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29.10.2004

Linuxworld: Aufbruch vom Basislager

Auf der diesjährigen Frankfurter Kongressmesse Linuxworld standen weniger Linux als vielmehr Anwendungen für das quelloffene System im Vordergrund.

Als im Jahr 2000 die erste deutsche Linuxworld stattfand, war das beherrschende Thema die rasante technische Entwicklung des quelloffenen Betriebssystems. Würde es ihm gelingen, aus der Nische der Internet-orientierten Umgebungen herauszukommen, für mehr zu stehen als die damals schon verbreitete Kombination mit dem Web-Server Apache und dem Mail-Server Sendmail? Heute, zu seinem fünften Geburtstag, ist Europas größter Linux-Event von ganz anderen Themen beherrscht. Gerade das, was vor wenigen Jahren als das größte Defizit von Linux galt, steht jetzt im Zentrum: Anwendungen.

Allenfalls am Rande geht es noch um die technischen Eigenschaften des nächsten Linux-Kernels 2.8. Mögen die großen Messestände von IBM, HP oder Sun vordergründig imposante Linux-Hardware zeigen, so sind sie doch geprägt von zahlreichen Partnern, die ihre Linux-basierenden Applikationen präsentieren. Das Angebotsspektrum der Aussteller ist sehr vielfältig. Auffallend ist auch die starke Präsenz der Open-Source-Projekte.

Bei genauerer Betrachtung des Softwareangebots fallen einige interessante Trends auf. Um Linux herum haben sich im Segment Infrastruktursoftware Open-Source-Produkte etabliert. Die bekannteste Kombination trägt das Kürzel LAMP. Es steht für Linux, Apache, die Datenbank MySQL und die Programmier-Tools Perl, PHP und Python. Feste Größen sind inzwischen auch Samba, Jonas und Jboss. Zu den fortgeschrittenen Projekten muss man darüber hinaus Zend, Mono, GCC und jBPM zählen.

Ausgereiftes Desktop-Angebot

Über die Betriebssystem-nahe Umgebung hinaus sieht das Angebot an quelloffenen Anwendungen schon ganz anders aus. Nur für Linux-Desktops finden sich ausgereifte und weit verbreitete Produkte: die Bürosuite "Open Office" sowie die Browser, E-Mail- und Groupware-Komponenten "Mozilla", "Firefox", "Thunderbird" und "Evolution". Hinzu kommt das Grafik-Tool "Gimp".

Als Linux-Desktop-Benutzeroberflächen haben sich "KDE", unterstützt von Suse, und "Gnome" von der Novell-Tochter Ximian etabliert. Entgegen allen Beteuerungen von Novell bleiben Zweifel: Warum sollte ein Unternehmen konkurrierende Produkte fördern? Die Softwareanbieter und das einflussreiche Industriekonsortium Open Source Development Labs (OSDL) möchten eine einzige Benutzeroberfläche für Linux haben. Der Heimvorteil und die GTK-Basis sprechen für Gnome.

Sämtlichen bisher genannten Open-Source-Produkten ist eines gemeinsam: Sie haben starke Schirmherren. In der Regel sind das IT-Firmen, die vor allen Dingen für Service und Support geradestehen. Auch wenn man im Problemfall aus Open-Source-Projekten in der Regel sehr schnell Hilfe bekommt, ist es ihre Schwäche, keine Service-Levels oder garantierte Supportzeiten anbieten zu können. Ein illustres Beispiel: Das Business-Process-Management-Projekt jBPM ist kürzlich unter das Dach von Jboss geschlüpft. Zur Begründung erklärte der Projektleiter, mit der zunehmenden Verbreitung des Produkts seien Service und Support nicht mehr zu bewältigen gewesen.

Marktlücke Support

Dieses Problem der Open-Source-Welt ist Ausgangspunkt einer neuen Geschäftsidee. Startup-Firmen wie Spikesource oder Sourcelabs offerieren entsprechende Dienste gegen Bezahlung. Sie bieten Services und Support nicht nur für einzelne quelloffene Programme, sondern auch gleich für ganze Software-Stacks.

Jenseits der Betriebssystem-nahen Tools und der Desktops ist es um das quelloffene Angebot ganz anders bestellt: Es gibt keine Projekte, die technisch fortgeschrittene quelloffene Anwendungen vorweisen könnten. Beispiel ERP: Nur wenige Anwender dürften die Open-Source-Produkte "SQL Ledger" oder "Compiere" kennen. Sie sind zwar die funktional umfangreichsten quelloffenen Anwendungen dieser Art, aber bei weitem nicht so ausgereift wie die großen Programme von SAP etc. und auch nicht für große Benutzerzahlen geeignet.

Die Gründe für das geringe Angebot an Server-basierenden Anwendungen erklärt Guido Stoy, Geschäftsführer der Icontec AG aus dem schweizerischen Littau: In der Regel haben diese Anwendungen relativ wenige Benutzer, und das resultiert in einer geringen Zahl von Entwicklern. Die hohe Komplexität der Programme würde größere Entwicklungsteams erfordern, als sie in Open-Source-Projekten üblich sind. Die für den Test komplexer Anwendungen erforderlichen umfangreichen Eingangsdaten (zum Beispiel über Lieferanten, Kunden und Produkte) sind nicht vorhanden. Im Falle ERP fehlt es den Entwicklern an betriebswirtschaftlichem Know-how. Und nicht zuletzt ist ERP nicht sexy; anderswo lässt sich einfacher Ruhm ernten.

Chancen und Zwänge

Aus solchen Defiziten der Open-Source-Gemeinde ergibt sich eine große Chance für Anbieter kommerzieller Produkte. Mit der zunehmenden Verbreitung von Linux eröffnet sich ein Markt für entsprechend angepasste Anwendungen. Zum anderen entsteht aber auch ein Zugzwang. Denn weil Linux derzeit vor allem Unix-Umgebungen verdrängt, könnten falsch aufgestellte Anbieter plötzlich im Regen stehen.

Der zunehmende Marktdruck ist bis in die AS/400-Welt zu spüren. Mehrere hierauf spezialisierte Softwarehäuser haben ihre Programme inzwischen auf Linux portiert. Der Vorteil dieser Strategie besteht darin, dass sich einfacher Schnittstellen zu neuen Linux-basierenden Anwendungen (beispielsweise Web-Shops) schaffen lassen. Außerdem werden es die Anwender vorziehen, nur ein System administrieren zu müssen.

"Es ist inzwischen Pflicht, Software auch Linux-fähig anbieten zu können", resümiert Kersten Bassow vom Nomina Informations-Service. Der Trend schlägt sich deutlich in Zahlen nieder. Zur Linuxworld präsentierte Nomina den zweiten "Isis Linux Report" dieses Jahres. Die aktuelle Marktübersicht verzeichnet 2170 Programme; das sind 480 oder 28 Prozent mehr als vor einem Jahr. Bei fast der Hälfte des Angebots handelt es sich um branchenübergreifende Anwendungen. Inzwischen gibt es 561 Branchenprogramme (plus 18 Prozent), 109 technische Applikationen (plus 49 Prozent) und 487 System-Tools (plus 33 Prozent).

Auffallend ist die rasante Entwicklung in einzelnen Segmenten. So hat sich die Zahl der Angebote für Dokumenten-, Knowledge- und Content-Management auf 124 mehr als verdoppelt. Für Planungssysteme und Business Intelligence gibt es 59 Prozent mehr Applikationen. Die Zahl der Lösungen für Personalwesen und Electronic Commerce ist um jeweils über 30 Prozent gestiegen. Bei den Branchenprogrammen sind im Zuge der Linux-Orientierung der öffentlichen Verwaltung die entsprechenden Anwendungen auf 103 gestiegen. Außerdem zeichnet sich laut Nomina-Geschäftsführer Bassow ein immer breiteres Angebot für mittelständische Unternehmen ab.

Schärferer Wettbewerb

Dass die Zahl der Systemprogramme um genau ein Drittel zugenommen hat, zeigt, dass die hier verbreiteten Open-Source-Produkte bei weitem nicht alles abdecken und keinesfalls den kommerziellen Produkten den Markt verbauen. So sind Perl, PHP und Python nicht alles, was der Anwender braucht. Selbst bei den kommerziellen Software-Entwicklungssystemen umfasst das Angebot inzwischen 162 Produkte, ein Zuwachs um 86 Prozent innerhalb eines Jahres.

Dass die Linux-Distributoren offenkundig keine befriedigenden Lösungen zum System-Management anbieten, verrät eine andere Zahl: Das Angebot zum Nutzen der Administratoren wuchs um fast zwei Drittel auf 88 Tools. Nicht einmal Internet, Intranet und Extranet sind ein Open-Source-Reservat. Jetzt gibt es 45 Applikationen, 36 Prozent mehr als 2003.

Der Linux-Markt bietet also heute schon reichlich Raum für kommerzielle Anbieter. Und er wird noch wachsen. Nach Angaben von IDC hatte Linux im ersten Quartal 2004 bei Servern in Europa einen Marktanteil von acht Prozent, vor fünf Jahren war es ein Prozent. Für das Jahr 2008 sagen die Marktforscher 16 Prozent voraus. Die Motive der Anwender haben sich nach einer neuen Studie, die IDCs Deutschland-Chef Wava Moussavi-Amin auf der Linuxworld vorstellte, kaum geändert. Auf der geschäftlichen Seite geht es um Kostenreduzierung und um Alternativen zu proprietärer Software, unter technischen Erwägungen stehen die Stabilität und Zuverlässigkeit, die gute Performance und Sicherheit von Linux im Vordergrund.

Doch auch einige Hürden sind geblieben: Bei Open-Source-Anwendungen rechnen Anwender mit unzureichendem Support, der außerdem nicht auf Dauer garantiert ist. Mit diesen Produkten sind weder die Endanwender noch die IT-Mitarbeiter vertraut, und oftmals passen sie nicht zu den bestehenden IT-Strukturen. Linux fegt nichts vom Markt, sondern ist ein weiteres Element in einer heterogenen Welt. Die Interoperabilität von Linux, Unix, Windows und anderen Systemen zeichnet sich als das kommende Thema in der IT ab.