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14.04.2000

Linux und Co. können Microsoft mehr schaden als Richter Jackson

Richter Thomas Jackson hat es eilig: Gerade erst hatte er seine "Findings of Law" im Kartellrechtsprozess des US-Justizministeriums und von 19 US-Bundesstaaten gegen Microsoft bekannt gegeben und damit den Softwaregiganten in seinen Grundfesten erschüttert. Nun entschied er, dass ab dem 24. Mai die Anhörungen beginnen sollen, um das Strafmaß gegen die Gates-Company festzulegen. Doch nicht nur Jackson wird über die Zukunft des Redmonder Imperiums entscheiden. Zu fragen ist, ob sich Microsofts Geschäftsmodell nicht grundsätzlich überlebt hat.

Als Microsoft Ende Juli 1999 die Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr 1998/99 (Ende: 30. Juni) bekannt gab, konnten Bill Gates und sein Management ebenso wie seine Aktionäre ausgesprochen zufrieden sein. Der Jahresabschluss war einmal mehr gigantisch gut ausgefallen: Der Umsatz schoss im Vorjahresvergleich um 29 Prozent von 15,26 auf 19,75 Milliarden Dollar in die Höhe. Der Gewinn nach Steuern schien mit einer Steigerung von 69 Prozent auf 7,79 Milliarden Dollar jede Bodenhaftung verloren zu haben.

Chief Financial Officer (CFO) Greg Maffei begründete das neuerliche Erfolgserlebnis mit der hohen Nachfrage im Consumer-Markt nach Produkten der Windows- und Office-Familie. Auch das Geschäft mit den professionellen Kunden und mit Software für die Server-Plattformen sei "außerordentlich stabil" verlaufen.

Zum Umsatz von knapp 20 Milliarden Dollar steuerten allein die Betriebssysteme Windows 98, NT Workstation und NT Server nicht weniger als 43 Prozent, nämlich 8,50 Milliarden Dollar, bei. Fast 45 Prozent beziehungsweise 8,82 Milliarden Dollar erwirtschaftet Microsoft mit dem Verkauf von Applikationen und Entwicklungs-Tools. Softwareprodukte hingegen, die Zukunftsmärkte bedienen sollen, wie "Commerce-Lösungen" sowie auf Consumer gerichtete Angebote fristen mit 12,30 Prozent respektive 2,43 Milliarden Dollar vom Gesamtumsatz in Microsofts-Produktportfolio nur ein Nischendasein.

Diese stark auf Windows- und Windows-Applikations-Software ausgerichtete Geschäftsstrategie könnte Microsoft unabhängig von den möglichen Konsequenzen aus dem Kartellrechtsverfahren in die Bredouille bringen.

So ist trotz der hohen Entwicklungskosten noch längst nicht ausgemacht, dass Windows 2000 ein geschäftlicher Erfolg wird. Diverse Probleme des neuen Betriebssystems könnten künftige Geschäftsergebnisse belasten. Der Gartner-Group-Analyst Michael Gartenberg hatte Mitte Februar dieses Jahres übertriebene Hoffnungen von Seiten des Softwarekrösus gedämpft, Windows 2000 werde von Anbeginn einen unaufhaltsamen Marsch durch die IT-Abteilungen und auf die PCs dieser Welt antreten und damit zum neuen Dukatenesel für Gates und die Microsoft-Entwicklergemeinde werden.

Gartenberg wies auf Inkompatibilitäten hin, die zu Problemen zwischen dem Betriebssystem einerseits und vielen Geschäftsanwendungen andererseits führen würden. Auch seien der Interoperabilität zwischen Windows 2000 und anderen Systemumgebungen sowie Netzinfrastrukturen Grenzen gesetzt. 15 Prozent aller existierenden Windows-Applikationen müssten, so der Gartner-Analyst, für den Einsatz in der neuen Betriebssystem-Umgebung erst noch angepasst werden, "25 Prozent aller mittleren und größeren Unternehmen bekommen Kompatibilitäts- und Interoperabilitätsprobleme."

Gartenberg geht davon aus, dass lediglich 15 bis 20 Prozent der Kunden, die bislang Windows 95, 98 oder NT einsetzen, auf die für Client-Systeme vorgesehene Windows-2000-Version umsatteln. Nicht vor Ende 2001 dürften sich 45 Prozent dieser Kundschaft mit dem neuen Betriebssystem anfreunden.

Das Interesse, Windows 2000 auf Servern einzusetzen, hält sich sogar in noch engeren Grenzen. Nur jeder 20. der weltweit installierten NT-Server werde im Laufe dieses Jahres noch mit dem gegenüber NT doppelt so umfangreichen und mit rund 30 Millionen Zeilen Code monströs geratenen Betriebssystem ausstaffiert. Erst kommendes Jahr dürften sich 45 Prozent der Benutzer von NT-Server-Versionen nach einem langen Bewertungsprozess zum Umstieg auf Windows 2000 durchgerungen haben.

Insbesondere im Server-Segment macht Microsoft darüber hinaus die völlig neue Erfahrung, mit respektablen Konkurrrenzprodukten aus der Unix-Welt konfrontiert zu sein, im Web-Bereich insbesondere mit Linux. Das Marktforschungsinstitut IDC veröffentlichte Zahlen, denen zufolge bereits jeder vierte Server mit Linux arbeitet. Noch brisanter für Microsoft ist dabei folgende Tatsache: Linux-Kunden kam der Umstieg auf das Open-Source-Betriebssystem laut IDC mit Kosten von insgesamt nur etwa 32 Millionen Dollar nicht teuer zu stehen. Ganz anders Microsofts Geschäftspolitik: Im Server-Betriebssystem-Markt, der im Jahr 1999 weltweit rund 5,7 Milliarden Dollar an Umsatz einbrachte, kassierte die Gates-Company allein für ihre Windows-NT-Lizenzen 1,7 Milliarden Dollar. Mit anderen Worten: 25 Prozent Marktanteil von Linux im Server-Segment kosteten die Anwender gerademal 1,9 Prozent dessen, was Microsoft-Kunden für 38 Prozent Marktanteil von Windows NT zu berappen hatten.

Während der Kauf einer Linux-Distribution den Kunden berechtigt, beliebig viele Rechner mit dem Unix-System auszustatten, fordert Microsoft für jede einzelne NT-Kopie Lizenzgebühren. Zwar hat das Unternehmen auf die vielfältigen Beschwerden bezüglich seiner harten Lizenzierungspolitik gerade erst reagiert und vergangene Woche Änderungen in seinem Software-Lizenz-Programm angekündigt. Doch sowohl die Microsoft Business Agreements (MBAs) als auch die Enterprise Agreements (EAs) werden dem Kunden nicht viel mehr als Erleichterungen im Rahmen des bisherigen Konzepts bringen, meinen zumindest die Analysten der Meta Group. An eine generelle Hinwendung in Richtung des Open-Source-Modells ist bei Microsoft nicht zu denken.

Bezüglich der Lizenzierungsstrategie von Bill Gates dürfte die Urteilsfindung von Richter Jackson nach Meinung von Experten übrigens schon kurzfristig unangenehme Folgen für Microsoft haben: Der streitbare Jurist hatte in seinen "Findings of Law" nicht nur befunden, Microsoft habe mit der Bündelung von Windows-Betriebssystem und der Browser-Software "Internet Explorer" Kartellrechtsbestimmungen verletzt. Vielmehr habe der Softwaremoloch die Kosten für diesen Schachzug über seine Lizenzgebühren indirekt wieder bei seinen Kunden eingetrieben.

Diese richterliche Festlegung konterkariert auf drastische Weise die Aussagen von Microsoft, der Konsument habe nur Vorteile aus der Bündelung von Betriebssystem und Browser-Software gezogen und den Internet Explorer en passant kostenlos nutzen dürfen. Der Richterspruch kommt deshalb nach Expertenmeinung einem Dammbruch gleich, der Großkunden und OEMs, also vor allem PC-Hersteller, ebenso wie alte und neue Kunden von Microsoft ermutigen wird, jetzt in harte Verhandlungen über neue Lizenzgebühren einzutreten. Das Argument, so Dan Kusnetzky, Vice President der System-Software-Division von IDC, ist einfach: "Unternehmen wie OEMs wollen ihre Kosten senken. Also sagen sie zu Microsoft, wir wollen deinen Internet Explorer nicht. Zieh uns das von den Lizenzgebühren ab." Kusnetzky kann sich sogar vorstellen, dass manche Kunden solche Preisabschläge auch rückwirkend verlangen könnten. Diverse bereits anhängige Sammelklagen gegen Microsoft stützen diese These.

Bedrohlich dürfte für Microsoft noch ein weiterer Umstand sein: die Wachstumsrate von Linux. Mit einer viermal höheren Steigerungsrate als der gesamte Server-Markt wächst Linux "viel schneller als angenommen", bilanziert Kusnetzky. "Wir hatten gedacht, Linux könnte den Sprung zur Nummer zwei im Jahr 2002 oder 2003 schaffen. Doch das geschah bereits 1999." Der Marktanteil von Windows NT dagegen stagniert.

Dabei ist mit dem Betriebssystem Linux das Thema Open Source nicht einmal annähernd erschöpft. Der Report "Open Source, In Force" des Beratungsunternehmens Illuminata erhellt die Bedeutung der alternativen Softwarebewegung in seiner ganzen Tragweite auch für die Geschäftsprozesse eines Unternehmens wie Microsoft.

Linux, so die Analysten, stehe ja nicht einmal im Betriebssystem-Umfeld als alleiniges Beispiel für ein Open-Source-Angebot. Viele Internet-Provider etwa würden "Free BSD" gegenüber allen anderen Betriebssystemen favorisieren, weil es stärkere Netzfunktionen, bessere Sicherheitsmechanismen und eine höhere Leistung biete.

Die Philosophie der prinzipiell unentgeltlichen Verbreitung von Software beziehungsweise freien Verfügbarkeit des Quellcodes mache also nicht bei Linux Halt. Der "Apache Web Server" etwa sei ein gutes Beispiel für einen Multi-Plattform-Web-Server. Die solchen Softwareprodukten zugrunde liegende Applikationslogik basiere auf Open-Source-Programmiersprachen wie "Perl" oder "Python", die Konkurrenzprodukten wie "C++" oder "Visual Basic" durchaus vorzuziehen seien.

Auch auf dem Feld der Web-Applikations-Tools halte, so der Illuminata-Report, die Open-Source-Bewegung mit "PHP", "Embperl", "Evoscript" oder "Openflow" und "Zope" einen ganzen Werkzeugkasten bereit.

Mit "Enhydra" von Lutris Technologies steht Interessierten ein frei verfügbarer Application-Server zur Verfügung, der auch in Gesellschaft von Schwergewichten wie Beas "Weblogic", IBMs "Websphere" oder Sun Microsystems'' "Netdynamics" eine gute Figur macht. Und sogar für Datenbanken gebe es mit "My SQL", "Interbase" oder "Postgres" Offerten auf dem Markt freier Software.

Während diese Lösungen noch den genuinen Schwitzbädern der Unix-Entwicklergemeinde entsprungen scheinen, entwickeln sich in der Open-Source-Bewegung aber auch schon Aktivitäten wie die Open Network Management Software (Open NMS). Open NMS ist ein Konsortium, das sich die Entwicklung eines offenen Sourcecodes für Internet-Infrastruktur-Management-Software zur Aufgabe gemacht hat. Der Sitz dieses Industriebundes ist in Cary, North Carolina. Ziel von Open NMS ist es, die alten Mainframe-orientierten Management-Systeme von IBM, Hewlett-Packard oder Computer Associates durch ein neues Konzept zu beerben, das auch den Anforderungen heutiger E-Business-Geschäftsmodelle Rechnung tragen kann.

Die Open-NMS-Lösung besitzt unter anderem eine ausgeklügelte grafische Benutzeroberfläche, rollendefinierte Filter und Funktionen für die Koordinierung von Ereignissen. Im Vergleich etwa zur System-Management-Software "Unicenter TNG/ TND" von CA oder "Netview" von der IBM-Tochter Tivoli Systems Inc. (das in Tivolis eigene objektorientierte Lösung "Tivoli Enterprise Software" [TES] integriert werden soll) oder auch der "Patrol"-Management-System-Produktfamilie von BMC besitze die Open-NMS-Lösung keinen so ausufernden Funktionsumfang - aber sie sei, schreiben die Illuminata-Analysten, eben frei verfügbar und lasse sich in wünschenswerter Weise erweitern.

Zu guter Letzt kann die Open-Source-Gemeinde noch mit einem Angebot aufwarten, das in der Welt der Microsoft-Adepten ebenfalls mindestens avantgardistisch, um nicht zu sagen unmöglich, anmutet: Wenn ein Unternehmen für ein bestimmtes hausinternes Problem eine Softwarelösung sucht, die es bislang noch nicht gibt, die es aber auch nicht im eigenen Haus entwickeln will, kann es sich heute schon an Broker-Firmen wie beispielsweise "Sourcexchange" wenden. Diese verfügen über Kontakte und Mechanismen, um in der weltweiten Open-Source-Gemeinde Entwickler ausfindig zu machen, die gegen eine zu vereinbarende Gebühr eine maßgeschneiderte Lösung für das beauftragende Unternehmen erarbeiten.

Natürlich sind die Analysten von Illuminata nicht so blauäugig, die Open-Source-Bewegung als Abhilfe für sämtliche anfallenden Probleme in IT-Abteilungen von Unternehmen anzusehen. Sie wissen, dass Produkte aus der Software-"Freigeist"-Umgebung oft weder die funktionale Vollständigkeit, die ausgereiften Benutzeroberflächen oder die ausgereizten Leistungscharakteristika arrivierter, kommerzieller Lösungen besitzen. Auch müssen Unternehmen, die auf Open-Source-Produkte zurückgreifen, deren Implementierung alleine schaffen. Sowohl die wiedergewonnene Plattformunabhängigkeit der Anwender mit solchen Produkten als auch deren erheblicher Kostenvorteil dürften aber den Microsofts dieser Welt in Zukunft noch erhebliches Kopfzerbrechen bereiten.

Jan-Bernd Meyer

jbmeyer@computerwoche.de

Bundling von Browser und BetriebssystemEiner der zentralen Punkte im Kartellverfahren gegen Microsoft ist die Frage, ob Microsoft seinen Browser, den "Internet Explorer" (IE), in das Betriebssystem einbetten darf oder nicht. Microsoft hat immer wieder darauf hingewiesen, dass diese Integration eine logische Weiterentwicklung von Windows darstelle und dem Anwender nur Nutzen bringe. Selbst die Ermittler haben diesen Sachverhalt nicht bestritten. Entscheidend war für sie unter Berücksichtigung des US-Rechts aber, dass Microsoft sein Monopol auf einem anderen Gebiet (beim Betriebssystem) ausgenutzt habe, um sich auch im Internet-Geschäft eine Vormachtstellung zu sichern. Aus rein technischer Sicht hat Microsofts Entwicklung durchaus eine gewisse Logik. Vereinfacht gesagt, handelte es sich um nichts anderes als die weitgehende Umstellung der grafischen Benutzeroberfläche auf den Web-Standard HTML. Der Browser mutierte zum universellen Anzeigemodul sowohl für lokale Ressourcen wie Desktop und Dateisystem als auch für Internet-Inhalte, jedes Ordnerfenster ist gleichzeitig ein Browser-Fenster.

Ab der Version 4 des IE profitieren vor allem Entwickler des Component Object Model (COM), auf dessen Grundlage der Internet Explorer fußt. Unzählige Anwendungen integrieren mittlerweile Bestandteile des IE, Programmierer sparen sich so aufwendige Arbeit beispielsweise für das Anzeigen von HTML-Inhalten. Auch hier zeigt sich, wie schwer eine Trennung zu finden ist zwischen dem Machtstreben Microsofts und dem Nutzen, den sowohl Entwickler als auch Anwender teilweise daraus ziehen. Einerseits wird sich kaum ein Programmierer oder ein Anwender über die daraus entstehenden Annehmlichkeiten beschweren. Andererseits verstärkt die Komponententechnologie den Zwang zur Nutzung des Internet Explorer.

Mittlerweile folgen längst auch andere Betriebssysteme dem Trend der "Browserisierung". Beim populären Linux-Desktop KDE beispielsweise basiert das Fenstersystem durchgängig auf Browser-Technologie. Dateisystem-Ressourcen werden in der URL-Notierung angesprochen, das gleiche Fenster kann auch eine lokale oder im Internet befindliche HTML-Datei anzeigen. Microsoft dürfte sich über solche Argumentationshilfen freuen. Dabei war bei den Redmondern 1997 das treibende Moment sicher nicht die logische Evolution von Windows. Stattdessen war die HTML-Oberfläche ein nützliches Vehikel, um den Browser untrennbar mit dem System zu vereinen. W. Miedl