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21.01.2000 - 

Interview

"Linux stellt die Normen der Branche in Frage"

Mit Colin Tenwick, Europa-Chef des Linux-Distributors Red Hat, sprach CW-Redakteur Alexander Freimark

CW: Red Hat hat gerade die Übernahme von zwei Softwarefirmen abgeschlossen. Welche Ziele verfolgen Sie mit den Unternehmen?

Tenwick: Hell''s Kitchen stellt Tools für den elektronischen Handel her, beispielsweise eine Lösung zur Absicherung von Kreditkartentransaktionen im Web. Wir sind durch die Übernahme in der Lage, unser Angebot schnell auf ein neues Wachstumssegment auszudehnen.

CW: Mit Cygnus haben Sie sich für 674 Millionen Dollar in Aktien einen alteingesessenen Open-Source-Anbieter ins Boot geholt. Was versprechen Sie sich von dieser Akquisition?

Tenwick: Durch den Kauf von Cygnus schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens bringt die Firma mehr als 100 Entwickler in die Ehe ein, die auch noch kulturell zu uns passen, da sie über jahrelange Erfahrung in der Open-Source-Entwicklung verfügen. Zweitens sind wir durch die Tools von Cygnus in der Lage, die Verbreitung von Linux im Embedded-Bereich zu fördern. Mobile Endgeräte sind für uns in den nächsten Jahren das interessanteste Segment.

CW: Sie wollen Microsofts Mini-Betriebssystem Windows CE Konkurrenz machen?

Tenwick: Windows CE hat Probleme, sich im Markt für mobile Clients durchzusetzen. Die Kunden fragen uns, wann Linux für diese Art von Geräten zur Verfügung steht. Wir rechnen fest damit, dass in zwei bis drei Jahren mehr Handhelds als PCs verkauft werden.

CW: Geben Sie damit Linux auf dem Desktop auf?

Tenwick: Nein, das habe ich nicht gesagt. Rund 20 Prozent unserer Linux-Verkäufe sind gegenwärtig für den Desktop bestimmt. Aber wenn wir versuchen, Microsoft auf der PC-Plattform zu überflügeln, werden wir wohl nur wenig Erfolg haben.

CW: Also gibt es Linux künftig von der Armbanduhr mit Web-Zugang bis zum Highend-Server?

Tenwick: Die Nachfrage nach mobilen Endgeräten wird in den kommenden Jahren explodieren, und die Open-Source-Gemeinde kann sich diesem Trend nicht verschließen. Wir wollen das Feld frühzeitig bestellen, um in drei bis fünf Jahren in einer führenden Position zu sein.

CW: Was sind Ihre größten Konkurrenten im Linux-Bereich?

Tenwick: Wir betrachten andere Open-Source-Unternehmen nicht als Konkurrenten. Alle Firmen der Branche stehen noch am Anfang, und unsere wahren Gegner sind die proprietären Softwareumgebungen.

CW: Wie wird sich der Markt der Linux-Distributoren entwickeln?

Tenwick: Momentan dürfte klar sein, dass es nur eine globale Linux-Marke gibt, nämlich Red Hat. In Europa ist Suse sehr stark, in den USA sind es Turbolinux und Caldera. Künftig werden weltweit eine oder zwei Distributionen existieren, daneben ist Platz für verschiedene regionale Linux-Geschmacksrichtungen. In Kürze werden darüber hinaus die ersten Firmen entstehen, die sich als Nischenanbieter über Kooperationen auf bestimmte Branchen und Einsatzgebiete spezialisieren.

CW: Mit einem Jahresumsatz von nicht einmal 25 Millionen Dollar haben Sie eine Marktkapitalisierung von 18 Milliarden Dollar. Wie erklären Sie sich dieses Missverhältnis?

Tenwick: Ich sehe darin kein Missverhältnis. Die Softwarebranche befindet sich gegenwärtig an einem Scheideweg, und alles deutet darauf hin, dass im Open-Source-Modell die Zukunft liegt. Red Hat befindet sich an der Spitze der Bewegung und ist somit hoffnungsvoll positioniert.

CW: Wieso kommt der Umbruch in der Softwarebranche gerade durch Linux und Open Source?

Tenwick: Weil Open Source die vorherrschenden Normen der Softwarebranche in Frage stellt. Bislang wurde den Anwendern weisgemacht, dass es keine Alternativen zum gegenwärtigen Vertriebsmodell gibt. Hatte der Kunde erst einmal die Lizenzverträge unterschrieben, kassierten die Anbieter immer wieder ab. Mit Open Source wird das anders, denn es gibt mehr Funktionen zu einem niedrigeren Preis. Der Anwender hält plötzlich sein Schicksal in den eigenen Händen, und das kommt in der Regel gut an.

CW: Und wie wollen Sie Geld damit verdienen?

Tenwick: Als Red Hat an die Börse gebracht wurde, nahmen wir 95 Prozent unserer Umsätze mit Lizenzverkäufen ein. Unser Ziel ist es, das Portfolio in den Bereichen Lizenzgeschäft, E-Commerce und Service auszubalancieren. Wir sind davon überzeugt, dass damit Geld zu verdienen ist, auch wenn sich das Geschäftsmodell fundamental von den bisherigen Ansätzen unterscheidet.