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21.10.1988

Lead, follow or get out of the way

Achim A. Stoehr, Mitglied des europäischen Direktoriums, Arthur D. Little

International, Vorsitzender des Handelsausschusses und Mitglied des Board of Directors, American Chamber of Commerce in Germany

Trotz aller Skepsis gegenüber den Fähigkeiten und der Bereitschaft der Amerikaner ihre vielfältigen Probleme zu bewältigen (riesige Budget- und Handelsdefizite, rapide zunehmende Verschuldung seit 1985, die höchsten Verteidigungsausgaben der freien Welt, eine überproduktive Landwirtschaft, zunehmende soziale Ungleichgewichte), die man zunehmend von selbstbewußt gewordenen, arroganten und besserwissenden Europäern hören kann, kommt man um eine lapidare Feststellung nicht herum:

Unter Präsident Reagan wurde die Stagflation und Malaise der späten 70er Jahre überwunden. Wenn auch viele Erwartungen an die Reformprogramme nicht erfüllt wurden, so haben die Amerikaner seit Beginn der 80er Jahre auf ihrem immensen, funktionsfähigen (weil von staatlichen Eingriffen weitgehend frei), schon lange harmonisierten und offenen Binnenmarkt in der Wirtschafts- und Technologie-Politik Leistungen erbracht, vor denen wir in Europa nur neidvoll erblassen können.

In den letzten sieben Jahren gab es in den USA

- etwa vier Millionen Unternehmens-Neugründungen,

- etwa 15 Millionen neue Arbeitsplätze, während nur etwa drei Millionen verloren gingen

- netto sind das noch immer 12 Millionen.

Inflationsbereinigt ist seit 1982 das durchschnittliche Familieneinkommen um 10,7 Prozent gestiegen.

Die Arbeitsproduktivität in den Fertigungsindustrien ist seit 1982 im Durchschnitt um 4,8 Prozent per anno gestiegen

- auch mit sinkender Tendenz in den letzten beiden Jahren ist dies im OECD-Vergleich Spitze.

Die Arbeitskosten pro Produktionseinheit sanken 1987 um 1,9 Prozent.

Der Rest der Welt hat mit Kapitalinvestitionen von 852 Milliarden Dollar zwischen 1981 und dem dritten Quartal 1987 einen der sichtbarsten Vertrauensbeweise in die amerikanische Wirtschaft geliefert.

Wirkungsvolle Steuerreformen wurden durchgezogen und hatten überwiegend positive Auswirkungen auf unternehmerische Tätigkeit und Leistungsbereitschaft: Der Spitzensteuersatz für persönliche Einkommen wurde von 70 Prozent auf nunmehr 33 Prozent gesenkt.

Das Innovationsklima in den USA ist weiterhin hervorragend und hat sich eher noch gebessert.

Viele der großen, traditionsreichen Industriefirmen haben massive Umstrukturierungsprogramme und "Schlankheitskuren" durchgezogen, die sie auch wieder zu ernsthaften internationalen Konkurrenten werden lassen, wobei der verbilligte Dollar eine zusätzliche Hilfe sein wird.

Amerikanische Leistungsfähigkeit kann man aber nicht nur nach den Leistungen im Export beurteilen: Exporte machten in den USA nun einmal nur 5,4 Prozent (1987) des Bruttosozialproduktes aus. Deshalb hatte das Exportgeschäft bislang nur einen relativ geringen Stellenwert im amerikanischen Denken, jetzt aber sind die Amerikaner dabei die Exportmärkte als großen Wachstumssektor zu entdecken.

Wenn man also Erkenntnisse über die USA gewinnen will, muß man sich ansehen, was sich zwischen Florida/Atlanta/New York/Route 128 an der Ostküste und San Diego/ Orange County/Silicon Valley/Pacific Northwest an der Westküste ereignet. Ich halte folgende zehn Punkte für wichtig:

1. Unternehmertum (free enterprise) ist die treibende Kraft der Wirtschaft.

2. Pioniergeist, Wagemut und keine Furcht vor Risiken haben Amerika groß gemacht und sind die Quelle aller Dynamik.

3. Die Ausrichtung am finanziellen Erfolg prägt wirtschaftliches Handeln.

4. Projekte werden rasch in Angriff genommen und durchgezogen, aber oftmals auch wieder ohne großes Zeremoniell beendet.

5. Technologien sind Mittel zum Zweck, selten Selbstzweck; Marketing bestimmt die strategische und operative Marschrichtung.

6. Mißerfolge werden als Schritte im Lernprozeß betrachtet, es bleibt kein Stigma, es sei denn, man macht den gleichen Fehler zweimal.

7. Kaum verkrustete Strukturen und wenig traditioneller Ballast fördern Flexibilität, Mobilität, Motivation und Innovationskraft.

8. Flache Hierarchien und unkomplizierte zwischenmenschliche Beziehungen ermöglichen wirkungsvolle, resultatsorientierte Zusammenarbeit als Team, vor allem bei kleineren Firmen.

9. Action des Linienmanagements hat einen höheren Stellenwert als formalisierte Planungsübungen und flächendeckende Analysen der Konzernstäbe.

10. Die Ausbildung an Schulen und Hochschulen ist viel praxisnaher und dauert vor allem nicht so lange wie bei uns.

Gerade in der Informationsindustrie gibt es eine Fülle von Beispielen für Firmen, die von Jung-Unternehmern gegründet wurden, imposant wuchsen und heute Weltgeltung besitzen; für die Vielzahl amerikanischer Erfolge wie DEC, Wang, Hewlett-Packard, Apple, Sun, Compaq, Lotus, Microsoft, ComputerLand, Dataquest etc. gibt es bei uns bislang nur ein anerkanntes Beispiel: Nixdorf (vielleicht kann Gigatape ein zweites werden?). Sicherlich sind in den USA die Startbedingungen und Entfaltungsmöglichkeiten für Unternehmertum günstiger, aber es gibt dort eben doch mehr mutige Initiatoren, die bereit sind, Risiken einzugehen.

Natürlich passen einige dieser amerikanischen Praktiken nicht in unsere komplizierten Wertesysteme und traditionellen Verhaltensmuster, in denen eine Mehrheit ehrwürdiger Bedenkenträger und behäbiger Formalisten den wenigen Wagemutigen im Wege stehen. Wir Deutschen können zwar mit Recht stolz sein auf unser technisches Können, unseren Wohlstand und unsere Exporterfolge, - aber wir brauchen dringend mehr Dynamik, Flexibilisierung und Innovationsfähigkeit, vor allem auch im Hinblick auf den härteren Wettbewerb im 1992 kommenden, offenen europäischen Binnenmarkt. Insbesondere auf den folgenden vier Feldern sehen wir großen Handlungs- und Anpassungsbedarf:

- die Fähigkeit, Kosten zu senken, um bei rasch fallenden Preisen noch auskömmliche Gewinnspannen zu erwirtschaften,

- wir müssen in vielem "schneller werden", in der Entwicklungsdauer, in der Innovationsrate, in der Kommerzialisierung; Perfektion, die zu spät kommt, ist nicht mehr sonderlich gefragt,

- stärkere Ausrichtung auf die Markterfordernisse: Nicht was wir technisch können, ist wichtig, sondern was die Kunden brauchen und zu kaufen bereit sind. Modular aufgebaute Produktfamilien ermöglichen die kostengünstige Bedienung von Massen- und Nischenmärkten,

- Problemlösungen und Systemkonzepte werden statt Einzelprodukten zukünftig gefragt sein; dies erfordert Umstellungen in der Entwicklung im Marketing, im Vertrieb und im Service.

Dazu sollten einige der hier skizzierten amerikanischen Erfahrungen durchaus genutzt werden. Neben dem berühmten IBM-Slogan "THINK" halte ich die folgende Losung, die ich einmal beim Präsidenten einer erfolgreichen Elektronikfirma sah, für besonders beherzigenswert; sie besagt: Jeder muß sich für eine von drei Verhaltensweisen entscheiden, wenn er Fortschritte erzielen will: "Lead, follow or get out of the way".