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15.10.1993 - 

Auch CAD laesst sich via CBT schulen

Lernprogramme ermoeglichen eine Just-in-time-Schulung

Die CAD-Technologie hat sich bislang in allen wichtigen Bereichen der Industrie etabliert. In vielen Faellen haben jedoch die Verantwortlichen die Erfahrung gemacht, dass Entwicklungs- und Folgekosten den geplanten Rahmen sprengen. Eine Ursache hierfuer liegt nach Auffassung von Christel Ziegler* im Qualifizierungsbedarf der Mitarbeiter, der nicht in einem einzigen Durchlauf zu decken ist.

In immer kuerzer werdenden Intervallen kommen neue CAD-Funktionen auf den Markt. Fuer Grossunternehmen bedeutet dies, dass alle zwei bis drei Jahre neue Kosten entstehen, um das Know-how von 1000 bis 2000 Mitarbeitern auf den aktuellen Stand zu bringen.

Um diesen Bildungsbedarf im CAD-Bereich zu befriedigen, werden allerdings ueberwiegend herkoemmliche Lernmethoden wie Instruktion und Training eingesetzt. Dem unabhaengigen und computergestuetzten Lernen gilt bisher ein noch relativ geringes Interesse. Haupteinwand gegen den Einsatz von CBT (Computer Based Training) bei CAD-Anwendungen: zu hohe und schwer zu kalkulierende Entwicklungskosten sowie die Kritik an autonomen Lernformen.

Klare Vorgaben fuer das Prototyping

Die BMW AG in Muenchen hat es trotzdem probiert und ein interaktives, computergestuetztes Lernprogramm fuer CAD entwickelt. Eigens fuer grafische Anwendungen entwickelt, ist iCBT (interactive Computer Based Training) auf BMW-spezifische Anforderungen ausgelegt. Durch Aenderung der Parameter laesst es sich jedoch problemlos auf andere Fachbereiche oder andere Unternehmen uebertragen.

In Folge des technischen Fortschritts in der CAD-Entwicklung erscheint eine rasche Anpassung der Qualifizierungskonzepte fuer das Inhouse-Training dringend noetig wegen:

- der erweiterten Funktionalitaet und Komplexitaet des Programmpakets, aber kaum verbesserter Schnittstellen zum Anwender,

- der hohen Vergessensrate, die generell mit der Komplexitaet eines Softwarepaketes linear anwaechst,

- Systemwechseln, von denen jeweils eine immer groessere Anzahl von Anwendern betroffen ist,

- der Notwendigkeit von Updates aufgabenbezogener Anwendungen,

- der guenstigen Entwicklung der Kosten-Nutzen-Relation sowohl bei Hard-, als auch bei Software,

- eines veraenderten Verhaltens der Anwender, das gepraegt ist von der Akzeptanz individueller und flexibler Lernformen sowie

- immer kuerzer werdender Innovationszyklen.

Unter diesen Vorzeichen reifte bei der BMW AG die Entscheidung fuer die autonomen Lernformen.

Eine Reihe von internen Testprojekten wurde vorgeschaltet und noch in der Vorbereitungsphase ausgewertet. Als der Startschuss fuer die Entwicklung des geplanten Selbstlernprogrammes fiel, waren die Rahmenbedingungen fuer das Prototyping klar definiert:

N Einsatz von Original- oder kompatibler Hardware,

N Einsatz von Originalsoftware,

N Keine Simulation: Der Anwender arbeitet in derselben Software- Umgebung wie an seinem Arbeitsplatz mit allen BMW-spezifischen Funktionen.

N Das Programm verzichtet auf Vermittlung BMW-typischer Grundsatzinformationen, da hierfuer andere bewaehrte Medien zur Verfuegung stehen.

N Das CBT-Programm ist Teil eines umfassenden CAD- Qualifizierungskonzepts.

N Das CBT-Programm ist so angelegt, dass es auch auf andere Catia- Module oder deren Umgebung ausgeweitet werden kann.

N Das Programm impliziert vier aufeinander aufbauende Lernstufen: "Informationen aufnehmen", "wissen", "anwenden" und "am Arbeitsplatz professionell einsetzen". Die ersten drei sollen fuer jeden Teilnehmer in jedem Fall zu erreichen sein.

Unter dem BMW-Projekt-Management wurde ein Spezialistenteam aus verschiedenen Unternehmen in einer Art "Joint- venture" mit der Aufgabe betraut. Auf der Basis dieser Vorgaben umfasste der Auftrag Design und Realisierung sowie Einfuehrung und Evaluation des Programms.

Der Anteil des Muenchner Autobauers lag vor allem in der Verantwortung dafuer, die extern entwickelten technischen, aber auch methodisch-didaktischen Elemente inhaltlich an BMW- spezifische Aufgaben anzupassen und das Lernprogramm als ganzes in das bestehende Trainingskonzept zu integrieren.

Im "Kick-off" des Projektes wurden die technischen, wirtschaftlichen und paedagogisch-didaktischen Anforderungen an das Zielkonzept formuliert. Im Mittelpunkt stand dabei der Anwender. Fuer ihn sollte das Programm individuell nutzbar sein, das heisst:

- auf seinem jeweiligen Kenntnisstand aufsetzen,

- ihn weder ueber- noch unterfordern,

- ausschliesslich eindeutige Informationen liefern,

- sich einer praegnanten verstaendlichen Sprache bedienen und

- Erfolgserlebnisse vermitteln unabhaengig von der Ausgangsbasis.

"Besonderes Augenmerk haben wir bei der Konzeption darauf gelegt, zwei Faktoren auszuschliessen, die Kritiker gerne als Gefahren der CBT-Methode ins Felde fuehren", meint Maximilian Neumeier, Leiter des Technik-Trainings. Dem Gewoehnungseffekt und der dadurch beim Lernen schnell auftretenden Langeweile wirke das Programm durch vielfaeltige Frage- und Antworttypen, variierende Input- Moeglichkeiten und einen kontinuierlichen Wechsel an Text- und Grafikelementen entgegen. Die kurzen Antwortzeiten von maximal zwei Sekunden pro Interaktion beugen ebenfalls dem "Routine- Effekt" vor.

Das fundierte didaktische Design und die Einbettung des Selbstlernprogramms in das gesamte CAD-Qualifikationskonzept schliesse aus, dass Mitarbeiter durch den Einfluss der imaginaeren CBT-Welt den Sinn fuer die Realitaet verlieren, in soziale Isolation abgleiten und emotional verarmen.

Das Konzept basiert grundsaetzlich auf zwei Saeulen, der Programmstruktur und den Lerninhalten. Die Struktur ist die Konstante; Lerninhalte unterschiedlichster Art koennen variabel in dieses Geruest eingefuegt werden. Programmiert wurde in Fortran unter VM/CMS von IBM. Das Programm laeuft aber auch unter anderen Betriebssystemen wie MVS oder AIX.

Das von der BMW AG entwickelte CBT-Programm in der vorliegenden Form deckt das gesamte funktionale Spektrum von "Solid" ab. Solid ist ein Modul innerhalb des Catia-Softwarepakets und der dieses Paket umgebenden Systeme.

Um das Programm durchzuarbeiten, benoetigt man 20 Stunden. Diese verteilen sich normalerweise auf einen Zeitraum von zwei Wochen, wenn der Lernende zirka zwei Stunden am Tag damit arbeitet. Das Lernprogramm steht direkt am Arbeitsplatz oder aber im BMW- Selbstlernzentrum zur Verfuegung. Ueber eine Telefon-Hotline koennen alle Fragen, die waehrend des Arbeitens mit dem Programm auftauchen, geklaert werden.

Ungefaehr 1000 Mitarbeiter arbeiten bei BMW im CAD-Bereich mit Catia. Zirka 200 von ihnen haben seit der Einfuehrung des Programms am 1. Februar 1991 Trainingssequenzen zum Modul Solid nachgefragt. Hohe Akzeptanz und positive Resonanz von Anwendern wie von Bildungsverantwortlichen stuetzen sich vor allem auf die Kriterien

N Benutzerfreundlichkeit: Das Programm ist neuesten ergonomischen und didaktischen Erkenntnisse angepasst (Bildwechsel in weniger als zwei Sekunden).

NUnterstuetzung und Support: Das Programm ist leicht zu warten und bei einem Systemwechsel ohne grossen Aufwand anzupassen.

N Kosten-Nutzen-Relation: Die Entwicklungskosten liegen unter 200 Mark pro Lernminute fuer Programmstruktur und Inhalte. Werden lediglich neue Lerninhalte in die bestehende Struktur eingefuegt, entstehen Kosten in Hoehe von etwa 75 Mark pro Lernminute.

Das Projekt CAD-User erstmals per CBT-Programm zu trainieren, wird von den BMW-Verantwortlichen positiv beurteilt, weil CBT in das Gesamt-Trainings-Konzept integriert ist, Bildungskosten reduziert und sich auf andere Unternehmensbereiche uebertragen laesst.

In der Regel laesst sich das Programm naemlich in weniger als zwei Monaten an unterschiedliche Lerninhalte anpassen, wenn Anwender zum Beispiel in Folge eines Systemwechsels geschult werden muessen. Diese zwei Monate sind weniger als ueblicherweise ein Testlauf fuer neue Systemversionen dauert.

*Christel Ziegler arbeitet als freie Journalistin in Muenchen.