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12.10.1990 - 

Mit Zuversicht in die freie Marktwirtschaft

Leipziger Messe: Neubeginn der Ex-Kombinate geglückt

Erstmals erlebten in Leipzig ausstellende Ost-Betriebe eine Messe ohne staatliche Bevormundung. Den Sprung in die rauhe Wirklichkeit der Marktwirtschaft wagten die meisten allerdings nur an der Seite von West-Firmen. Dies galt auch für die in Kapitalgesellschaften und GmbHs umgewandelten Robotron-Betriebe.

Die im Sommer dieses Jahres aus dem ehemaligen Kombinat Robotron hervorgegangene Holding befindet sich nach übereinstimmenden Hinweisen aus einer Reihe von Robotron-Betrieben "vor ihrem bevorstehenden Ende". Mit der dadurch entfallenden Integrationswirkung kann die ehemalige Kombinatsstruktur als aufgelöst angesehen werden. Die ehemaligen Leitungskader, vor allem aus der Kombinatsspitze, sind allesamt "weich gefallen". Sie kamen - wie es in Leipzig unter anderem hieß - entweder in neugegründeten Wirtschaftsverbänden oder in den in Kapitalgesellschaften oder GmbHs umgewandelten Robotron-Betrieben unter.

So verblieben beispielsweise die ehemaligen Hüter des staatlichen Außenhandelsmonopols im ehemaligen Robotron-Außenhandelsbetrieb, der jetzigen Robotron Export-Import GmbH Berlin. Weniger sanft hingegen - so war auf dem Leipziger Herbstmeeting zu hören - ging man mit Mitarbeitern in den unteren Hierachie-Ebenen um. Hier wurde der Rotstift angesetzt, um mit dem Personalabbau den Neubeginn der Robotron-Betriebe zu gewährleisten.

Lücken riß bei einigen Robotron-Betrieben die Abwanderung von DV-Fachleuten. Diese wagten entweder im Osten Deutschlands den Weg in die Selbständigkeit oder fanden Anstellungen in anderen Bundesländern. So beschäftigt die Bonner Softwarefirma Garmhausen inzwischen das komplette ehemalige Unix-Team von Robotron.

Den meisten der noch aktiven Robotron-Betrieben ist heute lediglich der Name "Robotron" gemein. Diejenigen, die gegen den Willen der ehemaligen Kombinatsleitung beziehungsweise der Holding den Betriebsverbund verlassen haben, wurden gezwungen, auf das Signet "Robotron" in der neuen Firmenbezeichnung zu verzichten. "Das muß nicht unbedingt ein Nachteil sein", meinte ein Sprecher aus der Computer-Elektronik Dresden GmbH, dem ehemaligen Stammbetrieb des Kombinates. "Mit dem Namen Robotron war auch der offensichtliche Technologie-Rückstand verbunden."

Personalabbau erleichtert Re-Start

Die Computer-Elektronik Dresden GmbH war in Leipzig mit einer relativ breiten Angebotspalette vertreten. Im Vordergrund standen der sich aus dem Bereich Daten- und Informationstechnik der Siemens AG ergebende Vertrieb und die geplante Lizenzfertigung von Siemens-Rechnern. Danach sollen demnächst die mit der Zentraleinheit 7.500-H 60 ausgerüsteten Universalrechner, die MS-DOS-kompatiblen PCD-2-Systeme sowie die über das Unix-Derivat "Sinix" laufenden MX 300-Workstations in Dresden gefertigt werden. Darüber hinaus waren auch Betriebsdatenerfassungsgeräte von Siemens zu sehen.

Den Neubeginn im Bereich der Rechnerproduktion demonstrierten die beiden ausgestellten Personal Computer "PC 286" (Stückpreis rund 2700 Mark) und "PC 386" (Preis rund 3900 Mark). Mitgeliefert werden kann auf Wunsch das CAD-System "Bessy" zur durchgängigen rechnergestützten Bearbeitung elektronischer Baugruppen ("Originalsoftware aus Mecklenburg"). Die Computer-Electronik Dresden GmbH rechnet sich für beide Rechner aufgrund des günstigen Preis-Leistungs-Verhältnisses gute Absatzchancen aus. Auslaufen wird dagegen die Produktion der Rechnermodelle EC 1057 (Eser-Universalrechner), RVSK 1840 (32-Bit-Supermini) und die 16-Bit-Rechner A 7150 und EC PC 1834. Hier sollen nur noch bestehende Lieferverpflichtungen, die aus der Robotron-Zeit übernommen wurden, erfüllt werden.

Die langjährige Robotron-Tradition, auf Leipziger Messen über künftige Aktivitäten zu informieren, setzte diesmal die Robotron Büromaschinen AG Sömmerda fort. Wie der Vorsitzende des vorläufigen Vorstandes, Helmut Auge, mitteilte, will man sich künftig auf bewährte Produktionslinien wie Computertechnik, Drucktechnik und elektronische Konsumgüter stützen. Wie im Vorfeld der Leipziger Messe bereits zu erfahren war, planen die Sömmerdaer in Kooperation mit einem südostasiatischen Computerhersteller die Entwicklung eines neuen AT-kompatiblen Rechners. Er soll 1991 auf den Markt kommen.

Der Vertrieb der "Soemtron-Erzeugnisse" soll sich weiter auf den Ostmarkt, insbesondere auf die Sowjetunion, konzentrieren. In dieser Region wollen die Thüringer rund 70 Prozent des für die zweite Jahreshälfte anvisierten Umsatzes in Höhe von 300 Millionen Mark erzielen. In der ersten Jahreshälfte 1990 nahm die Robotron Büromaschinen AG 595 Millionen DDR-Mark ein Damit sei das gesetzte Umsatzziel knapp erreicht worden. Den erwarteten Umsatzrückgang in der zweiten Jahreshälfte begründete Auge unter anderem mit dem gefallenen Umtauschkurs des Rubels von DDR-Mark zur D-Mark. Mit derzeit rund 11500 Mitarbeitern zählt die Büromaschinen AG in Sommerda zu den größten Industriebetrieben in Thüringen.

Der ehemalige VEB Robotron-Anlagenbau Leipzig, nunmehr als Robotron Anlagenbau GmbH tätig, hat vor allem dank seines ausgebauten Vertriebsnetzes westliche Anlagenbauer, Computerhersteller und Softwarehäuser für eine Kooperation gewinnen können. Wie auf der Messe unter anderem von Michael Winter, Sprecher beim Robotron-Anlagenbau mitgeteilt wurde, stützt sich die neue GmbH auf fünf Geschäftsbereiche, die gemeinsam mit den Partnerfirmen betrieben werden. Neben dem Verkauf kompletter Büroausstattungen, der Wartung von Computersystemen, der Software- und Hardware-Schulung und dem Erstellen anwenderspezifischer Einzellösungen gehört dazu auch der völlig neue Bereich Consulting/Engineering für Sicherheitstechnik, Umweltschutztechnologien und Medizintechnik.

Ziel ist eine eigene SW-Abteilung

Zu den neuen Kooperationspartnern des Robotron-Betriebes zählt unter anderem die Strüver KG GmbH & Co, Hamburg. Mit der Telefunken Systemtechnik AG wiederum laufen Vorbereitungen für die Projektierung einer Kläranlage bei Ribnitz-Damgarten, bei der man neueste Wind- und Solartechnik als Energiequelle nutzen will. Kooperationspartner im DV-Bereich ist auch die westdeutsche Firma Elekluft GmbH, Bonn, mit der man das Angebot gemeinsamer Aus- und Weiterbildungsprogramme (Hard- und Software) plant. Als Vertriebspartner der Software-Kooperation Anwenderorientier Systeme GmbH (AOS), Ingolstadt, will man schließlich Unix- und DOS-Programme auf dem ostdeutschen Markt verkaufen. Aus dem ehemaligen Robotron-Stammbetrieb in Dresden hat sich mittlerweile ein sogenannter Fachbetrieb herausgelöst, der nunmehr als Robotron Wissenschaftlicher Gerätebau Eibau GmbH mit einem Stamm von rund 200 Mitarbeitern Billig-Plotter herstellen und zu einem Stückpreis von maximal 15 000 Mark anbieten will. Besondere Unterstützung bei der Entwicklung und dem Angebot entsprechender Software verspricht man sich nach den Worten von Hans-Gerd Unger unter anderem von der HHK Datentechnik Braunschweig. Ziel ist es aber auch, im Falle einer Etablierung im Markt eine eigene Softwareabteilung aufzubauen Angeboten wird gegenwärtig zudem die Übernahme von Serviceleistungen im Plotterbereich für Kunden aus der ehemaligen DDR und der UdSSR.

Zurück zu den Telecom-Wurzeln

Mit Optimismus stellt sich auch die Robotron Telecom GmbH Radeberg, hervorgegangen aus dem ehemaligen VEB Robotron-Elektronik Radeberg, den neuen Bedingungen. Das Unternehmen will sich - ausgehend von seinem früheren Produktionsprogramm und gestützt auf ANT/Bosch - künftig unter anderem mit dem Bau von Richtfunkeinrichtungen, Komponenten der Höchstfrequenztechnik und Videotechnik befassen. Dabei erinnert man sich wieder an das alte Warenzeichen "Rafena". Die Radeberger Rafena-Werke zählten zu den "Keimzellen" des 1969 gegründeten Kombinates Robotron. Dort wurden bis etwa 1968/69 Fernseh- und Radiogeräte gefertigt. Auf Partei- und Regierungsbeschluß mußte dann aber die Fertigung zugunsten der Produktion des Rechners Robotron-300 (erste Generation) eingestellt werden.

Die Robotron Elektronik GmbH Zella-Mehlis (vormals VEB Robotron-Elektronik Zella-Mehlis) wird ihre künftigen Aktivitäten in dem Bereich der Betriebsdatenerfassung und Datenkommunikation ansiedeln. Als Kooperationspartner wurde die Firma Benzig genannt Die Robotron Automatisierungstechnik GmbH Weimar, hervorgegangen aus dem VEB Robotron Rationalisierung, wiederum rechnet sich durch die Zusammenarbeit mit der Selectron System GmbH in Nürnberg und der Selectron Lyss AG in der Schweiz mit der Entwicklung, Produktion und dem Angebot von Servo- und Schnittmotorantrieben, Handhabungstechnik oder Robotronsteuerungen gute Überlebenschancen aus.

West-Kooperation als Überlebensstrategie

Neben den genannten Produktionsunternehmen will sich

auch die Robotron Export-Import GmbH Berlin, der frühere

Außenhandelsbetrieb des Kombinates Robotron, vornehmlich

im DV-Bereich betätigen. Der Betrieb der auf der Frühjahrsmesse zunächst als Robotron Handel und Dienstleistungen GmbH firmierte, beschäftigt in seinem Berliner Stammhaus rund 450 Angestellte und unterhält Niederlassungen in Dessau, Suhl und Chemnitz. Weltweit ist das Kombinat Robotron in mehreren Ländern, insbesondere im Comecon-Raum, vertreten.

Hauptmarkt für Robotron und mit seines Außenhandelsbetriebes war bisher jedoch die Sowjetunion.

Die Robotron Export-Import GmbH blickt ebenfalls zuversichtlich in die Zukunft: Man will nicht nur mit Hilfe zahlreicher Kooperationen mit westlichen Partnern überleben, sondern sieht in den neuen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine günstige Chance für eine Erweiterung Leistungsprogramms. So arbeitet die Gesellschaft seit Anfang des Jahres mit der Unternehmensberatung Kienbaum zusammen. Das Robotron-Handelshaus ist darüber hinaus Vertriebspartner unter anderem für die Firmen Macroton-AG für Datenerfassungssysteme, die ser-electronik GmbH Möhnesee-Stockum, die SSV-Schweißtechnik Service GmbH und die Teutonia Computer Vertrieb GmbH Berlin (Vertriebspartner der egs). Nicht zuletzt werden Produkte von Herstellern wie Wang und NCR vertrieben. So reicht die Angebotspalette von Erzeugnissen der Datenverarbeitung über die Büroautomation bis hin zur Kassen-, Sicherheits- und Meßtechnik.

Ex-Vorzeigebetriebe haben ausgedient

Der Verarbeitungsmaschinenbau der ehemaligen DDR traditionell auf der Herbstmesse präsent, zählte mit den Kombinaten Textima und Polygraph dank seiner Leistungsfähigkeit zu den Aktivposten des früheren Wirtschaftssystems. Da dieser Industriezweig stark exportorientiert produzierte - rund 80 Prozent der Produktion ging in den Comecon-Raum - genossen die einzelnen Produktionsbetriebe eine relativ großzügige staatliche Unterstützung. Nicht umsonst waren daher hier einige "Vorzeigebetriebe" angesiedelt; so insbesondere der als kommender CIM-Betrieb herausgestellte VEB Polygraph Druckmaschinenwerk Planeta Radebeul.

Zweifellos ist der noch andauernde Prozeß des Überganges der zentralen Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft nicht spurlos an den Kombinaten und Betrieben des Verarbeitungsmaschinenbaus vorbeigegangen. Das ehemalige Kombinat Polygraph "Werner Lamberz" Leipzig existiert nicht mehr. Doch die ihm einst unterstellten Betriebe gehen optimistisch in die Marktwirtschaft. So beispielsweise die Planeta Druckmaschinen AG Radebeul (ehemals VEB Polygraph Druckmaschinenwerk), bei der nach eigenem Bekunden die Auftragsbücher für 1990 längst gefüllt sind und für 1991 bereits Lieferverträge von über 70 Prozent der Produktion abgeschlossen werden konnten. Verwiesen wurde zudem auf ein Rahmenabkommen über die Zusammenarbeit mit der Firma Koenig & Bauer AG, Würzburg im Bogenoffsetdruckmaschinenbau.

Gerade die im Bereich des polygrafischen Maschinenbaus tätigen Firmen erkannten an, daß unter den nunmehr gegebenen marktwirtschaftlichen Bedingungen die ausgestellten und mit neuester Steuerungstechnik bestückten Erzeugnisse auch tatsächlich zu kaufen sind.

Schwere Zeiten für Textilmaschinenbau

Die CAD-Abteilung des ehemaligen Kombinates Polygraph hat sich verselbständigt und tritt nunmehr als Leipziger Ingenieurgesellschaft für Computertechnik (IAC) auf. Sie hat inzwischen mit der IPC Europa GmbH München eine enge Kooperation vereinbart. Die IPC produziert und vertreibt als Teil der weltweit tätigen Essex-Gruppe (Singapur) Rechner und Computerkassensysteme.

Der ostdeutsche Textilmaschinenbau, dessen 26 ehemaligen volkseigenen Betriebe durch das Kombinat Textima Karl-Marx-Stadt repräsentiert wurde, wird auch künftig geschlossen unter Leitung der Textima AG Chemnitz, Holding für sämtliche Betriebe, agieren. Zwar ist die Branche nach Aussagen des Vorstandsvorsitzenden der Textima AG, Rudi Rosenkranz, vor allem nach der Einführung der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion notleidend geworden, weil der einst lukrative Ost-Markt völlig zusammengebrochen sei. Zudem hätten die einst guten Kunden aus dem Comecon-Raum zwar weiteren Bedarf, verfügten jedoch nicht über die notwendige Hartwährung. Dennoch sehe man den künftigen Entwicklungen und Aktivitäten in Richtung Osten mit einiger Zuversicht entgegen.

Eine wesentliche Ausgangsgrundlage für eine positive Weiterentwicklung sei darüber hinaus die Zusammenarbeit mit Partnern aus dem Westen. Bislang wurde jedoch erst eine Kooperation mit einem Schweizer Unternehmen vereinbart.

Trotz der zum Beispiel von der Treuhandanstalt bereits eingeleiteten Maßnahmen zur Sanierung der Ex-DDR-Betriebe sind noch wesentliche Probleme zu lösen. Dazu gehören

- die Behandlung von Altschulden,

- die bestehende ungeklärte Eigentumsordnung,

- der bestehende Personalüberhang,

- der noch größtenteils vorhandene veraltete Maschinenpark,

- die unzureichende informations- und kommunikationstechnische Ausstattung,

- die weitgehend fehlende Logistik (mit unzureichenden Stoff- und Informationsflüssen) sowie

- die noch aus der Zeit der zentralen Planwirtschaft übernommenen und anzutreffenden Denk- und Verhaltensweisen.

Die Auseinandersetzung mit derartigen und weiteren Problemen in Verbindung mit einer Analyse betriebswirtschaftlicher, technologischer und soziologischer Gegebenheiten war unter anderem Gegenstand eines "vorgezogenen Berichtes der Pilotphase des gemeinsamen Forschungsprojektes" des Institutes für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik der TU Berlin und der Forschungsstelle für gesamtdeutsche wirtschaftliche und soziale Fragen Berlin zum Thema "Gestaltung des modernen Fabrikbetriebes im Spannungsfeld neuer Fertigungstechnologien, ökonomischer Chancen und sozialen Wandels in der DDR". Der Bericht wurde Anfang Juni 1990 veröffentlicht. Das Projekt wird in weiterer enger Kooperation mit Betrieben aus Ostdeutschland bis Ende 1991 fortgesetzt.

*Klaus Krakat ist Berlin Korrespondent der COMPUTERWOCHE.