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31.01.1992

Kübler:"Überall Leute, die uns Finsteres wollen"

Mit Falk D. Kübler, Geschäftsführer und Mitbegründer der Parsytec GmbH, Aachen, sprach CW-Redakteurin Beate Kneuse

Als Falk D. Kübler im Oktober 1985 zusammen mit zwei Ex-Studienkollegen die Parsytec GmbH in Aachen aus der Taufe hob, um künftig Parallelrechner auf Basis von Transputern zu bauen, beschritt er für bundesrepublikanische Verhältnisse neue Wege in der Computertechnik. Heute hat die Parallelverarbeitung ihren eigenen Markt, machen die Zahlenfresser aufgrund ihrer Geschwindigkeit den gestandenen Supercomputer-Anbietern das Leben schwer - und aus der einst kleinen deutschen Rechnerschmiede entwickelte sich ein international tätiges Unternehmen mit 150 Mitarbeitern, das Niederlassungen in den USA, in England und in Dresden unterhält. Rund 40 Prozent des Umsatzes steuert das Auslandsgeschäft bereits bei. Selbst in Japan hat Parsytec ein Bein im Markt: Seit 1987 bringt dort Kooperationspartner Matsushita die Parallelrechner aus Aachen an den Kunden.

CW: Parsytec gilt als kleines, aber innovatives und wachstumsträchtiges Unternehmen. Innovation und Expansion verschlingen jedoch eine Menge Geld. Vom BMFT werden Sie nicht unterstützt, haben nur eine Anfangszahlung bekommen, die im Vergleich zum Suprenum-Projekt jedoch nicht gerade üppig war. Haben Sie keine Probleme mit der Finanzierung?

Kübler :Wir sind dem BMFT dankbar. Nach der Anfangszahlung von 800000 Mark ist das Bundesforschungsministerium bei der Unterstützung unserer Arbeiten in Brüssel recht hilfreich. Dies ist wichtig, gerade auch in bezug auf die europäischen Prozesse. Zur Finanzierung: Wir sind privat finanziert - und zum Glück finanzieren wir uns auch aus Gewinnen. Natürlich, die Firma wird, desto größer ist auch der Investmentbedarf. Trotzdem bereitet uns das keine Sorgen. Wer gute Dinge macht, bekommt auch das Geld dafür. Wir erhielten schon Geld, noch bevor wir nachweisen konnten, daß unsere Aktivitäten Erfolg bringen. Banken sind nicht so innovationsfeindlich, wie man oft glaubt.

CW: Dennoch ist Parsytec in einem Marktspektrum aktiv, in dem Rechner hohe Leistungen vollbringen und demzufolge teuer sind, wenn man sie erwerben mochte. Wie viele Rechner haben Sie installiert und wie rechnet sich dies in bezug auf die hohen Vorabinvestitionen für Entwicklung und Fertigung?

Kübler: Der Vorteil liegt in der Transputertechnik, die skalierbar ist. Das bedeutet, daß ein großer Rechner aus strukturell den gleichen Komponenten besteht wie eine kleinere Maschine, nur wesentlich mehr davon und eventuell in einer modifizierten Packungstechnologie. Dies ermöglicht es, die Entwicklungsinvestitionen sehr stark zu rationalisieren. Zur Vorfinanzierung: Nicht alle unsere Rechner sind auch sehr teuer. Der Verkauf eines sehr großen Parallelrechners, der mehrere Millionen kostet, kommt relativ selten vor.

CW: Was ist dann Ihr Durchschnittspreis?

Kübler: Das ist schwer zu sagen. Dies reicht in den praktischen Verkäufen zur Zeit von 50 000 bis fünf Millionen Mark. Das ist ein enormer Bereich, der aber im wesentlichen mit der gleichen Technologie abgedeckt wird.

CW: Was ist mit den Kunden?

Kübler: Wir haben weltweit rund 700 Kunden. Davon sind 369 in Deutschland mit unterschiedlichen Systemgrößen, sowohl verteilt auf das sogenannte Supercomputing, was für uns eine sehr große, wenn auch nicht die ausschließliche Bedeutung gewonnen hat, als auch auf den Bereich der schnellen industriellen Automatisierungstechnik, ob das Bilderkennung oder Steuerungstechnik ist. Diese beiden Bereiche ergänzen sich sehr gut und bilden auch eine stabile Kundenbasis. Wären wir nur von wenigen sehr großen Systemen abhängig, wie beispielsweise eine Firma Cray, würden wir uns tendenziell unwohler fühlen. Aber die großen Rechner bieten den Innovationsschub für die kleineren Systeme, weil die ganz großen Systeme die Optimierung der einzelnen Prozessorknoten erzwingen.

CW: Nun ist Kunde nicht gleich Installation. Wie viele Systeme haben Sie im Feld?

Kübler :Es sind mehr Installationen als Kunden. Aber die Klientel, die einem Unternehmen riesige Stückzahlen bringt, nämlich der klassische OEM-Kunde, die bildet sich erst allmählich heraus. Dafür ist die ganze Technologie noch zu neu.

CW: Wie sieht denn zum jetzigen Zeitpunkt das Verhältnis der installierten kleineren Rechner zu den großen Maschinen aus?

Kübler: Die Grenzen verschwimmen, deshalb kann man das gar nicht so genau sagen. Wir trennen mehr nach den Anwendungen. Im technisch-wissenschaftlichen Number-Crunching haben wir etwa 200 Rechner weltweit installiert. Im Realtime-Bereich, den unsere kleineren Systeme abdecken, sind etwa 500 Rechner im Feld.

CW: Wird sich dieses Verhältnis durch Ihre verstärkten Bemühungen im obersten Parallelrechnerbereich verschieben?

Kübler: Nein, das bleibt. Die höhere Zahl im Realtime-Bereich wird dadurch kompensiert, daß die Systemgrößen deutlich kleiner sind. Wir haben dreimal so viele Realtime-Rechner im Feld, aber im Durchschnitt sind die Number-Crunching-Maschinen mehr als dreimal so teuer.

CW: Sind beide Bereiche profitabel?

Kübler: Ja. Sie müssen es aber auch sein, weil man sonst zu ungesunden und auf Dauer gefährlichen Verbundkalkulationen kommt. Natürlich passiert es daß eine bestimmte Zeit lang ein großes Entwicklungsinvestment in einen neuen Number-Cruncher oder in ein Realtime-System ansteht.

CW: Ihre Entwicklungen im Parallelrechnerbereich stützen sich auf den Inmos-Chip. Nur ist der neue Chip Ihres Lieferanten noch nicht verfügbar. Kommen Sie dadurch nicht in Wettbewerbsschwierigkeiten?

Kübler: Wir haben uns nicht von einem bestimmten Chip beziehungsweise von einer bestimmten Firma abhängig gemacht. Als wir 1985 mit Parallelverarbeitung starteten, konzentrierten wir uns auf eine bestimmte Art von Prozessoren, die dadurch gekennzeichnet sind, daß die Verarbeitung und die Kommunikation, also der Datenaustausch mit den anderen Prozessoren, auf einem Chip vereint und integriert sind. Diese Art von Prozessorarchitektur der Transputer-Klasse gab es 1985 nur von Inmos. Mittlerweile gibt es sie weltweit l in vier Produktlinien, nämlich von SGS-Thomson/Inmos, von Ncube, von Intel (iWarp) und von Texas Instruments.

Die Tatsache, daß sich diese Transputer-Klasse erweitert, zeigt erstens, daß unser Konzept richtig ist, zum zweiten führt es dazu, daß auf mittlere Sicht ein Hersteller wie wir aus einem Repertoire aus verschiedenen Arten von Transputern auswählen können. Da aber die SGS-Thomson-Linie bereits 1985 begonnen wurde, hat sie immer noch einen deutlichen Vorsprung.

CW: Das heißt, für Sie lohnt es sich, auf die neue Generation von Inmos zu warten.

Kübler: Ja. Außerdem ist das Transputerkonzept bei allen vier Produktlinien dadurch gekennzeichnet, daß es nicht so sehr auf den einzelnen Prozessor ankommt, sondern auf die Leistungsfähigkeit der großen Menge, des Teams sozusagen. Wenn die Kommunikation integriert ist, dann gelingt es auch, daß eventuell sogar viele 10 000 Prozessoren erfolgreich zusammenarbeiten können. Die Systemleistung setzt sich aus der Leistung aller Prozessoren, die sich erfolgreich koordinieren lassen, zusammen.

CW: Europa ist Ihr Hauptmarkt. Wer sind Ihre stärksten Konkurrenten?

Kübler: Unser Hauptkonkurrent in Europa ist die britische Firma Meiko. Dann zählen wir zu unseren Wettbewerbern auch Ncube und Intels Supercomputer-Division. Thinking Machines ist in der Vergangenheit in Europa und vor allem in Deutschland noch nicht so sehr in Erscheinung getreten, dies wird sich aber jetzt sicher ändern. Neben unseren Tätigkeiten in Europa unterhalten wir noch eine US-Tochter und sind zudem in Fernost aktiv, sowohl in Japan als auch in Südkorea und Taiwan.

Wir wollen uns diesem globalen Wettbewerb stellen, weil wir sonst eventuell nicht früh genug merken, wenn sich irgendwo technologisch leistungsfähige Konkurrenzentwicklungen zusammenbrauen.

CW: Den japanischen Markt bedienen Sie durch ihre Kooperation mit Matsushita. Gibt es Bestrebungen, eine eigene Tochter zu etablieren?

Kübler: Nein. Eine eigene Tochter in Japan aufzubauen ist aufwendig und schwierig. Solange wir mit japanischen Partnern zusammenarbeiten können, werden wir dies tun. Eine Alternative wäre die Etablierung einer lokalen Support-Tochter, die den jeweiligen Vertriebspartnern hilft, wenn ein Markt eine gewisse Größe und damit auch strategische Bedeutung für uns erreicht hat. Dies haben wir beispielsweise in Großbritannien gemacht.

CW: Hatte Ihr Engagement in Großbritannien nicht noch einen anderen Grund?

Kübler: Mehrere Gründe. In England sitzt mit Meiko nicht nur unser einziger ernst zu nehmender europäischer Konkurrent, sondern es ist auch ein außerordentlich innovativer Markt, selbst wenn die britische Wirtschaft derzeit nicht so stark ist. Parallelverarbeitung ist eigentlich in Europa in der Bundesrepublik und in England immer gleichwertig entwickelt worden.

CW: Welchen Anteil haben die amerikanischen und japanischen Aktivitäten am Gesamtgeschäft?

Kübler: Wir machen etwa 60 Prozent unseres Umsatzes in Deutschland. Nimmt man den Durchschnitt der letzten zwei Jahre, dann gibt es für uns drei Exportmärkte, die etwa gleich stark sind - den amerikanischen Markt, den japanischen und die Beneluxländer. Zu nennen ist noch der französische und seit kurzer Zeit auch der englische Markt, der sich aufgrund der Gründung unserer Tochter weiter nach vorne schieben wird.

CW: Sie sprachen eben Ihren amerikanischen Konkurrenten Thinking Machines an...

Kübler: Thinking Machines war immer im SIMD-Sektor tätig, also in einer bestimmten Richtung der Parallelverarbeitung. Mit der neuen Maschine gehen die Amerikaner nun in den MIMD-Sektor über, also den Bereich, in dem wir und andere seit 1985 tätig sind. Wir sehen uns durch diese Entwicklung vom Prinzip her bestätigt. Gleichzeitig aber müssen wir Firmen wie Thinking Machines oder Kendall Square oder Intel als wichtige Wettbewerber sehen, gegen die wir uns ständig mit allen Kräften zur Wehr setzen müssen. Auf gar keinen Fall dürfen wir ein Gefühl der Überlegenheit bekommen und uns auf unserem sicheren Vorsprung ausruhen. Vielmehr müssen wir in jedem einzelnen Detail gegen den Wettbewerb kämpfen.

CW: Das heißt, je mehr Wettbewerb es gibt, um so wacher sind Sie.

Kübler: Um so wacher müssen wir zwangsläufig sein Seit 1987

sind wir von einer Fülle von Wettbewerbern umgeben und stehen in einem intensiven Konkurrenzkampf.

CW: Aber Wettbewerb ist ja auch ein Anreiz...

Kübler: Es ist Anreiz und Anforderung. Wettbewerb setzt Maßstäbe, weil man sieht, wo man Schwächen hat, wo man etwas erreichen muß und kann Das ist der Anreiz. Die Anforderung ist, daß man unter Druck steht, solange einem noch nicht eingefallen ist, wie man besser wird. Dieses System aus Anreiz und Anforderung hält Firmen wie uns beweglich. Wir machen sicher viele Fehler, aber diese absolute Pflicht, uns mit dem Wettbewerb auseinanderzusetzen, hat uns immer wieder dazu gebracht, gute und wettbewerbsfähige Produkte zu entwickeln - und sie wird auch in Zukunft dafür sorgen.

CW: Ihnen droht aber nicht nur von den Parallelrechner-Herstellern zunehmend Konkurrenz. Im Supercomputersektor herrscht mittlerweile ein knallharter Wettbewerb. Unternehmen gehen kaputt, andere versuchen, sich mit Dumping-Preisen über Wasser zu halten, die dazu führen, daß Rechner fast verschenkt werden. Viele versuchen jetzt, in andere Märkte- unter anderem auch in Ihr Tätigkeitsfeld- hineinzukommen. Sehen Sie die Gefahr, daß Sie bei diesem Wettkampf irgendwann auf der Strecke bleiben werden, zumal sie auch noch von unten, aus dem Workstation-Sektor, unter Druck gesetzt werden?

Kübler: Sicherlich wird der Druck immer größer werden. Wir drücken ja auch mit all unseren Kräften auf andere, und wir hoffen, immer fester zu drücken. In einigen Jahren wird es überhaupt nur noch Hersteller geben, die Parallelrechner anbieten. In der Übergangsphase gibt es unterschiedliche Koppelungen. Unsere Kunden in den Rechenzentren haben die klassischen Vektorrechner und fragen bei uns um Unterstützung dafür nach, die klassischen RZ-Rechner in Verbindung mit unseren zu benutzen. Es gibt zum Glück Interfaces, die ein systemneutrales Bindeglied darstellen, so daß sich Parallelrechner an verschiedenartige Vektorrechner anbinden lassen.

CW: Dennoch haben Sie noch immer nicht gesagt, wie Sie sich in einem verstärkten Konkurrenzkampf behaupten wollen

Kübler: Im Grundsatz banal, im Detail schwierig: immer wieder dadurch, daß wir Dinge besser machen. Vor drei Jahren stellten wir noch keine großen Parallelrechner her, waren überwiegend im industriellen Markt tätig. Die Firma Meiko produzierte jedoch zu jenem Zeitpunkt schon solche Rechner. Warum sollte also jemand Parsytecs große Rechner kaufen, wenn es doch schon einen von Meiko gab? Einfach, weil wir bestimmte Dinge besser gemacht haben. Wir packen nur die wenigen Bereiche an, in denen wir wirkliche Spitzenleistungen auch auf Dauer erzielen können. Beispielweise ignorieren wir die kommerzielle Parallelverarbeitung zugunsten der technisch-wissenschaftlichen Hochleistungsrechner. Solange wir uns auf bestimmte Architekturen, auf bestimmte Märkte und Anwendungsbereiche konzentrieren, glauben wir, auch auf Dauer dort einer der Marktführer sein zu können.

Hinzu kommt unser Bemühen, trotz der bisherigen Expansion unsere Flexibilität zu erhalten. Wir ändern schon jetzt Organisationsstrukturen dahingehend, daß wir dezentralisieren, hinreichend selbständige, autonome Teams bilden, Teilfirmen aufbauen. So haben wir in Aachen beispielsweise die Parsytec Computer, die mit Entwicklung und Herstellung befaßt ist, und die Parsytec Anwendung, die sich um alles rund um die Anwendung und den Kunden kümmert. Solche Firmen entwickeln ihre eigenen Firmenkulturen, bleiben schlagkräftig und überschaubar. Diese Prozesse werden wir auch in Zukunft fortsetzen. Last, not least haben wir uns zudem von Anfang an um einen qualifizierten und leistungsstarken Vertrieb bemüht, in den auch unsere Ingenieursmannschaft eingespannt ist.

CW: Wie ist das Verhältnis Ingenieurs- und Vertriebsteam?

Kübler: Neben den Vertriebsteams bei unseren 15 Vertriebspartnern haben wir selbst sechs Voll-VBs, die jedoch alle über einen Informatik-Hintergrund verfügen .

CW: Es sind also keine Kaufleute...

Kübler: Nein. In das Vertriebsteam eingespannt ist eine wiederum aus Ingenieuren bestehende Support-Mannschaft. Diese setzt ihrerseits die Entwicklungsmannschaft - bestehend aus Ingenieuren - in einer ganzen Menge von Detailfragen zusätzlich ein.

CW: Wie sieht es mit dem Druck durch die Workstation-Hersteller aus?

Kübler: Die einzelnen Rechnerkategorien befinden sich in einer permanenten Aufwärtsbewegung, eine schiebt die andere nach oben. So wie die PCs die Workstations aufwärts schieben, so tun die Workstations dies mit größeren Rechnern - neben den Vektorsupercomputern eben auch die Parallelrechner. Wir sehen das und haben uns deshalb mit unseren neuesten Produktentwicklungen auch zunehmend nach oben geöffnet; in die allerhöchsten Leistungskategorien bis hin zum Tflop-Rechner.

CW: Gehen Ihre Ansprüche zu größten Parallelrechnern aber nicht zu Lasten der kleineren Systeme im industriellen Bereich?

Kübler: Im Gegenteil - die Technik und die Optimierung, die wir für die ganz großen Maschinen entwickeln, kommen den kleineren industriellen Systemen zugute. Das Faszinierende an der Transputer-Methodik ist, daß die Knotentechnologie für die einzelnen Prozessoren immer wieder sehr ähnlich ist, wenn nicht sogar die gleiche. Also zahlt sich der technologische Fortschritt, zu dem wir bei den größten Systemen gezwungen sind - Packaging, Kühlung, Kostenoptimierung -, auch bei einem 32-Prozessor-Bilderkennungssystem aus. Der höchste Leistungsbereich ist eine Art technologischer Leuchtturm. Er dient zur Orientierung, kann dadurch aber viele Vorteile für mittlere Systeme ableiten.

CW: Wie sehen Ihre Wachstumsziele aus?

Kübler: Wir müssen mit dem Markt wachsen. Wir sind Marktführer in Europa bei Parallelsystemen. Auf Dauer aber werden in jedem Marktsegment nur zwei oder drei Marktführer übrigbleiben können. Also muß eine Firma entweder mit ihrem Marktsegment wachsen, dann bleibt sie unter den zwei oder drei Spitzenunternehmen, oder sie ist gezwungen auszuscheiden. Das ist eine grausame Wahrheit, zu der wir uns aber klar bekennen. Somit sind unsere Wachstumsziele am Markt orientiert, und wir brauchen hierfür keine Alternativen zu suchen.

CW: Die Computerindustrie ist seit einiger Zeit von Konzentrationstendenzen stark geprägt. Fusionen, Aufkäufe und Mehrheitsbeteiligungen sind schon fast an der Tagesordnung. Könnte nicht auch Parsytec für manchen Großen zunehmend interessant werden? Ich denke dabei nicht nur an Ihre Innovationskraft, sondern auch daran, daß Sie möglicherweise doch irgendwann aus finanziellen Gründen unterschlüpfen müssen.

Kübler: Solche Prozesse des Kaufens und Einkaufens sind sehr vielschichtig. Es kann durchaus gute Gründe für Allianzen geben. Nur: Allianzen sollten keine Verbindungen sein, in denen der eine den anderen beherrscht. Deshalb sind komplementäre Partnerschaften außerordentlich wichtig. Gerade wir sind in vielen Technologien auf andere angewiesen. Beispiel: Es gibt eine kleine Firma in Holland, die die weltbesten Compiler macht. Wir sind dadurch leistungsfähig, daß wir nicht unsere eigenen Compiler entwickeln, sondern mit diesem Unternehmen kooperieren. Deshalb muß man immer zu Allianzen hinstreben, denn gerade die arbeitsteilige Welt hat uns viel leistungsfähiger gemacht, als es unseren derzeit 150 Mitarbeitern entspricht. In ähnlicher Weise können wir auch Allianzpartner von größeren Firmen sein. Wenn wir jedoch, selbst wenn wir wollten, von einem größeren Konzern aufgesaugt würden, ginge uns unsere Eigenverantwortlichkeit und damit auch unsere Innovationsaggressivität verloren.

CW: Dennoch könnte es gerade angesichts Ihrer Wachstumsphase, die oft dazu verleitet, Kosten und Strukturen aus dem Auge zu verlieren, passieren, daß Sie gar keine andere Wahl mehr haben, als übernommen zu werden. Es gibt genügend Beispiele dafür.

Kübler: Zum einen: Um uns herum lauern permanent Leute, die uns Finsteres wollen - in vorderster Front die Wettbewerber. Daran sind wir gewöhnt, und das wird auch so bleiben. Zum anderen: Warum soll ich akribisch den Mißerfolg planen, den ich nicht vorhabe zu erleben?

CW: Sie sollen ihn ja nicht planen, nur die Möglichkeit nicht ganz außer acht lassen ...

Kübler: Kapital und Ressourcen können wir bekommen, ohne uns von industriellen -Führerschaften abhängig zu machen. So streben wir beispielsweise an, in vier oder fünf Jahren an die Börse zu gehen. Das ermöglicht einen kontinuierlichen Weg, Kapital und Ressourcen zu beschaffen und dabei Unabhängigkeit zu bewahren. Daß das nicht einfach ist, ist uns klar.

CW: Was ist mit eigenen Zukäufen?

Kübler: Nehmen Sie den eben genannten holländischen Compiler-Hersteller. Es könnte verführerisch sein, sicherheitshalber eine Mehrheit erwerben zu wollen. Aber das wäre das Dümmste, was uns überhaupt einfallen könnte. Zum einen wären wir dann viel Geld los, zum anderen hätten wir die Leute demotiviert und zum Teil aus ihrer wirtschaftlichen Eigenverantwortlichkeit entlassen. Da muß man außerordentlich aufpassen. Man kann gelegentlich strategische Allianzen eingehen, die durch eine Minderheitsbeteiligung dokumentiert werden. Das ist dann aber mehr ein Symbol.

CW: Warum kommt es dann in letzter Zeit zu so vielen Aufkäufen und Übernahmen?

Kübler: Das sind Marktbereinigungen, der alte darwinistische evolutionäre Prozeß: Die Schwachen sterben, die relativ Schwächeren werden übernommen und die relativ Stärkeren übernehmen oder bleiben unabhängig.