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03.11.1989 - 

Wissensbasierte Systeme entwerfen Verträge und Angebote

Künstliche Intelligenz im Büro

Nach langen Jahren der Forschung ist jetzt der Punkt erreicht, an dem Künstliche Intelligenz praktisch nutzbar wird. Wisdom, eines der größten deutschen KI-Projekte, soll das Fundament legen für völlig neuartige Bürosoftware.

Wissensbasierte Systeme erlauben mehr als nur eine Rationalisierung im Büro durch die Entlastung von Routinearbeiten. Sie können vielmehr ganze Arbeitsabläufe unterstützen. Wesentliche Elemente der Büroarbeit, wie das Erstellen komplexer Dokumente, die Durchführung qualifizierter Beratungen oder die Organisation von arbeitsteiligen Handlungsabläufen enthalten - im Gegensatz zur konventionellen Datenverarbeitung, die mit Zahlen oder Zeichen operiert - symbolische Informationen, die ein System verstehen und auf die es intelligent reagieren muß.

Systeme heute für den Dienstleistungsbereich

Waren in der Vergangenheit wissensbasierte Systeme noch isolierte Einzellösungen für typischerweise naturwissenschaftliche Anwendungen, so werden heute zunehmend Systeme für den Dienstleistungs- und Bürobereich entworfen und implementiert. Mit dem Verbundprojekt "Wisdom" (Wissensbasierte Systeme zur Bürokommunikation: Dokumentenbearbeitung, Organisation, Mensch-Computer-Kommunikation) sollten wissensbasierte Techniken gezielt für Anwendungen im Büro entwickelt und eingesetzt werden. Die Ergebnisse dieses unter Federführung der Triumph-Adler AG durchgeführten bislang größten vom Bundesministerium für Forschung und Technologie geförderten deutschen Forschungsprojekts im Bereich der Künstlichen Intelligenz ermöglichen neuartige Softwaresysteme zur Unterstützung der Büroarbeit.

Die Grundlage der im Projekt entwickelten Prototypen und Systeme bildet das Wissensrepräsentationssystem "Luigi". Das Luigi-System ist in seinem heutigen Entwicklungsstand eines der leistungsfähigsten Werkzeuge für die Entwicklung wissensbasierte Systeme. Darauf aufbauend wurden mehrere Systeme für den praktischen Einsatz im Büro entwickelt.

Die Nutzung von wissensbasierten Systemen für die Erstellung von Dokumenten - Dokumentenkonfigurierung genannt - war Gegenstand des Kokon-Systems, das von der Firma Berner & Mattner und der TU München implementiert wurde. Als exemplarische Anwendung wurde das weitgehend automatisierte Entwerfen von Immobilien-Kaufverträgen im Notariat gewählt und realisiert.

Die erreichte Lösung läßt sich auf den allgemeinen Einsatz im Büro erweitern. Mögliche Anwendungsbereiche sind neben dem Vertragswesen insbesondere die Zusammenstellung von Angeboten und Dokumentationen sowie die Projektierung.

Wissensbasierte Systeme dieser Art bieten folgende Vorteile:

- Dokumente werden im freien Dialog erstellt. Sowohl der Benutzer als auch das System können die Initiative ergreifen und jeweils "intelligent" fragen und antworten. Der Benutzer hat die Möglichkeit, Antworten auf Systemtragen auch zurückzustellen: in diesem Fall arbeitet das System mit der wahrscheinlichsten Annahme weiter.

- Der Text baut sich parallel in dem Maße auf, wie der Dialog fortschreitet. Man sieht, wie weit man ist und was noch fehlt. Begriffe im Text und Ergebnisse der Konfigurierung kann sich der Benutzer auf mehreren Erklärungsstufen erläutern lassen.

- Das System stellt sich auf neue Situationen, die aus dem Revidieren bereits gemachter Angaben entstehen, ein und deckt Widersprüche im inneren Zusammenhang auf. Die weitere Entwicklung geht in Richtung eines Systems zur Angebotserstellung, dessen erste Produktversion von Berner & Mattner auf der SYSTEMS vorgestellt wurde.

Auf der Basis von Produktpalette, angebotenen Leistungen und geschäftspolitischen Zielsetzungen, ausgehend von Angebotsaufforderungen und Akquisitionsgesprächen wird ein Angebot zusammengestellt. "Leonardo", ein von Triumph-Adler entwickeltes wissensbasierte System, konfiguriert komplexe Produkte und erzeugt dazu konsistente und vollständige Angebotstexte. Bei Produkten, die, wie etwa Computersysteme, in vielfältigen Varianten auftreten und sich aus zahlreichen Komponenten zusammensetzen, zwischen denen typischerweise komplexe Abhängigkeiten bestehen, bedeutet die Möglichkeit, schnell fehlerfreie Konfigurationen zu erstellen, einen strategischen Wettbewerbsvorteil.

Zur Zeit unterzieht Olivetti Leonardo einem Praxistest, um Lösungen auf der Basis seiner LSX-Minicomputer-Familie zusammenzustellen. Das System erstellt in kürzester Zeit vollständige und konsistente Konfigurationen von LSX-Systemen.

Beim Zusammenstellen der Hard- und Software-Lösungen kommen daher alle relevanten Informationen über die LSX-Minicomputer und die bisherigen praktischen Erfahrungen mit dem Einsatz von LSX-Systemen zur Geltung.

Wird die Wissensbasis ausgetauscht, ist Leonardo auch für andere Bereiche mit komplexen technischen Konfigurationsaufgaben einsetzbar.

Wissensbasierte Systeme erlauben es, genau zu verfolgen, welche Wissenselemente wann, wo und wie bei der Berechnung von Ergebnissen verwendet wurden. Diese Möglichkeit wird genutzt, um auf individuelle Fragen eines Benutzers angepaßte Erklärungen zu geben. Solche Fragen können quasi-umgangssprachlich formuliert werden (etwa in einem Hilfesystem zur Textverarbeitung: "Wie kann ich den Rand um 5 cm nach links verschieben?"). Die Antworten werden - anders als in konventionellen Hilfesystemen mit ihren festen, vorabgespeicherten Hilfetafeln - erst auf die Frage hin berechnet.

Das Expertensystem "Medici", das gegenwärtig entwickelt wird, soll Kunden und Berater in Filialbanken und Sparkassen bei der Auswahl günstiger Anlageformen unterstützen. Medici ist in der Lage, jede seiner Anlageempfehlungen zu begründen. Auf die Frage "Warum wird ein Portfolio mit dieser Zusammensetzung von Wertpapieren vor geschlagen?" antwortet Medici mit Fakten über die bisherige Depotstruktur, Annahmen über die Ziele des Kunden und die wirtschaftliche und steuerliche Bewertung der vorgeschlagenen Anlageformen. Darüber hinaus kann Medici angeben, auf welche Art diese Fakten und Annahmen in die Empfehlungen eingeflossen sind. Der Kunden- oder Anlageberater eines Geldinstituts kann somit im Konzept der Allfinanz wesentlich komplexere Produkte und Dienstleistungen als bisher anbieten.

Das wissensbasierte Planungssystem "Lupino" baut auf dem Luigi-System auf: Speziell können Pläne mit mehreren simultan tätigen Akteuren (Personen im Büro) und mit verzahnter Planausführung erzeugt werden. In dem in Wisdom gewählten Anwendungsbeispiel werden kooperative Abläufe im Kontext von Beschaffungen so geplant, daß die konstruierten Vorgänge allen gesetzlichen und firmeninternen Regeln und Vorschriften genügen.

"Domino", ein gemeinsam mit der GMD entwickeltes Vorgangssystem, kann einen mit Lupino konstruierten Vorgang schrittweise ausführen. Domino steuert unter Verwendung von Electronic Mail den Dokumententransport zwischen den Arbeitsplatzrechnern der beteiligten Personen und überwacht die Termine. Die inhaltliche Arbeit des einzelnen Mitarbeiters - etwa einen Vorgang als sachlich richtig genehmigen - kann und soll Domino nicht übernehmen.

Zur Sicherung und zum Ausbau der jetzt erreichten Stellung im internationalen Wettbewerb werden weitere Anstrengungen unternommen. Neben langfristigen Kooperationen in der Forschung - zum Beispiel im Rahmen des Esprit-Programms (European Strategic Program for Research and Development in Information Technology) oder mit dem Bayerischen Forschungszentrum für wissensbasierte Systeme - sind weitere gemeinsame Entwicklungen bereits eingeleitet.

*Dr. Ing. Rainer Lutze ist Leiter der Forschung der Triumph-Adler AG in Nürnberg und war Koordinator des Wisdom-Verbundprojekts. Dipl.-Psych. Andreas Kohl leitete die Wisdom-Arbeiten bei Triumph-Adler und ist verantwortlich für die Entwicklung wissensbasierter Anwendungen.