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17.03.1995

Kurzinterview "Es gibt in Europa noch keine Online-Kultur"

CW: Nicht nur Europe Online, sondern auch America Online und Bertelsmann wollen in diesem Jahr europaeische Informations- und Kommunikationsdienste anbieten. Zudem will Microsoft noch 1995 ans Netz. Bereits etabliert haben sich Compuserve und Datex J. Wozu benoetigen wir eigentlich diese Vielzahl von Online-Services?

Ziessnitz: Datex J ist von den Inhalten und der Benutzerfuehrung her eher duerftig. Compuserve deckt nach wie vor einen Nischenmarkt ab, den Business-und Computerbereich. Und wenn wir nach Amerika schauen, sehen wir, dass sich Online-Dienste auch in anderen Marktsegmenten etablieren koennen - Prodigy im Home- und Familiy- Bereich oder America Online bei den Singles bis 35 Jahren.

CW: Sie werden also die Business-Welt links liegenlassen.

Ziessnitz: Nein. Wir werden dort sicher auch Anwendungen haben. Aber wir sehen in Europa eine Luecke im Consumer-Bereich. Hier haben wir bislang keinen so breiten Markt wie in den USA. Es gibt in Europa noch keine Online-Kultur. Der Markt fuer solche Dienste muss erst aufgebaut werden, und das wird drei Jahren dauern.

CW: Boese Zungen behaupten, Burda habe Europe Online als ein Forum fuer "Focus" gegruendet - nachdem der "Spiegel" nun mal auf Compuserve ist.

Ziessnitz: Das kann man sicher so sehen. Aber wir sind eine offene Plattform, kein Werkzeug fuer Burda, Pearson oder Matra-Hachette.

CW: Sie glauben doch nicht, dass der Spiegel-Verlag oder Bertelsmann auf einen Dienst gehen, den zu fast 30 Prozent Burda finanziert.

Ziessnitz: Wieso denn nicht? Die wollen alle Geld verdienen. Und da ist es ihnen egal, ob sie ihre Inhalte mit Compuserve, Europe Online, America Online oder Btx verbreiten.

CW: Wieso nutzen wir eigentlich nicht alle das World Wide Web?

Ziessnitz: Weil Sie sich dort in einem chaotischen Raum bewegen. Ein Online-Dienst ist wie eine Wohnung. Sie kennen die Schubladen, wissen, wie sie geoeffnet werden und was darin ist. Selbstverstaendlich haben Sie eine Tuer, durch die Sie in den Dschungel hinausgehen koennen. Doch wenn Sie gefunden haben, was Sie suchten, kommen Sie dorthin zurueck, wo Sie sich wohlfuehlen.

CW: Zunaechst hiess es, Sie wuerden in der ersten Haelfte dieses Jahres ans Netz gehen. Wieso ist jetzt die Rede vom zweiten Halbjahr?

Ziessnitz: Wir wollen die Benutzer, die das System testen, nicht dadurch verlieren, dass wir mit zuwenig Inhalt starten.

CW: Content-Provider zu gewinnen ist also schwieriger, als Sie es sich vorgestellt hatten.

Ziessnitz: Zum einen das, und zum anderen experimentieren wir noch damit, welche Inhalte die richtige Mischung ergeben. Ueberdies liegt eine technische Herausforderung darin, dass die europaeischen Publisher noch nicht online-erprobt sind.

CW: Haben Sie - abgesehen von den beteiligten Verlagen - eigentlich schon Anbieter unter Vertrag?

Ziessnitz: Wir sind mit vielen im Gespraech. Aus Gruenden des Wettbewerbs moechte ich jedoch keine Namen nennen.

CW: Die Hauptaktionaere von Europe Online sind grosse Verlage; der Europa-Start von America Online wird vom zweitgroessten Medienkonzern der Welt unterstuetzt; das Microsoft-Network kommt von einem riesigen Software-Unternehmen. Compuserve steht bald als David einer Reihe von Goliaths gegenueber.

Ziessnitz: Compuserve ist ganz sicher kein David. Wenn Sie sich die Vielfalt und Tiefe der Informationen ansehen, so hat Compuserve einen Vorsprung von 20 Jahren.

CW: Um den aufzuholen, werden Sie aber keine zwei Jahrzehnte brauchen.

Ziessnitz: Nein, selbstverstaendlich nicht.

CW: Eigenen Angaben zufolge rechnen Sie dennoch mit einer Durststrecke von drei bis vier Jahren. Ein Drittel der Europe- Online-Anteile liegt jedoch in den Haenden diverser Banken. Banker haben zumeist keine Ahnung von den Geschaeften, die sie finanzieren. Sie interessieren sich nur dafuer, was unter dem Strich uebrigbleibt.

Ziessnitz: Das trifft auf unsere Investoren nicht zu. Die staatliche Kreditbank SNCI und die Staatssparkasse BCE haben grosse Erfahrung im Media-Bereich, da sie auch an CLT und Astra beteiligt sind. Sie kennen die Vorteile und die Risiken in diesem Markt.

Juergen Ziessnitz ist Geschaeftsfuehrer der Europe Online S.A., Luxemburg.