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27.02.1978 - 

Das Bildungsniveau der Azubis wird immer schlechter:

Leben die Deutschen in der "Geist-Bilanz" von der Substanz?

MÜNCHEN (ee) - Bildung und Ausbildung sind nicht Selbstzweck sondern zwei Glieder des Organismus "Gesellschaft", den Wechselwirkungen zwischen Umwelt) und Mensch, dem einzelnen Menschen wie übergeordneten gesellschaftlichen Gruppen ausgesetzt. Das "Eigenleben" eines jeden Fachgebietes ist offenbar notwendig und unvermeidbar, da ernsthaftes Engagement ein erhebliches Maß an Identifizierung erfordert. Damit jedoch wächst die Gefahr der Isolierung gegenüber der Umwelt, eine teuflische Automatik, mit der wir uns um so stärker auseinanderzusetzen haben je stärker wir aus Gründen der Wirtschaftlichkeit den Weg der Spezialisierung beschreiten müssen. Dies die Worte von Ing. Ulrich Prestin (ZVEI), dessen Visodata-Vortrag die CW hier gekürzt wiedergibt.

Ich will eine konkrete Problematik ansprechen, die anschaulicher als verallgemeinernde Sentenzen meine Sorge verdeutlicht. Deutlicher formuliert lautet die Frage: Wie wollen wir die von außen von uns erwartete Rolle beim unausweichlich notwendigen Ausgleich des Nord-Süd-Gefälles übernehmen, wenn nicht die Gewähr für eine größere Leistungsfähigkeit - qualitativ gemeint - der in unserer Wirtschaft Tätigen besteht? Auch das ist eine Aufgabe die der Sicherung der Lebensqualität dient, und ganz gewiß eine Aufgabe, bei deren Lösung den Bereichen Bildung und Ausbildung eine wichtige vermutlich die entscheidende Rolle zufällt.

Ich bin mir der Gefahr bewußt, daß diese Mahnung von manchem als übertrieben beurteilt wird angesichts der äußerlichen wirtschaftlichen Situation unseres Landes fällt es wahrlich nicht leicht, vor der aufgezeigten Gefahr überzeugend zu warnen. Man gerät in die Versuchung, sich in die Lage eines Arztes zu versetzen, der einem gesund aussehenden und sich entsprechend gesund fühlenden Patienten die Entdeckung eines gefährlichen Krankheitsherdes berichten muß.

Ich bitte die Zweifler an der Berechtigung meines Mahnens eindringlich darum, sich eingehend mit Ausbildungsleitern der Wirtschaft zu unterhalten. Die allgemein dort anzutreffende Erfahrung, daß das Bildungsniveau Auszubildender seit vielen Jahren eine bedenklich negative Tendenz aufweist, läßt sich nicht überhören.

Selbst in hohem Maße unzufrieden darüber, daß diese Kritik unter dem Mangel an objektiven Beweisen leidet und daher nur bedingt überzeugen kann, erbitte ich die Hilfe der Wissenschaft, die Methodik zu entwickeln und Kriterien für eine sachliche Prüfung zu ermitteln, die den Steuermännern auf der Brücke der Bildungspolitik Sicherheit bietet, den richtigen Kurs zu wählen.

Einen materiellen Hinweis auf den von mir angesprochenen Sachverhalt mag eine kürzlich bekanntgewordene Studie des "Rheinisch-Westfälischen Institutes für Wirtschaftsforschung", abgekürzt RWI, geben. Diese Untersuchung beschäftigt sich mit der stark defizitären Außenhandelsbilanz der Zahlungen für Patente und Lizenzen.

Wesentliche Aussage der Studie ist, daß Unternehmen unseres Landes in der Zeit zwischen 1970 uns 1975 insgesamt fast fünf Milliarden Mark mehr für ausländische Patente und Lizenzen aufwenden mußten, als sie selbst als Einnahmen für vergebene, "exportierte" Schutzrechte vereinnahmten. Die Saldobeträge verdoppelten sich annähernd in den genannten fünf Jahren.

Die Analogie mag lückenhaft sein die Sorge läßt sich jedoch nicht verdrängen, daß wir - ich wähle absichtlich ein hartes und nicht gerade wohlklingendes Wort - in unserer "Geist-Bilanz" von der Substanz leben. Auf welche Folgen wir ohne Korrektur dieser Entwicklung vorbereitet sein müssen, will ich abschließend mit einem aus der genannten Studie herausgegriffenen Zahlenbeispiel aufzeigen.

Der Industriebereich "Feinmechanik und Optik", im frühen Entwicklungsstadium unbestritten führend in der Welt, entwickelte sich in der Lizenzbilanz nach dem zweiten Weltkrieg stark in defizitärer Richtung. Die deutschen Unternehmen dieses Industriezweiges zahlten 1965 bereits Lizenzgebühren in Höhe von 4,7 Millionen Mark ins Ausland. Immerhin standen diesen Ausgaben damals aber noch knapp eine Million Mark an Einnahmen gegenüber.

Zehn Jahre später, also 1975, hatten sich die Einnahmen auf ein Neuntel verringert, die Ausgaben jedoch etwa verdreifacht. Das Verhältnis Einnahmen zu Ausgaben beträgt sage und schreibe eins zu einhundertundzwanzig!

Das genannte Beispiel stammt vom unteren Ende der Skala. Man findet günstigere Werte, jedoch nicht den Anhaltspunkt dafür, daß sich dieser gefährliche Trend abschwächt, geschweige denn umkehrt.