Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

Einschätzungen vom Linux-Tag

Linux auf dem Weg ins Enterprise-Computing

20.07.2001
STUTTGART (ls) - Der Linux-Tag hat seinen Basarcharakter behalten. Trotz des geringen Anteils von Entscheidern aus Unternehmen und Verwaltungen unter den Besuchern ist aber unverkennbar, dass Open Source sich zu einer ernst genommenen Alternative in der professionellen IT entwickelt hat.

In Anzug und Krawatte stand ein Manager an seinem Stand und harrte der "Entscheider" - die sich nicht einfinden wollten. "Ich bin wohl over-dressed", resümierte er frustriert, "ziemlich viele Hacker hier." Dass es "bitte mehr Business" sein könnte, war der allgemeine Tenor an den Ständen etablierter DV-Anbieter im Stuttgarter Messegelände am Killesberg. Allenfalls erlebten sie versierte Techies aus den IT-Abteilungen von Unternehmen.

Doch nicht allen ging es so. Open-Source-Projekte und junge Firmen, die aus ihnen hervorgegangen sind, waren überrascht, dass sich Vertreter aus der professionellen IT an ihren Ständen einfanden. Iko Rein von der finnischen Firma MySQL AB registrierte mehr Interesse aus der Wirtschaft an der gleichnamigen quelloffenen Datenbank als erwartet. Jetzt will sein Unternehmen hierzulande eine Tochtergesellschaft gründen und sucht Service- und Supportpartner.

Bernhard Reiter von der Osnabrücker Intevation GmbH und Deutschland-Repräsentant der Free Software Foundation, freute sich über unerwartete Schützenhilfe: "Microsofts Kampagne gegen die Lizenzen in der Gnu/Linux-Welt ist die beste Propaganda für uns." Nach solchen "abstoßenden Polemiken und offenkundigen Lügen" wollten die Leute nun von den Microsoft-Gegnern Informationen aus erster Hand.

Eine Firma, die traditionell enge Beziehungen zur Free-Software-Community pflegt, war natürlich mit der starken Präsenz von Hackern auf dem Linux-Tag zufrieden: Das französische Unternehmen Alcove präsentierte seine neue deutsche Tochtergesellschaft, die unter Leitung eines Altbekannten aus der hiesigen Open-Source-Szene steht: Daniel Riek, einst Chef der glücklosen ID-Pro. Der soll eine klassische Schwäche von Linux für Umsätze nutzen: Alcove leistet garantierten Backend-Support für Linux-Firmen, Softwarehäuser und Großanwender. Doch von denen hätte Riek in Stuttgart gerne mehr gesehen.

"Der Linux-Hype ist vorbei, das merkt man hier", resümierte der Münchner Unternehmensberater Eitel Dignatz, dessen Eröffnungsrede auf dem Business-Kongress bedeutend weniger Besucher angelockt hatte als im vergangenen Jahr. Gleichwohl sei anzumerken, dass das quelloffene Betriebssystem seit dem letzten Linux-Tag vor allem unter technischen Aspekten vorangekommen sei.

"Es wird wirksam, was IBM und SGI der Linux-Gemeinde gegeben haben", meint Dignatz. Deren File-Systeme hätten Fortschritte in Sachen Hochverfügbarkeit ermöglicht. Linux stehe nunmehr der Weg in anspruchsvolle DV-Umgebungen offen. Das Ergebis ist laut Dignatz schon zu erkennen: "Linux ist aus der Nische der Web-Server hinausgewachsen. Wir sehen immer mehr Linux-Applikations-Server."

So langsam blamiere sich, wer Linux weiter einen Mangel an Anwendungen vorhalte, meint Kersten Bassow, Geschäftsführer von Nomina. Mit 1450 Applikationen gebe es für Linux nach neuesten Nomina-Erhebungen 40 Prozent mehr Anwendungen als vor zwölf Monaten - und mehr als für jedes Unix-Derivat. Wirft jemand IBM, HP oder Sun vor, zu wenige Unix-Applikationen zu haben? Linux fehle es unverändert an technischen Anwendungen, sonst aber sei durchweg eine starke Zunahme von Programmen zu beobachten. Bassow: "Der Hype ist vorbei; jetzt beginnt das Geschäft."

Diese Ansicht teilt Markus Draeger, für Beziehungen zu Partnerunternehmen zuständiger Manager und Linux-Spezialist bei Fujitsu-Siemens Computers (FSC). Ein wichtiger Grundstein für den weiteren Erfolg von Linux in Unternehmen sei vor kurzem gelegt worden: "Der Linux-Standard LSB 1.0 nimmt Ängste vor einer Fragmentierung in inkompatible Distributionen und wird zu mehr Anwendungen führen."

Keiner kommt an Linux vorbeiDas werde schon aus einem Grund der Fall sein, so Draeger: "Die wichtigste Entwicklung der letzten zwölf Monate ist wohl, dass kein Hardware- und Systemhaus mehr an Linux vorbeikommt." FSC will zügig das Angebot an Linux-Rechnern aller Klassen ausbauen, ab dem Herbst dieses Jahres wird es mit Linux vorkonfigurierte Notebooks geben. Die eigene Software, vor allem Middleware, Server-Administrations-Tools und Anwendungen, wird FSC auch in Linux-basierenden Versionen anbieten.

Im Allgemeinen, so Draeger, könne man mit dem Softwareangebot für Linux zufrieden sein. Weitgehend behoben sei auch das frühere Defizit an Entwicklungswerkzeugen, aber "wir könnten noch bessere Debugging-Tools brauchen". Verbesserungen benötige der Linux-Kernel in zwei Richtungen: Die Skalierbarkeit muss auf Multiprozessorsysteme weit über acht CPUs hinaus erweitert werden, so Draeger, "denn der Leistungshunger in der professionellen IT ist unverändert hoch". Zweitens müsse die I/O-Performance für die Nutzung großer Datenbanken optimiert werden.

"Proof of concept" bestandenGleichwohl sei Linux jetzt für Mission-critical-Computing in Betracht zu ziehen, wie ein Beispiel aus dem Hause FSC zeigt. Nicht die Benchmarks waren wichtig, als man im letzten Herbst mit 23000 Usern einen Weltrekord in einem SAP-SD-Test aufstellte. Vielmehr hatte Linux damit den "Proof of concept" bestanden. Seither stellt die Siemens-Dienstleistungstochter SBS laufend R/3-Server auf Linux um.

"Das Linux-Engagement der großen IT-Anbieter zeigt, dass sie die Zeichen der Zeit verstanden haben", freut sich Dirk Hohndel, Cheftechnologe der Nürnberger Suse Linux AG. Diese Firmen hätten die Möglichkeiten erkannt, mit dem quelloffenen Betriebssystem Abhängigkeiten zu entgehen und selber wieder mehr Einfluss auf seine weitere technische Entwicklung zu nehmen.

Hohndel sieht bedeutende technische Fortschritte bei Linux in der jüngeren Zeit vor allem darin, dass der Kernel 2.4 den Weg zu hochperformanten Systemen geebnet hat. Damit einher gehe die Verfügbarkeit von Intels 64-Bit-CPU. Der Itanium sei als Entwicklungsplattform wichtig, die Ergebnisse würden sich zeigen, wenn der folgende McKinley-Prozessor für Intels IA-64-Architektur den Marktdurchbruch bringt. Parallel seien bedeutende Fortschritte in Sachen Hochverfügbarkeit der Linux-Systeme gemacht worden.

Linux ist nach Hohndel jetzt dabei, die Applikations-Server zu erobern. Der Knackpunkt dabei war, dass Datenbankanbieter wie Oracle inzwischen auf das quelloffene System setzen. Das ziehe die ganzen datenbankgestützten Applikationen mit, was in der Folge das Gesicht der Open-Source-Welt verändere. Hohndel: "Wir kommen weg von der Techie-Toolbox und hin zu Lösungen."

Es ist nach Hohndel "eine Herausforderung, mit neuen Highend-Technologien Schritt zu halten". Hier nennt er in erster Linie Infiniband, die Verbindung von IA-64-Systemen mit der Speicherarchitektur Numa, neue Multithreading-CPUs von Intel und eine höhere Skalierbarkeit der Linux-Systeme. In puncto Desktop erwartet Hohndel höhere Marktanteile durch ein XML-basiertes Office-Paket sowie Fortschritte bei der digitalen Signatur. Entwickler von Open-Source-Software sollten einen Punkt stärker beachten: "Wir brauchen eine bessere Interoperabilität mit Windows-Systemen."