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03.07.1992

Lernfähigkeit der Rechner im Bereich der Idiotie

Eine " Unterhaltung" von John Skcurd mit Prof. Eva Stultitia, Institute for Moriaology, University Nothern California

Skcurd: Frau Stultitia, was ist Moriaologie?

Stultitia: Moriaologie ist das Studium der menschlichen Dummheit. "Moria" (griechisch) ist die Torheit. Wir studieren törichtes Verhalden.

Skcurd: Warum studiert man Dummheit?

Stultitia: Seit mehr als 30 Jahren studieren unsere besten Köpfe intelligentes Verhalden, um ein wenig davon den Rechnern beizubringen. Man kann nicht sagen, daß die künstliche Intelligenz die hochfliegenden Erwartungen erfüllt hat, die man ihr entgegenbrachte.

Skcurd: Wie kann das Studium der Dummheit dazu beitragen, den Zustand der künstlichen Intelligenz zu verbessern?

Stultitia: Eine alte Erkenntnis sagt, wenn eine positive Begriffsbestimmung schwerfällt, dann läßt sich die Negation des Begriffs relativ leicht angeben. Wenn man den Begriff Intelligenz und seine Strukturen nur unzureichend bestimmen kann, dann läßt sich vielleicht der Mangel an Intelligenz, also die Dummheit, ziemlich präzise ausdrücken.

Skcurd: Ist Moriaologie also so etwas wie künstliche Dummheit?

Stultitia: Gott bewahre, nein! Es gibt so viel natürliche Dummheit. Es besteht kein Bedarf, die Strukturen der Dummheit auch noch durch Maschinen zu verbreiten.

Skcurd: Was hat dann aber zur Gründung Ihres Institutes für Moriaologie geführt?

Stultitia: Es war eine gesellschaftliche Notwendigkeit! Vergleichen Sie die riesige Zahl der Törichten und Dummen mit der kleinen Zahl der Klugen und Genialen. Es wird Zeit, daß sich die Wissenschaft mit dem spezifisch Menschlichen überhaupt befaßt, mit der Dummheit! Es fehlt den Computern ein gewisses Maß an Menschlichkeit. Wenn sie wenigstens dumm wären, dann hätte man eine Chance, sie ein wenig klüger zu machen.

Skcurd: Sie sprechen von Notwendigkeit. Können Sie das etwas konkretisieren?

Stultitia Warum wächst die Zahl der Menschen, die nicht lesen und schreiben können? Die expandierende Zahl der geschäftlichen Pleiten ist keineswegs ein Zeichen für kluges Verhalten der Manager. Warum läßt sich der Präsident einer Weltmacht ein Horoskop stellen, bevor er wichtige Entscheidungen trifft? Warum werden Unsummen für Waffensysteme ausgegeben, die man umgehend wieder verschrottet?

Skcurd: Was hat die Computertechnik mit Moriaologie zu tun?

Stultitia: Genausoviel oder genausowenig wie die künstliche Intelligenz. Die künstliche Intelligenz wird heute als Anwendung der Computertechnik in den kognitiven Wissenschaften verstanden. Wir versuchten, die Strukturen für einen Mangel an kognitiven Fähigkeiten, also für ein dummes Verhalden, aufzuzeigen. Dummheit gilt als Mangel an Intelligenz. Künstliche Intelligenz und Moriaologie sind also zwei Seiden ein und derselben Medaille.

Skcurd: Sie meinen also, Dummheit ist so etwas wie die Schattenseite der Intelligenz?

Stultitia: Absolut richtig. Dummheit und Klugheit sind Grenzbegriffe eines abstrakten Begriffes: der Intelligenz. Intelligenz ist ein unscharfer Begriff, ein "fuzzy term". Die Grenzen des Begriffes werden im allgemeinen durch das Geniale und die Dummheit gezogen. Aber jenseits der Dummheit liegt noch der Bereich Schwachsinn.

Skcurd: Wenn man dieses Spektrum eines intelligenten Verhaltens zugrundelegt, wo würde man denn die heutigen Computer einordnen?

Stultitia: Im allgemeinen jenseits der Dummheit. Die meisten Computersysteme sind ziemlich schwachsinnig. Sie zeigen nur geringe Spuren eines intelligenten Verhaltens. Wir freuen uns immer wieder, wenn wir einen Computer finden, der wenigstens einige dumme Eigenschaften aufweist.

Skcurd: Wie kommen Sie zu diesem ziemlich harten Urteil?

Stultitia: Wenn Sie Maschinen mit Begriffen menschlichen Verhaltens, zum Beispiel "intelligent", charakterisieren wollen, dann müssen Sie auch konsequenterweise die Grenzbegriffe dieser Bezeichnung anwenden. Nach den Definitionen der Psychiater unterscheidet man drei Arten des Schwachsinns: Debilität, Imbezillität sowie Idiotie. Debile sind bildungsfähig. Die Lernfähigkeit der heutigen Rechner liegt eindeutig im Bereich des hochgradigen Schwachsinns.

Skcurd: Befaßt sich Ihr Institut auch mit Schwachsinn?

Stultitia: Gott bewahre! Aber manchmal werden uns schwachsinnige Fragen gestellt.

Skcurd: Zeigen denn Computer gar keine intelligenten Eigenschaften?

Stultitia: Machen Sie sich keine zu großen Hoffnungen! Intelligenz bezeichnet die Fähigkeit, zweckmäßige Lösungen für Lebensaufgaben zu finden. Dazu bedarf es einer Begabung, die wir Denken nennen. Denken ist ein Prozeß des menschlichen Verstandes.

Welcher Computer kann denn heute aus bekannten Begriffen neue Konzepte bilden? Suchen Sie doch mal ein Datenbanksystem, das schlußfolgern und urteilen kann. Welches relationale Datenbanksystem ist fähig, selbständig Relationen zwischen bereits bekannten Sachverhalten aufzuweisen? Fragen Sie Ihren Computerverkäufer, wie sein System von konkreten Sachverhalten abstrahiert oder Hypothesen bildet. Die Antworten werden Sie sehr enttäuschen.

Skcurd: Computer können doch aber große Mengen von Wissen speichern?

Stultitia: Stimmt! Die Maschinen können unser menschliches Wissen speichern. Aber sie verstehen nicht, was da gespeichert ist. Computer speichern Wissen so wie das bedruckte Papier, das Worte und Bilder festhält. Doch das Papier weiß auch nicht, was die Gebilde in Druckerschwärze zu bedeuten haben.

Skcurd: Enttäuschte Computerbenutzer sprechen heute lieber von wissensbasierten Systemen als von künstlicher Intelligenz. Sehen Sie hier bessere Aussichten auf Erfolg als in der künstlichen Intelligenz?

Stultitia: Zweifellos. Wissen läßt sich formalisieren, algebraisieren und in allgemeinen Klauseln ausdrücken. Diese formalen Darstellungen, ihre Bedeutungen und logischen Prozeduren der Verarbeitung lassen sich in den Maschinen mitteilen. Hier ist man den formalen Methoden der Naturwissenschaften viel näher als in anderen Gebieten der künstlichen Intelligenz.

Skcurd: Sie meinen, die Untersuchungen zur künstlichen Intelligenz sollten sich mehr mit dem Menschen befassen, um zu besseren Einsichten zu kommen?

Stultitia: Völlig richtig. Intelligenz ist eine Fähigkeit des menschlichen Verstandes. Der Verstand ist aber nur ein Teil der menschlichen Persönlichkeit. Schon in der Antike war klar, daß der Verstand nur einen relativ geringen Anteil am menschlichen Verhalden hat. Der Mensch wird von seinen Gefühlen, Leidenschaften und Bedürfnissen getrieben. Wäre es anders, dann gäbe es keine Torheit, dann gäbe es leider auch keine Moriaologie.

Skcurd: Der Mensch ist doch wohl durch das starke Bedürfnis, seinen Verstand zu gebrauchen, charakterisiert?

Stultitia: Meistens wird der Verstand gebraucht, um den Passionen und unmittelbaren Bedürfnissen zu dienen. Der Verstand ist keineswegs die oberste Instanz für menschliche Entscheidungen.

Skcurd: Sie meinen, es ist die individuelle Persönlichkeit, die das menschliche Verhalden prägt?

Stultitia: Der Mensch hält gewisse Dinge für gut oder verwerflich, urteilt mit Besonnenheit oder auch vorschnell, besitzt mehr oder weniger Kreativität und Intuition und versucht, irgendwie mit sich selbst und seiner Umgebung in Übereinstimmung zu sein. Diese menschlichen Eigenschaften kommen einer Maschine nicht zu.

Skcurd: Ist dieser Zustand, töricht zu sein, eigentlich gefährlich?

Stultitia: Die Antwort hängt von Ihren Werturteilen ab. Meine Studenten meinen, daß von den Klugen eine Gefahr für die Menschheit ausgeht, nicht von den Dummen. Die Dummen hätten Nuklearwaffen ebensowenig erfunden wie das Schießpulver.

Skcurd: Macht Törichtsein glücklich?

Stultitia: Glücklich und auch unglücklich. Denken sie nur an die Liebe. Törichte Menschen machen sich weniger Sorgen. Erasmus von Rotterdam schrieb ein Essay über die positive Rolle der Torheit. Darin zitiert er Sophokles: "Die Torheit ist des Lebens bester Teil."

Skcurd: Eine letzte Frage: Wann wird endlich Software für intelligente Maschinen auf den Markt kommen?

Stultitia: Eine alte Volksweisheit sagt: "Ein Narr kann mehr fragen; als sieben Weise beantworten können".

Skcurd: Frau Professor Stultitia, wir danken für das Gespräch.

Dummheit als Ausgangspunkt künstlicher Intelligenz?

Im Vorfeld des Schwerpunktes "Expertensysteme/KI-Anwendungen" in der nächsten Ausgabe der COMPUTERWOCHE geben wir hier, ausnahmsweise den hinlänglich bekannten Bierernst der Experten konterkarierend, ein fingiertes Interview wieder. Wer auf anwendungsnahe Rezepte für die alltägliche DV-Küche erpicht ist, sollte weiterblättern. Wer sich jedoch einen entspannenden Spaß mit und über die Intelligenz respektive Dummheit seines Computers und/oder seiner Mitmenschen machen möchte, der sollte sich die Zeit für diese ungewohnt feuilletonistische "Unterhaltung" nehmen.

"Nachdem 30 Jahre KI-Forschung nicht zu brauchbaren Werkzeugen für intelligente Systeme geführt haben, muß man die Sache wohl mit Humor tragen", sagte sich der Autor dieses Dialogs, Hans Drucks*, seines Zeichens Mathematiker, und nahm die Dummheit zum Ausgangspunkt, um über künstliche Intelligenz zu schreiben.

Das Thema hat beste humoristische Tradition. Erasmus von Rotterdam läßt im "Lob der Torheit" die Göttin der Torheit "Moria" in Gestalt der Dame "Stultitia" ein Loblied auf die Torheit singen.

Die Einsichten der Stultitia sind ausgesprochen lebensnah und von großer Weisheit, was den Reiz dieses Essays ausmacht. Die Intelligenz wird auf den Kopf gestellt - so auch der Name des Interviewers.

Alles ist fiktiv: Weder gibt es das Institut of Moriaology noch die Universität Northern California.

*Hans Drucks arbeitet bei der Logos Gesellschaft für Wissensbasierte Systeme in Seebam, Österreich.