Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

22.05.1981

Lehrberuf "Programmierer":\ Ausweg aus der Personalkrise?

Vor dem Hintergrund permanenter Personalprobleme werden unter den DV-Verantwortlichen immer häufiger Forderungen laut, die Kunst des Programmierens zum "ordentlichen Lehrberuf" zu machen. Indessen meinen Zweifler, daß sich dies für die Unternehmen eher als zweischneidiges Schwert erweisen könne. In einer Programmierer-Lehre seien lediglich allgemeine DV-Kenntnisse vermittelbar, die keineswegs den praktischen Bedürfnissen des DV-Arbeitsmarktes entsprächen, bemerkt AOK-DV-Chef Lothar Fett. Was jedoch in den DV-Abteilungen einst als Provisorium gedacht war, habe sich inzwischen bestens bewährt: Mitarbeiter aus den eigenen Reihen in die DV-Problematik einzuarbeiten. Auch Hans-Günter Böseler, DV/Org.-Leiter bei der Freiburger Essilor-Ehinger GmbH, ist überzeugt, daß die Schaffung eines Lehrberufes "Programmierer" nicht dazu beitrage, das "Nachwuchs-Loch" zu stopfen. Einer soliden kaufmännischen Ausbildung zum DV-Kaufmann, mit kombiniertem kaufmännischen und DV-technischen Know-how, gebe er absolut den Vorrang.

Hans-Günter Böseler

Leiter Org./DV, Essilor-Ehinger GmbH, Freiburg

Uns allen, die wir mit der Personalführung und -auswahl zu tun haben, ist die Schwere, einen geeigneten Mitarbeiter für die Programmierung zu bekommen, hinlänglich bekannt. Es drängt sich jedoch die Frage auf, ob man die personelle Notlage verbessern könnte, indem ein neuer Lehrberuf geschaffen wird.

Selbstverständlich besteht die Möglichkeit, Schulabgängern mit entsprechenden Abschlußzeugnissen - durch Erlernen einer Programmiersprache - zu einer schnellen Berufsausbildung zu verhelfen. Auch haben wir die Aufgabe, jungen Menschen den Gang zu einer modernen Berufsausbildung zu ebnen und ein entsprechendes Angebot an Lehrstellen hierfür zur Verfügung zu stellen.

Ich meine, daß die heute bereits vorhandene Ausbildung zum DV-Kaufmann letztendlich die Ausbildung zum Programmierer beinhaltet. Eine schnellere Schließung der Personallücken durch einen Lehrberuf, und zwar den eines Programmierers, möchte ich somit in keiner Weise unterstützen. Dem Weg des solide ausgebildeten DV-Kaufmannes mit gründlicher Kenntnis im Bereich des Kaufmännischen oder Technischen möchte ich indessen absolut den Vorrang geben.

Ich sehe den Beruf des Programmierers nicht als den eines "Codierers", sondern als den eines Mitarbeiters in einem Team von Fachleuten mit einer vielschichtigen Ausbildung und entsprechenden Kenntnissen. Man kommt nicht daran vorbei, diesen Auszubildenden eine umfassende Grundausbildung zuteil werden zu lassen. Erst dann, wenn dieses geschehen ist, sollte man die weiterführende Ausbildung zum DV-Kaufmann vornehmen.

Unsere Verantwortung liegt auch dann, für einen fähigen Nachwuchs im DV-Bereich zu sorgen. Wir wissen ja selbst, welche Entwicklung wir in den letzten Jahrzehnten erlebten. Die Techniken der Zukunft können wir ahnen, aber weder ein Ende noch ein Wohin ist abzusehen.

Nicht die Schaffung eines neuen Lehrberufes wird uns helfen, den derzeitigen personellen Programmierer-Notstand abzubauen. Eine gründliche Ausbildung des angehenden DV-Kaufmannes, die Bereitschaft im Rahmen des Möglichen attraktive Lehrstellen zur Verfügung zu stellen und der Wille des Auszubildenden, sich diesem harten Weg der Ausbildung zu unterziehen, wird uns helfen, die derzeitige Personalsituation zu verbessern.

Lothar Fett

DV-Leiter, Allgemeine Ortskrankenkasse Düsseldorf in Düsseldorf

(Siemens 7.730, BS1000)

Hält man sich die differenzierten beruflichen Werdegänge und die Ausbildungsphasen der meisten Programmierer vor Augen, so ist man geneigt, der Forderung nach einem Lehrberuf zuzustimmen. Nach näherer Betrachtung erkennt man jedoch daß die Schaffung eines Lehrberufes die heute bestehenden Probleme nicht aus der Welt schaffen würde.

Es ist bekannt daß es derzeit genügend Möglichkeiten und Wege gibt, sich zum Programmierer ausbilden zu lassen. Nach Beendigung einer derartigen Schulung haben es vor allem jene am schwersten, eine Anstellung zu finden, die neben dem neu erworbenen EDV-Wissen keinerlei Wissens- oder Erfahrungsbackground für den Arbeitsbereich vorweisen können, in dem sie als Programmierer einmal arbeiten werden. Weil dies inzwischen erkannt wurde, gehen die Unternehmen immer mehr dazu über, Fachleute mit abgeschlossener Berufsausbildung aus der eigenen Branche oder dem eigenen Haus zu Programmierern auszubilden. Dies ist insbesondere deshalb von Vorteil, weil bei dieser Art von Ausbildung die haus- oder brancheneigenen Internas berücksichtigt werden können (EDV-Organisation, vorhandenes EDV-System, Bedarf an Programmiersprachen).

Die so ausgebildeten Programmierer kommen dem Wunschdenken eines EDV-Chefs am nächsten. Sieht man einmal von der fehlenden Erfahrung dieser neu ausgebildeten Leute ab, besitzen sie je nach abgeschlossener Berufsausbildung ein mehr oder weniger qualifiziertes Fachwissen. Aber die interne EDV-Ausbildung zum Programmierer ist optimal an die im Hause betriebene EDV angepaßt.

Dieser Trend im Ausbildungssystem von Programmierern ist sowohl in der Privatindustrie als auch im öffentlichen Dienst zu beobachten. Und was im Anfangsstadium als Provisorium oder Eigenhilfe gedacht war, hat sich bestens bewährt.

Welche Vorteile demgegenüber könnte die Schaffung eines besonderen Lehrberufes bringen?

Einen Teil der Auszubildenden kann nach Beendigung der Lehre sicherlich mit einem höheren Status gegenüber den Kollegen, die ihre berufliche Ausbildung in einem nicht mehr ausgeübten Berufszweig abgeschlossen haben, brillieren. Aus den derzeitigen Programmierern würde gar ein Heer ungelernter Arbeitskräfte werden. Der Nachteil einer Programmierer-Lehre läge jedoch darin, daß man nur allgemeine EDV-Kenntnisse vermitteln kann, die weder der Praxis entsprechen, noch auf den künftigen Arbeitsplatz abgestimmt sein könnten - dies bringt uns jedoch in dem heute bestehenden Ausbildungssystem keinen Schritt weiter.

Mein Vorschlag lautet daher: Der Berufsweg eines Programmieres sollte möglichst über eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Studium erfolgen- und zwar mehr oder weniger abgestimmt auf die Branche, in der ein "Einstieg" geplant ist (kaufmännischer Bereich, technischer Bereich, öffentlicher Dienst - und zwar hier sehr differenziert).

Zu begrüßen ist, daß bereits heute in den Ausbildungsplänen vieler Lehrberufe Stoff zur Vermittlung von EDV-Grundwissen zur Verfügung gestellt wird. Auf dieser Ebene könnte man auch breiteres EDV-Wissen vermitteln.

Kurt Puderbach, Geschäftsführer der Data-Consult Unternehmensberatung GmbH, Witten

Die Diskussion über einen eventuellen Lehrberuf "Programmierer" wirft vor allem die Frage auf, ob die Notwendigkeit oder die Voraussetzungen hierfür überhaupt gegeben sind.

Die derzeitige Personal- und Ausbildungssituation ist aufgrund unkoordinierter und nicht bedarfsgerechter Ausbildungsformen durch einen akuten Mangel an qualifizierten Programmierern gekennzeichnet. Die zur Zeit praktizierten Ausbildungsgänge sind jedoch nicht geeignet, dem steigenden Bedarf an Programmierern auch nur annähernd Rechnung zu tragen. Im einzelnen besteht folgende Problematik:

þDas Studienziel des angehenden Informatikers kann und soll nicht darauf ausgerichtet sein, den Bedarf an Programmierern zu decken.

þDas Berufsbild des Datenverarbeitungskaufmanns beinhaltet die Disziplin des Programmierens, setzt jedoch den Schwerpunkt auf die Ausbildung zum DV-Sachbearbeiter.

þInnerbetriebliche Ausbildung von interessierten Mitarbeitern oder auch betriebsfremden Personen, wie sie noch vor zehn Jahren üblich und möglich war, ist aus Kosten- und Kapazitätsgründen kaum noch durchführbar.

þEs verbleibt die Ausbildung bei einigen wenigen Instituten, die teilweise gute Erfolge vorweisen, jedoch die benötigten Mengen nicht hervorbringen können.

Zu allem Überfluß wird den Wenigen, die sich ernsthaft damit auseinandersetzen den Beruf des Programmierers zu ergreifen, suggeriert, daß diese Tätigkeit schon in absehbarer Zeit keine Zukunft mehr hat; dies obwohl niemand ernsthaft bestreitet, daß auch nach dem "Tod des Programmierers" DV-Fachkräfte benötigt werden deren Erfahrung nicht allein aus theoretischen Studien, sondern aus den zahlreichen Erfolgen und Rückschlägen der praktischen Arbeit resultiert, die eben dieser Programmierer täglich erlebt.

Wer den "Tod" nicht scheut und trotzdem diesen Beruf ergreift, stellt in der Regel sehr schnell fest, daß auch ein guter Programmierer im Vergleich zum Systemanalytiker im innerbetrieblichen Gefüge relativ schlecht abschneidet. Das Resultat: Ein Großteil der Programmierer will möglichst schnell zum Systemanalytiker "aufsteigen".

Die Notwendigkeit zur Änderung oder Erweiterung des Ausbildungsangebots ergibt sich aus der dargestellten Situation. Die Voraussetzungen dazu müssen allerdings erst geschaffen werden. Hierbei ergeben sich folgende Problemkreise:

þMit dem zu erstellenden Berufsbild sollte das Ziel erreicht werden, einen DV-Mitarbeiter zu schaffen, der basierend auf eine betriebswirtschaftlich/technische Grundausbildung Aufgaben in den Bereichen Programmierung, Datei- und Datenbank-Verwaltung sowie in der Betreuung von Standard-Software wahrnehmen kann.

Hierzu ist es unbedingt erforderlich, die inhaltlichen Schwerpunkte auf den Aufbau der Hardware, den Aufbau der Betriebssysteme, auf Methoden und Techniken der Programmierung und Systemanalyse, die Datei und Datenbank-Verwaltung sowie auf Techniken zur Datenbank- und Dialoganwendung zu legen.

þDie mit diesem Berufsbild geforderten Ausbildungsinhalte und -ziele können bei Fortbestehen der derzeitigen Aufgabenteilung zwischen den Ausbildungsbetrieben und den berufsbildenden Schulen nicht vermittelt werden. Hier wäre die Masse der Betriebe insbesondere bei der Vermittlung der umfangreichen theoretischen Komponenten weitgehend überfordert.

Wünschenswert und erforderlich für künftige Programmierer wäre der Besuch einer zwei- bis dreijährigen Berufsfachschule unterbrochen durch einige Praktika in verschiedenen Ausbildungsbetrieben. Eine Berufsfachschule für DV-Nachwuchs sollte aber unbedingt über die notwendigen technischen Einrichtungen verfügen. Ein Großteil des Lehrstoffes sollte den Auszubildenden von Kräften führender Hard- und Software-Hersteller vermittelt werden, die in der Regel den jeweils letzten Stand der Entwicklung präsentieren können. Die im Berufsbild des DV-Kaufmannes genannten Einstiegsvoraussetzungen, wie: gute Grundbildung mathematisches Verständnis, Fähigkeiten zur Abstraktion und organisatorisches Geschick, können übernommen werden. Des weiteren sollte der Wille zur ständigen Weiterbildung erkennbar sein. Erst wenn die Unternehmen bereit sind, diese Voraussetzungen zu schaffen, steht dem "Lehrberuf" nichts im Wege.