Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

06.02.1998 - 

Weitgehende Umstellung auf Internet-Standards

Lotus vollzieht in Notes 5 radikale Wende bei Clients

Nachdem in den letzten zwei Jahren die Aufmerksamkeit hauptsächlich dem Umbau von Notes zu einer Internet-Plattform galt, rückten Lotus-Offizielle auf der diesjährigen Lotusphere wieder das Brot- und Buttergeschäft Messaging stärker in den Vordergrund. Dort rüstet die Konkurrenz, allen voran Microsoft und Netscape, verstärkt zum Angriff. Lotus-Chef Jeffrey Papows diente dabei wohl Informix als abschreckendes Beispiel dafür, wie die übermäßige Konzentration auf zukunftsweisende Technologien zu Einbrüchen im Kerngeschäft führen kann. Schließlich geht Lotus selbst davon aus, daß die überwiegende Mehrheit der Anwender Notes weniger als Anwendungsplattform, sondern in erster Linie als Messaging-System nutzt.

Trotz der klaren Ausrichtung auf Notes/Domino verspricht die IBM-Tochter, auch "cc:Mail" weiter zu pflegen. Immerhin konnte Notes erst im zweiten Quartal 1997 dieses System bei den Benutzerzahlen überholen. Zusammen kommen beide Produkte laut Hersteller auf 33 Millionen Arbeitsplätze, 20 Millionen davon entfallen auf Notes.

Mit einer Reihe von Maßnahmen will sich die IBM-Tochter beim Messaging als Marktführer behaupten. Dazu zählen neue Funktionen in der Version 5 des Domino-Servers, die dessen Skalierbarkeit und Verläßlichkeit erhöhen sollen. Sowohl für den Einsatz im Enterprise als auch beim Internet-Service-Provider (ISP) ist die Erhöhung der Directory-Kapazität auf bis zu eine Million Einträge gedacht. Eine entsprechende Nachfrage dürfte wohl von einem der größten Notes-Anwender, nämlich Big Blue selbst, gekommen sein. Lotus reklamiert, daß unter Einsatz von Kompressionstechnologie die Daten der mehr als 200000 IBM-Mitarbeiter in einem 12 MB großen Namens- und Adreßbuch Platz finden. Dies erlaubt auch mobilen Anwendern, die wichtigsten Personeninformationen des gesamten Unternehmens auf ihrem Notebook vorzuhalten.

Weitere geplante Verbesserungen, die vor allem auf Großkunden abzielen, betreffen Erweiterungen von Cluster-Diensten um dynamische Lastverteilung, Fail-over auch für andere als den Notes-Client sowie Online-Backup und -Restore. Vorgesehen sind auch das Management von X.509-Zertifikaten und die zentrale Speicherung der Benutzer-IDs auf dem Server. Letzere kommt Nutzern, die viel auf Achse sind, zugute, da sie ihre ID-Datei dann nicht mehr auf Diskette mit sich führen müssen. Eine einheitliche Authentifizierung von Notes-Client und Browser über X.509 kommt für die Lotus-Entwickler erst in einer späteren Version in Betracht, wenn der offene Standard mit den proprietären Notes-Zertifikaten technisch gleichgezogen hat. Defizite bestehen dort noch bei hierarchischen Querzulassungen.

Neben High-end-Funktionen, die vor allem Großkunden überzeugen sollen, will sich Lotus mit dem Update des Produktpakets "Internet Starter Pack 2.0" zukünftig stärker um kleine und mittlere Unternehmen bemühen. Es enthält neben dem Domino-Server eine Light-Version des Fax-Servers und zwölf Geschäftsanwendungen. Installation und Administration des als kompliziert verschrieenen Notes sollen durch eine übergreifende Setup-Routine und intuitive Verwaltungs-Tools erleichert werden.

Auf dieses Marktsegment zielt auch die native AS/400-Version von Domino, die erstmalig auf der Lotusphere vorgestellt wurde. Zwar preist Lotus diese Variante besonders wegen ihrer Skalierbarkeit (laut Hersteller bis zu 10000 gleichzeitige Nutzer auf einer Maschine) an, in der Praxis findet sich dieses Midrange-System aber besonders in mittelständischen Unternehmen. IBM verspricht sich durch die AS/400-Ausführung gleich mehrere Geschäftsmöglichkeiten: Die Lotus-Software läuft nur auf den neuen 64-Bit-RISC-Maschinen und soll die großteils loyalen Anwender älterer Server zu einem Hardware-Update veranlassen. Die IBM will zwar die Interoperabilität zwischen dem weit verbreiteten Büropaket "Office Vision/400" und Notes gewährleisten und damit die Koexistenz von Terminals und PCs ermöglichen. Aber der höhere Nutzen von Notes-Anwendungen soll die Umstellung der Clients auf grafische Oberflächen beschleunigen. Big Blue erwartet sich von der Substitution der noch zahlreich vorhandenen 5250-Terminals durch NCs oder PCs erhebliche Einkünfte.

Die fortschreitende Umstellung von Domino auf offene Standards betrifft sowohl seine Funktion als Messaging-System als auch Groupware-Anwendungen. Mit der Implementierung aller gängigen Internet-Protokolle von SMTP, POP 3, IMAP über NNTP, HTTP, SSL bis hin zu LDAP hat Lotus die wichtigsten Hausaufgaben bereits in der Version 4.6 gemacht. In Domino 5 kommen noch IIOP für die Kommunika- tion von Corba-Objekten über TCP/IP und FTP hinzu. Letzteres soll das Laden von Dateien in Notes-Datenbanken erlauben.

Wesentlich tiefgreifender als diese Vervollständigung des Protokollangebots ist die Umstellung des Datenformats auf offene Standards. Domino 5 nutzt dafür standardmäßig nicht mehr das Lotus-eigene Rich-Text-Format, sondern Hypertext Markup Language (HTML). Dies gilt sowohl für Dokumente in beliebigen Anwendungen wie auch für E-Mail. Bei letzterer hat dies zur Folge, daß der bisher notwendige Konvertierungsaufwand zwischen Notes- und Internet-Mail entfällt, elektronische Post wird direkt als MIME-Format (MIME = Multipurpose Internet Mail Extension) in der Datenbank abgelegt. Der Message Transfer Agent (MTA) für SMTP/MIME wird damit prinzipiell überflüssig. Dessen Funktionalität ist aber auch in der nächsten Domino-Version noch vorhanden, damit bestehende, ältere Notes-Clients E-Mail mit dem Internet austauschen können.

Für die Verschlüsselung von elektronischer Post setzt Lotus zuküftig auf Secure MIME (SMIME). Auch hier werden dem Hersteller wie auch Anwendern Altlasten noch eine Zeit lang zu schaffen machen: Derart codierte Nachrichten können zwar praktisch alle Internet-Mail-Clients entschlüsseln, nicht aber derzeit eingesetzte Notes-Front-ends. Anwender in gemischten Umgebungen müssen daher zukünftig wissen, welches System der Adressat nutzt, um die adäquate Verschlüsselungsmethode wählen zu können.

Diese Problematik steht nur stellvertretend für die weitgehenden Konsequenzen, die der Umbau des Domino-Servers zur offenen Internet-Plattform für die Client-Software hat. Das Notes-Front-end konkurriert nun plötzlich mit einer Vielzahl von Produkten, die noch dazu häufig kostenlos erhältlich sind. Das betrifft Mail-Clients und News-Reader, besonders aber Web-Browser. Lotus vollzog deshalb gegenüber der noch im letzten Jahr geplanten Client-Vielfalt eine radikale Wende und will sämtliche Desktop-Software für Messaging und Terminplanung zu Notes 5 zusammenführen.

Betroffen sind davon "Notes Mail", "Notes Desktop", cc:Mail und "Organizer". Die Positionierung des Produkts geht dabei weit über die reine Client-Funktion für den hauseigenen Server hinaus. Mail-Austausch direkt über den ISP, Unterstützung des Network News Transfer Protocol (NTTP) sowie Such- und Recherchefunktionen auch in anderen Datenquellen sollen ihn zur universellen Informationszentrale aufwerten. Abgesehen von der Abwärtskompatibilität mit alten Notes-Anwendungen tut sich Lotus aber schwer, den Einheits-Client gegenüber anderer Internet-Software abzugrenzen. Augenscheinlich wird dies, wenn man bedenkt, daß das Standardformat für Notes-Dokumente ab der Version 5 HTML sein soll. Der adäquate Client ist dann ein Web-Browser. Und genau darum handelt es sich auch bei Notes 5.0, obwohl die Lotus-Verantwortlichen ständig beteuern, sie befänden sich nicht im Browser-Geschäft.

Das zukünftig einzige Front-end der IBM-Tochter spielt in dieser Hinsicht alle Stücke: Unterstützung für HTML 4.0, alle gängigen Grafikformate inklusive animiertem Grafic Interchange Format (GIF), und für das Document Object Model (DOM), auf dem dynamisches HTML aufbaut, sowie Ausführung von Javascript und Java-Applets. Die Navigation in Dokumenten entspricht dann jener von Web-Browsern, die Arbeitsumgebung mit den bekannten Notes-Kachelsymbolen weicht einer Bookmark-Verwaltung. Sie kann für mobile Nutzer am Server abgelegt werden. Eingebaut ist zudem ein Push-Dienst, über den sich Updates des Client zentral steuern lassen. Trotz der angekündigten Funktionsfülle soll die Software schlanker als bisher ausfallen, weil der Code für die Entwicklungsumgebung zukünftig ausschließlich im "Notes Designer" Platz findet.

Notes 5.0 wird es nur mehr für Windows 3.1, 95, NT und den Power-Macintosh geben. Anwender aller anderen Systeme müssen auf Netscapes "Navigator" ausweichen. Lotus-Marketiers versprechen ihnen dort eine "Ultimate Browser Experience" (UBE), weil Funktionen wie die Erstellung reichhaltig formatierter Dokumente, E-Mail oder Terminplanung über Java-Anwendungen abgedeckt werden sollen - und zwar über die E-Suite.

Diese Browser-Nutzer sollen prinzipiell mit jenen Anwendern gleichgestellt sein, die Notes 5.0 einsetzen - abgesehen von Vorteilen der besser integrierten Benutzeroberfläche und der Replizierfähigkeiten. Damit bleibt dem Lotus-Client das Heer der mobilen Notes-Anwender vorbehalten, weil der "Weblicator" ebenfalls eingestampft wird. Gar nicht glücklich über diese Arbeitsteilung werden OS/2-Anwender sein: Da das von IBM immer wieder als strategisch charakterisierte System keinen Notes-Client mehr erhalten wird, dürfen die mobilen OS/2-Nutzer zukünftig in die Röhre gucken.