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17.10.1997 - 

IT im Maschinenbau

Lifecycle-Management als strategische Aufgabe

"Integration" ist das zentrale Schlüsselwort eines großangelegten Änderungsprojekts bei British Aerospace (BAe), Europas führendem Hersteller von Kampfflugzeugen. Um Projektzeiten und -kosten zu reduzieren, hat das britische Unternehmen ein ehrgeiziges Software- und Reorganisationsprojekt in Angriff genommen. Drei Ansätze stehen im Vordergrund: Lifecycle-Engineering, Redesign der gesamten Logistikkette, effiziente Ressourcennutzung unter Einbeziehung der Lieferanten. Die organisatorischen und die informationstechnischen Aspekte der Projektabwicklung werden vollständig neu konzipiert und integriert.

Zur Umsetzung der Strategie löst BAe mehr als 200 alte, Host-orientierte DV-Systeme durch das Enterprise-Resource-Planning-System von Baan mit Client-Server-Architektur ab. "Wir wollen die Art und Weise, wie wir planen und arbeiten, grundlegend ändern", erklärt Projektleiterin Maria Harwood. "Von Anfang bis Ende werden künftig alle Beteiligten, vom Entwickler und Servicetechniker bis hin zum Kunden und Lieferanten, in den Entstehungsprozeß mit einbezogen."

Zudem arbeitet BAe an einem proaktiven Kundenservice, der die Betriebs- und Wartungsphase bereits in das Produktdesign einplanen und den Lebenszyklus des Produktes deutlich verlängern soll. Bei der Entwicklung des Eurofighters will BA erstmals beweisen, daß die in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegene Kostenkurve bei Militärflug- zeugen auch nach unten gehen kann.

Kernaufgabe der Projektteams ist die Integration von Abläufen und Daten über den gesamten Entstehungsprozeß - vom Auftragseingang über Planung, Design und Materialbestellung bis hin zum Service. Fachabteilungen, Kunden und Lieferanten sind nicht länger nur an einzelnen Projektphasen beteiligt, sondern arbeiten in Zukunft von Anfang an gemeinsam an der Gesamtkonzeption. Sequentielle Arbeitsfolgen werden durch paralleles Engineering ersetzt.

Dank einheitlicher Datenbasis und homogenem Anwendungssystem entfallen Doppelarbeiten und aufwendige sowie fehlerbe- haftete Informationsübermittlungen. Änderungswünsche des Auftraggebers können jederzeit einfließen.

Von der Kundenanfrage bis zur Demontage

Letztendlich soll diese Art des Lifecycle-Managements zu einer stark veränderten Projektabwicklung führen, mit welcher BAe die Lebensdauer eines Flugsystems verlängern, wiederverwendbare Basissysteme schaffen und die Wertschöpfung erhöhen will.

Die Kostenproblematik mag im Militärbereich aufgrund der stark gesunkenen Rüstungsetats außergewöhnlich sein. Typisch für Anlagenbauer und Auftragsfertiger sind jedoch die Fragestellungen, mit denen sich BAe beschäftigt: Wie läßt sich ein technisch anspruchsvolles und komplexes Produkt in kürzerer Zeit, mit weniger Kosten und zur Zufriedenheit der Kunden erstellen? Unter dem Schlagwort Lifecycle-Management diskutieren die IT- und Organisationsexperten einen neuen, durchgängigen Ansatz, der die Problematik ganzheitlich lösen will.

Im Mittelpunkt der Überlegungen stehen deshalb das Produkt und sein Lebenszyklus aus organisatorischer wie informationstechnischer Sicht. Ziel ist ein geschlossener Kreislauf: von der Kundenanfrage bis zu Recycling und Demontage.

Dieser Ansatz basiert auf der Erkenntnis, daß ein technisch ausgereiftes Produkt allein keine Garantie mehr für den längerfristigen Unternehmenserfolg darstellt.

Der Kunde erwartet ein Produkt, das genau seinen Anforderungen entspricht und auftragsbezogen entwickelt wird. In Fachkreisen ist hier von "Engineer-to-order" die Rede. Über die Herstellung hinaus sind frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen, um den Kunden durch den sicheren und störungsfreien Betrieb einer Maschine zufriedenzustellen und um eine kontinuierliche, kundenorientierte Produktverbesserung systematisch zu planen und rechtzeitig umzusetzen.

Thomas Friedmann, Leiter des Geschäftsfelds Lifecycle-Management der CSC Ploenzke AG, nennt drei Gründe, die für den Lifecycle-Ansatz sprechen:

-Die wachsende Problematik, ein Produkt auf vielen Exportmärkten in einer Vielzahl unterschiedlicher Varianten anbieten zu müssen. Mit der Betrachtung des gesamten Produktlebenszyklus ist die Gestaltung des Basisprodukts bereits konsequent auf die zu produzierenden Varianten auszurichten. Auf Kundenwunsch lassen sich Produkte schneller und mit weniger Kostenaufwand entwickeln und konfigurieren.

-Die gestiegene Bedeutung der Kundenservices: Anwender erwarten von ihren Lieferanten sicheren Betrieb, Pflege und Wartung. Dies setzt voraus, Informationen über den späteren Betrieb frühzeitig in die Produktentwicklung einzubeziehen und alle relevanten Produktdaten und -dokumente dem technischen Service vollständig und direkt zur Verfügung zu stellen.

-Die Aufbereitung und Nutzung der Informationen aus dem Produktlebenszyklus für die Entwicklung besserer Folgeprodukte. Hierbei sind organisatorische Konzepte gefragt, um produktrelevante Informationen aus Produktion, Qualitätssicherung, Service und Vertrieb in die Entwicklung zurückzuführen. Wichtig ist auch ein durchgängig gestaltetes Produktdaten-Management als informationstechnische Infrastruktur für diese Feedback-Prozesse.

Engineering-Data-Management-(EMD-)Systeme sind die Schlüsseltechnologie für die Verbindung zwischen technischen und betriebswirtschaftlichen Anwendungen. Der Anspruch an die Leistungsfähigkeit der EDM-Technologie ist durch diesen breiten Ansatz deutlich gestiegen. Während zu Beginn die bloße Verwaltung von CAD-Zeichnungen im Vordergrund stand, geht es heute vielmehr um die Ankopplung einer ganzen Palette von Anwendungssystemen.

Aufgabe von EDM ist die Integration aller produktdefinierenden Daten und Dokumente. Begleitend zum Entstehungsprozeß speichert und verknüpft EDM Informationen und lokale Datenbestände aus verschiedenen Applikationen und bietet so ein durchgängiges Informations-Management. So kommt es beispielsweise zu Konsistenz in den Fertigungsunterlagen, der Wegfall von Mehrfacheingaben erhöht die Datensicherheit.

Neben der Schnittstellenproblematik müssen EDM-Systeme in der Lage sein, ein großes Datenvolumen und einen hohen Anteil simultaner Abläufe zu verarbeiten. Hinzu kommen weitere Anforderungen aus Planung und Betrieb wie kurzfristige Änderungen, Um- und Nachrüstung, Wartung und Instandhaltung, Dokumentation, Planung und Koordination von Servicearbeiten. Für Friedemann ist EDM eine unverzichtbare Enabling-Technologie: "Schnelles und effektives Handeln ist angesichts dieses breiten Aufgabenfeldes ohne den Einsatz von EDM-Systemen wirtschaftlich nicht mehr möglich."

Doch die Umsetzung eines solchen Integrationsansatzes ist mit erheblichen Anstrengungen verbunden. Zwar sind eine Reihe ausgereifter EDM-Systeme auf dem Markt, die alle relevanten Systemfunktionen bieten: Management von Produktdaten und Dokumenten, Verwaltung von Anlagenstruktur und -modulen, Projektdaten-Management, Verfügbarkeit aller Norm- und Standardteile, Klassifikation und Sachmerkmalsleisten, Systemkonfiguration, Imageverarbeitung, Änderungs- und Workflow-Management, Archivierung. Auch SAP entwickelt im Rahmen von R/3 ein Modul für "Product Data Management", das die Datenintegration entlang der gesamten Logistikkette sicherstellen soll.

"Die größte Herausforderung ist zunächst die Umgestaltung der logistischen Geschäftsprozesse", behauptet Peter Mattheis, Leiter SAP Competence Center der IDS Prof. Scheer. "Ohne eine werksübergreifende Reorganisation wird man die Vision eines Lifecycle-Managements in den Wind schreiben müssen." Fehlende Prozeßbetrachtung ist seiner Einschätzung nach der Hauptgrund, weshalb EDM- und Lifecycle-Ansätze nicht das gewünschte Ergebnis bringen.

Im zweiten Schritt empfiehlt der Berater zu prüfen, welches Anwendungssystem die definierten Abläufe unterstützt und durch integrierten Workflow absichert. Seiner Beobachtung nach gibt es auf seiten der betriebswirtschaftlichen Standardsysteme durchaus noch Lücken: Vor allem die für ein Lifecycle-Management unumgängliche Verknüpfung mit technischen Systemen (CAx) bereitet immer wieder Kopfzerbrechen.

Das funktionale Zusammenspiel der beiden Systemwelten ist einer der Knackpunkte bei der DV-technischen Umsetzung einer integrierten Projektphilosophie. Aufgrund unterschiedlicher Funktionen und Datenstrukturen der beiden Systemwelten ist es beispielsweise häufig schwierig, auftragsspezifische Änderungen direkt in die CAD-Systeme zu übernehmen.

"Die Integration von Prozessen, Daten und Funktionen über den gesamten Projektverlauf muß beim Lifecycle-Management gewährleistet sein", bringt Consulter Mattheis das Thema auf den Punkt. Kann der Hersteller dem Kunden über alle Lebensphasen seiner spezifischen Maschine eine vollständige Lebenslauf-Akte bieten, ist das "Engineer-to-order" geglückt: As planned, as built, as shipped, as maintained.

Angeklickt

Lifecycle-Management gilt als eine der strategischen Herausforderungen im Maschinen- und Anlagenbau, um vor allem bei komplexen Projekten mit hohem Auftragsvolumen die Durchlaufzeiten zu reduzieren und die Lebensdauer der erstellten Systeme zu erhöhen. Zwei Seiten gilt es näher zu betrachten: die organisatorische und die informationstechnische. Erstere beschäftigt sich mit einer auf den gesamten Produktentstehungs- und Lebenszyklus ausgerichteten Aufbau- und Ablauforganisation mit optimierten Geschäftsprozessen. Ziel ist die prozeßorientierte Zusammenarbeit aller Funktionsbereiche von der Entwicklung über Marketing und Vertrieb bis hin zu den After-Sales-Services wie Wartung und Instandhaltung. Die direkte Einbindung von Kunden und Zulieferern soll das Time-to-Market zusätzlich verkürzen. Auf der technischen Seite steht die Integration der im Lebenszyklus relevanten Funktionen und Daten im Zentrum.*Heidrun Haug ist freie Journalistin in Tübingen.