisse zu vermitteln.

Es besteht aber auch die Gefahr, daß die Forderungen, die Arbeitsplätze kurzfristig möglichst angenehm und komfortabel zu gestalten, übertrieben werden. Die dann eintretenden Produktivitätsverluste können in Verbindung mit dem internationalen Wettbewerb (Japan-Diskussion ! ) dazu führen, daß eine große Zahl von Arbeitsplätzen verlorengeht und das dann relativ oder gar absolut sinkende Sozialprodukt zu Einschränkungen in anderen Lebensbereichen (Ausbildung Krankenversorgung, Alterssicherung, Umweltschutz und anderem) führt. (Man bedenke, daß beim "statistischen" deutschen Arbeitnehmer, der 70 Jahre alt wird, die reine Arbeitszeit nur etwa 13 Prozent der gesamten Lebenszeit einnimmt und damit nur wenig mehr als die gesamte Rentnerzeit und weniger als die Hälfte der Kindheit/Ausbildung oder auch der Zeit an Sonn-/Feiertagen, Urlaub und bei Krankheit !)

Es wäre also zu fordern, daß der Soziologe, so wie er die Übernahme seines Gedankengutes durch den Informatiker- fordert, in ausreichendem Maße ökonomische Wirkungen und deren Rückwirkungen auf die soziologischen Arbeitsbedingungen berücksichtigt. Soweit wir sehen, besteht hier noch ein erhebliches Forschungsdefizit bei der Abschätzung der Wechselwirkungen. Jedoch sollten die Zusammenhänge erwähnt und nicht einfach ausgeklammert werden.

2. Die Kritik vermengt Fakten und Schein. Als Beispiel soll eine Textpassage von H. Brinckmann, der zu den führenden Vertretern der Wirkungsforschung in der Bundesrepublik zählt und der den oben erwähnten Kongreß in Kassel organisiert hat, analysiert werden. Brinckmann schreibt: "Damit hat der DV-Einsatz deutliche Rückwirkungen auf die Außenbeziehungen einer Behörde und bestimmt für den Mitarbeiter die Bürgerkontakte, die Chance schlechthin, aber auch Umfang und Inhalt. Der Sachbearbeiter kann zum Beispiel nur in dem Umfang beraten, wie er Zugriffsmöglichkeiten zu Akten, Kostenvorgängen etc. hat. Ob aber diese Zugriffsmöglichkeiten bestehen, in welchem Umfang und in welchen Wartezeiten, bestimmt in großem Ausmaße die DV-Organisation, genereller die Einsatzform der Büroinformationstechnik."

Dem ist beizupflichten.

Brinckmann schreibt dann weiter: "Exemplarisch lassen sich die faktischen Konsequenzen des Primats der Binnenperspektive und der technisch-organisatorischen Zentralisierung an einzelnen Veränderungen in der Steuerverwaltung verdeutlichen".

Unter anderem werden dann die folgenden, nach Brinckmanns Auffassung negativen Auswirkungen aufgeführt:

"Die Rationalisierung der Finanzkassen führte zunächst zur Schließung der Barkassen und damit zur nahezu vollständigen Abschottung vom Steuerzahler. Die Arbeit der Geldbewegungen verlagert sich auf das Bankgewerbe - wohl die umfassendste Privatisierung, die sich in der Bundesrepublik vollzogen hat -, damit verlagerten sich aber auch die Kosten auf den Bürger, der letztlich als Bankkunde das zu zahlen hat, was die Steuerverwaltung verlagert. Den größten Rationalizierungsgewinn bringt hier schließlich das Bankeinzugsverfahren, das die Position der Banken festigt und den Stuerzahler letzlich vor vollendete Zahlungen stellt."

Hier wird suggeriert, der Steuerzahler empfinde es als Nachteil, wenn er seine Steuern nicht mehr in bar an der Kasse des Finanzamtes entrichten darf. Welchem Steuerzahler ist aber tatsächlich daran gelegen, seine Steuern auch noch persönlich zum Finanzamt zu tragen? Wenn, der Bürger an dem persönlichen Kontakt interessiert ist dann wohl doch nur in dem Sinne, dar er einen Ansprechpartner wünscht, der seinen Steuerfall als Ganzes kennt und ihn beraten kann. Er will dagegen kaum einen Sachbearbeiter, der nur in Einkommensteuersachen Auskunft erteilen kann, aber zu einem gewerbesteuerlichen Problem keinen Rat weiß und erst recht den Bürger allein läßt, wenn es um die, Berücksichtigung einer bevorstehenden Gewerbesteuernachzahlung in der Vermögenssteuererklärung geht. Bei der zunehmenden Komplexität des Steuerrechts kann ein solcher Sachbearbeiter nur effizient arbeiten, wenn ihm moderne informationstechnische Hilfen zu Gebote stehen, so daß er zum Beispiel am Terminal Konten, Verfahrensstände oder eine maschinelle Steuerrechtsdokumentation abrufen kann. Es wäre also auf lange Sicht im Finanzamt ein (...) lich organisatorischer Weg zu beschreiten, wie in der Bankorganisation teilweise schon zurückgelegt oder wie in Stadtverwaltungen begonnen, ("St. Gallener Modell"). Man erkennt, daß die, Informationstechnik geradezu Voraussetzung einer besseren Bürgerbedienung ist.

(Fortsetzung folgt)

Daß auch von Kritiken Toleranz zu fordern sei, daß von Wissenschaft Ausgewogenheit zu erwarten wäre, daß manche Kritikaster durch Beckmesserei (Duden: kleinliches Tadeln) zu imponieren versuchen und maßlose Übertreibung die Kritiker der Datenverarbeitung lächerlich macht, moniert Professor Peter Mertens von der Universität Erlangen-Nürnberg in diesem Gastkommentar. Da auch Kritik an den Kritikern wichtig zu nehmen ist, erscheint seine Abhandlung zweimal an diese Stelle. Der zweite Teil ist der nächsten Nummer zu lesen - mit Literatur- beziehungsweise Quellenangaben.