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18.06.1999 - 

US-Müllunternehmen entsorgen ihre R/3-Pläne

Löst Oracle das marode SAP-Projekt bei der SPD ab?

MÜNCHEN (bs) - Die erfolgsverwöhnte SAP AG muß derzeit Nehmerqualitäten zeigen: In den USA legen zwei führende Entsorgungsunternehmen ihre R/3-Projekte auf Eis. Hierzulande hat das Präsidium der SPD endgültig beschlossen, die Walldorfer Software abzuschalten. Als Nachfolger dort wird Oracle gehandelt.

Für SAP sind die ruhigen Zeiten vorbei: Nicht nur daß Analysten seit Wochen konkrete Aussagen bezüglich der E-Commerce-Strategie "Mysap.com" und des Outsourcing-Konzepts "Ready-to-Work" für Anwender aus dem unteren Mittelstand fordern. Nun kehren auch noch Großkunden in den USA und hierzulande die SPD dem Anbieter den Rücken.

"Die Akzeptanz für SAP in den SPD-Geschäftsstellen ist auf dem absoluten Nullpunkt", sagt Ingo Moll, Büroleiter der SPD-Schatzmeisterei in Bonn. Die schlechte Performance, Fehler im Datenmodell und die umständliche Bedienung der R/3-Anwendungen hatten bereits vor etwa einem halben Jahr zu Mißstimmungen in der Regierungspartei geführt (siehe CW 52/98, Seite 6). Das SPD-Präsidium hat nun die Reißleine gezogen und ist auf der Suche nach einer neuen Software.

Selbst der eiligst nach Bonn gereiste SAP-Vorstandssprecher Henning Kagermann konnte das Ruder nicht mehr herumreißen. Er kam, wie Moll mitteilt, zu spät: "Wir haben die SAP bereits vor einem dreiviertel Jahr aufgefordert, mehr für das Projekt zu tun - doch damals ist nichts passiert." Die Präsidium zeigte sich basisdemokratisch, erhörte die Hilferufe aus den Ortsvereinen und hatte bereits vor dem Zusammentreffen der "SPD-SAP-Schlichtungskommission" beschlossen, sich aus dem Projekt zu verabschieden: "Von der Entscheidung zu diesem Zeitpunkt wurden wir völlig überrascht", erklärte Herbert Heidmann, zuständig für Vorstandskommunikation bei der SAP. Alle Projektbeteiligten seien nun damit beschäftigt, "ein konstruktives Projektende herbeizuführen", so die offizielle Sprachregelung der SAP.

Konkret: Es soll ein für alle gültiger Projektstatus erarbeitet werden, wobei analysiert wird, was von welchem der beteiligten Partner geleistet und bezahlt wurde. Doch auch dabei liegt noch einiger Streit in der Luft: Laut Moll hat beispielsweise der SAP-Partner Rosbach Consulting Team GmbH (RCT) aus Limbach, der die Lösung für Non-Profit-Organisationen (NPO) beisteuerte und das Projekt federführend realisierte, eine Sichtweise bezüglich der Projektfinanzen, die nicht der der SPD entspreche. Worin die Unstimmigkeiten bestehen, wollte Moll nicht sagen.

Die SAP hat jedenfalls angeboten, gegen Auftrag den DV-Betrieb bis Ende des Jahres aufrechtzuerhalten und das Datenmodell zu migrieren, um der SPD einen Umstieg auf ein neues System zu erleichtern. Ferner sei man übereingekommen "keine weiteren Beschimpfungen zu äußern", teilte SAP-Sprecher Heidmann weiter mit.

Zu möglichen Schadenersatzforderungen der SPD gegenüber der SAP wollte sich Moll dementsprechend nicht äußern: "Zu einem schwebenden Verfahren geben wir keine Stellungnahme ab." Trotz Maulkorb sickerten aber Bestandteile eines möglichen Schlichtungsabkommens durch: So habe die SAP kein Interesse daran, daß R/3-Lizenzen ungenutzt im Schrank lägen. Wenn sich die SPD für ein anderes Produkt entscheide, zahle man die Gebühren für die Software zurück, so Heidmann. Ein Präzedenzfall für unzufriedene SAP-Anwender, die ihre Lizenzkosten im Falle eines Ausstiegs zurückhaben wollen, sei das allerdings nicht.

Auch über die Verhandlungen mit einem neuen Anbieter wollte Moll keine Details bekanntgeben. Branchenkenner handeln unterdessen Oracle als möglichen Nachfolger mit seiner Lösung für Non-Profit-Organisationen, die bereits in den USA bei einer Reihe von Anwendern im Einsatz ist. Die Softwerker selbst wollten bis zum Redaktionsschluß keine Stellungnahme dazu abgeben: "Wir geben keine Auskünfte über Verhandlungen mit möglichen Kunden", teilt Chari Lazaridis, Sprecherin von Oracle in München, mit.

Neben der Schlappe bei der SPD verlieren die Walldorfer nun auch die beiden größten amerikanischen Entsorgungsunternehmen Allied Waste Industries Inc. und Waste Management Inc. als Kunden. Die Produkte der SAP seien zu teuer, zu starr und würden die Unternehmen zwingen, ihre Geschäftsprozesse der Software anzupassen, lauten die Vorwürfe dieser Companys.

Allied Waste mit Hauptsitz in Scottsdale, Arizona, steht kurz vor der milliardenschweren Übernahme des Konkurrenten Browning Ferris Industries aus Houston, Texas. Beide Unternehmen erzielen zusammen einen Jahresumsatz von mehr als sechs Milliarden Dollar. Das bei Allied Waste installierte R/3-System, für das inklusive Hardware und Beratung seit 1995 bereits mehr als 130 Millionen Dollar hingeblättert wurden, soll sofort nach Abschluß der Fusion abgeschaltet werden: "Wir ziehen den Stecker raus", kündigte Thomas Van Weelden an, in Personalunion Chief Executive Officer (CEO), President und Chairman: "SAP erwartet, daß man sein Geschäft so organisiert wie deren Software arbeitet - und nicht umgekehrt." R/3 sei zu unflexibel, um die neue Geschäftssituation nach dem Zusammenschluß sinnvoll abzubilden.

Waste Management hat bereits rund 45 von geplanten 250 Millionen Dollar in seine SAP-Einführung gesteckt und das Projekt nun eingestellt. Weitere 150 Millionen Dollar hatte das Unternehmen ursprünglich in einem zweiten Schritt für den Ausbau der Hardware veranschlagt, auf der die Enterprise-Resource-Planning-(ERP-) Software laufen sollte: "Zum Glück haben wir uns dieses Geld gespart", zeigte sich Michael Patton, IT-Manager bei Waste Management, erleichtert.

Nach vier Jahren fliegt R/3 raus

Aus Sicht der SAP ist der Ausstieg der beiden Müllgiganten keine Entscheidung gegen R/3, sondern eher politischer Natur: "Durch den Merger von Allied Waste und Browning Ferris beispielsweise ist der frühere Beschluß überdacht worden, und das Management ist zu dem Schluß gekommen, daß der ursprünglich erhoffte Nutzen durch den Einsatz von R/3 wohl nicht eintreten wird", teilte ein SAP-Sprecher der COMPUTERWOCHE mit. Befürchtungen, daß im Zeitalter der Merger-Mania SAP durch Firmenzusammenschlüsse auch künftig einen Teil ihrer Kunden verlieren könnte, habe man allerdings nicht: "Das ist ein Einzelfall." Entsprechend optimistisch äußerte sich auch Kevin McKay, Statthalter der SAP in den USA: "Ich bin sicher, daß die beiden Unternehmen wieder zu uns zurückkommen." Die finanziellen Einbußen der eingestellten Großprojekte hielten sich in erträglichem Rahmen: Rund 20 Millionen Dollar hatte SAP America von den beiden Aussteigern bislang für Softwarelizenzen erhalten.