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28.10.1977

"lrgendwann wächst jede Erfindung dem Initiator über den Kopf"

Auf der Systems '77 führte die Computerwoche ein Exklusiv- Interview mit dem Erfinder des Computers, Professor Dr.Konrad Zuse, und seinem Begleiter, Staatssekretär Dr. Hubert Abreß.

- Herr Professor Zuse, Sie haben 1942 mit der Z 3 die erste programmgesteuerte funktionsfähige Rechenanlage der Welt gebaut. Seitdem sind 37 Jahre vergangen. Wir sitzen hier heute auf der Systems '77 zusammen. Was hat sieh aus Ihrer Sicht eigentlich ereignet in diesen 37 Jahren?

Ich meine, daß die Systems sich mehr mit den Ein- und Ausgabegeräten, mit der Umgebung der großen Computer befaßt. Die großen Anlagen sind ja hier ganz bewußt nicht vertreten, aber es ist erstaunlich, welche Fülle von verschiedenen Zusatzgeräten, die in irgendeiner Form mit dem Computer zusammenspielen bzw. auf ihn angewiesen sind, hier angeboten wird. In der Richtung hat sich in den letzten Jahren außerordentlich viel getan.

- Haben Sie 1941, mitten im Krieg, vorausgesehen, daß sich einmal eine solche Computervielfalt auftun würde? War damals vorauszusehen, daß es einmal den Kleincomputer für jedes Büro geben würde, fast den Jedermanncomputer?

Die Zahl der Computer, die wir heute haben - ich habe sie nicht vorausgesehen. Ich habe selbstverständlich vorausgesehen, daß der Computer eine sehr große Zukunft hat, war aber damals noch in erster Linie auf technisch-wissenschaftliche Probleme eingestellt. Auf diesem Gebiet sah ich natürlich Möglichkeiten, aber nicht diese Quantität. Was die Entwicklung des Kleincomputers anbetrifft, so hatte ich selbst verschiedene Gedanken in der Richtung, die aber anders liefen. Diese Entwicklung war für mich, ich glaube auch für andere Computer-Pioniere und Kollegen von mir aus der damaligen Zeit, eine große Überraschung.

- Wenn Sie Entwicklungen und damit verbundene Namen nennen sollten, die zu dem geführt haben, was man heute Computer nennt, an wen denken Sie? Wer war mit Ihnen Pionier, wer hat das mit initiiert, was wir die Computerwelt nennen?

Zunächst einmal: Der entscheidende Pionier ist immer noch Babbage, ein Engländer, der im vorigen Jahrhundert den entscheidenden Gedanken gehabt hat, ihn konstruktiv zu verwirklichen. Wir kommen dann allerdings in die Zeit 1935, 1945 hinein. Wenn man gerecht sein wollte, muß man ein Dutzend Namen nennen.

- Ganz wichtige Grundentwicklungen für die Computerei fanden doch in Deutschland statt. Da ist der Name Zuse, da ist -der Name Dr. Dirks, da gibt es die Entwicklungen, die einmal zum Magnetband geführt haben, und es gibt den Namen Schreyer, der den ersten Röhrenrechner baute, oder, aus der Nachkriegszeit, Professor Billinger in Göttingen. Ist der Eindruck richtig, daß die Behauptung die Computer seien eine ureigenste amerikanische Erfindung, doch etwas abwegig ist, daß viele Quellen hier in Europa und in Deutschland liegen?

Vor allem in England und in Deutschland. Es hat sich gerade in letzter Zeit herausgestellt, daß die Engländer, was die elektronische Entwicklung betrifft, weiter waren als die Amerikaner. Sie lagen etwa gleichzeitig mit unserem Herrn Schreyer in der Entwicklung eines elektronischen Computers. Nur hatten sie wesentlich weitsichtigere vorgesetzte Behörden. So wurde während des Krieges das Rechenzentrum "Colossos" entwickelt, das entscheidend eingesetzt war, um die geheimsten Telegramme, die von unserem Führerhauptquartier an die verschiedenen Wehrmachtsteile gingen, zu entschlüsseln. Es gelang, das während des Krieges geheimzuhalten.

- Wir haben heute nicht nur sehr viele Computer, wir haben auch Computerprobleme. Es gibt ein Bundesdatenschutzgesetz, um einige dieser Probleme abzublocken. Es gibt aber auch andere gesellschaftliche Konsequenzen der Computerei, die noch nicht ganz absehbar sind. Fühlen Sie sich in der Rolle des Zauberlehrlings, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wird? Denn Sie sind ja einer der Initiatoren dieser Entwicklung. Oder glauben Sie, daß wir die Dinge so in den Griff kriegen, daß der Computer nützlich, aber nicht gefährlich wird?

Es ist bei jeder wesentlichen Neuerung und Erfindung so, daß sie von einem gewissen Punkt an den Initianten, oder sagen wir den Erfindern, über den Kopf wächst. Das war bei Hahn so mit seiner Kernspaltung, bei der Raketenfahrt ähnliche Verhältnisse. Beim Computer war es sicher so, daß meine Kollegen jenseits des Atlantik und in England als auch ich zunächst nur im Auge hatten, die Arbeit des Ingenieurs und des Wissenschaftlers zu erleichtern. Im Laufe der Arbeit kamen dann allerdings die Erkenntnisse, daß hier mit einem Werkzeug gespielt wird, das eines Tages sehr gefährlich werden kann. Ich war erschüttert, als ich nach dem Kriege von den Amerikanern und ihren Entwicklungen hörte und ich hatte den Eindruck, sie spielen mit Computern wie Kinder mit Streichhölzern. Ob allerdings einer der Pioniere die weitere Entwicklung hätte beeinflussen können, weiß ich nicht. Einer der bekanntesten Pioniere Englands hat Selbstmord verübt, ich weiß aber nicht, ob das der Grund gewesen ist.

- Herr Abreß, was verbindet einen Staatssekretär im Wohnungsbauministerium mit den Computern?

Zwei Dinge: Einmal die Erinnerung an die Vergangenheit und zum anderen der Blick in die Zukunft. In der Vergangenheit bin ich in meinem dienstlichen Werdegang sehr früh mit der elektronischen Datenverarbeitung, damals noch im kommunalen Bereich, in Verbindung gekommen. Die Stadt München hat meines Wissens als erste deutsche Großstadt schon sehr früh mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung ein Mehrjahresinvestitionsprogramm aufgestellt und zwar Mitte der sechziger Jahre.

- Was würden Sie heute als ein Mann der auf der Regierungsebene Mitverantwortung trägt und das Instrument Computer benutzt, um besser regieren zu können, vom Computer erwarten, wie sollte er Ihnen dienlich sein?

Ich möchte mich der Grundauffassung von Herrn Professor Zuse anschließen jede menschliche Erfindung hat positive und negative Seiten, und es wird sieh immer darum drehen, daß wir auf der Höhe der Erkenntnis noch die Dinge im Griff halten. Ich meine, daß die elektronische Datenverarbeitung eine gute Einrichtung ist. Je breiter das menschliche Wissen, je verflochtener die wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Beziehungen sind, um so schwieriger ist es, den Überblick zu behalten. Die Computertechnik ist dazu ein wichtiges Instrument, deshalb fördert die Bundesregierung die Datenverarbeitung sehr stark etwa auf dem Gebiet des Bauwesens. So sind wir dabei, das Standardleistungsbuch und damit eine methodisch verwendbare Grundlage zu schaffen. Darüber hinaus sind wir bemüht, im Bundesbereich selbst die Computertechnik bei Baumaßnahmen einzusetzen. Wir haben etwa den Bau der Staatsbibliothek in Berlin mit Hilfe des Computers überhaupt erst ausführen können.

- Herr Zuse, die Systems zeigt, daß Datenverarbeitung, Textverarbeitung und Nachrichtentechnik zusammenwachsen, daß man eigentlich von Informationsverarbeitung sprechen müßte. War die Datenverarbeitung bislang vielleicht eine sehr vorläufige, einseitige Betrachtungsweise der Computer-Möglichkeiten?

Das kann man sagen. Aber letzten Endes handelt es sich um die Definition. Was heute in der Datenverarbeitung geschieht, basiert auf der Informationstheorie, Informationsverarbeitung wäre wohl der Oberbegriff. Was die Engländer Computerscience nennen, heißt bei uns ja auch bezeichnenderweise Informatik. Aber natürlich muß man sich ständig fragen, was denn mit Information gemeint ist. Das Wort Daten kann man gedankenloser benutzen, es ist anspruchsloser, man muß nicht ständig fragen, wie hoch der Informationsgehalt ist.

Prof. Dr.-lng. E. h. Konrad Zuse

konstruierte den ersten funktionsfähigen programmgesteuerten Rechner der Welt: den Z 3. Schon bei seiner ersten, noch mechanisch arbeitenden Rechenmaschine, der Z 1(1936 bis 1938 entwickelt), setzte der Vater der Computerei das Binärsystem ein, ein für die damalige Konstrukteursweisheit revolutionärer Schritt. Im Auftrag der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt entwickelte Zuse schließlich die Z 3, die im Jahr 1941 fertig wurde. Die Z 3, bei der das Programm nur linear abgearbeitet werden konnte, bewältigte innerhalb einer Miaute zwischen 30 und 50 Operationen.