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07.10.1994

Kurzinterview "Eigentlich weiss man nicht, was der Rechner macht"

CW: In Ihrer Zeit beim Massachusetts Institute of Technology (MIT) galten Sie als IT-Pionier, wie umschreiben Sie heute Ihr Fachgebiet?

Weizenbaum: Ich wurde zu einem kritischen Beobachter der Informatik. Das bedeutet nicht - das sollte ich betonen -, zu allem nein zu sagen. Es heisst vielmehr, aufzupassen und, wo es noetig ist, zu mahnen. Es bedeutet, darueber nachzudenken, wie unsere Arbeit letztlich genutzt wird. Und manchmal bedeutet es auch, ein bisschen langsamer vorwaertszugehen.

CW: Welches ist nach Ihrer Ansicht die imposanteste Persoenlichkeit, die die IT-Branche hervorgebracht hat?

Weizenbaum: Gelten als Massstab Reichtum und Spektakularitaet, ist das sicher Bill Gates. Keine Frage.

Doch eigentlich ist fuer mich Alan Newell* die intellektuell fuehrende Persoenlichkeit. Seine Aussagen waren stets wissenschaftlich fundiert. Er war und ist auch heute noch ein Vorbild fuer junge Menschen.

CW: Was war fuer Sie in den vergangenen 20 Jahren die wichtigste Erfindung der DV-Branche?

Weizenbaum: Da wuerde ich sagen: der Mikroprozessor beziehungsweise der Chip. Es waere interessant, darueber zu spekulieren, wie die Welt heute aussaehe, wenn Computer noch dieselbe Groesse und Geschwindigkeit haetten wie vor 20 Jahren. Man muss nur einmal die politischen und sozialen Konsequenzen in Betracht ziehen, die heute die ungeheure Verbreitung von Computern hat. Neben der Unzahl von Home-Computern und Laptops gibt es Tausende von Minicomputern in Autos, Uhren und Fotoapparaten, aber auch in Waffen. Diese Art von Computern nehmen wir gar nicht mehr bewusst wahr...

CW: Welche Entwicklung war aus Ihrer Sicht der groesste Reinfall in der DV-Geschichte?

Weizenbaum: Der erste portable Computer von Apple war ein riesiger Flop ... Doch gemessen an dem Anspruch, mit dem die Vertreter dieser Disziplin auftraten, ist die KI vielleicht der groesste Reinfall. Natuerlich ist Artificial Intelligence, und darunter fasse ich auch Expertensysteme, nicht gaenzlich untergegangen. Urspruenglich jedoch sollte KI die Welt veraendern. Das ist vergleichbar mit dem Anspruch an neuronale Netze. Sie werden die Pleite der naechsten zwanzig Jahre.

CW: Inwiefern?

Weizenbaum: Probleme, die mit Hilfe konventioneller Computer nahezu unloesbar waren, sollen nun auf einmal einfach verschwinden, indem Computer trainiert, also lernfaehig werden. Die Folge wird ein fatales Vertrauen in die Technik sein. Doch eigentlich kann man nicht wissen, wie und was der Rechner macht.

CW: Koennen Sie das verdeutlichen?

Weizenbaum: Man muss das Verhalten der Rechner auf eine menschliche Ebene uebertragen, um das Absurde einer solchen Situation zu erkennen. Eine Firma beschaeftigt eine Boersenmaklerin und wird mit ihren Empfehlungen reich. Doch eines Tages geht eine der Massnahmen schief. Zur Rede gestellt, bekennt die Frau, sie wisse auch nicht so recht, wie ihr die Einfaelle zufloegen. Im Grunde waren sie zufaellig und nicht nachvollziehbar.

Menschen kann man zur Verantwortung ziehen oder in diesem Fall vielleicht entlassen. Doch heute schon kann ein Unternehmen seine DV weder haftbar machen noch ohne sie weiterarbeiten.

CW: Welche Probleme koennen und sollen Computer noch fuer uns Menschen loesen?

Weizenbaum: Computer arbeiten heute und in Zukunft verstaerkt an Themen, die uns gar nicht als Problem auffallen, beispielsweise um eine Bank handlungsfaehig zu machen. Der Computer wird Teil unseres taeglichen Lebens - in Bereichen, in denen es weder Aufgabenstellung noch Loesung gibt.

Doch dazu muss ich eine Warnung aussprechen. Sie lehnt sich an eine Erzaehlung von Edgar Allen Poe ueber einen Gluecksbringer, eine Affenpfote, an. Diese Pfote verkehrt jeden erfuellten Wunsch in ein Unglueck. Im Besitz einer armen walisischen Familie etwa erfuellt sich der Wunsch der Hausfrau nach 100 Pfund. Es klopft an der Tuer, und ein Vertreter des oertlichen Bergwerks berichtet vom Tod des Familienvaters bei einem Grubenunglueck. Er bietet eine Entschaedigung von 100 Pfund an. Die Geschichte sollte jeder lesen, der mit DV zu tun hat.

Mit Joseph Weizenbaum sprach CW-Redakteurin Ulrike Litzba.

*A. Newell und H. A. Simon schrieben eines der ersten lauffaehigen KI-Programme, den General Problem Solver.