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15.11.2002 - 

Linux-World 2002: Die Open-Source-Szene trifft sich zur Standortbestimmung

Linux profitiert vom allgemeinen Sparzwang

FRANKFURT/M. (ls) - Die anhaltende Wirtschaftskrise spielt Linux-Spezialisten in die Hände, wie die Linux-World 2002 in Frankfurt zeigte. Auch auf dem Desktop entwickelt sich das Open-Source-System langsam zu einer Alternative.

Im Linux-Lager herrrscht ungeachtet der schwachen IT-Konjunktur Optimismus. "Nach schweren Jahren geht es langsam wieder los", zeigt sich Alfred Schröder, Geschäftsführer der auf Linux-Projekte spezialisierten Gonicus GmbH aus Arnsberg, zuversichtlich. Auch Daniel Riek, Vorstandsmitglied des Linux-Verbands "Live", will auf der Linux-World, die vom 29. bis 31. Oktober 2002 in Frankfurt stattfand, eine "neue Aufbruchstimmung" gespürt haben.

Die Ursachen sind leicht auszumachen. "Kosten, Kosten, Kosten" nennt Jörg Ludwig, IBM-Direktor für Linux-Marketing, die Hauptgründe für das gewachsene Interesse der Anwenderschaft am Open-Source-System. Allerdings wären finanzielle Aspekte kaum überzeugend gewesen, wenn sich inzwischen nicht herumgesprochen hätte, dass Linux gewichtige technische Vorteile mitbringt, so Ludwig: "bessere Verfügbarkeit und Performance der Systeme sowie eine günstigere Auslastung der Ressourcen".

Linux hat Vertrauen gewonnen

Optimismus auch in der Linux-Mannschaft von Hewlett-Packard. Service und Support, jahrelang von Kunden als größte Schwäche von Linux angesehen, "stehen jetzt", beurteilt HP-Servicemann Ralf Baier einen wichtigen Grund für die Verbreitung des alternativen Systems. "Das Vertrauen in Linux hat stark zugenommen." Vor einem Jahr noch hätten die Interessenten eher gefragt, wozu man es überhaupt gebrauchen könne. "Heute haben die Kunden ganz klare Vorstellungen, wofür sie Linux einsetzen möchten." Allerdings sei vor überzogenen Erwartungen gewarnt. Mit ein paar Mausklicks lasse sich kein Linux-Projekt stemmen, so Baier: "Linux verlangt viel eigenes Engagement."

Computer Associates (CA) hat inzwischen 54 seiner Betriebssystem-nahen Programme auf Linux portiert, weitere sollen rasch folgen, so John Pincomb, Vice President E-Business Solution Platforms. Im Prinzip eigne sich Linux zwar als einheitliches Betriebssystem vom PDA bis zum Mainframe. In der Realität aber bildeten sich heterogene Umgebungen, woraus Pincomb folgert: "Es geht darum, Linux zu integrieren und ein Betriebssystem-übergreifendes Management zu ermöglichen."

Vom Web zum Applikations-Server

Es sind die Server, auf denen Linux, von Linus Torvalds ursprünglich als freies Desktop-Unix initiiert, in letzter Zeit die größten Fortschritte gemacht hat. Nach ersten Erfolgen als Basis für Internet-gerichtete Anwendungen wie Web- oder E-Mail-Server ist es dieser Nische schneller entwachsen, als vor wenigen Jahren absehbar war. "Linux ist dabei, sich auf Applikations-Servern zu etablieren", erklärt Gonicus-Chef Schröder. "Es ist eine Plattform für unternehmenskritische Anwendungen geworden, als hochverfügbar und sicher anerkannt."

Dem stimmt Mark de Visser, Marketing-Chef von Red Hat, zu. Die signifikanteste Entwicklung der letzten zwölf Monate sind in seinen Augen "die Erfolge von Linux auf Servern für unternehmenskritische Anwendungen". Der Linux-Distributor präsentierte eine Kombination eines Dell-Rechners mit Red Hat Advanced Server, einer Oracle-Datenbank und Mysap. Allerdings sei Linux bisher "noch kaum über die Abteilungsebene hinaus verbreitet", räumt Red Hats Manager de Visser ein. "Im Rechenzentrum ist Linux noch nicht angekommen."

Abgesehen davon, dass diese Grenzziehung recht problematisch ist, könnte vor allem IBM dieser Aussage etliche Kundenbeispiele entgegenhalten. Beim Red-Hat-Partner Sun aber wird man sie mit Wohlwollen aufnehmen. "Im Lowend ist Linux akzeptiert, nicht jedoch im Highend, wo höchste Verfügbarkeit gefordert ist", konstatiert Software-Manager Thomas Heinze von Sun. Sicher werde Linux wie einst Unix über die Jahre hinweg auf HighendNiveau entwickelt. Auf dem Weg dahin werde die Open-Source-Plattform nach und nach diverse Unix-Derivate ablösen. Heinze: "Am Ende bleibt nur Solaris übrig."

Zäh wie kein anderer Unix-Anbieter verteidigt Sun seine Marktposition. Doch schon heute werden vor allem in der technischen Entwicklung (CAx) große Unix-Server durch preisgünstige Intel-basierende Linux-Cluster verdrängt. Für Verbandssprecher Riek ist das eine der bemerkenswertesten Veränderungen der jüngeren Zeit: "Cluster sind heute gleichbedeutend mit Linux. Keiner geht da mehr mit Unix ran."

Der Druck auf Sun und andere Unix-Anbieter dürfte sich weiter verstärken, wenn der nächste Linux-Kernel 2.6 erscheint. Linus Torvalds hat diese Version für den Frühsommer nächsten Jahres angekündigt. Nach Angaben von Riek wird er die bisher auf acht Prozessoren begrenzte Skalierbarkeit deutlich erweitern. Außerdem wird der Kernel die Ressourcenverwaltung verbessern.

Einheitlichkeit bringt Sicherheit

Möglicherweise ebenfalls wichtig für die nähere Zukunft des offenen Betriebssystems ist United Linux. Die Initiative von Suse, Conectiva, Turbolinux und SCO wird noch in diesem Monat das gemeinsame Server-Basis-Betriebssystem ihrer Distributionen auf den Markt bringen. Die Betaversion haben nach Angaben von Paula Hunter, General Manager von United Linux, bisher 15000 Interessenten aus dem Internet geladen. Die große Zahl ist nach ihrer Ansicht "ein Indikator, dass sich nicht nur Softwarehäuser, sondern auch viele Anwender für ein einheitliches Linux interessieren". Der Grund: "Einheitlichkeit bringt Anwendern Sicherheit."

Profitieren werden von United Linux aber in erster Linie Softwarehäuser. Für sie reduziert sich die Zahl der Linux-Varianten, an die sie ihre Anwendungen anpassen müssen. Entsprechend findet die Initiative Zuspruch in der IT-Industrie. "Der Linux-Markt leidet unter der begrenzten Unterstützung von Applikationen", erklärt Sean Jackson, Marketing-Manager bei Bakbone, einem Anbieter von Software für das Speicher-Management. Sein Unternehmen unterstütze United Linux, weil es "die Linux-Entwicklung und -Zertifizierung vereinfacht".

Einen Schönheitsfehler hat United Linux allerdings: Der führende Distributor Red Hat war von Anfang an nicht mit im Boot und hat unverändert kein Interesse, der Initiative beizutreten. Gleiches gilt für die Distributionen Debian und Mandrake. Live-Vertreter Riek erwartet keine Einigung der beiden Hauptkonkurrenten: "Die Fronten zwischen United Linux und Red Hat könnten nicht härter sein." Das aber sei nicht so schlimm. "Die Distributionen werden sich ohnehin technisch immer ähnlicher. Sie unterscheiden sich vor allem in ihren Installations- und Administrations-Tools. Besonders die Verwaltung der Systeme wird zum Argument im Wettbewerb der Distributionen."

Standardisierung kommt voran

Niemand erwartet als Konsequenz aus der verschärften Konkurrenz der Distributionen eine Schwächung der Standardisierung, welche die Free Standards Group (FSG) mit der Spezifikation Linux Standard Base (LSB) vorantreibt. CA-Manager Pincomb meint: "LSB macht seinen Weg. Linux wird kein zweites Unix." Die Befürchtung, zu weit gefasste Spezifikationen könnten wie einst bei Unix zu inkompatiblen Betriebssystem-Varianten und entsprechend frustrierten Softwarehäusern sowie Anwendern führen, lässt die Schwergewichte der IT-Branche vorsichtig agieren. Nur Sun hat eine eigene Linux-Version herausgebracht. HP und Big Blue haben keine Intentionen dieser Art, weil dadurch ihre konkurrierenden Geschäftsinteressen auf die FSG durchschlagen würden. IBM-Manager Ludwig: "Wir wollen nicht, dass sich die Geschichte von Unix wiederholt."

Die Branche hat gelernt, dass ihre Eifersüchteleien und Uneinigkeit nur Microsoft genutzt haben. Inzwischen ist das Open-Source-System eine echte Herausforderung für den Softwaregiganten aus Redmond geworden: zunächst nur auf dem Server, künftig wohl auch auf dem Desktop.

So haben beispielsweise Teile der öffentlichen Verwaltung in Deutschland beschlossen, nicht nur auf Servern, sondern auch auf Desktops Linux einzusetzen. Allenthalben laufen Machbarkeitsstudien und Pilotprojekte. In Frankreich, Großbritannien, den Benelux-Staaten und Skandinavien gibt es einen ähnlichen Trend zu Linux in den Amtsstuben. Der Grund ist überall gleich: Microsofts neues Lizenzmodell würde die IT-Kosten in die Höhe treiben und zu häufigeren Release-Wechseln zwingen als bisher üblich. Parallel zu der Entwicklung bei den Behörden steht bei den Banken die Ablösung des veralteten Betriebssystems OS/2 an. Auch hier legen gekürzte IT-Budgets Linux nahe.

"Es gibt konkrete Anfragen von Behörden und Banken", beobachtet Christian Egle, Sprecher der Suse Linux AG. Die Nürnberger haben auf das Interesse reagiert und ein neues Angebot gebündelt: Im Januar nächsten Jahres bringt Suse einen "Linux Office Desktop" für kleine und mittelständische Unternehmen sowie Privatanwender auf den Markt. Dem wird noch im ersten Quartal 2003 ein "Linux Enterprise Desktop" für Großunternehmen und öffentliche Verwaltungen folgen.

Das Angebot umfasst das Büropaket "Star Office 6.0" von Sun mit Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationsprogramm und Datenbank. Darüber hinaus enthält es das Programm "Crossover Office 1.2" von Codeweavers, mit dem sich die Microsoft-Programme "Word", "Excel", "Powerpoint" und "Visio 2000" auch ohne ein Windows-Betriebssystem nutzen lassen. Außerdem kann erstmals Lotus "Notes" von einem Linux-Client aus verwendet werden. Das Mail-System "Evolution" hat funktionale und optische Ähnlichkeiten mit Microsofts "Outlook". Als Benutzeroberflächen stehen "KDE 3.0.3" und "Gnome 2.0" zur Auswahl.

Wer nicht sofort auf Windows 95, 98 oder ME verzichten möchte, kann über das Installations-Tool "Yast 2" automatisch oder nach Bedarf den Festplattenplatz zwischen den Microsoft-Systemen und Linux aufteilen. Dazu ist das Partitionierungswerkzeug "Acronis OS Selector" integriert, das den Wechsel zwischen den Betriebssystemen und einen Linux-Umstieg ohne Datenverlust auch mit vorinstalliertem Windows 2000 oder XP ermöglicht. Der Linux Office Desktop wird 129 Euro kosten - und zwar pro Arbeitsplatz. Dies begründet Suse damit, dass die Fremdprodukte keine andere als die "Per-Seat"-Lizenzform erlauben.

Damit ist Suse das erste Unternehmen, das Microsofts Office-Kunden ein konkretes und umfassendes Wechselangebot unterbreitet. Die Franken werden damit nicht lange allein stehen. Red Hat hat ein vergleichbares Office-Paket für 2003 angekündigt. Auch Sun wird im nächsten Jahr ein Hard- und Software auf der Basis von Star Office schnüren. Es wird vermutlich im Paket mit 50 Client-Rechnern und einem Server auf den Markt kommen. "Nicht nur vereinzelte, sondern viele Kunden sagen uns, Linux-Desktops seien für sie ein Thema", begründet Sun-Manager Heinze das kommende Angebot.

"Der Kampf gegen Microsoft wird auf den Desktop-Bereich ausgeweitet", freut sich Live-Vorstandsmitglied Riek. Allerdings solle man jetzt nicht gleich eine Revolution erwarten. Es handele sich bei den Linux-Office-Paketen lediglich um ein zu Microsoft alternatives Angebot, heißt es unisono bei Suse, Red Hat und Sun. Eigentlich könne man nur abwarten, wie die Anwenderschaft reagiere. "Das wird Microsoft nicht vom Markt fegen", fasst Evan Leibovitch vom Linux Professional Institute (LPI) die unter Beobachtern verbreitete Meinung zusammen. "Aber langsam wird jetzt Linux auch auf dem Desktop vorankommen, vielleicht sogar demnächst Apple überholen. Linux ist endlich eine echte und gute Alternative auf dem Desktop."