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22.03.1985

Mail-Boxen

Bericht aus dem Computer-Alltag

Still und heimlich, dafür aber erfolgreich und schnell entwickelt sich jetzt auch in unserem Land eine neue, technische Kommunikationsform: das Mailboxen. Dies ist keine neue Sportart, wie der Name vielleicht suggeriert. Mitmachen kann jeder, der einen Heimcomputer und ein Telefon besitzt. Er muß seinem Computer nur ein Zwischenstück zum Telefon kaufen, und schon kann sein Computer mit anderen Computern kommunizieren, mit Computern, deren einziger Existenzzweck es ist, rund um die Uhr Anrufe anderer Computer abzuwarten und mit diesen elektronisch zu kommunizieren. Und solche Computer heißen Mailboxen und breiten ihr ganzes Wissen bitweise gern vor dem Anrufer aus.

Mailboxen verraten meinem Computer bei Anruf zum Beispiel endlos lange Listen mit Telefon-Nummern anderer Computer, die auch auf Anruf warten. Weltweit, von Kapstadt bis zum Nordkap. Den elektronischen Leser erwarten in einer englischen Mailbox auch Preislisten von Versandhäusern des Commonwealth, eine amerikanische Mailbox bietet Gebetstexte kirchlicher Sekten ihrem elektronischen Anrufer an.

Während ich sorgenvoll an meine letzte und nächste Telefonrechnung denke, versuche ich meinem Computer eine Verbindung nach Durban zu wählen; es will einfach nicht klappen. Auch Aberdeen und Dortmund sind dauernd besetzt, es muß Tausende geben, die gerade das gleiche versuchen. Dabei stand in der Mailbox-Liste: Mailbox, geöffnet von 24 Uhr bis 6 Uhr früh. Es ist weit nach Mitternacht, als es endlich - wenn auch woandershin - klappt: Wir haben Kontakt nach München bekommen, Mit einem unnachahmbaren Piepton und dann mit einem freundlichen Willkommen im Klartext auf dem Bildschirm meldet sich eine dortige Mailbox und erzählt zuerst, wir hätten als 12 711. Anrufer(!) genau zehn Minuten Zeit, um uns in ihr umzusehen.

Als nächstes will sie unseren Namen und unser Codewort wissen. Der Name meines Hundes muß herhalten. Die Mailbox antwortet nach Sekunden, wir wären ja neu und sie begrüße uns als Gast. Danach sehen wir wie auf einer Speisekarte ihren Inhalt: Sie bietet Telefonlisten, Hinweise, technische Infos und Nachrichten an. Wir brauchen nur zu wählen, uns interessieren Nachrichten. Die gibt's aber nicht für Gäste, hier sind nur Mitglieder willkommen. Ehe uns die Mailbox mitteilt, unter welcher Rubrik wir uns als Mitglied eintragen können, gibt sie uns barsch den Hinweis, daß sie in sieben Minuten mit uns wieder Schluß machen wird. Wir tragen uns mühevoll als Mitglied ein. Drei Minuten sind's noch bis zum Ende, wir lesen wieder endlose Listen mit Telefonnummern unendlicher Länge und erfahren Computernews worldwide im Fachchinesisch. Als wir dann wieder versuchen, die Nachrichtenecke der Mailbox zu lesen, bedauert sie, unsere zehn Minuten sind um. Ehe sie sich verabschiedet, teilt sie uns noch mit, daß es gerade 3 Uhr 45 ist und daß sie morgen nacht wieder von Mitternacht bis 6 Uhr früh geöffnet ist.

So geht es schon seit Wochen. Warum macht hier kein Betreiber der Mailboxen etwas Interessanteres? Sind Computerbesitzer in ihren Interessen so einseitig festgelegt daß sie sich nur für Computer interessieren?

Oder sind jene Kreativen unter uns gehemmt? Weil sie nicht den Irrweg durch das Labyrinth postalischer Bestimmungen zum Betreiben einer Mailbox gehen wollen, den nur eingefleischte Computer-Freaks als Eintrittsgeld akzeptieren? Die Post wird befragt. Ich trete als potentieller Mailbox-Betreiber auf und erbitte telefonisch Rat. Schildere mein Anliegen, mir wird zugehört, und ich bekomme die passende Antwort: Mit Ihrem Computer und dem (FTZ-gesegneten) Zwischenstück zum Telefon geht es nicht. Sie brauchen einen anderen, größeren, teureren Computer. Das hieße: Mein Computer und ich müßten uns trennen. Post-Trost auf diesen Schreck: Wenn Sie einen passenden Computer haben mit einer Soundso-Schnittstelle, dann sehen wir weiter. Getrieben vom Wunsch, Mailbox-Betreiber zu werden, versuche ich es andersherum: ein Merkblatt mit allen Hinweisen für Neulinge? Nein, das hat noch niemand gebraucht oder verlangt.

Mag die Post die Mailboxen eigentlich gar nicht? Reizt nicht, daß dann Hunderte von Leidensgenossen in vielen Nächten meine Mailbox anrufen könnten, um meine Gedichte zu lesen, die ich dann endlich einer breiten Öffentlichkeit darreichen könnte? Diese Leute würden ohne meine Mailbox mich nie anrufen. Ahnt die Post Konkurrenz in der eigenen Telefonleitung zum Btx? Könnte meine Mailbox etwa Werbung enthalten, die jeder, der meine Gedichte lesen will, mitserviert bekommt?

Seit ein paar Tagen liegt auf meinem Schreibtisch ein Zettel mit einer Telefonnummer und einem Codewort, das mangels notwendiger Vokale unaussprechlich ist. Mein Computer und ich umschleichen diesen Zettel mit immer größerem Drang, die Nummer dort zu wählen. Dann hätten wir endlich Kontakt zum städtischen Computer, und das Codewort ist jenes elektronische Simsalabim, das uns in das Innerste der Daten dieser Stadt blicken lassen könnte. Das wäre vielleicht die interessanteste Mailbox für meinen Computer und mich.

Oder ist das alles nur ein Traum aus 1001 Computer-Nacht?

Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 49, 27. Februar 1985