Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.


09.01.1987

Lernprozeß Informationstechnik

Leo A. Nefiodov, Leiter der Arbeitsgruppe Wirkungs- und Programmstudien Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung, Sankt Augustin

In einer Wirtschaft, in der als Folge des Wettbewerbs unablässig rationalisiert und innoviert werden muß, ist es nicht zu vermeiden, daß einige Arbeitsplätze wegfallen und neue hinzukommen. Bei gleichbleibender Nachfrage nach Arbeit entsteht Arbeitslosigkeit aber nur dann, wenn in der Bilanz dieses Wandels für die weggefallenen Arbeitsplätze nicht genügend neue geschaffen werden.

Um Arbeitslosigkeit zu vermeiden, bieten sich somit theoretisch zwei Strategien an:

- den Wegfall von Arbeitsplätzen zu verhindern beziehungsweise zu verzögern,

- die Schaffung neuer Arbeitsplätze zu erleichtern beziehungsweise zu beschleunigen.

In der Praxis sind beide Strategien nicht immer gleichzeitig zu realisieren, da sie von unterschiedlichen Voraussetzungen abhängen. In wettbewerbsintensiven Branchen beispielsweise läßt sich die erste Strategie meistens nicht verwirklichen, weil auf der Kostenseite nicht genügend Spielraum besteht.

Heute, Mitte der achtziger Jahre, befinden wir uns in einer neuen und durchaus kritischen Rationalisierungssituation. Sie wurde hervorgerufen durch große Fortschritte in Forschung und Entwicklung während der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre - Fortschritte, die uns ein beträchtliches Rationalisierungspotential für die Automatisierung von Fabriken und Büros zur Verfügung stellen. Dieses Rationalisierungspotential wird - trotz aller Beschwichtigungen - im Laufe der nächsten Jahre zur Anwendung kommen. Wir werden auf der einen Seite die hochautomatisierte bis vollautomatisierte Fabrik bekommen und auf der anderen Seite die hochintegrierten und vernetzten Büroinformationssysteme. Auf mittlere Sicht werden zudem die Automatisierung in der Produktion und die Automatisierung im Büro zusammenwachsen. Die ganze Tragweite der dadurch hervorgerufenen Veränderungen läßt sich nur erahnen.

Aber Automatisierungsschübe müssen nicht zwingend zu Arbeitslosigkeit führen. Denn Automatisierung heißt ja gleichzeitig auch Produktivitätsverbesserung, und Produktivitätsfortschritte setzen Ressourcen frei, die zur Erschließung neuer Arbeitsfelder genutzt werden können (und müssen). Sinnvoll genutzt, ist Automatisierung - wie zahlreiche Beispiele aus der Geschichte belegen - auch in einem gesellschaftlichen Sinne wünschenswert.

Auf zwei Gestaltungsfaktoren, die unsere zukünftige Arbeitswelt entscheidend beeinflussen können, muß man besonders hinweisen. Rationalisierungsfortschritte und Produktivitätssteigerungen mit Hilfe neuer Technologien hat es schon immer gegeben.

Das Besondere unserer Situation besteht darin, daß wir mit diesem Rationalisierungspotential gleichzeitig ein bisher nicht gekanntes Maß an Gestaltungsspielraum erhalten haben, den es nun nicht nur im ökonomischen Sinne zu nutzen, sondern auch sozial verträglich einzusetzen gilt.

Im Klartext bedeutet das: Weil die neuen Technologien programmierbar sind und den jeweiligen Bedingungen des Arbeitsplatzes, den Anforderungen der Konsumenten und den Wünschen des arbeitenden Menschen in hohem Maße angepaßt werden können, bieten sie uns prinzipiell die Möglichkeit, die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, ja sogar zu erhöhen, ganz neue Arbeitsfelder zu erschließen und gleichzeitig die Arbeitswelt so zu gestalten, daß auch den von dieser Entwicklung betroffenen Menschen mehr an Selbstverwirklichung, neue berufliche Chancen und mehr Beteiligung geboten werden können. Wenn wir das Gestaltungspotential der neuen Technologien in diesem Sinne nutzen, dann brauchen wir den anstehenden Automatisierungsschub sicher nicht zu fürchten.

Der zweite Gestaltungsfaktor ergibt sich aus einem Vergleich der langfristigen Entwicklung der vier Sektoren Landwirtschaft, Produktion, Dienstleistungen und Information. Hier muß man feststellen, daß in der Landwirtschaft keine neuen Arbeitsplätze mehr entstehen werden (es sei denn wir schaffen die Traktoren, Mähdrescher und andere technische Geräte ab). Auch in der Produktion wird es aller Voraussicht nach keine Zunahme der Beschäftigten mehr geben. Im Gegenteil: Die meisten Trends in den hochindustrialisierten Ländern deuten darauf hin, daß die Zahl der Beschäftigten im Produktionsbereich zurückgehen wird, möglicherweise noch in diesem Jahrhundert auf ein Niveau, wie wir es zur Zeit in der Landwirtschaft haben. Mit anderen Worten: Der produzierende Sektor kann keinen relevanten Beitrag zum Abbau von Arbeitslosigkeit leisten.

Was bleibt, um die Arbeitslosigkeit wirksam zu beseitigen, sind Dienstleistungen und Informationen. Hier wiederum ist beachtenswert, daß auch der Dienstleistungssektor, wenn man ihn der Informationstätigkeiten entkleidet, in den letzten Jahrzehnten nur minimale Steigerungen der Beschäftigung aufweist. Ein starker Anstieg der Beschäftigung ist - und das schon seit Jahrzehnten - ausschließlich im Informationssektor zu beobachten.

In den hochindustrialisierten Ländern entstehen also Arbeitsplätze in großer Zahl einzig im Zusammenhang mit informationsintensiven Tätigkeiten; und diese hängen mittlerweile in hohem Maße vom Einsatz der Informationstechnik ab, denn nur sie ist in der Lage, diese Arbeitsplätze so produktiv zu gestalten, daß neue Käuferschichten und neue Märkte erschlossen werden können.

In Deutschland wurde die Informationstechnik lange Zeit fälschlicherweise als Jobkiller betrachtet und dadurch die Schaffung produktiver und zukunftsträchtiger neuer Arbeitsplätze behindert. Weil das große arbeitsschaffende Potential der Informationstechnik von Politikern und Gewerkschaften bis heute weder klar genug erkannt noch erschlossen wurde, kommen wir mit der Beseitigung der Arbeitslosigkeit nicht weiter.

Neue Arbeitsplätze in großer Zahl entstehen nur noch durch den Einsatz der Informationstechnik. An dieser Einsicht führt heute kein Weg vorbei. Allein die Informationstechnik ist in der Lage, die informationsintensiven Tätigkeiten so produktiv zu gestalten, daß sie für eine breite Nachfrage erschwinglich werden.

Eine große Nachfrage nach Informationstätigkeiten erhöht wiederum den Bedarf an Informationstechnik, wodurch neue Informationstätigkeiten ermöglicht werden. Auf diese Weise entstand und entwickelt sich der Prozeß, den wir Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft nennen. Informationstechnik und Informationsgesellschaft verhalten sich komplementär zueinander.

In den USA macht allein die Herstellung und Anwendung der Datenverarbeitung heute bereits fünf Prozent des Bruttosozialprodukts aus. Im amerikanischen Dienstleistungs- und lnformationssektor entstanden seit 1968 rund 30 Millionen neue Arbeitsplätze. Auf den ersten Blick haben viele von ihnen - zum Beispiel jene acht Millionen neue Arbeitsplätze in Hotels, Schnellgaststätten und Handel - nichts mit Informationstechnik zu tun.

Man kann sich indes sehr schnell davon überzeugen, daß diese Arbeitsplätze nur durch das Aufkommen der Hochtechnologie entstehen konnten. Würde zum Beispiel "McDonalds" den Einkauf, die Lieferantenbuchhaltung, die Personalabrechnung, die Lagerwirtschaft und die Finanzdisposition nicht mit modernster Informationstechnologie durchführen, sondern manuell, dann gäbe es weder den "Hamburger" zu erschwinglichem Preis noch die Millionen von Arbeitsplätzen, die diese Branche geschaffen hat.

Das gleiche gilt auch für den Handel. Die Millionen von Arbeitsplätzen, die im US-Handel entstanden sind, wären ohne die Informationstechnik nicht zustande gekommen. Würde man beispielsweise bei einem großen Kaufhaus versuchen, Bestellwesen, Buchhaltung, Kostenrechnung, Lagerwirtschaft, Fakturierung, Warenumsatzanalyse und Zahlungsverkehr nicht mit moderner Informationstechnik, sondern manuell abzuwickeln, hätte das Management bei der Breite des heutigen Warenangebots keinen Überblick, welche Produkte mit Gewinn und welche mit Verlust verkauft werden die Kosten würden steigen, die Waren würden teurer, die Branche müßte sich im Warenangebot beschränken, der Umsatz ginge zurück. Ohne Informationstechnik hätte es keinen Zuwachs der Beschäftigung gegeben. Das Gleiche gilt für viele andere Dienstleistungen: Würde eine Luftverkehrsgesellschaft ihre Buchungen heute noch an einer Wandtafel notieren, wäre ein weltweites Flugnetz undenkbar. Ebensowenig kann heute eine Bank oder eine Versicherung ihr Geschäft mit handgeführten Kontenblättern betreiben. Die Millionen von Arbeitsplätzen, die das Kredit- und Versicherungsgewerbe geschaffen hat, sind erst durch den Einsatz der Informationstechnik möglich geworden.

Schon diese wenigen Beispiele zeigen: Jene immer wieder zu hörenden Thesen, wonach die Informationstechnik das Problem der Arbeitslosigkeit nicht lösen könne, ja es im Gegenteil verschärfe - und daß die neuen Arbeitsmöglichkeiten im Dienstleistungsbereich nichts mit Hochtechnologie zu tun haben - sind nicht haltbar. Hier steht uns offensichtlich noch ein gewisser Lernprozeß bevor.