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26.06.1992 - 

In einigen Bereichen droht neue Abhängigkeit von großen Softwarehäusern

Kundennähe und Flexibilität sprechen für kleinere Anbieter

Unix löst im Bereich kommerzieller Anwendungen aus unterschiedlichen Grunden größere proprietäre Systeme ab, ebenso kleinere PC-Lösungen. In einigen Bereichen wie der Bürokommunikation droht Hardware-Unabhängigkeit in Software-Abhängigkeit umzuschlagen, weil hier wenige Großanbieter den Markt beherrschen. Jürgen Sinz* hält ein Plädoyer für kleinere Anbieter und zeigt zugleich auf, was diese leisten müssen.

Eindrucksvolle Zahlen bestätigen heute die Voraussagen, daß, Unix im kommerziellen Anwendungsbereich einen erheblichen Zuwachs haben würde. Nach Angaben von Dataquest hat sich die Zahl der jährlich ausgelieferten Büropakete von 1987 bis 1990 verdoppelt. Für das Jahr 1992 rechnen die Marktauguren von IDC mit einen Anstieg des weltweiten Bestands an Unix-PCs und Workstations um 40 Prozent. Sie begründen dieses Wachstum eben mit deren zunehmenden Einsatz in kommerziellen Lösungen

Auf dem deutschen Markt verstärkten Großanwender diesen Trend. So geben zum Beispiel Länderverwaltungen, wie die Nordrhein-Westfalens, in ihrer Einkaufspolitik Unix als verbindlichen Standard für Multiusersysteme vor. Mit dieser strategischen Ausrichtung wollen sie für alle Fälle künftiger Entwicklungen im DV-Markt gerüstet und unabhängig von einzelnen Anbietern sein.

Große Anbieter bestimmen die Entwicklungsrichtung

Auch Konzerne gehen als Großanwender auf Nummer Sicher. Sie bauen für die mittel- bis langfristige Umstellung ihrer DV auf Unix schon heute vor. Ein Motor dieser Entwicklung ist die zunehmende Installation unternehmensweiten Netzwerke, in die PC, Mainframe und Workstation gleichermaßen eingebunden werden. Hier spielt das Hardwareunabhängige Unix eine tragende Rolle.

Weniger strategisch und mehr kostenorientiert entscheiden sich kleine und mittlere Betriebe für ein Betriebssystem. Steht hier die Wahl zwischen Unix-Mehrplatzlösung und PC-Netzwerk an, so sind die Kosten ein wichtiges Argument dieses Betriebssystem. Ein leistungsfähiger Unix-PC mit angeschlossenen Terminals ist billiger zu haben als im LAN verbundene PCs unter MS-DOS oder OS/2.

Wie auch immer argumentiert wird - die Nachfrage nach Unix für den Einsatz in der Büroorganisation steigt. Und diese gestiegene Nachfrage befriedigen im wesentlichen einige große internationale Unternehmen, die ihre Unix-basierte Bürokommunikationssysteme

zunehmend auch auf` den PC zuschneiden .

Sie bieten somit rechnerübergreifende Softwarelösungen, was sich, wegen des Bestands an heterogenen Systemumgebungen, positiv auf ihre Marktakzeptanz auswirkt. Aufgrund der Marktanteile - verstärkt durch Kooperationen und Zusammenschlüsse zwischen den Großen - setzen sie letztlich auch die Standards, an denen sich kleinere Unternehmen mit ihren Lösungen orientieren müssen.

Das klingt für die nationalen oder europäischen Anbieter, die aus der Tradition der Textverarbeitung und der integrierten Pakete kommen, fast bedrohlich. Ist es das wirklich?

Für die "kleinen" Anbieter wandelt sich durch die Marktentwicklung zunächst der Anspruch, den sie an ihre Unix-Lösungen stellen müssen. So kann das Unix-Büroorganisationspaket nicht länger nur der kosmetischen Abrundung des Produktangebots dienen. Das heißt, es reicht nicht aus, MS-DOS-Produkte mehr oder weniger notdürftig auf dem Multiuser-Multitasking-System zu implementieren. Ausgereifte Unix-Lösungen zu entwickeln, wird für den kleinen Hersteller von Büroorganisationslösungen von der politischen zur lebensnotwendigen Aufgabe.

Kleine Softwarehäuser bieten Lösungen nach Maß

Dabei müssen sie sich keineswegs mit der großen Konkurrenz messen oder sich gar vor ihr fürchten. Denn sie haben gegenüber den Marktführern einige Aktiva zu verbuchen: Sie sind flexibler hinsichtlich der Reaktion auf Markttrends, und sie sind flexibler, was die individuellen Wünsche der Anwender und den direkten Support durch den Hersteller angeht.

Kleine Anbieter können dem Anwender bei der Einbindung von bestehenden individuellen Lösungen helfen, auf die er auch in der Zukunft zugreifen will und muß. Das betrifft Branchenlösungen ebenso wie auf bestimmte Abteilungen zugeschnittene Software. Und der Schutz seiner Investitionen spielt bei der Entscheidung des Anwenders für eine neue Lösung eine wichtige Rolle.

Weiterer Vorteil des "kleinen", nationalen Anbieters ist seine Marktnähe. Sie erlaubt es, national spezifische Markt- und Anwendungsbedürfnisse in der Produktentwicklung zu berücksichtigen. Das Bemühen um den Kunden und um seine spezifischen Anforderungen ist infolgedessen spürbarer und effektiver als bei multinationalen Unternehmen, deren Schwerpunkt die Massenvermarktung von Standardprodukten ist.

Diese Eigenschaften der kleinen Anbieter bilden gerade im Hinblick auf das Erstarken von Unix im Bereich der PC-Anwendungen ihren entscheidenden Vorteil. Denn es geht hier in der Hauptsache nicht um die Installation völlig neuer Lösungen sondern um eine sukzessive Umstellung von Anwendungen, die bisher unter DOS gelaufen sind.

Unix ist die Klammer für Integrationsprojekte

Darüber hinaus geht es um die Integration von Unix-Lösungen in ein heterogenes Umfeld, in dem auch DOS-Arbeitsplätze weiterhin ihre Berechtigung haben - und das spielt gerade in bezug auf die Anwenderorientierung und Bedienerfreundlichkeit eine entscheidende Rolle. Weltweit arbeiten heute nach Recherchen von IDC etwa 75 Prozent aller PCs im professionellen Einsatz unter MS-DOS. Und diese Systeme gilt es, in neue Lösungen zu integrieren.

Unix kann hier als systemübergreifende Klammer dienen. Denn über geeignete Emulationsumgebungen lassen sich DOS-Anwendungen einwandfrei auf einem Unix-Computer nutzen. Damit entsteht die Notwendigkeit, zwischen diesen beiden Systemwelten, auch was die Bedienerführung angeht, für Durchgängigkeit zu sorgen Denn für den Anwender sollte sich die Umstellung von einen Betriebssystem auf das andere möglichst unmerklich vollziehen.

Doch von diesem Idealbild ist man heute in den meisten Unternehmen noch weit entfernt. Bereits bei der Vernetzung von Arbeitsplätzen mit einer zunehmend komplexen und heterogenen Aufgabenstruktur ist in der letzten Jahren Kompatibilität ein frommer Wunsch geblieben.

Daran haben auch die Bemühungen der Marktführer um einheitliche Standards nichts geändert.

Viele Anwenderunternehmen haben ein Sammelsurium an Einzellösungen, sowohl in bezug auf die Hard- und Software als auch im Hinblick auf die eingesetzten Betriebssysteme. Dies macht deutlich, daß es für die Zukunft nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder, die Anbieter unterwerfen ihre Produkte allgemeinen Standards, oder aber sie bringen flexibel anpaßbare Lösungen auf den Markt.

Für Flexibilität entscheiden sich diejenigen Anbieter, die auf Investitionssicherheit besonderen Wert legen. Denn auch sogenannte Standards können in Sackgassen führen, da künftige Entwicklungen kaum vollständig vorhersehbar sind. Für kleine Anbieter bedeutet Flexibilität aber auch, daß sie sich den Standards der Großen anpassen, ohne sich davon abhängig zu machen.

Der einzige Weg hierhin führt über offene Schnittstellen. Sie sorgen für Anpassungsmöglichkeiten an verschiedene Hardware- und Betriebssysteme, und zwar ohne großen Portierungs- und Implementierungsaufwand. Klar ist, daß gerade kleine Unternehmen nicht als Exoten überleben können, die von den durch die Marktführer gesetzten Standards unabhängig sind.

Dies gilt auch im Hinblick auf den Trend zur Modularität beziehungsweise zu individueller Konfiguration bei der Bürokommunikation. Denn Modularität soll es möglich machen, daß der Anwender seine Lösung aus den für seine Ansprüche optimalen Modulen zusammensetzen kann. Dabei muß jedoch die Option erhalten bleiben, die stärksten Module unterschiedlicher Anbieter reibungslos unter einen Hut zu bringen.

Integrierte Alleskönnerpakete von einem Hersteller, die komplett bei einem Anwender zum Einsatz kommen, sind passé. Der Anwender erreicht durch die unabhängige Zusammenstellung seiner Lösung aus einzelnen Modulen einen wesentlich höheren Grad an Wirtschaftlichkeit, denn die Software ist frei von überflüssigen Ballast. Er investiert nicht länger in Anwendungen, die zwar Bestandteil seiner integrierten Losung sind, mit denen er aber nicht arbeitet.

Der DV-Markt ist so strukturiert, daß nur die Unternehmen eine Chance haben, die sich auf ihre Stärken konzentrieren und ihre Entwicklungspower nicht in breitgeficherte, vielleicht sogar überfrachtete Lösungen investieren. Die Motivation für die Entwicklung eines Produktes darf nicht das Treiben der Konkurrenz und deren Feature-Masse sein. Dabei läßt man allzu schnell den Anwender aus den Augen, der sich dann im Programmdschungel verliert.

Funktionalität geht vor technische Finessen

Bürokommunikation umfaßt personelle, organisatorische sowie technische Aspekte des internen und externen Informationsaustausches. Und dabei dürfen die personellen Aspekte nicht ins Hintertreffen geraten. Bei Bürolösungen der Zukunft auch unter dem leistungsfähigen Unix, sollten daher nicht technische Höchstleistungen im Vordergrund stehen. Die Realitat wird diesem Anspruch heute nicht gerecht. Die Folge ist eine unnötige Verwirrung der Anwender.

Konzentration auf das Wesentliche bedeutet für einige kleine Anbieter die Spezialisierung auf Nischenprodukte, da hier deren Stärke liegt. Für Softwarehäuser aus der Tradition der Büroorganisation bedeutet das, sich auf Lösungen für die Aufgaben zu konzentrieren, die in der alltäglichen Büroarbeit entscheidend sind. Dabei ist davon auszugehen, daß es die allgemeingültige Lösung oder den ideellen Gesamtanwender nicht gibt. Verfügt das Produkt über notwendige Offenheit gegenüber Fremdprogrammen bleiben Anwender wie Anbieter flexibel.