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05.11.1993

Landkreis Grimmen: Schnellstart mit komplexer DV

Nach der Vereinigung mussten sich auch die kommunalen Verwaltungen im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern fuer die neuen Aufgaben mit leistungsfaehigen Werkzeugen aus der Informationstechnik ausstatten. Im Landkreis Grimmen gelang ein Schnellstart.

In einem humorvollen Gedicht ueber Grimmen versetzte der niederdeutsche Dichter Fritz Reuter die Leser vor rund 100 Jahren in eine Welt mit geschaeftigen, landwirtschaftlich orientierten Buergern. Diese Atmosphaere spuert man dort auch heute noch in dem Landkreis, der rund 25 Kilometer suedlich von Stralsund liegt. Neben der Kreisstadt findet man in diesem Gebiet vier Amtsgemeinden mit insgesamt 25 Kommunen. Der groesste Teil der 37 800 Einwohner lebt direkt oder indirekt von der Landwirtschaft. Hinzu kommen kleine Gewerbebetriebe. Der groesste Arbeitgeber ist zur Zeit mit 164 Beschaeftigten in den Aemtern sowie weiteren 122 Mitarbeitern in den externen und nachgeordneten Bereichen die Kreisverwaltung.

Die laendliche Struktur im Kreisgebiet aenderte nichts an den grundlegenden Massnahmen und Schwierigkeiten, die sich seit dem Herbst 1989 in der Anpassung an die neuen Aufgaben ergaben. Neben einigen direkt dem Landrat unterstellten Stabsstellen sind es drei Dezernate, die mit ihren Fachaemtern alle Selbstverwaltungs- und Pflichtaufgaben wahrnehmen. Keine reproduzierbaren Vorbilder fand die Verwaltung hingegegen beim Uebergang auf Arbeitstechniken vor, die die veraenderten Anfor-derungen verlangten.

Nach der Konstituierung des Kreistages im Mai 1990 war es zur weiteren Absicherung des Verwaltungsbetriebs erforderlich, umgehend mit der Planung einer kurzfristig verfuegbaren Datenverarbeitungsanlage zu beginnen. Dabei stand man jedoch vor der gleichen Ausgangssituation wie alle anderen kommunalen Verwaltungsorgane der frueheren DDR: In Grimmen gab es keine DV- Fachleute und nur wenige 8- Bit-PCs. Die Massendaten-Verfahren lagen in der Hand des Daterverarbeitungszentrums (DVZ) in Rostock. Die Einwohnerdaten wurden beim zentralen Einwohnerregister in Berlin und bei den zustaendigen Organen des Innenministeriums verwaltet. Fuer Unsicherheit und Zeitdruck sorgte dann die Ankuendigung aus Rostock, das DVZ werde seine Aktivitaeten ab Januar 1991 unter neuen, noch offenen Vertragsbedingungen wahrnehmen muessen.

Fuer die Vorklaerungen zur Sicherstellung der DV-Versorgung richtete die Kreisverwaltung eine Informationsabteilung ein, die der heutige Sachgebietsleiter fuer Organiation und Zentrale Dienste leitet. Joerg Siekmeier pruefte von Juli bis September 1990 die Frage, ob sich der Landkreis der seinerzeit neu gegruendeten Kommunalen Datenverarbeitungs-zentrale in Greifswald anschliessen sollte. Dafuer sprach zuwenig. Gleichzeitig orientierte sich Siekmeier aber auch ueber das Marktan-gebot an Software fuer den Aufbau einer eigenen Datenverarbeitung. Unter den Angeboten befand sich ein Vorschlag von Bull. Nach Feinpruefung und Praesentationen entschied sich die Kreisverwaltung im Oktober 1990 fuer diese Loesung. Das guenstige Preis-Leistungs-Verhaeltnis, die Bandbreite der kommunalen Anwendungen, die Kompetenz des Anbieters und, so Siekmeier, die zugesagte kurzfristige Realisierung gaben den Ausschlag. Der Echtzeitbetrieb des geplanten Systems sollte in den dringlichsten Teilgebieten - im Kassen- und Personalwesen - schon zur Jahreswende 1990/91 beginnen. Die Einfuehrung und Ausgestaltung der Datenverarbeitung ging dann auch zuegig voran. Der fehlerfreie Schnellstart konnte, so Organisationschef Siekmeier, in erster Linie gelingen, weil der Hersteller die terminlichen Zusagen und Unterstuetzungen einhielt und sich die Mitarbeiter der Kreisverwaltung trotz der schwierigen Herausforderungen sehr fuer das Projekt engagierten. Sie hatten sich in dieser Phase nicht allein mit neuartigen Arbeitstechniken vertraut zu machen, sondern auch mit vollkommen veraenderten gesetzlichen Arbeitsgrundlagen.

Fuer die ersten Anwendungen, die Schulung der Mitarbeiter und die Einrichtung der geplanten Gesamtloesung kam im November 1990 zunaechst ein kleines DPS-System ins Haus, das dann einen Monate spaeter gegen eine "DPS 6000/422" ausgetauscht wurde. Der Systemadmini-strator und sein Stellvertreter wurden in einem Vier- Wochen-Lehrgang im Lehrgangszentrum des Herstellers fuer die Basisaufgaben geschult.

Anfang 1991 kam noch

ein Unix-System dazu

Bei den Endanwendern konnte die Akzeptanz mit gezielten Einweisungen sehr schnell verbessert werden. Die Lehrgaenge und Nachschulungen fanden vornehmlich im eigenen Hause statt, und das Training ging nahtlos in die Praxis ueber. Die Bildungsmassnahmen begannen in den meisten Faellen bei Null und wurden trotzdem fuer die Anwendungen im Haushalts-, Kassen- und Rechnungswesen (HKR), im Personalwesen und in der Kfz-Zulassung weitgehend bis Ende 1990 abgeschlossen. In der gleichen Aufbauphase wurden auch weitere Voraussetzungen fuer den Echtzeitbetrieb geschaffen, darunter der Aufbau der Stammdatenbestaende, der von von Dezember 1990 bis Maerz 1991 erfolgte.

Als erste Software-Installationen gingen im Dezember 1991 die Pakete "Kommunal" fuer die HKR-Anwendungen, "Bage" fuer das Personalwesen und eine Loesung des Koelner Herstellers fuer das Kfz- Zulassungswesen ans Netz. Im Mai 1991 folgte zunaechst eine kleine Version des AB-Data-Pakets "Sozialwesen" und im September der Probe-betrieb der grossen Version. Im selben Monat kamen auch Loesungen fuer die Schulden- und Darlehensverwaltung sowie fuer die Grundbesitzabgaben zum Einsatz.

Darueber hinaus hatte sich die Kreisverwaltung bereits Anfang 1991 entschlossen, zur kurzfristigen Einfuehrung von weiteren Anwendungen einen Unix-Rechner anzuschaffen. Das Vorhaben wurde im November 1991 mit der Inbetriebnahme des Systems "DPX 2/340" verwirklicht. Dieser Rechner, auf dem eine Informix- Datenbank vorgehalten wird, gibt seit den Software-Einrichtungen im April 1992 drei Anwendungen die Grundlage: Das Quadraton-Paket "Cliq" unterstuetzt derzeit vor allem die Textverarbeitung. Hinzu kommen GCOS- Pakete fuer Baugenehmigungsverfahren und Fuehrerscheinwesen.

Gegenwaertig setzt die Verwaltung insgesamt 57 Terminals und PCs ein, die sich wahlweise auf das DPS- und das DPX-System umschalten lassen, ausserdem 13 Arbeitsplatz-Drucker. Fuer den Anschluss dieser Endgeraete in mehreren Gebaeuden und zahlreichen Raeumen ist innerhalb weniger Wochen ein Kommunikationsnetz verwirklicht worden, das sich jederzeit ohne viel Bauaufwand ausdehnen und umgestalten laesst. Grundlage ist eine Twisted-pair-Verkabelung von der Netzwerk Telematik GmbH, NTG, Koeln. Die Leitungs- und Anschlusskomponenten befinden sich in Fensterbruestungs-Kanaelen. Weiter vorgesehen sind momentan bereits Teilsysteme fuer den Sitzungsdienst, das Bussgeldverfahren, das Auslaender- und Asylverfahren sowie fuer das Jagdwesen.

Von Herbert Schramm

Der Autor ist freier Journalist in Hamburg.