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18.04.1986

Linguistik-DV löst Spitzwegs Zettelkasten ab

Die maschinelle Bearbeitung von Sprachdaten kann auf eine ebenso lange (oder besser: kurze) Tradition zurückblicken wie der Einsatz von Computern überhaupt. Daß der Anstoß hierzu nicht von der Linguistik kam, sondern von völlig fachfremder Seite, den Ingenieurwissenschaften nämlich, muß dabei nicht überraschen, am wenigsten einen Germanisten: Schließlich zählt das landläufig eher als Märchensammler bekannte Brüderpaar Jacob und Wilhelm Grimm zu den Gründungsvätern unserer Zunft, obgleich beide von Haus aus Juristen waren.

Der Einstieg in die maschinelle Textverarbeitung begann damit, daß man Mitte der vierziger Jahre in einem ersten Anflug von Computer-Euphorie Texte von einer Sprache in die andere maschinell übersetzen lassen wollte. Das Rezept war ebenso einfach wie unsinnig: Man nehme ein Wort der Ausgangssprache und ersetze es durch ein Pendant der Zielsprache. Die Ergebnisse waren entsprechend und boten einen ersten Anlaß, die Kooperation mit den Linguisten zu suchen. Damit hatte auch für die Geisteswissenschaften das EDV-Zeitalter begonnen.

Es ist hier nicht der Ort, eine Entwicklungsgeschichte der Computeranwendung in unserer Disziplin nachzuzeichnen. Zu konstatieren wäre allenfalls, daß es noch vieler Jahre bedurfte, bis hierzulande die zum Teil sehr emotionalen Vorbehalte diesem neuen Medium gegenüber abgebaut werden konnten. Dies mag damit zu tun haben, daß bis dato einem Wissenschaftler, der berufsmäßig mit Sprache umzugehen hat, der Schreibtisch als Hardware und ein gut bestücktes Bücherregal als Datenträger vollauf genügten. Die Spitzweg-Idylle traditioneller Gelehrtenstuben hat aber im modernen Wissenschaftsbetrieb keinen Platz mehr. Dies mag manch einer bedauern. Doch gibt es Entwicklungen, die sich allenfalls verzögern, nicht aber aufhalten lassen.

Es kann hier nicht darum gehen, einer blinden Fortschrittsgläubigkeit das Wort zu reden. Ich möchte vielmehr im folgenden versuchen, die Vorteile des EDV-Einsatzes bei der Lösung linguistischer Fragestellungen anhand einiger Beispiele zu skizzieren.

Für die Realisierung von empirischen, Fragestellungen, also immer dann, wenn große Textmengen unter formalen oder quantitativen Aspekten analysiert oder geordnet werden sollen, ist der Computer zu einem unverzichtbaren Arbeitsmittel geworden.

Der Einsatz maschineller Textverarbeitungssysteme erlaubt es, Schriftstücke beliebiger Größe zu erfassen, zu redigieren und druckfertig aufzubereiten. Damit steht dem Linguisten ein vielseitig einsetzbares Instrumentarium für eine ebenso ökonomische wie schnelle Publikationsmöglichkeit von Forschungsergebnissen zur Verfügung. Verleger gehen im übrigen dazu über, Veröffentlichungen ihrer Autoren nunmehr auf maschinenlesbaren Datenträgern entgegenzunehmen.

Das Sammeln und Ordnen von Daten kann über maschinell verwaltete Datenbanksysteme erfolgen, die den traditionellen Zettelkasten in allen Belangen der Datenmanipulation weit überlegen sind. Als ein typisches Beispiel hierfür sei die Lexikografie genannt. Bei der Verwaltung der immensen Datenmengen, die dabei anfallen, und der Möglichkeit, dieselben Daten für verschiedenste Zwecke auszuwerten (zum Beispiel zur Erstellung von allgemein- und fachsprachlichen Wörterbüchern), erweisen sich die Vorteile des Computereinsatzes. Dazu kommt, daß sich die Aktualisierung von Nachschlagewerken in Verbindung mit einer automatischen Drucksatzerstellung beinahe über Nacht realisieren läßt. Wenn trotzdem Neuauflagen immer noch Jahre und bisweilen Jahrzehnte auf sich warten lassen, deutet das darauf hin, daß selbst renommierte Verlagshauser bei der Adaption neuer Techniken einen großen Nachholbedarf haben.

Wird der Computer zur Lösung nichtnumerischer Problemstellungen herangezogen, so erfordert dies einen hohen Grad an Formalisierung. Die von solchen Arbeiten ausgegangenen Impulse für die Theoriebildung, namentlich bei der Entwicklung formaler Grammatikmodelle, haben das Fach entscheidend geprägt und weiterentwickelt.

Der vorliegende Versuch einer Standortbestimmung wäre unvollständig, da einseitig, würde man ihn auf die Bedeutung des Computers für die Linguistik reduzieren. Seit langem schon hat sich daneben ein Datentransfer mit umgekehrter Zielrichtung entwickelt, was nicht zuletzt daran liegt, daß sich die an natürlichen Sprachen gewonnenen Erfahrungen in hohem Maße auch in die Entwicklung künstlicher Sprachen einbringen lassen. Darüber hinaus werden in den Dialog Mensch - Maschine zunehmend natürliche Sprachen einbezogen. Dies Zusammen gibt eine Reihe theoretischer und praktischer Problemstellungen, die sowohl sprachlicher als auch außersprachlicher Natur sind und zu einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Linguisten und Informatikern geführt haben. Das gemeinsame Engagement in der KI-Forschung zeigt auf recht eindrucksvolle Weise, in welchen Leistungen eine solche Kooperation fähig ist.

Die traditionellen Berufsfelder der geisteswissenschaftlichen Fächer sind auf Jahre hinaus weitgehend besetzt und bieten dem akademischen Nachwuchs nur sehr begrenzte Einstiegsmöglichkeiten. Dem steht bis auf weiteres ein großer Bedarf an DV-Fachkräften gegenüber. Angesichts des enormen Stellenwertes, den die kommerzielle Textverarbeitung in den letzten Jahren im Gefolge des Personalcomputers erlangt hat, eröffnen sich hier Linguisten mit einer entsprechenden Zusatzqualifikation günstige Berufsaussichten. Einige Universitäten haben dies rechtzeitig erkannt und bieten Studiengänge in linguistischer Datenverarbeitung an, weitere Hochschulen werden darin folgen.

Der Computer ist kein Deus ex machina. Neben einer Linguistik mit Computer und einer Linguistik für Computer wird es auch weiterhin eine Linguistik ohne Computer geben. Nur sollte man sich bei der Frage nach der richtigen Präposition weder von überkommenen Vorurteilen noch von Modeströmungen leiten lassen, sondern allein vom Gegenstand.