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18.09.2006

Kunden ignorieren Hersteller-Roadmaps

Softwareanbieter präsentieren gerne langfristige Produktpläne. Die Anwender lassen sich nur bedingt davon beeinflussen.
SAP versorgt Anwender mit vielen Informationen. Doch mitunter wechselt der Hersteller unvermittelt den Kurs.
SAP versorgt Anwender mit vielen Informationen. Doch mitunter wechselt der Hersteller unvermittelt den Kurs.
Microsoft hat die Komplexität von Vista (vormals "Longhorn") drastisch unterschätzt. Im Jahr 2007 erscheint eine abgespeckte Version.
Microsoft hat die Komplexität von Vista (vormals "Longhorn") drastisch unterschätzt. Im Jahr 2007 erscheint eine abgespeckte Version.

Ursprünglich hatte Microsoft die Freigabe für Ende 2003 in Aussicht gestellt. Doch die Pläne wurden immer wieder verworfen. Vista, Microsofts neues Betriebssystem, erscheint laut den letzten Äußerungen aus Redmond nun Anfang 2007. Der Softwarekonzern ist inzwischen bekannt dafür, Produkte viel zu früh anzukündigen, um dann, wenn der Termin näher rückt, die Veröffentlichung mehrmals zu verschieben. Doch nicht nur das verwirrt die Kunden: Der Hersteller hat den Funktionsumfang des Betriebssystems gegenüber den ersten Verlautbarungen drastisch reduziert. Zum Beispiel sollte Vista ein neues Dateisystem ("Win FS") erhalten. Nun hieß es im Juni dieses Jahres, die Entwicklung von Win FS sei eingestellt worden.

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Welche Bedeutung haben Produktpläne ("Roadmaps") wie die des neuen Microsoft-Betriebssystems überhaupt für die Anwender, wenn weder der Zeitpunkt der Markteinführung noch der Funktionsumfang verlässlich mitgeteilt werden kann? Können und wollen sich Firmen daran orientieren und ihre eigene IT- und Budgetplanung danach ausrichten?

Wettbewerbsvorteile

Nach den Erfahrungen von Sebastian Paas, Manager Business IT Strategy bei der Unternehmensberatung Deloitte in Berlin, gibt es durchaus Anwender, die sich an den Roadmaps von Softwareanbietern wie Microsoft orientieren. Sie versprechen sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil und sind daher stärker als andere von den Produktinnovationen der Lieferanten abhängig.

Weniger innovationsfreudige Unternehmen hingegen - Paas nennt sie die "Fast Follower" - warten zunächst ab, bis es einen Referenzkunden für ein neues Produkt gibt. "Firmen tun dies aus ökonomischen Gründen. Außerdem wollen sie so das Risiko verringern."

Daneben gibt es natürlich auch solche Anwender, die schlicht nicht einsehen, warum sie dem Produktfahrplan eines Lieferanten folgen sollen. Microsoft hat deshalb seine liebe Mühe damit, diese Kunden zum Upgrade von Softwareprodukten wie Windows oder Office zu bewegen. Viele verwenden noch ältere Programme, weil diese zuverlässig ihren Dienst verrichten und ihnen der Vorteil neuerer Versionen nicht klar ist.

Was tun mit SOA?

Auch die Hersteller von betriebswirtschaftlicher Standardsoftware bewegen sich mit ihren Ankündigungen auf dünnem Eis. Viele von ihnen feilen derzeit emsig an Fahrplänen in Richtung Service-orientierte Architekturen (SOAs). Einerseits erwarten die Kunden von den Softwarehäusern, dass sie sich dem Trend anschließen und ebenfalls SOA-Roadmaps auflegen, andererseits wissen sie aber oft noch nicht, wie sie die neuen Konzepte in ihrem Unternehmen umsetzen sollen.

Ein Paradebeispiel dafür sind die SAP-Nutzer. In puncto SOA-Roadmaps gehört der deutsche Softwarekonzern zu den Vorreitern: Während die meisten Kunden noch mit dem 1992 erstmals erschienenen Erfolgsprodukt R/3 arbeiten, zeichnen die Marketing-Strategen bereits die Zukunft bis zum Jahr 2010 vor. Grundsätzlich bewerten IT-Verantwortliche die Schritte der SAP in Richtung SOA auch positiv, ist von der Anwendervereinigung DSAG zu vernehmen. Doch wirkliche SOA-Projekte sind zumindest hierzulande eher selten. Einige SAP-Kunden nehmen sogar höhere Wartungsgebühren in Kauf, um auch weiterhin das veraltete R/3 nutzen zu können.

Zu marktschreierisch

"SAPs Informationspolitik ist zu marktschreierisch", kritisiert die IT-Verantwortliche eines öffentlich-rechtlichen Medienhauses, die nicht namentlich genannt werden will. Da IT-Projekte zunehmend von den Fachbereichen angestoßen würden, wendeten sich SAP, aber auch andere Anbieter verstärkt an diese Zielgruppe.

Noch viel schwerer fällt es Herstellern, ihre künftige Produktstrategie zu vermitteln, wenn sie andere Anbieter übernommen haben, fusionieren oder selbst geschluckt wurden. Betroffene Kunden fragen dann weniger nach neuer Technik als vielmehr nach den Zukunftsaussichten des Produkts. "Selbst Firmen, die sich grundsätzlich für neue Produktfunktionen interessieren, schieben in solchen Situationen ihre Investitionen oft auf die lange Bank", so Chris Pang, Research Director beim Beratungshaus Gartner. Dass ist dies nicht ohne Grund geschieht, bestätigt auch Karin Henkel. "Oft präsentieren Hersteller ihren Kunden hochtrabende Roadmaps, die dann nach einer Übernahme nicht mehr gelten", meint die Analystin bei Strategy Partners in der Schweiz.

Nicht verbindlich

Grundsätzlich haben die meisten Anwender inzwischen gelernt, dass sie die Botschaften ihrer Lieferanten nicht auf die Goldwaage legen sollten. "Viele Anwender nehmen diese Herstellerangaben nicht besonders ernst", meint Henkel. "Für die Kunden sind die Roadmaps der Hersteller nicht unbedingt verbindlich", beobachtet auch Deloitte-Manager Paas. Anwenderunternehmen betrachteten die zukunftsbezogenen Herstellerangaben mit Augenmaß und kritisch. Allerdings gelte es hier zu differenzieren, da sich die Herstelleraussagen in ihrer Tragweite stark voneinander unterschieden, gibt der Deloitte-Experte zu bedenken. Als krasses Beispiel für einen weit reichenden Strategiewechsel führt er die Firma Novell an. Der Netzsoftwarespezialist hatte beschlossen, seine Betriebssystem-Technik komplett auf Linux umzustellen. Anwender müssten daher eine Grundsatzentscheidung treffen, ob sie Novell die Treue halten oder sich anderweitig umschauen wollen.

Anwender haben eigene Roadmap

Obwohl insbesondere die Hersteller von Business-Software versprechen, ihre Produktstrategien möglichst nah an den Kundenbedürfnissen auszurichten, führt ihre Klientel Neuheiten ganz bewusst erst mit Zeitverzug ein. Zu diesen Anwendern zählt Christian Sperka, Leiter Information Services bei dem auf Küchensysteme und Spülen spezialisierten Industriekonzern Franke Gruppe mit Hauptsitz in der Schweiz: "Ich habe meine eigene, interne Roadmap." Für Sperka wiegt die Stabilität eines Softwareprodukts mehr als viele neue Features. "Was wir brauchen, darf ruhig weniger sexy sein. Mir ist viel wichtiger, wenn Hersteller alte Baustellen aufräumen." Sperka meint damit, veraltete Produktelemente durch modernere zu ersetzen, sprich Detailarbeit am Kernprodukt. Daher lässt ihn so manche Ankündigung seines ERP-Lieferanten IFS zunächst kalt.

Release-Wechsel muss passen

Grundsätzlich ist er mit der Business-Lösung zufrieden, doch macht er nicht jeden Release-Wechsel des in Schweden beheimateten Softwarehauses mit, wenn dies nicht in seinen Fahrplan passt: "Wir haben oft Bedürfnisse, die von der Hersteller-Roadmap gar nicht abgedeckt werden." Aus diesem Grund hat der IT-Manager interne Ressourcen aufgebaut: "Unsere eigenen Softwareexperten können das ERP-System um neue Funktionen erweitern, und zwar dann, wenn wir sie brauchen."