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29.09.2000 - 

Internet-Sicherheit/Wasserzeichen, Schlüssel und Digital Rights in der Musikbranche

Labels ziehen ihre Lehren aus dem Napster-Debakel

Surfer haben das Internet mit Hilfe von Tauschbörsen wie Napster (www.napster.com) in eine gigantische Jukebox verwandelt. CD-Stücke lassen sich mit Encoding-Software wie "Musicmatch" (www.musicmatch.com) problemlos in MP3s umwandeln und über den Vermittlungs-Server zum Download anbieten. Doch die Musikindustrie wehrt sich - wie, zeigt Stefan Krempl*.

Der Erfolg von Napster sucht seinesgleichen: Mehr als 22 Millionen Nutzer haben sich bisher bei dem noch nicht einmal ein Jahr alten Service angemeldet. An einigen amerikanischen Universitäten gehen bis zu 50 Prozent des gesamten Netzverkehrs auf das Konto von Napster. Viele Surfer wenden sich an die Plattform, weil die Songs dort nichts kosten und gerade das Probehören so besonders einfach ist. Im Grunde fehlte bisher aber auch schlicht eine Alternative, da die Musikindustrie den Aufbau eines zentralen, leicht zugänglichen Verzeichnisses der digitalen Stücke scheute.

Stattdessen ging vor allem die Vertretung der fünf großen Labels, die Recording Industry Association of America (RIAA, www.riaa.org), mit einer Flut von Prozessen gegen Startups wie Napster vor. Für die Musikindustrie ist die Tauschbörse das Sinnbild eines anarchischen Netzes, das die "Prinzipien von Gesetz, Justiz und der Zivilisation über Bord wirft", wie der Chef des Unterhaltungskonzerns Universal jüngst schimpfte. Zuvor hatte Peter Zombik, Vorsitzender der Geschäftsführung der deutschen Landesgruppe der Internationale Föderation der Phonographischen Industrie (www.ifpi.de), MP3 bereits als Atombombe bezeichnet, deren "friedliche Nutzung" noch ausstehe. Für die Musikindustrie gehören schließlich nicht nur Geschäftemacher, die auf Servern in Russland raubkopierte Songs zum Download anbieten, zu den "Piraten" der Datenmeere. Auch die Napster-User sind den Labels zufolge Diebe geistigen Eigentums.

Die junge Firma aus San Mateo im Silicon Valley muss sich daher inzwischen immer häufiger vor Gericht verantworten: Die RIAA hatte bereits Ende 1999 Klage gegen Napster erhoben und im Frühsommer eine einstweilige Verfügung gegen das Unternehmen beantragt. Ende Juli schloss sich die amerikanische Bundesrichterin Marilyn Hall Patel den Forderungen des Lobbyverbands an. Napsters Rechtsbeistand, der durch den Microsoft-Prozess berühmt gewordene Anwalt David Boies, hatte zuvor argumentiert, dass die Tauscherei durch die so genannte "Fair-Use"-Klausel im amerikanischen Urheberrecht gedeckt sei, die Kopien für private Zwecke erlaubt. Patel entschied dagegen, dass "angesichts der weiten Verwendung von Napster unter anonymen Individuen" nicht von "privatem Gebrauch" der verschobenen MP3-Dateien gesprochen werden könne, und ordnete die Schließung des Dienstes an. Boies konnte bei einem Berufungsgericht aber zunächst eine Aufhebung des vorläufigen Schiedsspruchs erreichen. Nun bleibt Napster zunächst offen, bis im Rahmen eines im Herbst startenden ordentlichen Gerichtsverfahrens über seine Zukunft entschieden wird.

Der Kampf mit der RIAA ist nicht die einzige Herausforderung für die von einem 19-jährigen College-Studenten gegründete Tauschbörse. Aufsehen erregten im Frühjahr auch die Klagen der Rocker von Metallica und des Hip-Hoppers Dr. Dre. Die Musiker wollen mit ihrer Anprangerung des Unternehmens "Napster dicht machen", wie Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich nicht müde wird zu erklären. Man wolle es sich nicht länger bieten lassen, "dass unsere Kunst wie eine Ware" über Napster "gehandelt wird". Gegen das Unternehmen selbst wollen die wütenden Musiker, die einst der Schrecken aller Teenager-Eltern waren, sogar wegen Verstoßes gegen den "Corrupt Organizations Act", ein Gesetz gegen organisiertes Verbrechen, vorgehen.

Napster ist aber nicht nur der große Buhmann für die Musikindustrie, sondern auch ihr wichtigster Lehrer. Selbst die großen Tanker unter den Labels können seit dem Erfolg des Tauschdienstes die Wünsche der Verbraucher nicht mehr ignorieren. So freunden sie sich langsam mit der Vorstellung an, ihre bisher vom Internet fern gehaltenen Musikarchive zu öffnen, die direkten Vertriebsstrukturen des Netzes zu nutzen und Downloads von Songs so einfach - wenn auch nicht so billig - wie bei Napster zu machen.

Die Musikmesse Popkomm im August stand daher ganz im Zeichen der Pläne der Industrie, das Ruder durch eigene digitale Angebote herumzureißen. Nachdem Sony Music (www.sonymusic.com) bereits im Mai mit einem Online-Angebot gestartet war und auch die vom Time-Warner-Konzern aufgekaufte EMI (www.emimusic.de) Mitte Juli den Online-Verkauf von 200 Singles und 100 Alben von Altmeistern wie Joe Cocker, Frank Sinatra oder der Steve Miller Band über das Web eingeleitet hatte, verkündete in Köln nun auch die zu Bertelsmann gehörende BMG (www.bmg.de) den Einstieg ins Netzgeschäft. Über die Adresse www.musicdownload24.de sind seit Anfang September in einer ersten Testphase 300 aktuelle Titel sowie noch unveröffentlichte Remixes zusammen mit Songtexten und Bildmaterial verfügbar. Thomas M. Stein, Chef von BMG Entertainment in Deutschland, feierte die Eröffnung der Site als "Startschuss in eine neue Ära" sowie als Meilenstein im Kampf "gegen den MP3-Pirateriemarkt". Der Konsument könne nun ein "attraktives Repertoire online legal erwerben". Im Gegensatz zu der "Konkurrenz" von Napster und seinen zahlreichen Klonen, die sich längst im Netz breit gemacht haben, sollen technische Vorkehrungen allerdings das Urheberrecht der Künstler und der Label bei den neuen Web-Offensiven schützen: Kryptografie und "Wasserzeichen" sollen helfen, digitale Werke sicher zu verpacken, Hackern und Codebrechern die Arbeit zu erschweren sowie illegal kopierte Inhalte aufzuspüren. Rund um die "Content-Industrien" hat sich bereits ein immer größer werdender Markt rund um Gesamtlösungen für das "Digital Rights Management" (DRM) entwickelt, durch das laut Werbung der Anbieter digitale Produkte übers Netz sicher übertragen werden können.

Lösungen für das neue, vielfach als Wunderwaffe gegen Raubkopierer gehandelte Rechte-Management kommen aus so unterschiedlichen Bereichen wie der Computer-, Druck-, Software- und Medienindustrie. IBM etwa hofft genauso, mit der Angst der Verwalter der Urheberrechte vor "Online-Piraten" zu verdienen, wie Intel und Xerox oder neue Player wie InterTrust und Reciprocal.

Einen der ambitioniertesten Ansätze hat im Mai die Firma ContentGuard (www.contentguard.com) vorgestellt. Das Spin-off von Xerox, in das auch Microsoft investiert hat, will mit seinem Service der "Content-Industrie helfen, sich auf die neue digitale Ökonomie einzustellen", und sie in ihrer gesamten Wertschöpfungskette unterstützen. Dazu setzt sie auf die neue Standardsprache XrML (eXtensible Rights Markup Language), eine Fortentwicklung von XML und HTML, in deren Syntax die Regeln zum Schutz von Urheberrechten schon eingebaut sind. So unterstützt XrML (www.xrml.org) beispielsweise die Kontrolle über, den Zugang zu und die Abrechnung von digitalen Inhalten.

Einen anderen Weg hat Digital World Services (www.dwsco.com) eingeschlagen, ein im Oktober 1999 gegründetes Startup aus dem Hause Bertelsmann. Im Vordergrund stehen wie bei Musicdownload24, wo DWSCO für die Einhaltung der Spielregeln sorgen soll, Dienstleistungen rund ums Digital Rights Management, nicht die Entwicklung von Technologien. "Wir wollen einen Standard mitgestalten, aber keinen eigenen entwickeln", erläutert Willms Buhse, Marketing-Leiter des in New York angesiedelten Unternehmens, die Strategie. Verschlüsselungstechniken und Software zum sicheren Verkauf von Inhalten bezieht Digital World Services von Partnern wie InterTrust. "Auf dieser Basis bieten wir Lösungen für das Übermitteln digitaler Waren an", so Buhse, der den Medienhintergrund von Bertelsmann für den Rechteschutz erschließen will.

Den Trumpf des Angebots sieht der frisch von der Hochschule kommende Marketing-Chef vor allem im Betreiben eines eigenen Clearinghouse, das für die Rechteverwaltung und finanzielle Abwicklung von "Soft-Goods" sorgt. Schließlich basieren alle DRM-Systeme auf einer Instanz, die über die Kopierrechte einzelner Nutzer an bestimmten Produkten wacht. Sonst könnte die Abrechnung rasch außer Kontrolle geraten. Derartige Clearingstellen hätten die Konkurrenten bisher nicht in vergleichbarem Maßstab aufgebaut, freut sich Buhse über den Wettbewerbsvorteil.

Regeln und Werbung für legales HörenDigital World Services bietet aber auch die Basisdienste im Bereich DRM an. Dazu gehört neben der Distribution über CDs oder das Internet vor allem das "Packaging" der Inhalte, die auf der untersten Stufe der Management-Kette verschlüsselt und mit bestimmten "Business-Regeln" versehen werden. "Ein Rechteverwalter kann hier den Preis für den Verkauf oder das Vermieten eines Produkts festlegen", so Buhse, "oder die Erlaubnis zum kostenlosen Probehören einbauen." DRM bietet außerdem Möglichkeiten zur "Cross-Promotion", bei der zusammen mit einem Song beispielsweise der Zugang zu vergünstigten Konzert-Tickets, Videos, T-Shirts oder Informationen über den Künstler verbunden werden kann. Von dieser "Super-Distribution" erhoffen sich die Labels einen Zusatznutzen im Vergleich zu raubkopierten MP3s.

Möglich macht das flexible Rechte-Management ein spezielles Kryptografieverfahren, bei dem jedes digitale Produkt einzeln verschlüsselt wird und auch auf dem Rechner des Käufers verschlüsselt bleibt. "So können wir jedem Nutzer spezifisch auf seine Belange zugeschnittene Rechte im Umgang mit einer Datei verkaufen", erklärt Buhse. Die individuell angewendeten Verschlüsselungsalgorithmen seien auch jederzeit erneuerbar, falls ein Cracker sie breche. Zudem fehle der Anreiz zum Knacken der Codes, da beim nächsten Song derselbe Aufwand betrieben werden müsste. "Das ist wie im Supermarkt", bringt Buhse ein Beispiel: "Ein Dieb kann zwar eine Zahnbürste entwenden, aber nicht das ganze Regal mitnehmen."

Derartige Aussichten dürften gerade bei der Musikindustrie und den Verwertungsgesellschaften neue Hoffnungen aufkommen lassen, das traditionelle Konzept des Copyright im Cyberspace weiter aufrecht zu erhalten. Ein Haar in der Suppe hat Clemens Rasch, Justiziar beim IFPI, allerdings entdeckt: "Damit sind nur legale Angebote zu sichern." Solange man von Songs auf CDs weiterhin problemlos MP3-Kopien machen könnte, greift DRM nur zum Teil. Alle Versuche der Musikindustrie, CDs kopiersicher zu machen, sind bislang aber an technischen Problemen gescheitert. Kritik an der akribischen Verteilung von Nutzungsrechten durch DRM aus Verbrauchersicht übt auch Brad DeLong, Ökonomieprofessor an der University of California in Berkeley. Er fürchtet, dass die bisherigen Schranken des Urheberrechts - etwa das Zugeständnis an den Käufer, sich private Kopien von einem Werk ziehen zu dürfen - durch die neue Technik ohne gesellschaftliche und politische Debatte abgeschafft werden könnten.

Das Digital Rights Management wird sich für die Musikindustrie demnach nicht als Wundermittel erweisen. Es kann höchstens helfen, die Berührungsängste gegenüber dem Distributionskanal Internet abzubauen und so Alternativen für Surfer schaffen, die sich von den im Ruf der Illegalität stehenden Tauschbörsen distanzieren wollen. Noch sind die Online-Angebote der fünf größten Labels allerdings klein und nicht aufeinander abgestimmt: Überall kommen unterschiedliche und inkompatible Formate zum Einsatz. So setzt BMG beispielsweise auf das Kodierverfahren AAC, das zwar bessere Klangqualität verspricht als MP3, aber bisher nur mit wenigen Playern wie etwa dem von Sonique (http://sonique.lycos.com) abgespielt werden kann. Sony Music baut dagegen auf das eigene ATRAC3-Kompressionsverfahren, während EMI das nur von Microsofts neuen Media-Player 7 interpretierbare Format Windows Media Audio (WMA) verwendet. Die von der Musikindustrie im Winter 1998 gemeinsam mit Konzernen aus der Computer- und Elektronikbranche gegründete Secure Digital Music Initiative (www.sdmi.org) hat sich zwar das Ziel gesetzt, Richtlinien für einen gemeinsamen Standard aufzustellen. Interne Machtkämpfe haben die Arbeit innerhalb des Gremiums bisher allerdings stark behindert.

Eine andere Lösung für das viel beschworene Piraterieproblem könnte es sein, die Preise für Online-Musik herabzusetzen und die netzbedingten Einsparungen im Distributionsbereich an die Musikfans weiterzugeben. Doch die wichtigsten Labels verkaufen Songs übers Netz derzeit zu Preisen, die Angebote des Handel nicht unterbieten. Die eingebauten DRM-Lösungen sind an den hohen Forderungen nicht ganz unbeteiligt: Sie kommen angesichts all des technischen und organisatorischen Aufwands nicht billig, und ihre Kosten amortisieren sich erst bei entsprechenden Massenverkäufen.

Langjährige Beobachter der Netzszene wie der ehemalige Songschreiber der Kultband Grateful Dead, John Perry Barlow, geben den Plänen der Labels daher kaum eine Chance. Seiner Meinung nach ist die nur nach Kohle und längst nicht mehr nach Kultur fragende Musikindustrie ein Relikt aus dem 20. Jahrhundert, das im digitalen Zeitalter innerhalb der nächsten fünf Jahre durch Erfindungen wie Napster ausgelöscht wird. "Unsere Fans", erinnert sich Barlow, "haben unsere Songs seit Jahrzehnten untereinander getauscht. Das hat nichts anderes bewirkt als eine größere Nachfrage nach unseren Werken." Gute Künstler hätten durch das Internet nun noch bessere Chancen, die Kosten fressenden Labels zu umgehen und sich ihren Lebensunterhalt durch Live-Konzerte oder durch Gebühren fürs Downloaden zu verdienen.

*Stefan Krempl ist freier Journalist in Berlin