Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

Der Telecom-Ausrüster kämpft ums Überleben


04.05.2001 - 

Lucent: Ist die Talsohle erreicht?

MÜNCHEN (ajf) - Der Telecom-Ausrüster Lucent Technologies befindet sich an einem Scheideweg: Geht es noch weiter hinab, oder beginnen die kürzlich eingeleiteten Sparmaßnahmen zu greifen? Das letzte Quartalsergebnis hat den Netzwerkern noch keine Entwarnung gebracht.

Hans Huber ist ein optimistischer Manager. Sein Credo lautet: "Der Glaube kann Berge versetzen." Momentan braucht er in der Tat nichts dringender als einen festen Glauben, denn Huber ist Deutschland-Chef des Telecom-Ausrüsters Lucent Technologies.

Der Konzern hat ein rabenschwarzes Jahr hinter sich, und der Berg, den es zu versetzen gilt, wurde immer größer: Milliardenverluste liefen auf, Abteilungen mussten überstürzt ausgegliedert und verkauft werden, rund 10000 Angestellte verlieren ihren Arbeitsplatz. Die US-Börsenaufsicht SEC untersucht den letzten Jahresabschluss des Konzerns, Rating-Agenturen beurteilten die Kreditwürdigkeit von Lucent knapp über dem "Junk-Status". Anfang April fiel der Aktienkurs sogar auf ein Allzeittief seit der Abspaltung von AT&T und dem Börsengang von 1996. Schließlich sah sich das Lucent-Management mit Vorwürfen konfrontiert, die Firma sei im Grunde genommen bankrott.

Viel hatte nicht gefehlt, dann wäre der eigentlich undenkbare Konkursfall auch eingetreten. In letzter Minute sprang jedoch ein Konsortium von Investmentbanken unter der Federführung von Morgan Stanley dem angeschlagenen Riesen zur Seite und sicherte mit Überbrückungskrediten dessen finanzielles Überleben - rund 6,5 Milliarden Dollar galt es aufzutreiben. Im Gegenzug musste die Opto- und Mikroelektronik-Division unter dem Namen Agere an die Börse gebracht werden, allerdings zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Wollte Lucent ursprünglich beim IPO 20 Dollar pro Aktie erzielen, wurde der Ausgabekurs wegen des schlechten Börsenklimas mehrfach reduziert.

Vor einem Jahr wäre das IPO von Agere noch eine sichere Sache gewesen. Hersteller von optischen Komponenten waren an der Wallstreet begehrt, und Agere macht immerhin ein Drittel seines Umsatzes mit den modernen Bauteilen. Im März 2001 sah die Situation jedoch anders aus, denn der Markt für TK-Ausrüster dümpelte vor sich hin, da die Carrier die Investitionen in die neue optische Technik kaum noch aus eigener Kraft aufbringen können. Als die Lucent-Tochter in die Freiheit entlassen werden sollte, gab Konkurrent Nortel Networks zudem gerade eine Gewinnwarnung ab, die den gesamten Sektor in ein düsteres Licht tauchte.

Letztlich ging Agere für sechs Dollar pro Anteilschein in den Handel, statt der geplanten mehr als sieben Milliarden konnte Lucent nur rund drei Milliarden Dollar einstreichen. Allerdings war der Konzern im vergangenen Jahr in eine Situation manövriert worden, wo er sich an jeden verfügbaren Strohhalm klammern und den Deal um jeden Preis abwickeln musste. Lucents Motto des Monats März: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

Doch damit war die lange Reihe der Hiobsbotschaften noch nicht beendet: Am 18. April strengte der US-Service-Provider Winstar ein Verfahren gegen Lucent an, bei dem es um einen Streitwert von zehn Milliarden Dollar geht. Winstar beschuldigt darin den TK-Ausrüster, einen zugesagten Kredit von mehr als 90 Millionen Dollar im Rahmen der gemeinsamen strategischen Partnerschaft nicht zum vereinbarten Zeitpunkt angewiesen zu haben. Daher müsse Winstar nun Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragen.

Eine Sprecherin von Lucent wies das Ansinnen von Winstar als "absolut frivol und vollkommen sinnlos" zurück. Lucent habe seine Absprachen nicht gebrochen, vielmehr sei der Service-Provider seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachgekommen. Winstar hat eigenen Angaben zufolge gegenwärtig rund 30000 Geschäftskunden, welche weiterhin betreut werden sollen. Die Aktie des Unternehmens ist vom Handel ausgesetzt, der Kurs liegt bei 16 Cent je Anteilschein.

Auch wenn die Chancen für Winstar gering scheinen, den Prozess zu gewinnen, hatte das Ereignis betrübliche Auswirkungen auf die finanzielle Position von Lucent. Kern des Problems sind die im TK-Sektor üblich gewordenen Kredite von Lieferanten an ihre Abnehmer, mit denen die Ausrüster zunehmend ihr eigenes Geschäft ankurbeln. Dass Lucent hier auf den relativ kleinen und wenig finanzstarken Service-Provider Winstar als Kunden setzte, hat sich im Nachhinein als strategischer Fehler herausgestellt: Mehr als 500 Millionen Dollar kann Lucent abschreiben, wenn der Carrier seinen Forderungen tatsächlich nicht mehr nachkommt.

Dies machte sich auch im Ergebnis für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2001 bemerkbar, das die Netzwerker vergangene Woche vorgestellt haben. Der Nettoverlust belief sich auf 3,7 Milliarden Dollar oder 1,08 Dollar je Aktie, nachdem im vergleichbaren Vorjahreszeitraum noch 755 Millionen Dollar Gewinn erzielt worden waren. Das Ergebnis enthält Kosten für Umstrukturierungen und Entlassungen in Höhe von 2,7 Milliarden Dollar sowie einmalige Aufwendungen, etwa für den geplatzten Deal mit Winstar. Ausgegangen waren Beobachter und das Unternehmen selbst lediglich von 1,2 bis 1,6 Milliarden Dollar.

Turnaround kostet zwei Milliarden DollarGleichzeitig sanken die Umsätze von Lucent zum Vorjahresquartal um 18 Prozent auf 5,9 Milliarden Dollar. Einschließlich der inzwischen veräußerten Geschäftsbereiche hatten die Netzwerker im zweiten Quartal des Fiskaljahres 2000 sogar 10,2 Milliarden Dollar umgesetzt. Am 31. März hatte der Konzern noch 1,4 Milliarden Dollar als Barreserve übrig, drei Monate zuvor waren es noch 3,8 Milliarden Dollar gewesen.

Um den Turnaround zu schaffen, definierte das Management ein hohes Ziel: Zwei Milliarden Dollar sollen pro Jahr auf der Kostenseite eingespart werden, was in erster Linie durch Entlassungen umgesetzt wird - man liege eindeutig im Plan, hieß es dazu lediglich. Rund 2000 Mitarbeiter haben den Konzern bereits verlassen müssen, weitere 8000 Angestellte sind bis Ende Juni betroffen.

Doch nicht nur der angeschlagene Mutterkonzern, auch die Ausgründung Agere bewegt sich auf dünnem Eis. Die Firma legte am gleichen Tag wie Lucent ihre Geschäftszahlen vor und konnte ebenfalls nicht glänzen. Der Nettoverlust betrug im zweiten Quartal des Geschäftsjahres rund 148 Millionen Dollar oder 15 Cent pro Aktie. Im Jahr zuvor, als Agere noch eine Division innerhalb des Konzerns war, hatte das Unternehmen 65 Millionen Dollar Gewinn verzeichnet. Leicht positiv entwickelte sich der Umsatz von 1,1 Milliarden auf 1,2 Milliarden Dollar.

Kurzfristig keine BesserungFür John Dickson, den CEO von Agere, liegt der Grund für das schwache Abschneiden in der gegenwärtig herrschenden Flaute des Communication-Marktes. Allerdings gab er sich langfristig optimistisch, dass das Geschäft wieder in geordnete Bahnen kommt. Im laufenden Quartal jedoch ist noch keine Besserung in Sicht, denn Agere geht davon aus, dass die Umsätze auf unter eine Milliarde Dollar fallen werden. Der Pro-forma-Verlust liege im dritten Fiskalquartal voraussichtlich zwischen sechs und acht Cent. Als Maßnahme gegen den Abwärtstrend kündigte das Unternehmen analog zu Lucent an, etwa 2000 seiner insgesamt 18 500 Angestellten zu entlassen. Die Einschnitte finden in erster Linie in Produktionsstätten in den USA statt. Lucent gehören immer noch knapp 60 Prozent von Agere, der Mutterkonzern will sich aber bis Ende September von seinen Anteilen trennen.

Wer übernimmt die Glasfasersparte?Bis dahin sollte auch der Verkauf von Lucents Glasfaserkabel-Division unter Dach und Fach sein. Zwar wird dieses Geschäft noch nicht offiziell bestätigt, für Beobachter scheint der Deal jedoch schon festzustehen. Als potenzielle Käufer für die Abteilung werden seit Wochen stets dieselben Namen gehandelt, nämlich Alcatel, JDS Uniphase, Pirelli und Corning. Allen ist gemein, dass sie sich nicht zu Gerüchten äußern, was auch für Lucent gilt: "Wir schauen uns die verschiedenen Optionen an", sagte Firmensprecherin Mary Ward zur laufenden Entwicklung.

Da bei den Modalitäten sogar von einem Auktionsverfahren die Rede ist, sollten Einnahmen von vier bis acht Milliarden Dollar realistisch sein - etwa zwei Milliarden Dollar setzte Lucent im vergangenen Geschäftsjahr mit Glasfaserkabeln um. Der Konzern benötigt das Geld dringend, um seine Schulden zu tilgen. Das Problem dabei ist, dass die Glasfasersparte ein Filetstück innerhalb des Konzerns darstellt. Ihre rund 6000 Angestellten haben im letzten Geschäftsjahr Einnahmen um 60 Prozent steigern können, womit sich die Ergebnisse der übrigen Divisionen wenigstens ansatzweise kompensieren ließen - eine "stellare Performance", lobte Lucents Topmanager Bill O''Shea seine Glasfaserkollegen.

Die Kritik am Ausverkauf des vermeintlichen Tafelsilbers lässt Lucents Deutschland-Chef Huber indes nicht gelten: "Das gesamte Portfolio für den Auf- und Ausbau der Infrastrukturen bleibt im Konzern", so Huber, der die potenzielle Trennung von den Glasfaserkabeln als "klugen Schritt" bezeichnet. Unbedingt notwendig für Lucents zukünftige Aktivitäten sei der Bereich seiner Meinung nach jedenfalls nicht: "Das Infrastruktursegment trägt das gesamte Geschäft."

Da Lucent jedoch immer noch auf frisches Kapital angewiesen ist, um zumindest die Auflagen für die laufenden Kredite zu erfüllen, könnten die potenziellen Interessenten die Gunst der Stunde nutzen und den Preis für die Glasfaserkabel-Unit drücken. Allerdings ist noch nicht einmal geklärt, ob der Bereich komplett veräußert werden oder gegebenenfalls auch als Joint Venture weiterlaufen soll. Nach Angaben von Lucent-Chairman und CEO Henry Schacht will man sich einige Wochen Zeit lassen, bevor die strategische Entscheidung gefällt wird. Daher gab Schacht vergangene Woche bei der Bekanntgabe der Ergebnisse auch keine finanzielle Prognose für das laufende Quartal ab.

Positive Impulse vom deutschen MarktEinige Zeit wird es ebenfalls noch dauern, bis sich Lucent wieder den schwarzen Zahlen nähert - wenn überhaupt. Huber jedenfalls geht davon aus, dass zu Beginn des nächsten Geschäftsjahres ab Oktober die dunkle Ära der Verluste vorbei sein könnte. Ein erfreuliches Signal sei, dass gegenüber den Monaten Oktober bis Dezember der weltweite Lucent-Umsatz im vergangenen Quartal immerhin um 36 Prozent gesteigert werden konnte. Allein in den USA wuchsen die Einnahmen aus dem Produktgeschäft um 68 Prozent.

Ein weiterer Grund für die optimistische Einschätzung ist der Verlauf des letzten Quartals im deutschsprachigen Raum, welches laut Huber der bislang erfolgreichste Zeitraum hierzulande gewesen ist: "Wir sind der wichtigste Markt für unsere europäische Zentrale", bilanziert der Manager. Gerade erst hat Lucent eine Absichtserklärung unterschrieben, wonach für rund 100 Millionen Euro ein modernes Funknetz für den Carrier KPN Mobile aufgebaut werden soll. Auch sei die hiesige Region nicht vom Stellenabbau betroffen, lediglich 60 von 4000 Arbeitsplätzen werden "verändert", um die Effizienz des Unternehmens zu steigern, was Huber als "Business as usual" bezeichnet.

Nach dem starken Umsatzanstieg im letzten Quartal müsse man künftig aber moderater wachsen und dafür sorgen, dass die Profitabilität verbessert werde. Das Geschäftsjahr 2001 hat Huber ebenso wie sein Chairman und CEO Schacht fast schon abgeschrieben: "2001 ist ein Jahr der Transformation für Lucent." Wie tief die Umstrukturierung wirklich greift, werden im Juli die Ergebnisse für das dritte Fiskalquartal zeigen.

Auch die Konkurrenz muss kämpfenNicht nur Lucent, auch die Wettbewerber des Telecom-Ausrüsters müssen mit der Flaute im Markt leben. Der Glasfaserkonzern JDS Uniphase hat jetzt davor gewarnt, dass er die Erwartungen des laufenden Quartals nicht erfüllen kann und einen Großteil der Mitarbeiter entlassen muss.

Dabei verlief das dritte Quartal (Ende: 31. März) des Geschäftsjahres 2001 für JDS nach Plan: Der Umsatz stieg auf 920 Millionen Dollar, nachdem im vergleichbaren Vorjahreszeitraum 485 Millionen Dollar eingenommen worden waren. Die Nettogewinne entwickelten sich ebenfalls positiv, nämlich von 108 Millionen auf 160 Millionen Dollar.

Allerdings ziehen dunkle Wolken am Himmel auf. Nach Aussage von Jozef Straus, dem CEO des Unternehmens, befindet sich das Industriesegment in einer kurzfristigen Phase des Abschwungs: "Wir müssen entschieden und schnell handeln", um für die ungewisse Zukunft gewappnet zu sein. Als erster Schritt werden bis Ende September rund 5000 Mitarbeiter entlassen, immerhin 20 Prozent der Belegschaft von JDS. Darüber hinaus sollen Niederlassungen und Büros geschlossen und Teile der Fertigung aus Kostengründen nach China ausgelagert werden. Nach Angaben des Unternehmens lassen sich durch die Maßnahmen jährlich mehr als 250 Millionen Dollar einsparen. Die Aufwendungen für die Umstrukturierung betragen zwischen 375 und 425 Millionen Dollar. Gleichzeitig reduzierte JDS die Prognosen für das laufende Quartal. Der voraussichtliche Gewinn betrage nur fünf Cent je Aktie und nicht zwölf Cent, wie ursprünglich geplant worden war. Die Umsätze sollen lediglich bei rund 700 Millionen Dollar liegen.

Abb.1: Lucent Technologies

Quelle: CW/comdirect

Abb.2: Umsatz und Ertrag

Die einstmals hohen Gewinne von Lucent haben sich zu massiven Verlusten gewandelt. In den historischen Zahlen sind auch die Geschäftsbereiche enthalten, die inzwischen verkauft oder ausgegründet worden sind. Quelle: CW/Computerwire