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15.08.2003 - 

E-Government/Standardisierung und neue Softwarepakete erleichtern Verwaltungen den Umstieg

Linux entwickelt sich zur Komplettplattform

Das Interesse an Open-Source-Software (OSS) in den Verwaltungen wächst. Laut der Floss-Studie, die im Auftrag der EU betrieben wurde, nutzten bereits 2002 in Deutschland 69 Prozent der befragten Großbehörden, aber nur knapp jedes zweite Unternehmen quelloffene Software.Von Gregor Lietz*

Die Hinwendung der Verwaltungen zum Linux-Betriebssystem und darauf laufenden Programmen aus den OSS-Entwicklungsschmieden kommt nicht von ungefähr. Mit 77 Milliarden Euro standen Kommunen, Landesverwaltungen und die Bundesverwaltung im letzten Jahr in der Kreide. Allein die Kommunen werden es in diesem Jahr voraussichtlich auf ein Defizit von zehn Milliarden Euro bringen. Da kommt OSS gerade recht: Die allgemein zugängliche und kostenfreie Softwarequelle erlaubt den Verwaltungen, auch dann noch E-Government voranzutreiben, wenn das Jahresbudget schon ausgereizt ist.

Verwaltungen unter Zugzwang

Technischen Stillstand können sich die Verwaltungen keinesfalls leisten. Sie sind gezwungen, trotz leerer Kassen ihre Effizienz zu steigern und ihre Dienstleistungsqualität gegenüber Bürgern und Wirtschaft zu verbessern. Hinzu kommt die Reform innerhalb der öffentlichen Verwaltungen. Sie zwingt dazu, sich mehr mit anderen Behörden auszutauschen. Das heißt für Kommunen, Landesverwaltungen und Bund, die häufig veralteten IuK-Infrastrukturen zu erneuern, die eingesetzten Verfahren zu integrieren und Web-fähig zu machen. Parallel müssen sie flächendeckende Sicherheitsinfrastrukturen als Basis für den Einsatz von digitalen Signaturen aufbauen. Und das alles bei kontinuierlich fallender Investitionsquote - in diesem Jahr voraussichtlich um neun Prozent auf einen Tiefstand von 21 Milliarden Euro.

So weitermachen wie bisher können die Länder- und Kommunalverwaltungen in der Regel nicht. Zwar wurden innerhalb der letzten Jahre flächendeckend Behörden- und Stadtportale eingerichtet. Dahinter klafft jedoch in puncto bürgernahes Lebenslagenkonzept meist noch eine Lücke. Sie im Sinne der geplanten One-Stop-Agency zu schließen, dazu müssen behördenübergreifende IT-Infrastrukturen mit einem hohen Sicherheitsstandard eingeführt sowie durchgehende Informations- und Bearbeitungsketten etabliert werden. Andernfalls bleiben sowohl die innerbehördlichen Effizienzsteigerungen und Kosteneinsparungen als auch die Dienstleistungsverbesserungen gegenüber den Bürgern und der Wirtschaft auf der Strecke. Unter besonders massivem Kosten- und Handlungsdruck stehen die Verwaltungen in den Großstädten und Kommunen. Denn angesichts wirtschaftlich widriger Rahmenbedingungen stößt das bisher favorisierte Public-Private-Partnership-Modell auf wachsende Zurückhaltung in der Wirtschaft. Dadurch bleiben für die Weiterentwicklung der Portale auch die notwendigen Finanzmittel aus.

Das zwingt besonders diese Verwaltungen, in Zeiten der Geldknappheit über die eigenen Behördengrenzen hinaus zu kooperieren und die kostensparende Wiederverwendbarkeit von IT-Lösungen zu favorisieren. In dieser Ausgangssituation schauen sie auf die Bundesverwaltung, die eine Standardisierung der IT vorantreibt. Sie hat in diesem Jahr mit dem Blueprint-Standardisierungswerk "Saga" (Standards und Architekturen für E-Goverment-Anwendungen) einen entscheidenden Schritt in Richtung Wiederverwendbarkeit von IT-Lösungen getan. Besonders die verbindliche Festlegung der internen Standards für die Middleware geht weit über die Interoperabilität auf der Service-Protokoll-Ebene hinaus. Sie stellt unter anderem die Wiederverwendbarkeit des durch die Behörden selbst entwickelten Source-Codes sicher.

Obwohl Saga zunächst nur die Bundesverwaltung adressiert: Die Ausrichtung auf Plattformunabhängigkeit und offene Standards wird im Folgeschritt Linux und Open-Source-Software in vielen Landes- und Kommunalverwaltungen den Weg ebnen. Dafür werden schon Geldknappheit und hoher Kostendruck sorgen, mit denen die Behörden konfrontiert sind.

Synergieeffekte erschließen

Über die Plattformunabhängigkeit und ein gemeinsames, standardkonformes Middleware-Modell werden sich den Verwaltungen für ihre E-Goverment-Programme kostensparend und behördenübergreifend die Synergieeffekte erschließen, die bisher nur mit proprietären und eng verwobenen Architekturen à la Microsoft möglich waren. Die Weiterentwicklung ist absehbar:

- In traditionell stark von Unix und Linux besetzten Anwendungsbereichen wie Web- und Applikations-Servern werden Open-Source-Produkte trotz Microsofts .NET-Offensive ihre Position behaupten.

- Aufgrund Saga-konformer Technologien werden Java-basierende CMS (Content-Management-Systeme) wie die Bund-Online-2005-Basiskomponente Core Media in Behördenportalen wachsende Verbreitung finden.

- Bei den Java-Application-Servern wird sich der Markt weiter in einfache JSP (Java Server Page)-, Java-Servlet- und J2EE (Java Enterprise Edition)-Engines wie Tomcat oder J-Boss und kommerzielle Highend-Produkte teilen.

Wichtige Hürde genommen

Sind die Integration von ERP (Enterprise Resource Planing) und CRM (Customer-Relationship-Management) sowie die Personalisierung von Informationen gefordert, werden die Verwaltungen auch künftig nicht an komplexen Entwicklungs- und Application-Frameworks wie von SAP, Bea, Sun Microsystems oder IBM vorbeikommen.

Doch was passiert in den Verwaltungen im Desktop-Bereich, der heute nahezu monopolartig durch Microsofts Windows und Office-Programme beherrscht wird? Mit der Saga-Festlegung auf Portable Document Format (PDF) und XML (Extensible Markup Language) als Standard-Dokumentenaustauschformate hat Open Source hier eine wichtige Hürde genommen. Frei verfügbare und kostenlose Office-Programme wie Open Office und preiswerte Standardprodukte wie Star Office werden damit für die Verwaltungen immer interessanter. Das Interesse, vor allem Kosteninteresse, kommt nicht von ungefähr. Zwischen 50000 und 100000 PCs sind allein in den Landeshauptstädten inklusive der Schulen im Einsatz. Würde man hier konsequent auf OSS setzen, einschließlich Linux und Office-Programmen auf den Clients, könnten allein diese Städte jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag sparen.

Microsoft zeigt Wirkung

Derartige Überlegungen, untermauert durch erste Migrationsprojekte, zeigen bei Microsoft Wirkung. Durch eine Produktoffensive und kräftige Preisnachlässe versucht der Hersteller, dem Open-Source-Trend Paroli zu bieten. Der Wechsel auf den Verwaltungs-PCs hin zu Linux und Open-Source-Office-Software braucht seine Zeit. Durch die Vielzahl der Windows-basierenden Fachverfahren wird eine solche Migration meist nur in Stufen absolviert werden können. Die enge Bindung von Microsofts Server- und Client-Produkten, die mit Windows 2000 noch gewachsen ist, erschwert zusätzlich einen breit angelegten Wechsel. Vor allem der Ausstieg aus Microsofts E-Mail- und Groupware-Programm ist schwierig. Das liegt daran, dass Exchange 2000 auf der Server-Seite und Outlook/Office auf der Client-Seite über Active Directory verkettet sind. Hilfe bieten in dieser Ausgangssituation Exchange-kompatible E-Mail- und Groupware-Systeme wie Exchange 4 Linux, Samsung Contact, Open Exchange oder Lotus Domino. Da durch ihren Einsatz weder Outlook noch Office ad hoc ersetzt werden müssen, können die Verwaltungen eine sanftere Migrationsstrategie verfolgen.

Auch wenn die OSS-Welle in den Verwaltungen rollt: Bis auch kommunale und spezialisierte Fachverfahren als Linux-basierende Software zur Verfügung steht, wird noch einige Zeit vergehen. Erst dann wird eine flächendeckende Client-Komplettumstellung auf Linux wirtschaftlich sinnvoll sein. Obwohl viele Softwarehersteller ihre Anwendungen bereits auf Linux portieren, werden solche Verfahren voraussichtlich erst mit der flächendeckenden Verbreitung von Bund-Online-2005-Basiskomponenten, Mitte 2004, entstehen. Erst dann werden die Verwaltungen mit Linux-basierenden Fachverfahren, davon aber nur wenige aus der offenen Softwarequelle, rechnen können. (bi)

*Gregor Lietz ist Partner bei der Management- und Technologieberatung Csar-Consulting, Solutions and Results AG in Berlin.

Abhängigkeit verringern

Ob Bürokommunikation im Ganzen oder E-Mail/Groupware im Einzelnen: Für die Verwaltungen wird es angesichts der auf Windows laufenden Fachverfahren im ersten Schritt darum gehen, durch eine Server-Migration auf Linux und die Vorbereitung der Clients auf den kommenden XML-Rollout die Herstellerbindung zu verringern. Denn die Umstellung auf den Standard XML fällt für die Verwaltungen auf jeden Fall an - mit oder ohne Wechsel zur offenen Softwarequelle. Für die Server-Umstellung auf Linux unter Beibehaltung von Windows auf den Clients stehen ihnen zwei Perspektiven offen:

- Ablösung von Exchange durch ein OSS-E-Mail/Groupware-System und weiterhin Office/ Outlook auf den Clients,

- oder Komplettablösung von Exchange und Office/Outlook durch OSS.

Welchen Ablösungsweg die Verwaltung auch einschlägt: In den vollen Genuss der wirtschaftlichen Vorteile kommt sie dadurch nicht immer. Das liegt daran, dass Microsoft begonnen hat, innerhalb von Rahmenverträgen mit Paket-Pauschalpreisen zu arbeiten. Die Folge: Löst die Behörde einzelne Softwarekomponenten ab, führt das unter Umständen erst einmal zu keinen direkten Einsparungen.

Abb: Sanfte Migration

Mit Exchange-kompatiblen Mail- und Groupware-Systemen kann der Übergang zu Open-Source-Software in behutsamen Schritten erfolgen. Quelle: EDS