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02.04.2004 - 

Für das Open-Source-Betriebssystem sprechen Kostenvorteile und Flexibilität

Linux erobert Unix-Bastionen

Was Marktforscher schon seit längerem prophezeien, wird langsam Realität: Linux dringt in Anwendungsfelder vor, die über Jahrzehnte eine Domäne der klassischen Unix-Derivate waren. Unternehmen versprechen sich von einem Umstieg in erster Linie Kostenvorteile und mehr Flexibilität. Doch es gibt Grenzen: Für Highend-Anwendungen ist das quelloffene Betriebssystem bislang nur bedingt geeignet.

Niedrige Einstiegs- und Betriebskosten, Flexibilität, Standardisierung und Plattformunabhängigkeit zählen zu den wichtigsten Gründen für eine Migration auf Open-Source-Plattformen. "Für Linux sprechen ganz klar Kostengründe", sagt etwa Jürgen Brombacher, Leiter Planung Unix-Systeme beim IZB Informatik-Zentrum in Aschheim.

Der IT-Dienstleister der Sparkassen-Finanzgruppe konsolidiert gerade drei Oracle-Datenbanken auf einen Intel-basierenden Server unter Linux. Neben zwei Windows-NT-Rechnern schieben die Bayern auch einen Risc-Server unter IBMs Unix-Derivat AIX aufs Abstellgleis. Brombacher: "Wir bekommen für weniger Geld gleichwertige Hardware." Von den insgesamt 500 betriebenen Unix-Servern des IZB arbeiteten inzwischen mehr als 120 unter Linux.

"Im vierten Quartal 2003 hat Linux den Durchbruch in den Unternehmen geschafft", konstatiert das US-Marktforschungshaus IDC. "Was mit Web-Servern angefangen hat", so Analystin Jean Bozman, "orientiert sich nun Richtung Hochleistungs-Computing und Unternehmensanwendungen." Auch Gartner erwartet eine Migrationswelle: 60 Prozent der Firmen mit mehr als 500 Mitarbeitern werden in den nächsten Jahren die meisten ihrer Unix-basierenden Applikationen auf Linux portieren, lautet die Prognose.

Der Wandel vollzieht sich in allen Branchen, beobachtet Michael Jores, Account Manager Enterprise Sales & Services beim von Novell aufgekauften Linux-Distributor Suse. Besonders beliebt seien Open-Source-Plattformen unter klassischen Unix-Anwendern aus dem Finanzsektor und der Automobilindustrie. Rechenintensive Anwendungen wie Risk-Analyse oder Crashtest-Simulationen ließen sich mit einem Intel- oder AMD-basierenden Cluster unter Linux erheblich günstiger betreiben.

Die Daimler-Chrysler-Tochter MTU Aero Engines etwa nutzt für die Entwicklung von Flugzeugtriebwerken einen Linux-Cluster aus 64 Standard-Rack-Servern mit Intels Pentium-III-Prozessoren. "Im direkten Vergleich mit Supercomputer-Lösungen auf Unix-Basis sind die Gesamtkosten für die gleiche Rechenleistung um den Faktor 2,5 bis 3 günstiger", berichtet Norbert Diehl, Teamleiter Information Systems Engineering (CAE).

Nach Jores Erfahrungen sind Migrationsentscheidungen zugunsten von Linux fast immer kostengetrieben. Voraus gehe in der Regel eine Bewertung der Anschaffungs- und Betriebskosten (TCO = Total Cost of Ownership). Betrachte man sämtliche Aufwendungen inklusive Hardware, Software und Administration, ergäben sich nicht selten Kostenvorteile von 30 Prozent und mehr.

Carlo Velten vom Kasseler Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Techconsult sieht vor allem die teuren Supportverträge der großen Unix-Anbieter als Umstiegsgrund. Besonders wenn mehrere Unix-Lieferanten im Spiel seien, wie in Großunternehmen üblich, addierten sich die Kosten für Wartung und Pflege von Maschinen und zugehörigen Betriebssystemen zu hohen Beträgen.

Mit der Verfügbarkeit neuer Anwendungen wie dem Suse Linux Open Exchange Server etabliere sich das quelloffene Betriebssystem auch als Plattform für Workgroup-Anwendungen, so der Analyst. Im Bereich der Web-orientierten Anwendungen, seit jeher eine Domäne von Linux, spielten Open-Source-basierende Application Server wie Jboss eine Schlüsselrolle. Sie wirkten als Katalysator in der Entwicklungs-Infrastruktur für neue Linux-Anwendungen.

ERP-Anwendungen unter Linux

Aber auch jenseits der Web-Applikationen ist der Markt in Bewegung: "ERP unter Linux hat sich stärker entwickelt als erwartet", berichtet Velten. Dies gelte insbesondere für Mittelstandslösungen. Auch die großen Anbieter springen auf diesen Zug auf: Erst kürzlich hat Peoplesoft angekündigt, seine "Enterprise-One"-Suite künftig auch in einer Linux-Version anzubieten. Ab dem zweiten Quartal dieses Jahres soll das Release 8.10 des ERP-Pakets für mittelständische Kunden auf der Linux-Distribution von Red Hat laufen. Auch SAP sitzt mit seiner Mittelstandslösung "Business One" in den Startlöchern; ein offizieller Zeitplan für die Marktfreigabe steht noch aus. "Wenn SAP das macht, wird es Linux einen Schub geben", prognostiziert Velten.

Mit seinen Kernprodukten hat SAP längst die Öffnung in Richtung Linux vollzogen: Schon seit 1999 offeriert das Walldorfer Unternehmen ERP-Anwendungen unter Linux, erklärt Development Manager Helge Deller. "Seitdem hat sich die weltweite Installationszahl jährlich verdoppelt." In den Zahlen schlage sich der deutliche Trend nieder, "dass Unternehmen nicht nur in Deutschland von proprietären Unix-Servern auf Linux migrieren".

Ein prominentes Beispiel liefert Siemens Business Services (SBS). Für rund 17000 Mitarbeiter des Siemens-Konzerns betreibt der IT-Dienstleister eine Mysap-HR-Anwendung zur Personalabrechnung und -verwaltung auf einer Intel-Linux-Plattform. Dafür mussten ältere Risc-Server unter "Reliant Unix" weichen. Neben den Anwendungs-Servern für HR hat SBS auch das Gros seiner anderen Applikationssysteme für R/3 auf Linux umgestellt; mittlerweile laufen dort rund 400 SAP-Systeme unter dem quelloffenen Betriebssystem.

Wie hoch der Kostenvorteil nach einer Migration unterm Strich ausfällt, lässt sich oft nur schwer beantworten. Die viel zitierten TCO-Untersuchungen jedenfalls haben "stark an Glaubwürdigkeit verloren", sagt Velten mit Blick auf die zahlreichen herstellerfinanzierten Studien etwa von Microsoft oder IBM. Gerade beim Vergleich mit Unix aber seien die Vorteile meist so evident, dass Kostenbetrachtungen relativ einfach zu bewerkstelligen seien.

Der Tübinger Hardwareanbieter Transtec etwa migrierte seine interne ERP-Anwendung für rund 200 Benutzer sowie das Web- und das Content-Management-System schrittweise auf einen Linux-Rechnerverbund. Die Kosten für die eingesetzten Cluster liegen laut IT-Leiter Jochen Knapp bei etwa einem Fünftel des Aufwands für eine vergleichbare Lösung mit Sparc-Prozessoren unter dem Unix-Derivat Solaris.

Auch beim Bayerischen Rundfunk war der Umstieg von Unix auf Linux kostengetrieben, wie CIO Michael Hagemeyer erläutert. Die Produktionsumgebung für das Internet-Angebot BR Online läuft auf Intel-Servern unter Linux. Anwendungen wie Apache, Real Audio Server, Mail-Server und Samba arbeiteten zuvor auf Sun-Rechnern unter Solaris. Ausschlaggebend für die Münchner waren die billigere Hardware und niedrigere Lizenzkosten, so Hagemeyer, der allerdings keine konkreten Angaben zu den Einsparungen machen möchte.

Umfangreiche TCO-Untersuchungen stellte beispielsweise die MAN Nutzfahrzeuge AG an. Dabei ergaben sich Vorteile für Linux, berichtet Johannes Lorenz, Leiter Web-basierte Softwareproduktion. In einem Fall verglich er einen Stand-alone-Server unter AIX mit einer Linux-basierenden Server-Farm. Dabei handelte es sich um eine "reine Investitionsbetrachtung", wie er betont. Technische Aspekte wie Performance, Stabilität und Administration der Systeme seien vorher in einem Proof-of-Concept bestimmt worden.

Linux-Know-how verfügbar

Lorenz verbindet mit Open-Source-Plattformen noch andere Vorteile: "Linux war für uns ein strategischer Ansatz. Wir hoffen, damit flexibler auf Marktveränderungen reagieren zu können." Ein Linux-Cluster etwa lasse sich einfacher und kostengünstiger ausbauen als ein vergleichbarer Unix-Server. Ein weiteres Argument für Linux sei die größere Herstellerunabhängigkeit. Auch Transtec-Manager Knapp betont die Flexibilität in Verbindung mit der Cluster-Installation: "Der Einsatz von Commodity-Hardware wird sich für uns schnell bezahlt machen, da wir nun durch Knotentausch oder den Einsatz weiterer Knoten schnell reagieren und bedarfsgerecht und ohne großen Aufwand skalieren können."

Dass solche Installationen auch entsprechendes Fachwissen im Unternehmen voraussetzen, ist heute kein Hindernis mehr, urteilen Experten. "Es gibt mehr Linux-Know-how am Markt als etwa für Solaris oder AIX", argumentiert Lorenz.

Doch trotz dieser Vorzüge stößt der Linux-Einsatz an Grenzen: "Wir glauben, dass Linux vor allem Unix-Anwendungen in Low-end- und Midmarket-Umgebungen ablösen wird, aber nicht im Highend", prognostiziert Techconsult-Analyst Velten. Dafür sei das quelloffene Betriebssystem "einfach noch nicht weit genug".

Bei MAN teilt man diese Ansicht offenbar: "Teure Daten auf teure Rechner", beschreibt Lorenz die "Policy" seines Unternehmens. Geschäftskritische Back-end-Datenbanken, die sich nur mit großem Aufwand nach einem Ausfall wiederherstellen lassen, bleiben demzufolge auf Risc-Servern unter HP-UX oder IBMs AIX. SBS verfolgt eine ähnliche Strategie. Während die Applikations-Server für Mysap HR auf Linux laufen, arbeitet die zugehörige Datenbank nach wie vor auf einer Unix-Plattform.

Dass Linux die kommerziellen Unix-Derivate eines Tages komplett verdrängen wird, glaubt auch IZB-Manager Brombacher nicht. Dagegen spreche etwa die enge Verzahnung der Betriebssysteme mit der zugehörigen Hardware. Die Hersteller betonen in diesem Zusammenhang Highend-Features wie ein ausgefeiltes Workload-Management, die Linux noch nicht in dieser Ausprägung vorweisen könne. IBM jedenfalls werde AIX schon wegen der großen Kundenbasis weiterpflegen, erwartet Brombacher. Die Perspektiven für Solaris beurteilt er zurückhaltender: "Wenn Sun überlebt, dann überlebt auch Solaris."

Wolfgang Herrmann, wherrmann@computerwoche.de