Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

13.07.1990 - 

Bürgerrechtler werfen Hacker-Jägern Grundrechtsverletzungen vor

Lotus-Gründer Kapor ruft Hacker-Hilfsfonds ins Leben

MÜNCHEN (CW) - Nach zweijähriger Vorbereitungszeit wurde Anfang des Jahres in den USA die Jagd auf Hacker eröffnet. Mittlerweile fürchten manche, der dabei angerichtete Schaden könnte am Ende größer sein als der Nutzen. Mit einem Rechtshilfe-Fonds versucht Lotus-Gründer Mitch Kapor jetzt gegenzusteuern.

Bei der bislang größten Operation der Behörden, einer landesweiten Razzia in der ersten Maiwoche, hatten über 150 Beamte des Secret Service zusammen mit lokalen Gesetzeshütern 28 Haussuchungen in 14 amerikanischen Großstädten vorgenommen. 42 Computer, mehr als 23 000 Disketten, dazu Abhör-Equipment und Computerausdrucke wurden beschlagnahmt.

Ziel der Aktion war es, erklärte der Leiter William Cook von der Staatsanwaltschaft in Chicago, eine kriminelle Hacker-Vereinigung zu zerschlagen, auf deren Konto Schäden in einer Höhe von 50 Millionen Dollar gingen. Vier Verdächtige wurden verhaftet, zwei davon allerdings nicht wegen Computervergehen, sondern wegen Waffen- und Drogenbesitzes. Den beiden anderen wird Dienstleistungsdiebstahl, unrechtmäßige Computernutzung sowie Kreditkarten-Betrug vorgeworfen.

Obwohl niemand bestreitet, daß dringend etwas gegen die steigende Computerkriminalität getan werden muß, regt sich seit der Groß-Razzia Widerstand. Der Grund: Die Fahnder gehen nicht gerade zimperlich vor. Da werden Fallen gestellt, die Geräte Unschuldiger beschlagnahmt, Verdächtige eingeschüchtert und Minderjährige kriminalisiert - so zumindest sieht es Mitch Kapor, Gründer des PC-Software-Giganten Lotus Development (1-2-3, Symphony) und heutiger Chef von On Technology. Er fürchtet: "Hier ist eine Hexenjagd im Gange." Für den 39jährigen DV-Veteranen sind nicht weniger als die verfassungsmäßigen Bürgerrechte in Gefahr. Auch Sheldon Zenner, Anwalt in Chicago, hält das derzeitige Vorgehen für eine "Überreaktion der Regierung". In ihrem Eifer, Kriminelle zu fangen, trete sie die Grundrechte aller mit Füßen.

Kapor und sein Freund John Barlow, Schriftsteller und Songtexter der Hippie-Band Grateful Dead, beschlossen deshalb, einen Rechtshilfe-Fonds für Hacker zu gründen. Mit von der Partie sind zwei Anwaltskanzleien an der Ostküste - eine davon verteidigte den Journalisten Daniel Ellsberg nach der Veröffentlichung der "Pentagon-Papiere" - sowie laut "Spiegel" mittlerweile auch Apple-Mitbegründer Steve Wozniak. Ausgestattet mit einem Kapital von 150000 Dollar, soll die Hilfsaktion für die Computer-Kids - 40 Prozent der Verdächtigen sind jünger als 18 Jahre - noch im Juli anlaufen.

Die ersten Reaktionen auf Kapors Plan reichten von Entsetzen bis zu Zweifeln an seinem Geisteszustand. "Ich glaube nicht, daß er sich so engagieren würde, wenn die Geheimnummer seiner Kreditkarte in einer Mailbox veröffentlicht worden wäre", giftete Gail Thackeray, Koordinatorin der Razzia.

Inzwischen jedoch mehren sich die Stimmen, die wie Kapor zur Besonnenheit rufen. Oft nämlich lägen die Dinge nicht ganz so einfach, wie die Ermittler sie sähen. Und zudem berge ein zu undifferenziertes Vorgehen die Gefahr, daß die intensive und grenzenlose Kommunikation zwischen den Computer-Freaks, der sich die Computerrevolution der vergangenen Jahre zu einem guten Teil verdanke, zum Erliegen kommt. Immerhin, warnte Senator Patrick Leahy kürzlich im US-Magazin "Newsweek", könnte es von diesen Kids abhängen, ob die USA eine technologisch konkurrenzfähige Nation bleiben.